Daniel Ricciardo gilt als eines der heißesten Nachwuchstalente

Formel 1 2011

— 06.08.2011

Ricciardo: "HRT ist gar nicht mal so schlecht"

"Dauergrinser" Daniel Ricciardo im Interview: Wie ihm Helmut Marko im Nacken sitzt, was er vom HRT hält und warum er Mark Webber nichts Schlechtes wünscht

Seit er beim Young-Driver-Test in Abu Dhabi 2010 im gleichen Auto wie Sebastian Vettel sogar schneller war als der Weltmeister im Qualifying des Saisonfinales vier Tage zuvor, wird Red-Bull-Junior Daniel Ricciardo als kommendes Supertalent gehandelt. Seit drei Rennen hat er in einem Grand-Prix-Stammcockpit Gelegenheit, das unter Beweis zu stellen.

Unser Interview mit Ricciardo in Budapest muss zunächst verschoben werden, weil die FIA-Akkreditierungen nicht rechtzeitig bereitliegen. Als es dann mit einigen Stunden Verspätung doch noch klappt, ist der HRT-Pilot keineswegs sauer: "Ich habe ja deine SMS bekommen", zeigt er sich (als einer der wenigen Fahrer, die man noch direkt am Privathandy erreichen kann) verständnisvoll - und ist auch sonst nicht aus der Ruhe zu bringen: Der 22-Jährige lächelt praktisch ununterbrochen und kann seine Freude darüber, endlich in der Formel 1 angekommen zu sein, nicht verbergen.

Dass er "nur" für HRT fahren darf, stört ihn nicht, sehr wohl würde er aber gegen seinen Teamkollegen Vitantonio Liuzzi (0:3 im Qualifying-Duell) gern besser aussehen. Doch Ricciardo kam zuletzt immer besser in Fahrt und hat sich fest vorgenommen, in Spa-Francorchamps erstmals schneller als Liuzzi zu sein. Sollte ihm das von nun an konstant gelingen, könnte er bei Red Bull eine große Zukunft haben...

Schwieriger Einstand in der Formel 1

Frage: "Daniel, du hast jetzt drei Rennen absolviert. Hättest du dir die Formel 1 leichter vorgestellt?"
Daniel Ricciardo: "Nicht wirklich. Es ist eigentlich in etwa so schwierig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Silverstone war ein bisschen schwieriger als erwartet, da war die Pace nicht da. Ich hätte nicht damit gerechnet, Tonio vom ersten Rennen an in den Hintern zu treten, aber ich hatte schon gehofft, ein bisschen näher dran zu sein."

"Überrascht hat mich, dass die Rennpace ziemlich stark eingebrochen ist. Vielleicht bin ich mit den Reifen zu aggressiv umgegangen und habe auf eine falsche Strategie gesetzt, aber das lag an mir selbst, weil ich noch lernen muss, diese Dinge zu handhaben. Aber der Nürburgring war schon viel besser - und jetzt stehe ich in etwa da, wo ich mich zu diesem Zeitpunkt gesehen habe. Wenn ich noch einen Schritt machen kann, dann sieht es gar nicht mehr so schlecht aus."

Frage: "Du erwartest von dir selbst, deinen Teamkollegen Vitantonio Liuzzi lieber früher als später zu schlagen. Wann glaubst du, dass du dein Potenzial in diesem Auto maximieren kannst?"
Ricciardo: "Schwer zu sagen. Ich habe schon das Gefühl, dass ich ständig besser, stärker, erfahrener - was auch immer das richtige Wort ist - werde. Von Silverstone zum Nürburgring habe ich mich weiterentwickelt und vom Nürburgring zu Ungarn ist mir noch ein Schritt gelungen."

"Bis Spa sollte ich annähernd den Punkt erreichen, was mit diesem Auto drin ist. In den schnellen Kurven habe ich noch ein Manko. In den Nachwuchsformeln waren schnelle Kurven immer meine größte Stärke, daher weiß ich tief in mir drin, dass ich da nur noch ein bisschen mehr Zeit und Vertrauen ins Auto brauche. Wenn diese Dinge kommen, dann nähere ich mich den 100 Prozent langsam an."

