Die Entscheidungen der FIA beim Zwischengas-Verbot sind umstritten

Formel 1 2011

— 13.07.2011

Wolff: Formel 1 ist Politik

Williams-Teilhaber Toto Wolff gesteht brisante Team-Entscheidungen ein und erklärt, dass die Formel 1 schon immer politisch geprägt war

Mit dem Durcheinander um das Zwischengas-Verbot hat sich die FIA bei den Fans in ein schlechtes Licht gerückt. Beim Rennen in Silverstone wussten zeitweise weder die Experten, noch die Zuschauer, was aktuell Gesetz ist und wer die Drosselklappe im Schleppbetrieb wie weit offen haben darf.

Toto Wolff, Teilhaber von Williams, versteht den ganzen Wirbel um die FIA nicht. "Das hat es immer gegeben. Formel 1 bedeutet Politik", erklärt der Österreicher gegenüber 'ServusTV' und beschreibt das Wesen der höchsten Motorsport-Kategorie ehrlich: "Formel 1 bedeutet, die eigenen Interessen so stark wie möglich zu vertreten. Das macht die Formel 1 auch aus."

Es gab immer Streitereien

"Man hat gesehen, dass die Leute unzufrieden sind, weil es ein Machtvakuum gibt, aber das hat es immer gegeben. Streitereien hat es immer gegeben", merkt Wolff an. Bei Williams ist es schon länger her, dass man die Löcher im Reglement mit Innovationen fand. Anfang der 1990er-Jahre war das Team um Frank Williams Vorreiter in Sachen aktiver Fahrwerke.

"Ich habe das Thema damals nicht verstanden, wie die Autos rauf und runter fahren können", gesteht der Wiener und beschreibt die damalige Situation: "Viele anderen Teams haben das auch nicht verstanden. Nur Williams und später Ferrari haben über diese Technik verfügt. Es wurde am Jahresende verboten."

'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer sieht genau das als Achillessehne der Zwischengas-Problematik an: "Ja, damals wurden die aktiven Fahrwerke am Jahresende verboten. Das ist der einzige Vorwurf, den man der FIA machen kann. Das haben sie in den vergangenen Jahren nicht gemacht. Wir hatten einen Doppel-Diffusor, der meiner Meinung nach auch nicht legal war. Alle Teams mussten nachrüsten und am Ende der Saison wurde es verboten."

"Im vergangenen Jahr hatten wir den F-Schacht, eine Erfindung von McLaren. Alle mussten das nachbauen. Ende des Jahres wurde es verboten. Und jetzt kommt man Mitte des Jahres, wo es alle nachgebaut haben, die es konnten", kritisiert der ehemalige Formel-1-Pilot und bekräftigt: "Mitte des Jahres kann man so was nicht machen, wenn die Autos dafür konstruiert sind."

Image und Know-how sind bestimmend

Hintergrund ist, dass sämtliche Cosworth-Teams auf die intelligente Zwischengas-Lösung ihrer Werkskonkurrenten verzichten mussten, weil die britische Motorenschmiede die Kosten dafür scheut. Williams-Teilhaber Wolff hat die Kalkulation für die Umsetzung der Zwischengas-Idee gesehen und verdeutlicht deren finanzielles Ausmaß: "Da geht es um Größenordnungen von 50 Millionen Pfund (56,8 Millionen Euro; Anm. d. Red.)."

"Da stelle ich mir die Frage, ob man das nachrüsten muss. In unserem Fall macht das sicher keinen Sinn. Wenn man aber einen sogenannten Werksmotor im Auto hat, dann kann ich nachvollziehen, dass diese Teams auf dem neusten Stand der Technologie sein wollen. Die Formel 1 ist eine Plattform für die Motorenhersteller. Da geht es um Image und Know-how", so Wolff.

Ex-Red-Bull-Pilot David Coulthard ist ein Freund von intelligenten Ingenieursleistungen. In seiner Zeit bei McLaren Ende der 1990er-Jahre konnte er auf die Ideen von Adrian Newey zurückgreifen, der die Formel 1 schon damals prägte. "Die Formel 1 ist etwas Einzigartiges. Die cleveren Designer und Konstrukteure finden immer neue Technologien. Damit schaffen sie etwas, was der Mitbewerber nicht hat", verdeutlicht Coulthard.

"Was wir in der Geschichte der Formel 1 erlebt haben, ist, dass die anderen Teams das kopieren oder bei der FIA Lobbyarbeit machen, damit es verboten wird, weil es zu schwierig oder zu teuer ist. Das ist immer schon so gewesen", untermauert der DTM-Pilot und lässt sich dabei auf keine Diskussionen ein.

Formel 1 kein reiner Sport?

Aus Sicht des Sports sind solche Vorfälle sowohl schädlich als auch prägnant. Coulthard macht Schluss mit einem illusorisch makellosen Bild der Königsklasse: "Die Formel 1 ist kein reiner Sport wie Leichtathletik oder dergleichen. Es ist ein Technologiesport. Man muss sehen, dass man ins beste Auto kommt, die besten Ingenieure hat und der Rest wird auf der Strecke ausgefahren." Dass es dadurch nur selten so ist, dass der beste Sportler gewinnt, ist einfach nur konsequent.

Der weitläufigen Meinung, dass man mit der Regeländerung mitten in der Saison einen Durchmarsch von Sebastian Vettel im Red Bull RB7 umgehen wollte, bietet 'Motorsport-Total.com'-Experte Surer eine alternative Ansichtweise an: "Die FIA wollte Red Bull nicht bestrafen. Sie wollte den kleinen Teams helfen, die sich das nicht leisten können. Weil es eine Grauzone war, haben sie gesagt, dass sie das stoppen."

"Die Topteams hatten das sowieso, der eine besser, der andere schlechter. Von dem her war die Idee gut, nur die Durchführung war eigentlich unmöglich", macht der Schweizer bewusst. Zu jenen kleineren Teams gehört zwangsläufig auch das ehemalige Weltmeister-Team von Williams. Durch den Cosworth-Motor haben die Briten klare Nachteile, was die derzeitigen Resultate unterstreichen.

Widersprüche bei Williams

Genau aus dem Grund brachte das Team die ganze Zwischengas-Problematik erst auf den Weg. Verwunderlich ist, dass Williams dennoch der finalen Absage des Verbotes zustimmte. Dieser offensichtliche Widerspruch lässt sich einfach erklären: Ab dem kommenden Jahr kehrt das Team zum langjährigen Motorenpartner Renault zurück.

"Renault ist ein Partner von uns, nicht nur ein Motorenlieferant. Das muss man sagen. Hoffentlich wird Renault wieder ein langjähriger Partner. Bei Renault geht es um die Weltmeisterschaft. Das ist ein wichtiges Thema. So hat Renault dann die Teamleitung überreden können", gibt Williams-Teilhaber Wolff ehrlich zu und schließt damit den Politikkreis in der Formel 1.

Fotoquelle: xpb.cc

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