Fair: Sebastian Vettel gratuliert Fernando Alonso zum Sieg in Silverstone

Formel 1 2011

— 10.07.2011

Sieg in Silverstone: Alonso nutzt Red-Bull-Patzer!

Ein gebrochener Wagenheber entscheidet den britischen Grand Prix: Fernando Alonso gewinnt vor Sebastian Vettel - Stallorder bei Red Bull

Das Daumendrücken von Prinz Harry hat nicht geholfen: Weder ein britischer Fahrer noch ein britisches Team konnten den heutigen Grand Prix in Silverstone gewinnen, sondern der Spanier Fernando Alonso feierte für das italienische Ferrari-Team den ersten Saisonsieg. Bester "Local Hero" wurde Lewis Hamilton (McLaren) auf Platz vier.

Lange roch es wieder nach einem Triumph für Seriensieger Sebastian Vettel, doch dessen Red-Bull-Crew verpatzte den zweiten Boxenstopp und eröffnete so Alonso eine Chance, die sich der Ferrari-Pilot nicht nehmen ließ. Am Ende hatte er nach 52 Runden 16,5 Sekunden Vorsprung auf Verfolger Vettel - und jetzt gehen sicher die Diskussionen los, inwieweit die plötzliche Verschiebung des Kräfteverhältnisses mit dem Zwischengas-Chaos an diesem Wochenende zu tun hat...

Riesenjubel über ersten Ferrari-Sieg

Den Ferrari-Verantwortlichen, die heute Morgen gegen eine Regeländerung ihr Veto eingelegt haben, ist das wohl ziemlich egal: "Ein fantastischer Tag, Fernando, sehr gut", funkte Teamchef Stefano Domenicali ins Cockpit seiner Nummer eins, und der funkte glücklich zurück: "Ein fantastischer Tag!" Technikchef Pat Fry will das Ergebnis aber nicht nur als Folge des Zwischengas-Verbots verstanden wissen: "Das ist der Lohn für unsere harte Arbeit!"

Gestartet war Alonso wegen der zunächst noch nassen Strecke wie alle anderen auf Intermediates. Am besten kam aber nicht Polesetter Mark Webber weg, sondern dessen Teamkollege Vettel, dem damit die Revanche für den Start im vergangenen Jahr gelang, als es genau umgekehrt war. Alonso folgte hinter den beiden Red Bulls auf Platz drei, Jenson Button (McLaren) konnte sich nur kurz vor Felipe Massa (Ferrari) auf Platz vier halten.

Während Hamilton in den ersten Runden durch das Feld pflügte, als wollte er die Sorgen der vergangenen Wochen vor eigenem Publikum unbedingt abschütteln, baute sich Vettel bis zu zehn Sekunden Vorsprung auf. In der elften Runde war es dann wieder einmal Button, der sich als erster Topfahrer traute, von Intermediates auf Slicks zu wechseln, obwohl einige Streckenteile noch ziemlich feucht aussahen.

Das war auch der Grund dafür, weshalb Vettel nichts riskierte, zwei weitere Runden abwartete - und nach dem Boxenstopp plötzlich nur noch 1,2 Sekunden Vorsprung auf Webber hatte. Allerdings konnte er sich auf weichen Pirelli-Options (wegen des Beginns auf Intermediates entfiel heute die Pflicht, beide Trockenreifenmischungen fahren zu müssen) sofort wieder absetzen, sodass man nicht den Eindruck hatte, dass er sich den Sieg noch aus der Hand nehmen lassen würde.

Vettel-Crew verschenkt den Sieg

Doch diese Rechnung hatte er ohne seine Boxencrew gemacht: "Beim zweiten Stopp ist der Wagenheber gebrochen, also landete das Auto wieder auf dem Boden", ärgert sich Teamchef Christian Horner. "Der Mechaniker musste den Ersatz-Wagenheber herbeiholen und das hat natürlich Zeit gekostet." Die rennentscheidende Situation, wie sich später herausstellen sollte, auch wenn es sein Renningenieur ("Wir haben noch eine Chance") zunächst nicht wahrhaben wollte.

