2012 bringt Pirelli einen neuen Hinterreifen und die Teams in die Bredouille

Formel 1 2011

— 12.10.2011

Neuer Hinterreifen 2012: Teams tappen im Dunkeln

Renault-Technikchef James Allison erklärt, warum alle Teams beim neuen Hinterreifen für 2012 pokern müssen und wieso Renault den Windkanal umrüstete

Renault saß zu Saisonbeginn mit den zwei Podestplätzen durch Witali Petrow und Nick Heidfeld wie der große Aufsteiger aus, doch seitdem geht es mit dem Rennstall aus Enstone bergab. Das Entwicklungstempo wurde auch beeinträchtigt, weil der Windkanal von 50- auf 60-Prozentmodelle umgestellt wurde, was sogar einen zwölftägigen Komplettausfall im Juli zur Folge hatte.

Das musste geschehen, bevor die Vorbereitungen auf die Saison 2012 in die heiße Phase gingen - somit opferte man die Saison 2011, die durch den Ausfall von Robert Kubica und die nicht erfüllten Hoffnungen mit dem radikalen Frontauspuff ohnehin nicht nach Wunsch verlief.

Warum Renault den Windkanal umstellte

Doch warum war so ein enormer Eingriff beim Windkanal überhaupt notwendig? Technikchef James Allison holt aus: "Der Grund, warum gewisse Teams das Feld anführen, ist dass sich die deutliche Mehrheit ihrer Experimente im Testbereich auf den physischen Bereich übersetzen lassen. Gute Aeroleute bemühen sich also abgesehen von guten aerodynamischen Ideen um eine Testumgebung, in der sich das Ergebnis ihrer Arbeit im Windkanal in Rundenzeit auf der Rennstrecke übersetzen lässt. Sie bemühen sich um eine Korrelation - also eine Übereinstimmung - zwischen dem Test im Windkanal und dem Test an der Strecke."

Aus diesem Grund habe auch Renault den Windkanal von 50- auf 60-Prozent-Modelle umgestellt, denn je größer das Modell, desto genauer und realitätsgetreuer sind die Ergebnisse. Das wahre Geheimnis bei der Arbeit im Windkanal sind aber die Reifen: Pirelli baut spezielle Windkanal-Pneus - also kleinere Abbilder der Originalgummis -, die auch bei simulierten Kurvenfahrten realistische Ergebnisse liefern sollten.

Windkanal-Reifen als entscheidendes Element

"Die Form des Reifens ist einer der wichtigsten Faktoren, wenn es um das Generieren von Abtrieb geht", weiß Allison. "Der Reifenhersteller liefert uns Gummireifen für den Windkanal, aber es gibt keine Garantie, dass sie die richtige Form besitzen. Zu Beginn war Pirelli bei den Windkanal-Reifen meilenweit von der richtigen Form entfernt. Es ist aber natürlich sehr schwierig, das hinzukriegen, und sie haben sich sehr bemüht und viele Schritte gemacht, bis sie auf ein Ergebnis kamen, das alles andere als schlecht ist."

Wenn man die Windkanal-Reifen vom Reifenausrüster erhalten hat, beginnt aber erst die eigentliche Arbeit. "Man muss die echten Reifen vermessen und sie verformen, um die richtige Form herauszufinden", erklärt der Renault-Technikchef die Herangehensweise. "Dann vermisst man den Modellreifen und versucht, den Luftdruck und den Verformungsgrad herauszufinden, damit er die richtige Form besitzt. Da gibt es unterschiedlichste Wege, um das zu erreichen. Die erfolgreichsten Teams haben einen Weg gefunden, um die Realität nachzuahmen."

Renault wähnt sich durch die Umstellung des Windkanals auf größere Modelle auf dem richtigen Weg. "Wir haben auch die Art, wie wir die Felgen und die Reifen befestigen, verändert. Wir hoffen, dass uns das hilft. So haben wir sehr viel Performance gewonnen - es möge so weitergehen", gibt er sich zuversichtlich.