Umstellung von Toro Rosso auf HRT

Frage: "Hast du dich im Toro Rosso wohl gefühlt?"
Ricciardo: "Ja, ich habe mich recht wohl gefühlt. Ich weiß nicht genau, wie viele Freitagstrainings ich damit absolviert habe, aber das war genug, um mich wohl zu fühlen. Das war die ersten zwei, drei Freitage noch nicht so - da habe ich eine Weile gebraucht, um reinzukommen. Meistens hatte ich meinen Rhythmus immer dann gefunden, wenn die Session gerade zu Ende ging."

"An den letzten Freitagen vor meinem Wechsel zu HRT ging es dann schon schneller und ich kam mehr oder weniger sofort auf Zeit, sobald ich ins Auto stieg. Ich habe mich in jedem Auto, das ich im Verlauf meiner Karriere gefahren bin, wohl gefühlt, nur manchmal hat es ein bisschen länger gedauert. Die Formel 1 ist halt die Formel 1. Da dauert es ein bisschen, sich zurechtzufinden, aber ich spüre die Fortschritte."

Frage: "Der Toro Rosso fährt sich bestimmt ganz anders als der HRT. Kannst du schildern, was dir bei der Umstellung die größten Schwierigkeiten bereitet?"
Ricciardo: "Das größte Problem ist, dass du nicht die Zeiten auf der Stoppuhr siehst, die du dir wünschen würdest! Was die Balance und das Handling angeht, ist der HRT gar nicht mal so schlecht - die Balance ist sogar ganz gut. Was fehlt, ist Anpressdruck, und der ist in der Formel 1 nun mal das wichtigste Kriterium für die Rundenzeit."

"Der Grund, weshalb Red Bull im Moment so stark ist, ist ihr erstaunliches Aeropaket, mit dem sie sehr viel Anpressdruck bei geringem Luftwiderstand generieren. Das ist eine sehr gute Kombination. Genau das unterscheidet die Topteams von den kleinen Teams, aber das kommt nur mit Erfahrung. Ich halte das für den Hauptunterschied."

Kein Chaos im Cockpit

"Persönliche Probleme im Auto habe ich eigentlich kaum. Ich denke nur, mit dem Anpressdruck geht einem auch die Traktion und die Bremsstabilität leichter von der Hand. Ich muss ein bisschen früher bremsen und etwas länger warten, um voll aufs Gas steigen zu können, aber über die Cockpitkamera sieht man keinen extremen Kampf mit dem Auto. Meine Hände sind relativ ruhig und es sieht alles nicht so aus, als wäre es ein totales Chaos."

Frage: "Ursprünglich war vorgesehen, dass Jaime Alguersuari zu HRT abgeschoben werden soll und du dafür das Toro-Rosso-Cockpit bekommen würdest. Warst du enttäuscht, als es dann wegen Jaimes guten Ergebnissen doch anders gekommen ist?"
Ricciardo: "Davon habe ich ehrlich nichts gewusst. Vielleicht ist es nur ein Gerücht. Aber nein, ich war überhaupt nicht enttäuscht! Für mich war bei Toro Rosso klar, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dieses Jahr zu Renneinsätzen zu kommen, auch wenn es anderslautende Gerüchte gegeben hat."

"Aber von dem, was mir Helmut (Marko; Anm. d. Red.) und das Team gesagt haben, stand fest, dass ich weiterhin freitags fahren werde. Ich hätte nicht damit gerechnet, noch dieses Jahr Formel 1 zu fahren, auch wenn einige Leute gesagt haben, dass es so kommen würde. Als ich herausfand, dass ich früher als erwartet für HRT Rennen fahren darf, war ich sogar sehr glücklich darüber."

