Erschöpft, aber glücklich: Sebastian Vettel beantwortet die Fragen der Medien

Formel 1 2011

— 26.06.2011

Das große Siegerinterview mit Sebastian Vettel

Sebastian Vettel schildert seine Fahrt zum sechsten Sieg im achten Rennen und sagt: "Ehrlich gesagt schaue ich nicht viel auf den Punktestand"

Sechs Siege und zwei zweite Plätze sowie sieben Pole-Positions in den ersten acht Rennen - Sebastian Vettel ist 2011 der unbestrittene Superstar der Formel 1. In Valencia lieferte er heute eine Vorstellung ab, bei der man nie das Gefühl hatte, dass der Red-Bull-Pilot wirklich am Limit war. Trotzdem ist seine Freude groß - bei 77 Punkten Vorsprung in der Weltmeisterschaft auch kein Wunder, schließlich steht schon jetzt fest, dass er die Fahrerwertung auch nach der Sommerpause noch anführen wird...

Frage: "Sebastian, ein weiterer Sieg. Am Funk hast du diesen als besser als irgendetwas, was du dir vorstellen kannst, beschrieben. Warum stufst du diesen Sieg so hoch ein?"
Sebastian Vettel: "Von außen betrachtet sah es vielleicht so aus, als sei in diesem Grand Prix nicht viel passiert, aber vielleicht nur von außen. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, es sei ein langweiliges Rennen, aber ich kann euch sagen, dass ich so viel Spaß daran habe, wenn es Runde für Runde nur um dich und das Auto geht."

Über weite Strecken knappe Abstände

"Natürlich stand ich manchmal unter Druck, denn ich verfolgte eine andere Strategie als Mark und Fernando. Manchmal kamen sie früher rein, manchmal später. Ich hatte vor den Stopps zwar Vorsprung, aber als ich aus der Garage rauskam, waren sie trotzdem jeweils recht nahe hinter mir. Ich habe attackiert, aber auf die Reifen geachtet und versucht, ans Ende des Stints zu denken, die Strategie vorherzusehen."

"Aus irgendeinem Grund mag ich diese Strecke. Letztes Jahr hatte ich ein sehr reibungsloses Wochenende und dieses Jahr lief es wieder von Anfang bis Ende gut. Fantastisch. Das Team hat das Auto phänomenal vorbereitet. Wir kommen jedes Jahr hierher und sagen, dass diese Strecke schwierig für uns werden könnte, weil sie uns nicht hundertprozentig liegt, aber wir schaffen es trotzdem, alles zusammenzufügen und ein fehlerloses Wochenende hinzulegen. Ich bin sehr glücklich über dieses Resultat."

Frage: "Es scheint, dass du der einzige Fahrer bist, der im Moment keine Risiken eingehen muss. Du hast in der Weltmeisterschaft 77 Punkte Vorsprung. Kannst du es nun, da wir uns der WM-Halbzeit nähern, ein wenig ruhiger angehen lassen?"
Vettel: "Nicht wirklich. Ich denke nicht an den Vorsprung. Es ist eine lange Saison. Wir hatten einen phänomenalen Saisonbeginn und es ist unser Ziel, so weiterzumachen. Wir müssen aber einen Schritt nach dem anderen machen und jedes Rennen so nehmen, wie es kommt."

"Natürlich müssen wir nicht mehr um jeden Preis gewinnen und große Risiken eingehen, aber das Ziel ist, Rennen zu gewinnen. Es fühlt sich wunderbar an, wie ich heute schon gesagt habe, und wir wollen immer unser Optimum erreichen. Wenn der Tag kommt und wir Probleme haben, nicht konkurrenzfähig genug sind und das Auto vielleicht mal nur einen dritten Platz zulässt, dann müssen wir Dritter werden und nicht Siebter. Es ist noch ein langer Weg."

Kompliment ans gesamte Team

"Im Moment haben wir alle eine Riesenfreude. Es ist eine unglaubliche Leistung, wie sich das Team in den vergangenen zweieinhalb Jahren entwickelt hat. Jede einzelne Abteilung ist so viel professioneller geworden und reagiert fantastisch auf Fehler. Was wir lernen und wie wir uns weiterentwickeln, das ist einfach unglaublich. Wir müssen einfach so weitermachen und hungrig bleiben, wir müssen weiterhin Rennen gewinnen und besser werden wollen."

Frage: "Dein zweiter Start-Ziel-Sieg. Schon seit Freitagnachmittag schien es ein sehr gutes Wochenende zu sein."
Vettel: "Es ist immer ein langes Wochenende. Ich komme gerne hierher. Es ist nicht mein Heim-Grand-Prix, aber die Atmosphäre ist etwas Besonderes - ein bisschen wie Monaco, aber viel entspannter. Es sind nicht so viele Leute hier, es ist nicht so stressig, aber die Atmosphäre ist ähnlich. Die Tribünen sind voll. Fernando hat natürlich die meisten Fans, aber wir sind nur knapp außerhalb der Stadt am Hafen, was sehr nett ist. Einfach ein schöner Grand Prix."

