Red Bull kämpfte in Spa-Francorchamps mit den Pirelli-Reifen

Formel 1 2011

— 31.08.2011

Reifen: Wie Red Bull doch noch die Kurve kriegte

Wie Red Bull die Reifenprobleme im Rennen löste, warum Adrian Newey eine Klage droht und wieso der Reifendruck der Gründ für die Quali-Dominanz sein könnte

Adrian Newey kullerten Tränen die Wangen hinunter, als Red Bull am vergangenen Sonntag in Spa den zweiten Doppelsieg der Saison einfuhr. Dem Mastermind des Weltmeister-Teams war soeben eine schwere Last von den Schulten gefallen. Nach dem Qualifying hatte man eine Krisensitzung einberufen, die bis in die Dämmerung dauerte, denn die Vorderreifen, mit denen man auch das Rennen in Angriff nehmen musste, wiesen schwere Schäden auf der Innenseite auf.

"Wir hatten große Sorgen", gibt Newey zu - und lässt die Ereignisse des Samstags Revue passieren. "Am Samstagabend kam Pirelli gegen 17 Uhr zu uns. Sie hatten sich die Reifen angesehen, die wir in der Qualifikation verwendet hatten, und sagten, sie hätten Bedenken, was die Sicherheit anginge. Die Reifen hatten strukturelle Schäden an der Verbindung zwischen Flanke und Lauffläche genommen. Sie hatten das Gefühl, es könnte an beiden Fahrzeugen ein Defekt drohen."

Die Ursache für die Schäden: Da es in allen Freien Trainingssitzungen geregnet hatte, fehlten den Teams die Daten für die Trockenreifen. Man musste also bei der Fahrzeug-Abstimmung einen Schuss ins Blaue riskieren. Dazu kommt, dass der Asphalt in Spa-Francorchamps als äußerst aggressiv gilt und die Gummis stärker belastet. Um das Sicherheits-Risko zu minimieren, gibt Reifenhersteller Pirelli vor jedem Rennen Setup-Grenzwerte aus.

Mäßiger Sommer trickste Red Bull aus

Doch bei Red Bull pokerte man bei der Neigung der Vorderreifen, dem sogenannten Sturz, und setzte sich laut Pirelli über die empfohlenen Grenzwerte hinweg. Ziel: die Reifen besser auf Temperatur zu bringen, denn genau das war der Grund, warum Red Bull bei den drei Rennen vor der Sommerpause mit heftiger Konkurrenz von McLaren und Ferrari zu kämpfen hatte und das oberste Treppchen drei Mal verfehlte.

Red Bulls Motorsport-Konsulent Helmut Marko erklärt gegenüber der 'SportWoche', dass man zuletzt Probleme mit der Reifentemperatur hatte, weil man das Auto aufgrund des hohen Reifenverschleiß in Monaco und in Barcelona vor dem Sommer so umbaute, dass es weniger Reifen frisst. "Doch dann gab's im Hochsommer frühwinterliche Temperaturen und es war draußen so kühl, dass wir keine Temperatur mehr in den Reifen hatten."

Mit dem extremeren Sturz der Reifen in Spa löste man dieses Problem, wie Sebastian Vettel bei der Pressekonferenz nach dem Qualifying andeutete. Auf die Frage, wie schwierig es war, die Reifen auf Temperatur zu bringen, meinte der Weltmeister: "Heute war es ziemlich kühl, vielleicht sogar ähnlich kühl wie am Nürburgring. Möglicherweise war es nicht gar so schlimm, aber ähnlich. Wir hatten weniger damit zu kämpfen, also dürfen wir mit unserem Setup zufrieden sein."

Wie Red Bull die Reifen in den Griff bekam

Dass der Reifen durch diesen Trick aber dermaßen Schaden nimmt, hatte man bei Red Bull unterschätzt. Newey fühlte sich sogar an Indianapolis 2005 erinnert, als Michelin alle Autos vom Start zurückgezogen hatte, weil die Reifen den Belastungen in der überhöhten Zielkurve nicht gewachsen waren.

Eine Lösung musste her. Red Bull versuchte, Lobbying zu betreiben, damit die Top-10-Piloten im Qualifying die Vorderreifen aufgrund des Sicherheits-Risikos wechseln dürfen, doch die FIA und Pirelli blieben hart. Red Bulls Nichtberücksichtigung der Pirelli-Empfehlungen hatte bereits für atmosphärische Störungen gesorgt. "Die FIA hielt unsere Reifen nicht für beschädigt und deshalb war es uns nicht gestattet, jeweils einen anderen Reifensatz aufzuziehen", erklärt Newey. "Die Pneus aus der Qualifikation mussten an den Autos bleiben. Wir mussten also zusehen, die Reifen sicherer zu machen."

