Hermann Tilke hat fast alle modernen Formel-1-Strecken gezeichnet und gebaut

Formel 1 2011

— 18.08.2011

Tilke: "Wir haben viele Zwänge"

Interview: "Herr der Ringe" Hermann Tilke antwortet auf die Kritik an seinen Streckendesigns und erklärt, wie er an jedes neue Projekt herangeht

Mit dem Umbau des österreichischen A1-Rings Mitte der 1990er-Jahre setzte Hermann Tilke erstmals einen Fuß in die Formel 1, aus der er seither nicht mehr wegzudenken ist: In Sepang (Malaysia) wurde 1999 die erste von insgesamt sieben modernen Tilke-Prachtbauten für die Königsklasse des Motorsports eröffnet. Zwei weitere Projekte (Austin/USA und Sotschi/Russland) sind in Bau oder in Planung.

Doch während der Aachener für seine moderne und landestypische Gebäudearchitektur bekannt ist, ernten seine Streckendesigns häufig Kritik von Fahrern und Fans. Mutpassagen wie die inzwischen schon berüchtigte Kurve acht (mit vier Scheitelpunkten) in Istanbul werden eher als Ausnahme von der Regel betrachtet. Doch Tilke mangelt es nicht an den Ideen, sondern das Problem ist die praktische Umsetzung. Woran es genau hapert und welche Zwänge ihm und seinem Team auferlegt sind, das erklärt er im ausführlichen Interview.

Was viele nicht wissen: Der 56-Jährige (geboren am Silvesterabend 1954 in Olpe) ist bis vor kurzem selbst Autorennen gefahren. Bei seinem Besuch am Hungaroring ließ er es sich auch nicht nehmen, sich das Rennen anzusehen: "Natürlich schaue ich mir das an. Ich bin ein Riesenfan!" Und zwar nicht nur der Formel 1, sondern vor allem auch einer ganz bestimmten Rennstrecke...

Fan der Nürburgring-Nordschleife

Frage: "Hermann, was ist deine Lieblingsstrecke?"
Hermann Tilke: "Das ist eine, die wir selbst nicht gebaut haben, von 1927, nämlich die Nordschleife am Nürburgring. Die ist unschlagbar und wird es so auch nie wieder geben. Man kann sie auch nie wieder in der Art und Weise bauen, weil sie heute kein Mensch mehr bezahlen würde. Außerdem müsste man ja dieses riesige Grundstück haben, das auch keiner mehr zur Verfügung stellen würde. Deshalb wird sie ein Unikat bleiben. Sie ist einfach das Größte für einen Rennfahrer."

Frage: "Stichwort Rennfahrer: Du fährst ja selbst auch Rennen..."
Tilke: "Ich bin gefahren, ich habe Ende 2009 aufgehört. Mein Sohn fährt jetzt Autorennen - er fährt die ADAC-GT-Masters. Ich habe Ende 2009 mein letztes Rennen gefahren. Langstrecke, denn ich bin die letzten Jahre fast nur noch Langstrecke gefahren, 24-Stunden-Rennen - nicht nur das am Nürburgring, sondern auch andere. Sechs-Stunden-Rennen, Vier-Stunden-Rennen, einiges in dieser Art."

Frage: "Profitierst du beim Bau von Strecken von deiner Erfahrung als Rennfahrer?"
Tilke: "Grundsätzlich ja, wobei man sagen muss: Ich bin mit meinen Rennen natürlich weit weg von dem, was die Jungs in der Formel 1 machen. Das ist schon irre und Wahnsinn, was die da leisten und können. Da bin ich natürlich weit, weit, weit weg, aber wenn die Fahrer mir was sagen, Verbesserungsvorschläge oder Kritik, dann kann ich das zumindest ganz gut nachvollziehen - ich kann verstehen, was sie sagen. Es ist nicht so, dass ich ein Formel-1-Auto nachvollziehen könnte, aber ich kann mich besser verständigen, weil ich lange Rennen gefahren bin."

Frage: "Gibt es, wenn du mit der Entwicklung einer neuen Strecke beginnst, ein schwarzes Büchlein, wo zum Beispiel Ideen und Fahrerwünsche drinstehen? Wie muss man sich den Beginn eines solchen Projekts vorstellen?"
Tilke: "Zuerst einmal gehen wir direkt auf das Land, welches wir zur Verfügung gestellt bekommen."