"Mir ist klar, dass sie nicht so schnell sind wie Toro Rosso, aber in der Formel 1 anzufangen und eine Chance zu erhalten, das ist etwas, was du nie ablehnen wirst. Vielleicht bleibt es die einzige Chance, dann würdest du dich irgendwann ärgern! Es war ein besonderer Moment, als ich davon erfahren habe - wahrscheinlich die bisher größte Neuigkeit meiner gesamten Karriere. Ich habe mir gedacht: Wenn ich hier gute Arbeit leiste, dann werde ich eines Tages hoffentlich zu höheren Aufgaben berufen. Im Moment ist das noch nicht der Fall."

Markos (realistische?) Erwartungen

Frage: "Du hast Helmut Marko erwähnt, der dafür bekannt ist, mit seinen Fahrern manchmal sehr kritisch umzugehen. Welches Feedback erhältst du von ihm?"
Ricciardo: "Er will, dass ich auf dem Podium stehe (lacht; Anm. d. Red.)! Im Ernst: Er ist recht realistisch. In Silverstone hätte er ein besseres Rennen von mir erwartet und dann Verbesserungen für den Nürburgring. Ich bilde mir ein, dass ich das geschafft habe, auch wenn da noch mehr kommt. Helmut versteht das. Er hat gesagt: 'Es war ein guter Fortschritt, aber du musst noch besser werden, wenn du einer meiner Fahrer sein willst.' Das ist fair."

"Ich kenne ihn, er pusht immer. Er will nur das Beste und wünscht sich jemanden auf dem gleichen Niveau wie Herr Vettel. Das kommt vielleicht nicht über Nacht, was er auch versteht, aber in Zukunft soll es so werden. Ich muss ihm, mir selbst und vielleicht auch ein paar anderen Leuten beweisen, dass ich das kann. Helmut ist nicht der Typ, der mich lobt, weil er mit meinen Leistungen so zufrieden ist, aber ich glaube nicht, dass er allzu niedergeschlagen ist. Realistisch betrachtet war es schon okay."

Frage: "Hast du Angst, dass du dein Red-Bull-Ticket verlieren könntest, wenn du nicht schneller bist als Vitantonio Liuzzi?"
Ricciardo: "Vielleicht, ich weiß nicht. Ich bin mir sicher, dass sie erwarten, dass ich sehr nahe an ihm dran bin, wenn nicht sogar vor ihm. Sie kennen Tonio ziemlich gut, er war ein paar Jahre in ihrem Programm. Damals ist er für Christian Horners Team Formel 3000 gefahren, wenn ich mich recht erinnere. Sie haben nicht genau gesagt, was das Ziel ist, aber es ist offensichtlich, dass es ihnen lieber wäre, wenn ich irgendwann vor ihm bin."

Frage: "Aber es ist nicht so, dass du unmittelbar unter Druck stehst, schneller sein zu müssen, oder doch?"
Ricciardo: "Der Druck ist schon da, denke ich - definitiv von mir selbst, aber auch von Helmut. Er schaut sich das genau an. Ich bin mir sicher, dass es für mich besser wäre, öfter vor Tonio ins Ziel zu kommen statt hinter ihm. Ich werde versuchen, mich darauf zu konzentrieren, dann erhalte ich hoffentlich keine unerwünschten Telefonanrufe!"

Ein Australier kommt, der andere geht?

Frage: "Hoffst du, dass dein Landsmann Mark Webber zurücktritt?"
Ricciardo: "Sagen wir es so: Wenn Mark weiterfahren möchte, ist das seine Entscheidung, und ich bin mir sicher, dass er dafür voll motiviert ist. Wenn mir aber Red Bull sein Cockpit für nächstes Jahr anbieten würde, dann würde ich Mark nicht anrufen und ihm sagen: 'Hier hast du es wieder, fahr du damit!' Jeder würde dieses Cockpit nehmen, das ist doch offensichtlich. Was Mark macht, habe ich nicht in der Hand."