Kurzzeitig war sogar eine Veränderung des Sturzes an der Vorderachse und damit ein Bruch der Parc-Ferme-Regeln Thema, wodurch man die Pole-Position aufgegeben hätte und stattdessen aus der Boxengasse hätte starten müssen. Doch laut Pirelli würde auch ein höherer Druck in den Vorderreifen die Sicherheit erhöhen. "Wir verwendeten deshalb speziell am ersten Reifensatz, der in der Qualifikation möglicherweise beschädigt worden war, einen höheren Luftdruck", so Newey.

Pirelli droht Newey mit einer Klage

Ein weiterer Vorteil war, dass ein Einsatz des verstellbaren Heckflügels in den ersten Runden nicht erlaubt ist. Der Stardesigner erklärt, warum: "Der Schaden entsteht durch Geschwindigkeit und Belastung. Der verstellbare Heckflügel erleichtert das Heck, wohingegen vorne noch immer die gleiche Belastung herrscht - man fährt aber viel schneller."

Die internen Berechnungen, in die auch Pirellis Daten eingeflossen waren, ergaben, dass Red Bull bereits nach wenigen Runden stoppen musste. "Es war keine besonders tolle Situation. Anhand der Informationen über die Drücke und der Situation um den verstellbaren Heckflügel gingen wir davon aus, dass Marks Reifen bis Runde zwei oder drei halten würden. Bei Sebastian deutete es auf Runde fünf hin. Das waren die Gründe für unsere ersten Boxenstopps."

Nach den Stopps untersuchte man die Reifen und erkannte, dass die Haltbarkeit besser als erwartet war. Dennoch zitterte Newey bis zum Rennende - nach der Ziel-Durchfahrt ließ er sich zu Aussagen hinreißen, die Pirelli sauer aufstießen. Er bezeichnete die Gummis in einem 'BBC'-Interview als Sicherheitsrisiko. Laut dem 'Spiegel' droht Pirelli dem Briten nun mit einer Klage wegen Rufschädigung, sollte er die Aussage nicht zurückziehen. "Darüber muss man nachdenken", wird ein Pirelli-Sprecher zitiert.

Hockenheim 2000: Newey und der Reifendruck

Red-Bull-Teamchef Christian Horner zeigt Verständnis für seinen Technikverantwortlichen: "Adrian nimmt den Sicherheitsaspekt enorm ernst. Heute Morgen war er über die Sicherheit der Reifen, mit denen wir ins Rennen gegangen sind, besorgt." Das bestätigt auch Mark Webber: "Wir haben uns wegen der Reifen große Sorgen gemacht, besonders in Eau Rouge."

Doch Newey ist auch bekannt dafür, ans Limit zu gehen. Auch bei den Reifen. 2000 explodierte in Hockenheim am McLaren von Mika Häkkinen ein Reifen bei Tempo 300. Gerüchten zufolge hatte man damals mit dem Reifendruck experimentiert. Der Technikverantwortliche hieß schon damals Newey.

Reifentrick als Grund für Quali-Dominanz?

Und Ex-Jordan-Technikchef Gary Anderson vermutet sogar den Grund für die Red-Bull-Dominanz im Qualifying - in dieser Saison stand noch nie ein anderes Auto als der RB7 auf der Pole - bei den Reifen. "Um das zu erreichen, muss man etwas gefunden haben, dass es dem Team erlaubt, bereits in der ersten Runde den maximalen Grip zu haben. Im Rennen haben sie aber nicht die gleiche Dominanz."

Er spekuliert: "Einer der Tricks von Red Bull könnte sein, dass man einfach einen etwas niedrigeren Reifendruck im Qualifying benutzt. Da man den Druck vor dem Rennen verändern kann, kann man einfach ein paar psi dazugeben. Das klingt fast zu einfach, aber in diesen High-Tech-Zeiten kann es schon mal passieren, dass man das Offensichtliche nicht erkennt."

Anderson sieht auch einen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Reifendruck und einem extremeren Sturz: "Wenn man Reifen mit einem niedrigeren Reifendruck verwendet, dann tendieren sie zu einem negativeren Sturz. Das erkennt man dadurch, dass der Reifen unten weiter außen ist als oben. Das muss man tun, denn wenn das Auto um eine Kurve fährt, dann verwinden die starken Querkräfte an der Außenseite der Reifen den Gummi."

Fotoquelle: Red Bull/Getty

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