"Das ist zum Bauen meistens denkbar ungeeignetes Land, denn in der Nähe einer Stadt, wie es ja meistens der Fall ist, kriegt man meistens nur besonders schlechtes Land, weil sonst der Quadratmeterpreis zu hoch wäre. Das gucken wir uns also genau an - die Topografie, die Haupt-Windrichtung, woher die Zuschauerströme kommen, wie also die äußere Infrastruktur ist, und so weiter. Dann auch noch Bodenverhältnisse und andere Besonderheiten des Grundstücks."

Alles beginnt mit Start und Ziel

"Wenn wir das dann haben, haben wir zum Anfangen eigentlich kein weißes Blatt Papier mehr. Dann setzen wir uns mit dem Team in meinem Büro zusammen und machen die ersten Skizzen und Zeichnungen mit einem dicken Stift. Man fängt an bei der Start- und Zielgerade. Die muss ja relativ flach sein, weil man nicht zu viel Erde bewegen will. Sie muss flach sein, von der äußeren Infrastruktur gut zu erreichen. Dann liegt die schon mal fest. Daraus entwickeln wir dann die Strecke."

"Ein Buch, in dem alles drinsteht? Natürlich gibt es viele Ideen bei uns und auch viele theoretische Überlegungen, die oftmals Ergebnis dessen sind, was mir Fahrer erzählen. Wir versuchen, das eine oder andere unterzubringen, allerdings ist das meistens schwierig, denn wir haben ja nur eine begrenzte Streckenlänge. Also kann man sowieso nicht alles unterbringen, aber wir versuchen schon, von diesen oder unseren eigenen Ideen immer mindestens ein Feature unterzubringen."

Frage: "Gibt es von diesen Ideen aus deinem Büchlein eine, die du besonders gerne umsetzen würdest?"
Tilke: "Naja, es gibt viele Sachen. Das sind natürlich auch viele Details, die man im Kopf hat. Sehr häufig geht es da wirklich ums Detail. Natürlich gibt es Ideen, die ich sehr, sehr gerne umsetzen würde, aber es würde zu weit gehen, das zu erzählen. Das will ich auch nicht erzählen, denn sonst ist die Idee weg!"

Frage: "Ist es beim Streckenbau generell so, dass eine Strecke, die für die Formel 1 optimal ist, automatisch auch für die kleineren Serien optimal ist?"
Tilke: "Nein, das ist nicht so. Wir haben ja noch viel mehr - nicht nur die Rennkategorien mit vier Rädern, sondern auch meistens noch Zweiräder. Das ist letztendlich dann immer ein Kompromiss, speziell wenn MotoGP und Formel 1 auf einer Strecke gefahren werden sollen. Wenn eine Strecke nur für Tourenwagen gebaut wird, kann man sie ganz anders bauen, viel extremer."

"Bei der Formel 1 muss man immer aufpassen, dass die Autos keine Unterluft bekommen, dass sie nicht irgendwo abheben - weil es dann ja wirklich sehr gefährlich werden würde, und das will ja keiner. Die Auslaufzonen sind beim Motorrad wiederum anders, die Kerbs sind anders und so weiter. Wenn man für alles die eierlegende Wollmilchsau machen will, ist das immer ein Kompromiss. Aber gut, damit muss man halt leben, denn der Betreiber einer Rennstrecke will natürlich möglichst viel auf seiner Rennstrecke stattfinden lassen, möchte sich möglichst wenig begrenzen."

Kritik nicht einfach zu widerlegen

Frage: "Du sprichst über die Zwänge, die euch auferlegt sind. Dir ist sicher bewusst, dass Tilke-Strecken in der Öffentlichkeit nicht den besten Ruf genießen und von den Fans großteils sehr skeptisch bewertet werden. Geht euch das irgendwie nahe?"
Tilke: "Nein, denn wir wissen ja, warum das so ist. Ich will diejenigen, die das sagen, nicht abtun, denn von außen ist das vielleicht verständlich. Nur haben wir halt viele Zwänge - auch den, auf die Sicherheit aufzupassen."

"Wenn wir an unseren Strecken die Leitplanken direkt neben die Straße machen würden, wie das früher war, dann würde das plötzlich ganz anders aussehen. Wir versuchen ja, so nahe wie möglich ranzukommen - das ist dann immer eher möglich, wenn eine Strecke nur für Autos gebaut wird, denn Autos sind unempfindlicher als Motorradfahrer. Wenn man sich zum Beispiel Mokpo (Südkorea; Anm. d. Red.) anguckt: Das ist schon alles sehr eng und sehr interessant, kommt auch glaube ich im Fernsehen so rüber. Ist auch eher wie eine alte Strecke, nur da kann natürlich kein Motorradfahrer fahren, zum Beispiel."

