Auch mit silberner Kappe ist Michael Schumacher ein wahrer Magnet

Formel 1 2011

— 08.09.2011

Schumacher: Monza und die Erinnerungen

Zwischen Tifosi-Wahn und dunklen Momenten: Mercedes-Pilot Michael Schumacher blickt in Monza auf fünf Siege und zahlreiche Erinnerungen zurück

Bereits fünf Mal stand Michael Schumacher in Monza ganz oben. Alle Siege feierte er als Ferrari-Pilot vor einem Meer an Tifosis. Da ist es klar, dass der Deutsche besondere Erinnerungen an das Rennen in Italien hat. Dennoch erinnert er sich auch an dunkle Momente, wie das Rennen nach dem 11. September 2001 und den tragischen Unfall von Graf Berghe von Trips.

Frage: "Monza ist durch deine Ferrari-Vergangenheit sicher etwas Besonderes für dich."
Michael Schumacher: "Das stimmt. Ich habe hier zahlreiche Erinnerungen aus der Zeit mit meinen Freunden in Rot. Ich freue mich auf ein unterhaltsames Wochenende."

Frage: "Du warst in den vielen Jahren in der Formel 1 stets zuversichtlich. Deine Performance in Spa-Francorchamps, besonders im Rennen, war sehr gut. Hat dir das einen zusätzlichen Antrieb beschert?"
Schumacher: "Es hat mir auf jeden Fall eine Genugtuung gegeben. Natürlich war es ärgerlich, den Medien immer wieder aufs Neue zu erzählen, wozu man in der Lage ist."

"Aus unterschiedlichen Gründen war es nicht möglich, das zu beweisen. Ich hatte nie das Gefühl, dass es einen Grund gibt, warum ich meine Zuversicht verlieren sollte. Die meisten Rennen war ich schnell, auch wenn die Ergebnisse das oft nicht widergespiegelt haben."

Freude auf Japan

Frage: "Wie beurteilst du Lewis Hamiltons Fahrstil? Ist er zu aggressiv oder ist das noch im Rahmen?"
Schumacher: "Ich wüsste nicht, was ich in Spa als aggressiv einordnen würde. Er war nicht aggressiv und hat sich lediglich falsch verteidigt. Dabei hat er den Abstand zum Auto neben ihm falsch eingeschätzt. Dieser war nicht groß genug und jemand anderes war neben ihm. Ehrlich gesagt, habe ich mit dieser Einstellung kein Problem. Das gehört dazu."

Frage: "Welches Gefühl hast du, dieses Jahr nach Japan zu fliegen?"
Schumacher: "Nachdem, was Japan alles durchgemacht hat, freue ich mich, dorthin zu kommen. Ich möchte den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Einige unserer Fans dort kommen seit vielen Jahren. Die Formel 1 hat eine große Bedeutung in Japan."

"Wir freuen uns, ihnen eine Freude zu bereiten, mit dem was wir machen,. Es gibt nur begrenzte Möglichkeiten, wie wir die Situation in Japan verbessern können. Ich bin fasziniert von der Einstellung der Japaner und wie sie wieder in den Alltag gefunden haben, besonders wie schnell das vonstatten ging. Ich freue mich, dort meine Freunde wiederzusehen."

Frage: "Du bist hier in Monza damals nach einem sehr emotionalen Sieg zurückgetreten. Denkst du, dass ein Sieg vor den Tifosi der beste Ort wäre nach deiner Rückkehr?"
Schumacher: "In Monza zu gewinnen, ist einer der Momente, die einen am meisten beeindrucken. Besonders wenn man auf dem Podium steht, spürt man eine einzigartige Atmosphäre. Diese Intensität gibt es nirgendwo anders. Ich denke aber nicht, dass wir momentan einen Grund haben, über Siege zu reden. Das können wir uns fürs kommende Jahr vornehmen."

Was ist möglich?

Frage: "Was nimmst du dir für dieses Wochenende vor? Welches Resultat ist möglich?"
Schumacher: "Wir bewegen uns aktuell auf Position sieben oder acht. Das ist recht konstant. Wir sind das viertstärkste Team. Das ist unser Optimum. Es sei denn, Lewis fällt aus und Felipe hat Probleme. Ansonsten liegen wir auf sieben und acht. In Monza ist die Höchstgeschwindigkeit wichtig, was uns entgegen kommt. Strecken mit wenig Kurven liegen uns. Ehrlich gesagt, glaube ich aber nicht daran, dass sich unsere grundsätzliche Position ändern wird, weil die Lücke zu groß ist. Wenn sich die Möglichkeit bietet, werden wir sie aber sicher nutzen."

