Martin Whitmarsh ist unzufrieden mit der aktuellen Gesamtsituation

Formel 1 2011

— 09.07.2011

Whitmarsh-Plädoyer auf Churchills Spuren

Martin Whitmarshs Rede zur Lage der Nation: Wie die FIA McLaren geschadet hat und wofür sich das Team bei Lewis Hamilton entschuldigen muss

"Meet the Team" nennt McLaren seine traditionell am Samstagnachmittag stattfindenden Medienmeetings, die in der Regel so ablaufen: Pressesprecher Steve Cooper eröffnet mit einer witzigen Bemerkung, dann stellen die anwesenden Journalisten, überwiegend Briten, ihre Fragen, die in weiterer Folge geduldig von Martin Whitmarsh, Lewis Hamilton und Jenson Button beantwortet werden. Nach einer Viertelstunde ist der Spaß meistens vorbei.

Doch heute meldete nicht ein Journalist die erste Frage an, sondern Whitmarsh bat Cooper selbst um das erste Wort. Nach den Startplätzen fünf (Button) und zehn (Hamilton) und vor allem dem unerträglichen Zwischengas-Streit mit fast stündlichen Wendungen ließ sich der McLaren-Teamchef zu einem spannenden und leidenschaftlichen Plädoyer über die aktuelle Situation hinreißen. Seine offenen ersten Worte: "Wir sind enttäuscht. Das ist Tatsache und ziemlich offensichtlich."

McLaren und der "blown Diffuser"

"Wir können uns jetzt über Diffusoren, Auspuffgase und so weiter schwindlig reden, aber Tatsache ist, dass wir in den vergangenen 18 Monaten hart gearbeitet haben, um auspuffangeströmte Diffusoren zu entwickeln", so Whitmarsh. Zur Erinnerung: Vor genau einem Jahr hatte McLaren ein solches Konzept nach Silverstone gebracht, schaffte es aber nicht, daraus einen Rundenzeiten-Vorteil zu schöpfen. Die aerodynamischen Vorteile wurden von der unberechenbaren Balance überschattet.

Mit der Entwicklung neuer Auspuffsysteme wurde der Bereich über den Winter auf die nächste Stufe gehoben. McLaren reagierte darauf mit einem "Crashprogramm" und schaffte es wie durch ein Wunder, beim ersten Rennen konkurrenzfähig zu sein. "Wir haben in diesem Bereich besonders hart gearbeitet und wir hatten viele Anpassungen und Veränderungen", betont Whitmarsh. "Tatsache ist, dass wir unabhängig von diesen Anpassungen und Wendungen im Qualifying keine konkurrenzfähige Leistung abgeliefert haben."

"Das wissen wir", fährt er fort. "Wissen wir genau, woran das liegt? Nicht ganz, aber anzunehmen, dass es uns nicht gelungen ist, auf all die Änderungen zu reagieren, oder dass deren Auswirkungen auf uns größer waren, ist nicht ganz abwegig. Es steckt keine Magie dahinter, wenn ein einigermaßen konkurrenzfähiges Auto plötzlich nicht mehr konkurrenzfähig ist, aber genau das ist passiert." Nachsatz: "Wir verstehen das und wir akzeptieren es."

Der Brite spricht es zwar nicht direkt aus, macht aber in Gestik und Mimik keinen Hehl daraus, dass er vom Zickzack-Kurs der FIA alles andere als angetan ist. Das mag überraschen, denn eigentlich müsste er erfreut darüber sein, dass die noch gestern geplante Ausnahmeregelung für Renault-Kunden wie etwa Red Bull doch noch zurückgezogen wurde. Aber bei McLaren scheint man heute festgestellt zu haben, dass man vom Zwischengas-Verbot stärker als befürchtet betroffen ist.

"Wir werden uns wieder fangen, wie auch immer die Regeln aussehen mögen und was auch immer passieren mag. Wir werden es verstehen, denn wir haben hervorragende Ingenieure und ein entschlossenes Team. Es gibt kein Team der Welt, das auf eine solche Situation so schnell und stark reagieren kann wie dieses. Das haben wir in der Vergangenheit schon bewiesen", sagt Whitmarsh und stichelt: "Wann, das kann ich auch nicht sagen, denn ich weiß nicht, nach welchen Regeln wir das Auto entwickeln müssen."

Viel in den falschen Bereich investiert?

Und weiter: "Wir können verstehen, dass es ein Bestreben gibt, das Auspuffanströmungs-Phänomen zu unterbinden, aber das ist ein Bereich, an dem wir sehr hart gearbeitet haben. Ob das richtig war oder falsch, aber wir haben es getan - und ohne ist unser Auto suboptimal. Wir haben damit gerechnet, dass es uns treffen würde, und anhand der bisherigen Erkenntnisse ist das definitiv der Fall. Aber wir werden uns auf die Regeln einstellen und wir geben nicht auf."