"Es gibt halt die Zwänge der Auslaufzonen. Heute sind die Auslaufzonen auch noch aus Asphalt, was ja sicherheitstechnisch vernünftig und sehr gut ist, aber für die Optik nicht gerade so schön. Da muss man sich vielleicht mal was einfallen lassen. Wir haben sie ja öfter schon mal angemalt, das sieht schon mal viel besser aus. Aber die Zeiten sind einfach vorbei, wo man eine enge Strecke hatte mit der Leitplanke direkt daneben und ohne Auslaufzone."

Frage: "Dieses Jahr gibt es so viele Überholmanöver wie noch nie - ein Ziel, das du mit dem Streckenbau auch verfolgst. Mit manchen Projekten ist es gelungen, mit anderen nicht. Ist die Erkenntnis jetzt die, dass man Überholmanöver nicht nur mit der Strecke fördern kann, sondern eher mit DRS, KERS und den Reifen?"
Tilke: "Mit der Strecke kann man immer nur bedingt Überholmanöver begünstigen. Natürlich kann und sollte man eine Strecke so bauen, dass es ein bis zwei zwangsläufige Überholpunkte gibt. Das geht aber nur auf, wenn der Hintermann schneller ist."

"Wenn das Feld schön geordnet ist und alle die gleiche Strategie haben, keinem technisch was passiert, dann gibt es auch keine Überholmanöver - das darf man nicht vergessen. Da kann die Strecke sein, wie sie will. Aber natürlich muss man in die Strecke schon einiges einbauen, damit es möglich ist, zu überholen - zumindest wenn der Hintermann schneller ist."

Überholen muss schwierig bleiben

"Ich bin aber auch der Meinung: Überholen sollte immer schwierig sein. Es darf nicht so sein, dass der Hintermann, der nur eine Nuance schneller ist, auf einmal ganz easy überholen kann. Das ist meine Meinung. Man muss also Punkte schaffen, wo das möglich ist. In der Regel ist uns das gelungen. Wir werden natürlich auch immer schlauer, was das angeht."

"Manchmal sind es Details, die einem entgegenspielen, die man bei der einen oder anderen Strecke noch ändern kann - wirklich ganz kleine Details, die das Überholen aber unmöglich machen. Dieses Überholproblem haben wir ja in anderen Serien auch. Was heißt Problem? Ich finde, es wird relativ viel überholt, in anderen Serien auch - gucken wir mal GT3 oder was auch immer. Wir tun unser Möglichstes, das zu fördern."

"Ansonsten versuchen wir auch immer, Dinge in eine Strecke hineinzubauen, wo der Fahrer leicht einen Fehler machen kann, damit der Hintermann davon profitieren kann. In der Formel 1 sind dem sehr große Grenzen gesetzt, denn die Fahrer sind einfach alle so gut und wollen natürlich keine Fehler machen, sondern vorne bleiben. Sie machen wenig Fehler. Das ist auch ein Problem. Wenn Amateure Formel 1 fahren würden, dann würde richtig überholt werden, weil da jeder mal Fehler macht. Aber die Profis machen fast keine Fehler."

Frage: "Eine Überholstelle, die nicht ganz wie erhofft funktioniert hat, ist die Schikane nach der langen Gerade in Abu Dhabi. Es gibt dafür schon einen Umbauplan, auch wenn der noch nicht für das nächste Formel-1-Rennen umgesetzt wird. Wie würde die neue Variante denn aussehen?"
Tilke: "Es gibt Details, die man machen kann, damit es auch in Abu Dhabi besser ist zum Überholen..."

Frage: "Wenn ich es richtig verstanden habe, war das Problem ja, dass die Schikane nur eine Linie zugelassen hat, richtig?"
Tilke: "Nicht nur. Das Problem liegt eigentlich in der Kurve davor, bei der Spitzkehre. Dort fahren die Autos hintereinander her. Bei dieser langsamen Geschwindigkeit kann der Vordermann eben zwei Zehntel früher beschleunigen als der Hintermann, weil diese Spitzkehre davor so langsam ist. So. Jetzt muss man versuchen, dass der schnellere Hintermann eine andere Linie fahren kann und dann fast gleichzeitig aufs Gas gehen kann, denn dann kann er hinten auch überholen."