"Vor diesem Rennen ist immer schwierig einzuschätzen, wo wir stehen, weil die Strecke nicht viele schnelle Kurven hat, dafür aber viele harte Bremszonen. Ich denke, wir haben in den vergangenen beiden Jahren auch in diesen Bereichen enorme Fortschritte gemacht, aber es ist trotzdem sicher keine ideale Strecke für uns. Trotzdem ein perfektes Wochenende. Gestern haben wir den Grundstein gelegt und heute war es ein langes und hartes Rennen."

"Der Abstand lag immer zwischen zwei, eineinhalb, zweieinhalb, drei Sekunden. Es war nicht einfach, sich abzusetzen und einen Vorsprung aufzubauen. Wie lange dauert der Stint noch? Wie viele Runden bedeutet das im nächsten Stint und dann am Ende mit den Medium-Reifen? Da hilft es, einen kleinen Puffer zu haben, also kamen wir immer eine Runde später rein und die anderen eine Runde früher. Dadurch waren sie immer näher dran, als ich aus der Box zurückkam, und ich musste den Vorsprung wieder neu aufbauen."

Kampf gegen die Stoppuhr

"Jede Runde versuchen, ein oder zwei Zehntel zu finden, aber alles in allem war es ein fehlerfreies Rennen, das ich sehr genossen habe. Wenn du hinter einem Überrundeten fährst, verlierst du schnell mal eine halbe Sekunde, aber davor hat es fünf Runden gedauert, diese halbe Sekunde herauszufahren. Ich hatte keinen direkten Zweikampf, aber wenn du gegen dich selbst, gegen das Auto und gegen deine Verfolger kämpfst, die nur eineinhalb bis drei Sekunden hinten liegen, dann macht das Spaß."

Frage: "Wie war der Vergleich zwischen den beiden Reifentypen?"
Vettel: "Mark war der Erste, der auf harte Reifen gewechselt ist. Ich habe gesehen, als er in der letzten Kurve an die Box fuhr, und habe dann am Funk gefragt, wie schnell er ist, weil wir alle keine Ahnung hatten, wie schnell es mit dem Aufwärmen geht. Da realisierte ich, dass das Aufwärmen in Ordnung ist, aber ist der Reifen auch gut genug, um einen gebrauchten Satz Options zu schlagen?"

"Uns fiel auf, dass Mark nicht die Steigerung schaffte, die man normalerweise mit neuen Reifen schafft, einfach weil der Medium langsamer war. Wir entschieden uns also, länger draußen zu bleiben, und kamen mit der letzten Gruppe rein. Wenn du einen kleinen Puffer hast, dann kannst du dir den Luxus leisten und jeweils ein, zwei Runden zuzuwarten. Unterm Strich war es eine gute Strategie und ein Rennen ohne große Fehler."

Frage: "Wie kannst du so schnell fahren und trotzdem so gut auf deine Reifen achten? Was ist das Geheimnis?"
Vettel: "Wenn ich dir das jetzt verrate, wäre es ja kein Geheimnis mehr! Wenn man sich die Rundenzeiten im Rennen ansieht, ist das Tempo langsamer als letztes Jahr. Die Formel 1 hat sich in den letzten zwei Jahren verändert. Wir haben das Nachtanken verboten, daher sind die Autos am Start sehr schwer."

Das Spiel mit den Reifen

"Die Reifen verschleißen dieses Jahr auch ein bisschen, also muss man sie schonen. Als Fahrer versuchst du, den Verschleiß vorauszuahnen, was nicht immer leicht ist. Gleichzeitig willst du vorne wegfahren, weil du damit bei den Stopps mehr Möglichkeiten hast, aber ich glaube nicht, dass es ein Geheimnis gibt. Es geht nur darum, schnell zu fahren, ohne die Reifen zu arg ranzunehmen."

Frage: "Die Rennen sind dieses Jahr spannender, DRS, KERS, mehr Überholmanöver. Aber ist die Pole-Position trotzdem genauso wichtig wie früher, weil du dann dem Rennen deinen Stempel aufdrücken und alles diktieren kannst?"
Vettel: "Das hängt von der Strecke und von den DRS-Zonen ab. Insgesamt gibt es dieses Jahr deutlich mehr Überholmanöver als früher. Letztes Jahr hatten wir meistens nur einen Stopp, jetzt drei."

"Da ergeben sich Möglichkeiten, etwas zu probieren, zum Beispiel früher reinzukommen und so vorbeizukommen. Dafür wirst du dann vielleicht auf der Strecke überholt, weil deine Reifen schon älter sind. Alles in allem hilft das beim Zweikämpfen, aber wo du das Rennen startest, ist immer wichtig, denn in den ersten Runden wird die Richtung vorgegeben."

Frage: "Jetzt kommen die schnellen Kurven von Silverstone..."
Vettel: "Daran haben alle Fahrer Freude - und wir in den vergangenen beiden Jahren auch! Ich habe 2009 gewonnen, Mark im letzten Jahr, also mögen wir die Strecke. Sie ist schön, sehr nahe bei unserer Fabrik und der Heim-Grand-Prix für unser Team. Das gefällt mir, weil die Mitarbeiter an die Strecke kommen und das Auto sehen können. Sie sehen alle Rennen im Fernsehen, aber es ist schön, wenn sie einmal live dabei sind, daher freue ich mich schon auf die ganze Woche in Silverstone mit einer neuen Garage und einem neuen Boxenkomplex. Das wird interessant."

