Timo Glock hat seit 2008 konsequent am Qualifyingspeed gearbeitet

Formel 1 2011

— 24.08.2011

Glock: Mit Akribie zum Qualifyingspeed

Wie Timo Glock seine vermeintliche Qualifyingschwäche in den Griff bekam: Konsequente Arbeit am Auto, an sich selbst und an den Abläufen

Timo Glock brauchte nach seinem endgültigen Formel-1-Einstieg im Jahr 2008 nur elf Rennen bis zu seinem ersten Podestplatz. Ein Jahr später - und davon ist der Wersauer mehr als fest überzeugt - war in Malaysia der Sieg greifbar nahe, wenn der Grand Prix nicht vorzeitig abgebrochen worden wäre. In den Rennen überzeugte Glock nahezu immer, allerdings sah er im Qualifyingduell gegen seinen damaligen Toyota-Mitstreiter Jarno Trulli nicht allzu gut aus.

Im ersten Jahr ging das Duell um die schnellsten Rundenzeiten am Samstag mit 14:4 an den Italiener, im zweiten Toyota-Jahr behielt Trulli mit 12:3 die Oberhand. "Ich habe aus dem Jahr 2008, als ich oft vom Jarno im Qualifying gebügelt wurde, sehr viel gelernt. Allerdings muss man immer festhalten, dass der Jarno ein absoluter Top-Qualifyer ist", sagt Glock im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. In seinem Debütjahr schaute er dem Italiener manchmal ganz genau zu.

Im zweiten Jahr beim japanischen Team aus Köln wollte sich der Erfolg an Samstagen immer noch nicht einstellen. Glock kam ins Grübeln, analysierte sich selbst und seine Herangehensweise. "Ich habe es geschafft, für mich einen passenden Weg zu finden. Teilweise habe ich vom Jarno Trulli etwas gelernt. Zusätzlich waren die Aussagen einiger Teamchefs, die meinten, dass ich eine Qualifyingschwäche hätte, für mich ein enormer Ansporn. Ich habe daran so lange gearbeitet, bis ich es hinbekommen habe."

Der Wechsel zum neuen Team Virgin bot dafür die passende Gelegenheit. Abseits des Drucks an der Formel-1-Spitze, nahm sich Glock viel Arbeit vor. "Nachdem ich 2010 realisierte, dass ich mit dem neuen Team zunächst um die goldene Ananas fahre, habe ich beschlossen, dass ich meine vermeintliche Schwachstelle - das Qualifying - ausbessern muss. Ich habe das Jahr genutzt, mich diesbezüglich zu verbessern. Auch vor der Saison habe ich intensiv daran gearbeitet."

Mit Erfahrung kommen Erfolge

"Das hat gar nicht mal so lange gedauert. Ich habe mir im Winter viel Zeit dafür genommen, habe auch mal Sachen im Kart ausprobiert. Seither setze ich das gut um", meint der Odenwälder, der Lucas di Grassi (2010) und Jerome D'Ambrosio (2011) kaum Erfolgserlebnisse an Samstagen ermöglichte. "Es kommen dann auch noch kleine Spielereien hinzu. Als erfahrener Fahrer muss man nicht jederzeit immer alles zeigen. Dann haust du es eben im Qualifying raus."

"Ich hatte schon einige Situationen, wo ich niemals geglaubt hätte, dass ich den Teamkollegen schlagen könnte, weil mein Auto im Nirgendwo war", sagt Glock ganz offen. Aber: "Unser Auto arbeitet in einem sehr schmalen Fenster. Ich habe den Wagen aber recht gut durchschaut, kann dadurch gewisse Dinge gut zusammenfügen. Wir machen oft die absolut richtigen Setupänderungen, sodass das Auto gut funktioniert."

"Ich spiele mit diesen Einstellungen am Freitag lange herum. Ich probiere verschiedene Wege, weil das Auto auf unterschiedliche Richtungen entsprechend reagiert. Dann füge ich diese Bausteine zusammen. Am Samstagmorgen habe ich mein System", erklärt der 29-Jährige. Zu diesem System gehören auch gewisse Abläufe beim Absolvieren einer schnellen Runde. Am Samstagnachmittag muss haargenau alles auf den Punkt passen.