Lob für den Red-Bull-Ring

Frage: "Was würdest du denn zum Beispiel hier am Hungaroring ändern?"
Tilke: "Es ist ja nicht so, dass man sich hinstellt und sagt: 'Da ist was und da ist was!' Das ist wirklich Detailarbeit. Ich kann nicht sagen, dass ich dieses und jenes ändern würde. Ich finde, die Strecke hat eine wunderbare Atmosphäre. Es wurde ja auch schon was gemacht, die Gerade verlängert, damit Überholen vielleicht möglich ist. Das haben nicht wir gemacht."

Frage: "Dafür aber den A1-Ring, heute Red-Bull-Ring, in Spielberg..."
Tilke: "Das waren immer spannende Rennen, sowohl die Formel 1 als auch die DTM."

Frage: "Dann ist die Strecke perfekt?"
Tilke: "Zum Überholen ist sie perfekt, ja."

Frage: "Aber nur zum Überholen, denn die alte Strecke hatte schon noch einen ganz eigenen Charakter..."
Tilke: "Ja gut, aber früher war's auch länger hell... Das hatte Umwelt-Gesichtspunkte. Wir mussten uns halt mit diesem kleineren Teil der Strecke begnügen, konnten nicht mehr um den Berg fahren - das lag an der Genehmigung. Dann bleiben halt auch nur noch begrenzte Möglichkeiten."

"Ich finde den A1- oder jetzt Red-Bull-Ring aber nach wie vor super. Wir haben ihn ja neu aufgebaut und ich finde, dass das eine tolle Rennstrecke ist - wegen der Steigungen, wegen der Kurvenabfolgen und so weiter. Ich weiß, dass es am Anfang viel Kritik gegeben hat, aber die ist später verstummt. Wenn man die heutigen Fahrer fragt, finden sie es alle toll."

Noida, Austin und Sotschi

Frage: "Es wird in nächster Zeit einige neue Strecken geben. Zuerst Indien."
Tilke: "Es sind drei neue Strecken. Indien ist dieses Jahr. Das wird in Teilen eine sehr schnelle Strecke. Ich denke, dass wir zwei bis drei Überholmöglichkeiten haben. Das wird eine relativ spektakuläre Strecke, auf die ich mich freue. In den USA sind wir sehr geländenahe gegangen. Wir hatten Gott sei Dank ein hügeliges Gelände - kein gebirgiges wie der Österreichring, aber eines mit Hügeln, die wir alle mitgenommen haben, sodass wir überall in die dritte Dimension gehen. Das heißt, das Auto wird leichter, das Auto wird schwerer in der Kompression. Das wird sicher super werden."

Frage: "Da muss ich einhaken: Kennst du den Slovakiaring in Bratislava? Der hat nämlich auch überall diese Hügel drin..."
Tilke: "Das ist toll, wenn man die bekommt - wenn man ein Stück Land bekommt, welches hügelig ist, wie zum Beispiel in der Türkei. Das ist toll. Aber Hügel künstlich zu bauen, das ist wahnsinnig teuer. Es ist rein eine Sache des Geldes, denn einen Hügel bauen, das kostet richtig viel Geld."

Frage: "Kann man da nicht irgendwelchen Schutt reinpacken?"
Tilke: "Nein, das geht nicht so einfach. Man muss ja auch verdichten, damit es sich nachher nicht setzt, die Straße absackt und sich Bodenwellen bilden. Das geht nicht."

Frage: "Okay, zurück zum Thema neue Strecken: Sotschi."
Tilke: "Sotschi wird quasi ein Stadtkurs im Olympiagelände. Dort fahren sie um die Stadien für die Winterspiele rum. Gleichzeitig liegt die Strecke direkt am Wasser, mit Palmen - das wird eine schöne Atmosphäre. Wird ganz toll, mit ganz schnellen Passagen drin."

Frage: "Marc Surer ist für uns bei 'Motorsport-Total.com' als Experte tätig. Er war zum Beispiel in Schanghai als euer Berater eingebunden..."
Tilke: "Mehrfach schon, bei einigen Strecken. Auch nach wie vor - wir reden miteinander. Wie man unter Freunden miteinander spricht, denn es ist ja auch immer ein Zeitproblem. Aber grundsätzlich arbeiten wir zusammen."

Fotoquelle: Tilke

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