Denn Vettel steckte plötzlich an dritter Stelle hinter Alonso und vor allem Hamilton fest, dessen Reifen gegen Ende der Stints jeweils stärker abbauten als bei so manch anderem Konkurrenten. Alonso zog vorne im Sekundentakt davon, Vettel kam (übrigens mit sich anbahnenden KERS-Problemen) trotz DRS-Vorteil nicht an Hamilton vorbei. Als er in Runde 36 zum dritten Mal vorgezogen an die Box fuhr, um das Überholmanöver strategisch zu setzen, ging es schon nur noch um Platz zwei.

"Schwer zu sagen, wie viel wir verloren haben, aber es hat gereicht, um die Führung zu verlieren", analysiert Vettel. "Ich kam hinter Fernando und Lewis raus und kam nicht vorbei." Nur einmal hatte er eine gute Chance, eine Attacke zu setzen, als Hamilton in Woodcote einen Fehler beging und es dadurch vor Copse eng wurde: "Ich kam fast zu gut aus der Kurve raus, war zu nahe dran, um den Schwung später zu nutzen. Also musste ich vom Gas gehen, um nicht hinten draufzufahren."

Der Deutsche begnügte sich in der Folge damit, zum dritten Mal in dieser Saison 18 Punkte sicher ins Ziel zu retten, hatte aber in der vorletzten Runde auf einmal seinen Teamkollegen formatfüllend im Rückspiegel! Webber zeigte sich angriffig, bis sich Teamchef Horner höchstpersönlich am Funk meldete: "Mark, wir müssen den Abstand halten!" Ein klarer Fall von Stallregie, aber die ist im Gegensatz zum Vorjahr bekanntlich nicht mehr verboten.

Horner steht zur Stallorder

"Zwei Runden vor Schluss machte es keinen Sinn, beide Red Bulls in den Zaun zu wickeln", verteidigt Horner die Entscheidung. "Also haben wir als Team eine Entscheidung getroffen und gesagt: Es ist genug!" Webber nimmt's gelassen und verschweigt den Funkspruch ganz elegant, wenn er grinsend sagt: "Seb und ich hatten am Ende große Reifenprobleme. Ich habe versucht, ihn zu überholen, aber es hat nicht ganz gereicht."

McLaren hatte beim Heimrennen die beste Phase schon gegen Ende des ersten Renndrittels, als Button das Highlight des Tages setzte, indem er sich in Stowe/Club mit einem beherzten Manöver an Massa vorbeiquetschte und Platz fünf übernahm. Als eine Runde später auch noch Hamilton vor Copse sein Herz in die Hand nahm und Alonso im Kampf um Platz drei stehen ließ, waren die 120.000 überwiegend britischen Fans nicht mehr zu halten.

Alonso nahm den elektrisierenden Zweikampf mit seinem ehemaligen McLaren-Teamrivalen aber recht gelassen, hatte Ferrari doch zu Beginn der Stints immer etwas Mühe, die Reifen auf Temperatur zu bekommen: "Ich bin ruhig geblieben, weil ich gewusst habe, dass ich später meine Chance bekommen würde", erinnert er sich. "Wir haben ja KERS, DRS und all diese Dinge." Die verhalfen ihm in Runde 24 zum Gegenschlag - mühelos.

Ab der 40. Runde war Hamilton dann McLaren-Solokämpfer, denn Button rollte nach seinem dritten Boxenstopp mit einem losen rechten Vorderrad aus. Der dafür zuständige Mechaniker stellte ein Problem mit dem Schlagschrauber fest, "drehte sich um, um den Ersatzschrauber zu nehmen, was als Signal gedeutet wurde, dass er fertig ist. Kann passieren, ist aber sehr enttäuschend, denn Jenson hätte auf das Podium fahren können", bedauert Teamchef Martin Whitmarsh.

