Horner behauptet, dass Newey den Diffusor gar nicht heiß anblasen ließ

Formel 1 2011

— 29.06.2011

Horner: Red Bull bisher ohne "Hot-Blowing"-Diffusor

Christian Horner überrascht mit der Aussage, Red Bull hätte bisher auf das effizientere "Hot-Blowing"-Konzept verzichtet - Hält sich der Schaden in Grenzen?

Ab Silverstone beginnt in der Saison 2011 möglicherweise eine neue Zeitrechnung. Nicht, weil die Formel-1-WM in die zweite Hälfte einbiegt, sondern weil sich die Rivalen von Weltmeister Red Bull vom ab Großbritannien gültigen Zwischengas-Verbot große Vorteile erhoffen. Red Bull hatte im Vorjahr damit begonnen, den Diffusor des RB6 mit Auspuff-Gasen anzuströmen und erzielte damit eine aerodynamische Wirkung. Beim RB7 perfektionierte man dieses Prinzip. Doch 2011 kopierte die Konkurrenz Red Bull.

Der Höhepunkt der Entwicklung ist das sogenannte Zwischengas: Der Auspuff bläst den Diffusor auch an, wenn der Pilot nicht am Gas steht, das sorgt für ein stabileres Fahrverhalten beim Bremsen.
Doch genau da setzt die FIA mit der Reglementänderung an. Ab Silverstone darf der Auspuff im Zwischengas bei 12.000 Umdrehungen pro Minute nur noch zehn Prozent der Abgase abgeben, bei 18.000 Umdrehungen 20 Prozent - man geht von einem beträchtlichen Einschnitt aus. Red Bull und Renault wird nachgesagt, diese Systeme am besten zu nutzen - daher rechnen Fahrerlager-Experten damit, dass diese zwei Teams am meisten darunter leiden werden.

Verwirrung nach Horner-Statement

Doch eine Aussage Christian Horners beim Red-Bull-Sender 'ServusTV' sorgt nun für Verwirrung. Während man bisher davon ausgegangen war, dass nur die Cosworth-Kunden Williams, HRT und Marussia-Virgin nicht in den Genuss des am weitesten entwickelten "Hot-Blowing"-Diffusors gekommen waren, behauptet Horner nun, dass dies auch für Red Bull gilt: "In unserem Fall passiert das Anblasen mit kalter Luft. Andere Teams blasen mit heißer Luft an, das bringt noch mehr Leistung."

Zur Erklärung: Beim "Hot-Blowing"-Konzept wird bei geschlossener Gaspedalstellung nicht nur kalte Luft auf den Diffusor geblasen, sondern, nach einer "leeren" Zündung in der Brennkammer, sogar heißes Auspuffgas mit entsprechend höherer Energie. Das ist effizienter. Wenn Red Bull entgegen aller Annahmen dieses Konzept bisher tatsächlich nicht genutzt hat, dann könnte dies den Hoffnungen der Konkurrenz durch das Verbot einen Riegel vorschieben.

Der Red-Bull-Teamchef will jedenfalls keine Mutmaßungen anstellen, wie stark man unter dem Verbot leiden wird: "Wie sich das auf unser Auto im Vergleich zu den anderen auswirkt, werden wir erst in Silverstone sehen." Wie sich das Verbot auf die Rundenzeit auswirkt? "Schwer zu sagen", meint Horner - und lässt sich dann doch zu einer Prognose hinreißen: "Das wird laut unseren Simulationen so zwischen 0,3 und 0,5 Sekunden ausmachen, bei manchen Teams vielleicht sogar ein bisschen mehr."

Müssen Piloten ihren Fahrstil umstellen?

Der Brite rechnet damit, dass sich nicht nur die Techniker, sondern auch die Piloten umstellen müssen. Durch die geringere Wirkung des Diffusors müssen die Piloten beim Bremsen mit einem unruhigen Heck rechen - ein Nachteil, der in Silverstone allerdings nicht so groß sein dürfte wie auf anderen Kursen, da das Layout nur vier harte Bremszonen beinhaltet.

"Die Fahrer werden sich ein bisschen anpassen müssen", bestätigt Horner, glaubt aber, dass dies für die Fahrer problemlos machbar sein sollte. "Das Auto fühlt sich etwas anders an, aber das ist ja auch so, wenn die Fahrer die Reifen wechseln lassen, oder beim Wechsel von trockenen auf nasse Bedingungen. Sie werden nicht lange benötigen, um sich einzustellen. Auch das Setup muss darauf eingestellt werden - das wird in Silverstone eine Entwicklungsreise."