Angesichts des großen Rückstands in der Weltmeisterschaft (77 beziehungsweise 89 Punkte), der schlechten Startpositionen in Silverstone und des chaotischen Reglements wäre es seiner Meinung nach "im Moment wahrscheinlich der falsche Fokus", an den Gewinn der Weltmeisterschaft zu denken, aber die Ziele sind klar: "So schnell wie möglich wieder so konkurrenzfähig wie möglich werden, Rennen gewinnen und schauen, was sich daraus entwickelt."

Nach der flammenden Ansprache, in der der McLaren-Teamchef ganz im Stile seines Vorgängers Ron Dennis sechs Minuten lang keinen Journalisten zu Wort kommen ließ, konnte sich der neben ihm sitzende Button ein Grinsen nicht vergreifen: "Verdammt gute Rede, fast wie Winston Churchill!" Teamkollege Hamilton, dem zuletzt ein bröckelndes Verhältnis zu Whitmarsh nachgesagt wurde, empfand den Auftritt ebenfalls als "sehr mutig".

Dabei hätte der Silverstone-Sieger und Weltmeister von 2008 eigentlich allen Grund, schon wieder auf sein Team sauer zu sein, schließlich hatte es ihm die Chance vermasselt, in Q3 zumindest in die dritte Startreihe zu fahren. "Wir haben Lewis im Stich gelassen", gibt Whitmarsh zu und nimmt auf die Kappe des Teams, dass Hamilton im ersten Q3-Run mit gebrauchten Reifen rausgeschickt wurde. Als man ihm neue gab, setzte der Regen ein - Platz zehn.

"Jenson und Lewis haben fantastische Arbeit geleistet, aber das Team hat in Q3 einen Fehler gemacht", gesteht der 53-Jährige. "Jenson hat die Situation ganz gut hinbekommen, aber unser Auto ist Stand heute nicht konkurrenzfähig. Das bedeutet aber nicht, dass wir dieses Wochenende abschreiben. Wir haben zwei großartige Rennfahrer", plappert Whitmarsh einen seiner Standardsätze herunter und verweist auf "Strategie und das wechselnde Wetter" als Hoffnungsfaktoren.

Niederlagen tun McLaren weh

"Ist es schwierig, die Red Bulls morgen zu besiegen? Ja, das wird sehr, sehr schwierig, okay? Ist es schwierig, die Ferraris zu besiegen? Ja, das wird sehr, sehr schwierig. Ist es schwierig, sie innerhalb von zwei Wochen einzuholen? Ja, das wird sehr, sehr schwierig", erklärt er. "Aber wir geben nicht auf, denn wir sind ein großartiges Rennteam und wir ruhen uns nicht auf vergangenen Lorbeeren aus. Wir sind daran gewöhnt, Rennen zu gewinnen, und wir können es nicht ausstehen, wenn wir nicht gewinnen."

Am wenigsten ausstehen kann das Hamilton: "Natürlich wäre es uns am liebsten, vor den eigenen Fans in der ersten Reihe zu stehen, aber das ist nicht der Fall", bedauert der 26-Jährige, der sich aber weigert, sein Heimrennen schon abzuschreiben: "Morgen kann alles passieren. Wenn das Wetter so ist wie heute, wer weiß? Vielleicht passiert ein Wunder und wir feiern einen Doppelsieg. Ich weiß nicht, was du meinst, Jenson, aber ich glaube daran!"

"Wunder passieren", stimmt Button zu, doch der zweite McLaren-Pilot lässt sich vom Enthusiasmus seines Teamkollegen nicht ganz anstecken und wirft stattdessen ein, dass heute ein "sehr schwieriger Tag" gewesen sei: "Wir sind sehr weit weg von dem, was wir vor diesem Wochenende erwartet hatten. Meine Startposition ist nicht so schlecht, aber der Rückstand auf die vorderen Autos ist viel größer als erwartet."

Dabei wäre es ein Herzenswunsch des Briten, erstmals vor heimischem Publikum auf das Podium zu fahren oder vielleicht sogar zu gewinnen: "Ich habe dieses Wochenende schon oft gesagt, dass es für jeden Fahrer das Hauptziel ist, Weltmeister zu werden. Wir alle wollen Monaco gewinnen, weil es ein besonderes Rennen in einem Fürstentum ist. Es ist auch mental ein sehr anstrengendes Rennen, etwas ganz Besonderes", erklärt er.

"Aber der Heim-Grand-Prix ist fast noch schöner", räumt Button ein. "Vor eigenem Publikum zu gewinnen, auf dem Podium zu stehen und die ganzen Fahnen zu sehen, muss wunderbar sein. Leider kann ich mir das nur vorstellen, weil ich es bisher noch nicht geschafft habe." Doch gerade bei wechselhaftem Wetter hat Button schon oft aus schlechteren Positionen Grands Prix gewonnen - und gerade Silverstone ist immer für einen Wetterumschwung gut...

Fotoquelle: McLaren

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