Mit zu wenig Benzin kalkuliert

Noch dicker kam es, als Hamilton an dritter Stelle liegend angefunkt wurde, er solle Benzin sparen: "Wir sparen noch nicht genug. Tut mir leid, aber wir müssen mehr tun, um das Rennen zu beenden." Der Lokalmatador reagierte widerwillig, musste Webber fast kampflos durchlassen, gewann aber am Ende das beinharte Ziellinien-Duell gegen Massa um den vierten Platz, obwohl Massa seine Nasenspitze in der letzten Kurve schon vor dem McLaren hatte!

"Schon komisch, dass wir schon 15 Runden vor Schluss Benzin sparen mussten. Normalerweise kommt das nie so früh vor. Ich muss mich aber erst erkundigen, was der Grund dafür war", wundert sich Hamilton, der immer weiter zurückfiel, je länger das Rennen dauerte. Teamchef Whitmarsh klärt indes auf: "Wir hatten gerechnet, dass Lewis am Anfang im Verkehr stecken würde und dabei Benzin sparen kann. Das war dann aber nicht der Fall."

Hinter den Top 5 kam Nico Rosberg (Mercedes) als Sechster ins Ziel, gefolgt von Sergio Perez (Sauber) und Nick Heidfeld (Renault). Dieses Trio schaffte es übrigens, mit nur zwei Boxenstopps über die Distanz zu kommen. Neunter wurde Michael Schumacher (Mercedes), was nach einer Kollision mit Kamui Kobayashi (Sauber) und anschließender Stop-&-Go-Strafe als sehr respektables Ergebnis gewertet werden muss.

Die Schuldfrage für die Kollision war aber auch schnell geklärt: "Peinlich eigentlich, aber auf dem Nassen kann's passieren", findet 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer. Schumacher selbst schildert: "Es war die erste Phase, in der DRS aktiviert werden durfte. Das habe ich genutzt, ich kam mit zu viel Überspeed an, konnte nicht mehr runterbremsen. Schade, aber es ist, wie es ist. Zum Glück sind noch ein paar Punkte dabei rausgekommen."

Pech für starken di Resta

Der Pechvogel des Tages war indes Paul di Resta (Force India), denn der Brite war ähnlich wie im Qualifying stark unterwegs, fiel aber weit zurück, weil bei seinem Boxenstopp keine Vorderreifen parat lagen. Das Chaos in der Force-India-Box war jedoch schnell erklärt: Kobayashi und Pastor Maldonado (Williams) hatten sich kurz zuvor in der Boxengasse berührt, dabei zog Kobayashi die Schlagschrauber der Force-India-Box mit.

Das war natürlich keine Absicht, wurde von der Rennleitung aber ebenfalls mit einer Zehn-Sekunden-Strafe geahndet - im Nachhinein egal, weil der Japaner ohnehin mit einer Rauchwolke im Heck ausrollte. Die Force-India-Performance an diesem Wochenende blieb damit aber völlig unbelohnt, denn Adrian Sutil schrammte als Elfter (genau wie im Qualifying) um 0,6 Sekunden am zehnten Platz von Jaime Alguersuari (Toro Rosso) vorbei.

Den "kleinen" Grand Prix der drei (eigentlich nicht mehr ganz) neuen Teams gewann diesmal Timo Glock (16.) 26,9 Sekunden vor seinem Stallgefährten Jerome D'Ambrosio (beide Marussia-Virgin). Lotus verzeichnete einen Doppelausfall (Elektrik bei Heikki Kovalainen, Ölleck bei Jarno Trulli), während Vitantonio Liuzzi das teaminterne HRT-Duell gegen Rookie Daniel Ricciardo klar dominierte. Letzterer fiel aber zumindest nicht negativ auf und überstand die volle Distanz.

In der Fahrer-WM hat Vettel (204) seinen Vorsprung von 77 auf 80 Punkte ausgebaut, erster Verfolger ist nun aber Webber (124) und nicht mehr Button (5./109), der heute (bei Punktgleichheit) auch hinter Hamilton zurückgefallen ist. In der Konstrukteurswertung führt weiterhin Red Bull (328) überlegen vor McLaren (218) und Ferrari (164). Weiter geht's in zwei Wochen mit dem Vettel-Heimspiel auf dem Nürburgring in Deutschland.

Fotoquelle: xpb.cc

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