Frage: "Ist es ein emotionaler Unterschied, ob man als Mercedes- oder Ferrari-Fahrer nach Monza kommt?"
Schumacher: "Definitiv. Man stelle sich nur mal die Tifosi vor, wenn man in einem Ferrari sitzt. Sie sind sehr begeistert. Wenn man in einem silbernen Auto sitzt, ist das Interesse natürlich geringer. So ist das nun einmal. Nichts desto trotz ist es für mich kein Unterschied. Ich bin hier auch nicht in der Lage, um den Sieg zu kämpfen. Zudem bin ich nicht enttäuscht, in einem Mercedes zu sitzen und nicht in einem Ferrari. Sie bereiten mir ähnlich viel Spaß. Die Außenwirkung ist aber natürlich eine andere."

Frage: "Ihr habt im Vorjahr das Auto besser verstanden, als ihr die Weiterentwicklung verringert habt. Dieses Jahr scheint sich eine ähnliche Tendenz abzuzeichnen. Oder lag die Performance in Spa an der Streckencharakteristik?"
Schumacher: "Zum Teil hat es sicher mit der Streckencharakteristik in Spa zu tun. Spa ist auch eine schnelle Strecke. Das kommt uns entgegen. Monza wird ähnlich sein. Dennoch liegen wir im Normalfall auf sieben oder acht."

"Das Qualifiying in Spa war etwas außergewöhnlich und damit keine Referenz. Im Rennen war das Tempo genau dort, wo wir uns gerade befinden. Ich würde also nicht behaupten, dass wir das Auto im Moment besser verstehen. Der Konkurrenzkampf hat sich etwas verändert. Es gibt drei Topteams, die sehr eng beieinander liegen. Vergangenes Jahr war das nicht der Fall."

Ist Monza anspruchsvoll?

Frage: "Die Strecke in Monza wirkt für den Außenstehenden sehr simpel: Man gibt Gas, bremst, fährt durch die Kurve und gibt wieder Gas. Ist es vom fahrerischen dennoch eine Herausforderung?"
Schumacher: "Ja. Ehrlich gesagt, ist es auf jeder Strecke so banal, wie beschrieben. Die Kunst hier ist, dass man mit sehr wenig Abtrieb fährt."

"Das Auto ist immer sehr unruhig und rutscht beim Bremsen ständig. Diese Präzision hinzubekommen, die hier notwendig ist, und das Auto und speziell die Reifen nicht zu überstrapazieren, was kurzfristig schneller sein kann, aber schnell wieder nachlässt, weil die Reifen überhitzen, ist hier ein Drahtseilakt. Monza hat seine eigenen Gesetze und Herausforderungen. Das ist natürlich auch spannend."

Frage: "Vor zehn Jahren waren die Autos anders. Es gab zwei Reifenhersteller und Nachtanken war erlaubt. Was sind die größten Unterschiede? Was macht mehr Spaß? Was war die größere Herausforderung?"
Schumacher: "Es ist eine andere Herausforderung gewesen. Zum einen gab es zu der Zeit elektronische Möglichkeiten, die wir heute nicht mehr haben. Die Wege, das Auto zu optimieren, sind heute nicht mehr so intensiv. Natürlich ist die Entwicklung der Reifen ein ganz großer Fakt. Das Auto mit den ganzen Möglichkeiten von damals auf die Reifen abzustimmen, bringt einen nahe an die Perfektion. Heute müssen wir mit sehr vielen Kompromissen leben, weil die sich nicht abstellen lassen."

Dunkle Erinnerungen

Frage: "Dieses Jahr jährt sich auch 9/11 zum zehnten Mal. 2001 bist du wenige Tage nach den Anschlägen hier gefahren. Ich glaube jeder weiß, wie er den 11. September erlebt hat und was er an dem Tag getan hat."
Schumacher: "Am 11. September waren wir auf der Messe in Frankfurt. Kurioserweise bin ich dann nach meinem Termin Norbert Haug auf dem Parkplatz über den Weg gelaufen. Er hat mich über die Geschehnisse informiert. Zu dem Zeitpunkt wusste keiner so richtig, was Sache war."