Formel-1-Experte Christian Danner schlägt gegenüber 'ServusTV' in die gleiche Kerbe: "Für die Fahrer ist es einfach ein bisschen weniger Abtrieb - so wie ich es verstanden habe - beim Einlenken in die Kurve. Das heißt, die Kurveneingangs-Geschwindigkeit ist etwas kritisch, weil das Auto gerne quersteht." Allgemein betreffe die Änderung die Bereiche "Setup, Aerodynamik, Entwicklung und Fahrstil."

Wie die FIA die Teams überprüft

Ein Umgehen der Reglementänderung hält Horner für unmöglich: "Charlie Whiting hat seine Meinung abgegeben und das System für illegal erklärt. Die Teams können natürlich damit fahren, aber dann gibt es vielleicht Proteste und die Teams werden ausgeschlossen. Die FIA schaut sich genau an, was wir machen. Wir haben ja die ECU, die elektronische Steuereinheit. Sie stecken da ihre Laptops an und kontrollieren, welche Motoreneinstellungen gefahren wurden."

Die Tatsache, dass das Reglement geändert wurde, stört Horner weniger, als der Zeitpunkt. "Warum muss es mitten in der Saison passieren?", fragt sich der Erfolgs-Teamchef - und hat einen Vergleich parat: "Das ist, wie wenn man zur Hälfte des Turniers in Wimbledon die Bälle wechseln würde - daher auch die Frustration bei den Teams." Er sieht die Ursachen im Gegensatz zu Red Bulls Motorsport-Konsulent Helmut Marko aber nicht in der Dominanz seines Rennstalls: "Ich denke, die FIA wurde nervös, weil andere Teams Protest einlegen könnten. Das Reglement ist in diesem Bereich ein bisschen eine Grauzone. Man versucht, das jetzt wirklich klarzustellen."

Wendlinger prophezeit größere Red-Bull-Überlegenheit

Derzeit arbeitet Aerodynamikgenie Adrian Newey hart daran, den RB7 so umzumodeln, dass die Einschränkungen keine allzu große Wirkung erzielen. Dass Red Bull am meisten darunter leiden wird, glaubt er nicht: "Unterm Strich betrifft es alle. Man sagt, dass Ferrari möglicherweise mehr davon profitiert, weil man dort ein anderes System verwendet. Doch erst in Silverstone wissen wir mehr."

Ex-Formel-1-Pilot Karl Wendlinger hat zu diesem Thema eine unkonventionelle Meinung. Er rechnet gegenüber 'ServusTV' damit, dass Red Bull in Großbritannien dominanter als bei anderen Rennen sein könnte. "Ich glaube, dass die Überlegenheit von Red Bull in Silverstone größer sein wird. Das System wird für alle verboten, Newey ist aber als Aerodynamikgenie bekannt und der aerodynamische Abtrieb ist in Silverstone sehr wichtig."

Im Verlauf der zweiten Saisonhälfte rechnet der Österreicher eventuell mit "kleine Verschiebungen. Vielleicht verliert ein Team einen Platz oder eine Reihe. Die ersten sechs Autos werden aber die gleichen bleiben und ich glaube auch, dass die selben Fahrer das Tempo machen werden."

Horner bleibt gelassen

Danner stimmt Wendlinger zu: "Ich glaube, dass Karl generell recht hat. Bis jetzt ist es die Meinung im Fahrerlager, dass Red Bull das System am meisten benutzt und deswegen so schnell ist. Karl und ich sind der Meinung, dass das wahrscheinlich nicht so ist, aber schauen wir mal, wer da am meisten abbaut. Das alles ändert nichts an der Groß-Wetterlage."

Laut Danner könnte es nun möglicherweise bei einigen Teams notwendig sein, die Heckpartie etwas umzubauen, um den verlorenen Abtrieb wieder zurückzuholen. "Die Frage ist natürlich, inwiefern sich das Zentrum des Abtriebs verschieben wird, denn dadurch geht ja die Balance verloren", erklärt der Deutsche. "Wenn das Auto hinten gut funktioniert hat, dann könnte es passieren, dass die Hinterachse jetzt plötzlich instabil ist. Das muss man irgendwie kompensieren, aber das ist auch schon alles."

Und auch, wenn einige Teams aufgrund der Änderungen auf Red Bull Boden gutmachen können, sieht Teamchef Horner die Situation derzeit gelassen. Er verweist auf Vettels sechs Siege und die zwei zweiten Plätze in den ersten acht Rennen: "Wir sind in einer guten Position und es hängt von uns ab, das auch zu nutzen. Wenn wir uns die Punkte der Piloten auf dem zweiten und dritten Platz ansehen, dann sind die dort, wo sie auch im letzten Jahr waren. Nur Sebastian ist jetzt 77 Punkte vor ihnen. Er könnte bis Belgien pausieren und wäre immer noch in Führung."

Fotoquelle: xpb.cc

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