Gummi geben und Luft anhalten

Glock ist keiner, der den jeweiligen Kurs in Gedanken noch x-fach durchspielt, bevor er ihn unter die Räder nimmt. Er wartet gewöhnlich auf ein Signal des Teams, das ihm aufgrund einer Lücke im schnellen Verkehr ein Herausfahren empfielt. "Das A und O ist das Austesten der Reifen. Die Frage ist immer: Wie lange braucht er, bis er richtig funktioniert. Wenn die Strecke extrem heiß ist, dann musst du schauen, wie schnell du die Einführungsrunde fahren kannst, ohne in den letzten drei Kurven des schnellen Umlaufs keinen Grip mehr zu haben. Fixiere alles auf das Gespür für die Reifen", so die Marschroute zu Beginn eines Runs.

Laut Glocks Physiotherpeut Axel Thielmann hält der Marussia-Virgin-Pilot in einigen Passagen während der schnellen Runde die Luft an - allein aufgrund der hohen Fliehkräfte, die im Cockpit wirken. "Während der schnellen Runde bin ich mir oft gar nicht sicher, ob ich in manchen Kurven die Luft wirklich anhalte", schmunzelt Glock. "Man baut in den Trainings ein Gefühl dafür auf, in welcher Ecke man wie weit gehen kann. Da gibt es aber unterschiedliche Arten von Kurven. In manchen Ecken ist das Gefühl immer gleich, das Auto verhält sich dort immer absolut gleich. Es gibt aber auch andere Situationen."

"Manche Kurven liegen hinter einer Kuppe, wo sich das Gefühl verändern kann. Teilweise macht der Wind auch viel aus. Gerade unser Auto reagiert äußerst empfindlich auf solche Einflüsse. Da entstehen dann manchmal Situationen, wo du einfach nur denkst: "Oh, hoffentlich packe ich das jetzt noch". Es ist der Tanz auf der Klinge. In solchen Momenten halte ich wahrscheinlich die Luft an." Anschließend bleibt keine Zeit, um in Ruhe Atem zu holen: "Es kommt sofort die nächste Ecke - keine Pausen!"

Monaco 2011: Schneller geht es nicht

Im Verlauf einer perfekten Runde steigt der psychologische Druck immer weiter an. Wer will schon ein gutes Ergebnis auf den letzten Metern des Umlaufs noch wegwerfen? So etwas spielt im Kopf des Piloten manchmal tatsächlich eine Rolle. "Das war in Budapest in diesem Jahr so", erinnert sich Glock. "Der Reifen war im Zusammenspiel mit dem Asphalt in der letzten Kurve sehr kurios. Da bin ich im Qualifying auf einer echt guten Runde in diese letzte Ecke gekommen und habe gedacht: "Achtung Timo, jetzt bloß das Auto nicht überfahren am Kurvenausgang". Das ist ein extremer Kampf mit Auto und Reifen."

Sobald dieser Kampf erfolgreich bestanden ist, wird die Auslaufrunde konzentriert zu Ende gefahren. Jubel? Nein! Stolz? Vielleicht ein wenig. "Wenn es gut war, dann denkst du: "Ja, war eine geile Runde". Zum Beispiel in Monaco war das bei mir so. Da habe ich meinen Jungs über Funk sofort gesagt, dass es definitiv nicht schneller geht. Das war einfach die perfekte Runde. Da hatte ich mir vorher gesagt: Entweder jetzt nochmal drei oder vier Zehntel schneller, oder das Ding landet hochkant in der Mauer", lacht der Wersauer.

Im Fürstentum hatte Glock seinem Teamkollegen D'Ambrosio fast eine Sekunde aufgebrummt, zum Toro-Rosso-Piloten Jaime Alguersuari fehlte in diesem Moment nicht einmal eine Zehntelsekunde. Diese Szenen sind es, die Glock den harten Kampf am unteren Ende der Formel-1-Hackordnung mit dem MVR-02 schmackhaft machen. Kleine Siege, die selten öffentlich wahrgenommen werden - außer vom Teamkollegen. "Natürlich gibt es so kleine psychologische Spielchen, die ich nicht verrate. Sicher ist: Eine gute Qualifyingrunde bringt schon ein gutes Gefühl", so Glock abschließend.

Fotoquelle: Marussia-Virgin

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