"Ich würde mich für ihn freuen, wenn er weitermachen sollte, und er ist noch voll motiviert, eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Ich würde mich freuen, falls es das schaffen sollte, um Australien wieder auf die Landkarte zu bekommen. Seine Erfolge haben uns Jungen sehr geholfen, denn die Unterstützung ist in den vergangenen Jahren viel besser geworden - vor allem, seit er Rennen gewinnt und mit Red Bull erfolgreich ist. Das Interesse an der Formel 1 ist in Australien vielleicht so groß wie noch nie. Das ist gut für den Sport, aber ich komme ein bisschen vom Thema ab, oder? Der Punkt ist: Sollten sie mir das Cockpit geben, dann wäre ich natürlich ziemlich glücklich."

Frage: "Wenn Mark Webber weiterfährt, kämpfen drei Kandidaten um zwei Cockpits bei Toro Rosso. Empfindest du das als Druck?"
Ricciardo: "Nicht wirklich. Die Nachricht vor Silverstone kam so kurzfristig und war gleich mal viel zu verarbeiten. Eine der höheren Hürden habe ich da gleich mal übersprungen. Je länger ich hier bleibe und mich an alles gewöhne, desto wohler werde ich mich in diesem Umfeld fühlen. Ich bin bereit für andere Herausforderungen."

Frage: "Wenn wir schon von anderen Herausforderungen sprechen: Ist dein Programm in der Renault-World-Series durch den Formel-1-Einstieg beendet?"
Ricciardo: "Nein. Ich werde definitiv in Silverstone fahren. Das Fragezeichen ist das letzte Rennwochenende, denn Barcelona kollidiert mit dem Grand Prix in Suzuka. Soweit ich weiß, werde ich Suzuka fahren und das Saisonfinale verpassen, aber Silverstone und Paul Ricard werde ich wahrscheinlich in der World-Series fahren."

Chancen auf WSbR-Titel eher gering

"Die Meisterschaft unter diesen Voraussetzungen zu gewinnen, wird einigermaßen schwierig, aber wenn ich mich mit ein paar Siegen verabschieden kann, dann wäre das ein schöner Ausstieg und ein nettes Geschenk für das Team. Für das Team war es ja auch nicht einfach, denn ich bin ständig herumgereist. Sicher hätten sie sich gewünscht, dass ich mehr Zeit in ihrer Fabrik in Prag verbringe, aber ich bin einfach sehr gestresst und habe nicht für all diese Dinge Zeit. Das wäre ein nettes Geschenk."

Frage: "Wirst du in der Sommerpause viel Zeit im Simulator verbringen?"
Ricciardo: "Ich glaube nicht, nein, denn in der Sommerpause stehen zuerst einige Termine in Österreich und dann Italien auf dem Programm. Dann bin ich vielleicht fünf Tage lang in England und später dann noch einmal für die World-Series. Aber ich nehme mir fünf Tage Urlaub, die ich auch zum Trainieren nutzen möchte, denn dafür hatte ich auch kaum noch Zeit. Für mich ist die Sommerpause also nicht wirklich ein aufregender Urlaub..."

Frage: "Acht Rennen stehen dieses Jahr noch aus. Gibt es irgendeine Strecke, auf die du dich besonders freust?"
Ricciardo: "Suzuka. Ich war noch nie dort, aber alle Fahrer sagen, dass Suzuka umwerfend ist. Du siehst es im Fernsehen, die Onboard, und du weißt als Fahrer, wie klasse das sein muss. Ich bin mir sicher, dass ich die Strecke total lieben werde, wenn ich erst einmal dort bin. Das ist das Rennen, auf das ich mich sicher am meisten freue. Und Singapur. Ich glaube, in der Nacht ein Rennen zu fahren, muss ein tolles Gefühl sein. Ich habe das seit dem Kart vor sieben oder acht Jahren nicht mehr gemacht und freue mich darauf."

Frage: "Als Grand-Prix-Fahrer bist du jetzt regelmäßig im Fernsehen. Hat das dein Leben verändert? Wirst du auf der Straße angesprochen?"
Ricciardo: "Nicht wirklich - noch. Manchmal werde ich am Flughafen von Fans erkannt, aber mein Alltag hat sich noch nicht verändert."

Fotoquelle: xpb.cc

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