Warum die Technikchefs im Dunkeln tappen

Doch nun steht das Technikteam vor der nächsten Herausforderung: Pirelli verändert 2012 die Konstruktion des Hinterreifens. "Daher erfordert das Thema Windkanal-Reifen ständige Wachsamkeit", meint Allison.

Da die Teams die Windkanal-Version vor dem echten Reifen erhalten, stehen die Technikchefs der Teams vor einer wichtigen Entscheidung, die für rauchende Köpfe sorgt. "Entweder man vertraut, dass die Reifen perfekt übereinstimmen, oder man übernimmt einfach die Belastungsbedingungen, die bei den diesjährigen Windkanal-Reifen zum Einsatz kommen", schildert Allison die zwei Möglichkeiten.

"Es ist ein bisschen wie würfeln", so Allison, "denn niemand kennt die genaue Form: Setzt man auf die alten Reifen oder nimmt man die neuen, die noch nicht auf ihre Richtigkeit überprüft und korreliert wurden. Das ist ziemlich beängstigend."

Renault-Auspuffsystem als Achillesferse

Auch wenn das Reglement im Großen und Ganzen stabil bleibt, gibt es also offenbar doch enorme Herausforderungen für die Technikteams. Die größte Änderung betrifft vor allem Renault, denn das Team aus Enstone setzte 2011 auf einen innovativen Auspuff, der vor den Seitenkästen auf Höhe des Fahrers herausragt. Ein Konzept, das sich nicht bewährt hat.

In der kommenden Saison sind Auspuffsysteme, die den Diffusor anblasen, ohnehin verboten - Technikchef Allison muss also auf ein konservatives Konzept zurückrüsten. "Zu Saisonstart fühlten wir uns wunderbar, aber je länger die Saison dauerte, desto schuldiger habe ich mich gefühlt, diesen Weg eingeschlagen zu haben", gibt er sich inzwischen selbstkritisch. "Das sorgte in Enstone für Schwierigkeiten, die man sich nicht verdient hat. Aber sie haben alles probiert und das Auto immer weiter verbessert und wir werden hoffentlich dieses Jahr wieder in Schuss kommen."

Rund um die Rennen in Valencia und Silverstone gab es heftige Diskussionen, als die FIA den innovativen Auspuffsystemen den Kampf ansagte - teilweise wurden sogar während des Renn-Wochenendes Änderungen am Reglement durchgeführt, was vielen Rennställen sauer aufstieß. In der Sommerpause - also in einer Zeit, als die neuen Boliden für 2012 längst in der Entwicklungsphase waren - wurde dann das Reglement im Bereich des Auspuffs für die kommende Saison angepasst.

Kurzfristige Auspuff-Reglementänderung kein Problem?

Renault sei beim Bau des neuen Autos schon sehr weit, erklärt Allison: "Aber in vielerlei Hinsicht ist es ein Neustart für alle, denn die Auspuffregeln sorgen in der kommenden Saison bei allen für große Änderungen. Diese Auspuffregeln wurden in Wahrheit in der Sommerpause kurzfristig hinausgeschossen. Jeder wurde also in der zweiten Augusthälfte kalt erwischt."

Dennoch beschwert er sich nicht über die späte Bekanntgabe des endgültigen Reglements: "Wir haben noch genug Zeit, denn alle Teams wollen es hinbekommen. Wir wollen das Chaos verhindern, das dieses Jahr in Silverstone passiert ist. Wir hatten im Juni ausreichend Gespräche, damit wir alle wissen, wo wir hinwollen. Darauf lässt sich einstimmig aufbauen. Solange alle einer Meinung sind, gibt es immer genug Zeit, denn jeder will es umsetzen."

Mit den Auspuffrestriktionen verschwindet also ein weiterer Bereich, der Raum für Innovation lässt, aus der Formel 1. Doch wie kann man sich für 2012 gegenüber der Konkurrenz einen entscheidenden Vorteil verschaffen? "Es gibt immer einen Bereich, aber ich werde da jetzt nicht ins Detail gehen", gibt sich Allison geheimnisvoll. "Ich kann aber sagen, dass unsere Leute schon seit Januar am nächstjährigen Auto arbeiten. Jetzt konzentrieren wir uns fast vollständig darauf."

Fotoquelle: xpb.cc

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