"Ich hatte noch gar nichts gehört. Er hatte mir praktisch den ersten Hinweis gegeben. Wir standen fassungslos da und konnten nicht glauben, was wir gehört haben. Bilder hatten wir zu dem Zeitpunkt noch keine. Dementsprechend war das eine sehr extreme Rückreise nach Hause. Ich konnte mir dann erstmals Bilder ansehen, die ich ungläubig zur Kenntnis nahm."

"Das Rennen war ganz im Zeichen dessen. Ich konnte mich gut daran erinnern, dass ich mich nicht wirklich danach gefühlt habe, hier ein Rennen zu fahren und zu kämpfen. Das war nicht vorhanden. Wir haben versucht, eine vernünftige Initiative zu ergreifen, weil wir in Monza ja schon einen schweren Unfall hatten. Wir haben versucht, eine Regelung zu finden, dass in den ersten beiden Schikanen nicht überholt werden darf. Da waren dann zwei oder drei andere dagegen. Deswegen hat das leider nicht stattgefunden."

"Ich habe mich dennoch an meiner eigenen Regel orientiert und habe mich im Rennen zurückgehalten und bin es einfach nach Hause gefahren, um das alles so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Dann konnte ich mich mit der Sache auseinandersetzen."

Frage: "Vor 50 Jahren ist hier Graf Berghe von Trips auf dem Weg zum Weltmeistertitel verunglückt. Welche Gedanken hast du über den Urvater der Formel 1 in Deutschland?"
Schumacher: "Was mich mit Wolfgang Graf Berghe von Trips verbindet, ist der Kartclub. Angefangen hat das Ganze bei mir ja auf der Kartbahn in Kerpen, die von Graf Berghe von Trips gegründet wurde. Da war unser Kartclub zu Hause. Vor zwei Wochen haben wir dem 50-Jährigen gedacht. Ich war ihm immer dankbar für die Möglichkeit einer Rennstrecke, auch wenn ich ihn nicht persönlich kennenlernen durfte. Dort zu begonnen zu haben, ist eine spezielle Sache, auf die ich sehr stolz bin."

Frage: "Unsere Generation hatte ihn nicht mehr erlebt. Aber welche Bedeutung hatte er für den deutschen Motorsport und was hat er außer der Kartbahn noch bewegt?"
Schumacher: "Er hat zu dem Zeitpunkt die Qualität des Motorsports in die Öffentlichkeit geholt. Die Formel 1 war zu dem Zeitpunkt noch nicht so ein großes Thema, zumindest in Deutschland. Zu der Zeit, als Graf Berghe von Trips mit Ferrari um die Weltmeisterschaft gekämpft hat, war das sicherlich schon ein größeres Thema, so wie es bei mir später auch wieder aufgekommen ist. Es ist für die Jugend, die dann nachkommt, immer eine große Chance, weil dann viel mehr Möglichkeiten bestehen."

Schumacher über Vettel

Frage: "Im Sport geht es ja oft um Erwartungen. In der WM führt Sebastian Vettel mit 92 Punkten vor Mark Webber. Welche Erwartungen hast du für die ausstehenden Rennen?"
Schumacher: "Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich gehe davon aus, dass es für Sebastian recht klar ist. So viele Dinge können gar nicht mehr schief laufen, die schief laufen müssten. Ich werde ihm weiterhin die Daumen drücken."

Frage: "Wie beurteilst du die sportliche als auch menschliche Entwicklung von ihm?"
Schumacher: "Ich muss mich erst einmal auf die sportliche Entwicklung konzentrieren. Es ist ganz klar, zu sehen, welchen Weg er gegangen ist. Er hat sich stetig gesteigert und zum positiven entwickelt. Das freut mich."

"Es freut mich, das seit seinem Kindesalter mitzuerleben und jetzt auch die Erfolge zu sehen. Menschlicher Natur haben wir schon immer einen engen Draht zueinander gehabt. Das ist dann umso schöner, wenn es harmonisch miteinander geht. Ich freue mich auf die Zukunft, wenn die Möglichkeit besteht, das Ganze näher mit ihm zu erleben. Wir werden sicher noch viel Spaß haben."

Fotoquelle: xpb.cc

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