Noch kein Hauptgegner im WM-Kampf

Frage: "Du vergrößerst deinen Vorsprung mit jedem Rennen, aber hinter dir wechselt der Name deines Verfolgers. Wen schätzt du nun als deinen Hauptgegner ein? Mark, Fernando, die McLaren-Fahrer?"
Vettel: "Mark, Fernando, Lewis, Jenson. Sie sind am nächsten dran. Ehrlich gesagt schaue ich nicht viel auf den Punktestand. Ich verweise immer auf das Vorjahr als Beispiel. Wir hatten einige gute Rennen, aber wir haben auch viele Punkte verloren, ohne dass wir große Fehler gemacht hätten. Da waren viele Punkte weg."

"Wenn du auf die Formel 1 schaust und sie mit anderen Sportarten vergleichst, dann ist es eine sehr lange Saison. Wir haben viele Rennen und eine Menge kann passieren. Klar, es gibt Rennen wie heute, wo alles rund läuft, aber es wird auch Rennen mit Problemen geben oder wo es schwierig ist, mit Bedingungen wie in Kanada, wo es mal nicht perfekt läuft."

"Vielleicht kommst du mal an die Box und auf einmal beginnt es zu regnen, wie bei Fernando in Kanada. Das sind nicht zwingend Fehler, aber dann läuft es halt gegen dich. Es kann das Safety-Car im falschen Moment rauskommen oder was auch immer. So etwas kann das Ergebnis total auf den Kopf stellen und damit auch die Punkte. Natürlich ist unser Ziel, in Führung zu sein und dort zu bleiben, aber der wichtigste Zeitpunkt in der Weltmeisterschaft ist nach dem letzten Rennen und nicht vorher."

Frage: "Rechnest du schon, in welchem Rennen du Weltmeister wirst?"
Vettel: "Nein. Ich war in Mathe nie gut! Ich mochte Mathe, aber nein. Schön, dass wir in Führung sind, aber wie viele Punkte, das ist mir egal. Die Leute sagen mir das eh ständig, also muss ich es nicht selbst nachrechnen. Wir werden es noch früh genug herausfinden, wenn es drauf ankommt, ob wir in einer guten Position sind oder nicht."

Vorsichtig wegen unterschiedlichen Strecken

Frage: "Bist du nicht besorgt, dass euer riesiger Vorsprung der ersten Rennen langsam ein bisschen zu schmelzen scheint?"
Vettel: "Ich denke, wir müssen abwarten. Jede Strecke ist anders. Um ein Beispiel zu nennen: In Melbourne waren wir sehr schnell, aber in Malaysia war es sehr eng. Im Qualifying in Melbourne hatten wir eine halbe Sekunde Vorsprung. In Malaysia waren es zwei oder fünf Hundertstel, ich weiß es nicht mehr genau. Es war sehr eng mit den McLarens. Das ist nur zwei Wochen später passiert und ohne irgendwelche Updates - nichts ist passiert."

"Also ändern sich die Dinge alleine wegen der Strecken sehr schnell, daher müssen wir einen Schritt nach dem anderen machen. Jedes Rennen ist anders, jede Strecke hat ihre eigenen Eigenschaften. Historisch gesehen bevorzugen wir Strecken mit schnellen Kurven, also sollte uns Silverstone gut liegen. Jetzt ändern sich die Regeln ein bisschen. Wir haben oft gesagt, dass es für alle gleich ist - wenn wir diesen Effekt nicht mehr nutzen dürfen, dann gilt das auch für die anderen. Gestern habe ich gesagt, dass vor diesem Rennen viel geredet wurde - und jetzt geht das Gerede vor dem nächsten Rennen los. Wir werden sehen, was passiert."

"Die Formel 1 ist sehr schnelllebig, die Dinge ändern sich sehr schnell. Wir müssen jedes Rennen für sich sehen. Rennen wie heute sind wichtig und große Erfolge. Man muss jeden Tag, jedes Rennen genießen. Natürlich gibt es Rennen, die einem gelingen, und andere vielleicht weniger - heute zählt eher zu den Rennen, wo alles gut geklappt hat. Wir sind sehr glücklich, freuen uns, aber ab morgen schauen wir auf das nächste Rennen."

Frage: "Wie sehr kann man sich denn an das Gewinnen gewöhnen?"
Vettel: "Ich denke, das wird nie langweilig! Ich glaube, da kann man sportübergreifend schauen - da gibt es genug, denen das nie auf den Keks geht. Um Gottes Willen! Es ist immer harte Arbeit und das Rennen war heute sehr, sehr lang. Die Strategie war von Anfang an nicht ganz klar. Es sind viele Dinge, auf die man auch als Fahrer ein Auge werfen muss und die man im Blick halten muss. Daran darf man sich nicht gewöhnen."

Fotoquelle: xpb.cc

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