Die Piloten wechseln mehrmals am Wochenende den Rennanzug

Formel 1 2011

— 22.10.2011

Feuerfest war gestern: Das Geheimnis der Rennanzüge

Formel-1-Anzüge im Check: Wie oft die Fahrer sie wechseln, welchen Tests sie widerstehen müssen, warum sie heute schicker aussehen und wie viel sie wert sind

Einst fuhren die Piloten mit Lederhaube und Fliegerbrille ins Ungewisse. Am Körper trugen sie nicht viel mehr als einen ölverschmierten Baumwoll-Overall. Der Tod war ein ständiger Begleiter, denn damals brannten die Autos noch gerne. Heute - 50 Jahre später - haben sich nicht nur die Boliden verändert, die damals noch an filigrane Zigarren auf vier Rädern erinnerten, sondern auch das Outfit der Piloten.

Sie sind längst feuerfest, aber das ist noch lange nicht alles, wie Jeremy Appleton verrät. Der Brite ist Kommunikationschef der Firma Alpinestars, die unter anderem das Force-India-Team mit Rennanzügen ausrüstet. "Feuerfeste Anzüge gibt es schon seit langer Zeit, seit Beginn der 1970er-Jahre", weiß er.

Abergläubische Fahrer wechseln seltener

Die damaligen Anzüge hatten aber mit den heutigen wenig gemein. "Das Material hat sich deutlich verbessert - in den Stoff ist sehr viel Forschung und Entwicklung eingeflossen." Alpinestars beschäftigt in Italien rund 120 Leute, die sich im Entwicklungszentrum nur mit einer Frage beschäftigen: Wie kreiere ich den perfekten Rennanzug?

Jeder Fahrer erhält pro Saison ungefähr 20 Anzüge. Normalerweise verwendet der Fahrer bei jeder Session einen frischen Anzug. "Manche fühlen sich aber in einem speziellen Anzug wohl, oder sie glauben, dass er ihnen Glück bringt - und dann tragen sie ihn länger", gibt der Brite interessante Einblicke.

Doch nicht nur die Fahrer, sondern auch die Mechaniker müssen seit Einführung der Tankstopps 1994 feuerfeste Anzüge tragen. "Jeder bekommt seinen individuellen Anzug", stellt Appleton klar. "Die Anzüge der Mechaniker werden immer wieder überarbeitet - sie haben Gürtel mit Funk und Taschen für all die Dinge, die sie tragen müssen."

Worauf es ankommt

Doch worauf kommt es bei einem Rennanzug überhaupt an? "Auf die Performance des Anzugs", zögert er nicht lange - und geht ins Detail. "Wie leicht ist er? Das ist aus Sicht des Teams das wichtigste. Für die Fahrer ist wichtig, wie gut er passt, wie angenehm er sich im Auto trägt und wie atmungsaktiv er ist. Der Körper des Fahrers muss sich unter diesen Bedingungen so angenehm wie möglich anfühlen. Außerdem müssen wir die FIA zufriedenstellen - da geht es um den Schutz vor Feuer und Hitze."

Beim Grand Prix von Deutschland auf dem Nürburgring machte der Automobil-Weltverband tatsächlich ernst: Die Fahrer wurden genau überprüft, ob sie auch wirklich die Wäsche tragen, die vom Reglement vorgeschrieben ist - als die Piloten einmal die Ärmel ihrer Unterwäsche einfach abschnitten, um die Hitze in Sepang besser zu ertragen, rümpften die FIA-Vertreter die Nase. Man erstellte eine Liste von Parametern, denen ein Rennanzug entsprechen muss. "Wir testen die Anzüge genauestens, um all diesen Kriterien zu entsprechen", sagt Appleton.

Nomex als Zauberwort

Die Anzüge bestehen aus der Aramidfaser Nomex. "Das ist eine Art feuerfeste Baumwolle", erklärt der Alpinestars-Kommunikationschef. "Das funktioniert extrem gut." Jeder Rennanzug besteht aus drei individuellen Schichten, die einem Feuertest bestehen müssen. "Das ist ein sehr harter Test", gibt er Einblicke in die Prüfmethoden. "Dort wird der Stoff mindestens zehn Sekunden lang mit Feuer in Berührung gebracht - er darf nicht brennen und auch keine Löcher aufweisen, nichts darf schmelzen oder sich ablösen. Wenn man ein normales T-Shirt diesem Test unterziehen würde, dann würde es sich auflösen."

Der Rennanzug muss dabei Temperaturen von an die 1.000 Grad Celsius standhalten - das ist heißer als brennendes Benzin. "Das müssen wir tun, um den Ansprüchen der FIA nachzukommen", erklärt der Brite den Grund für diese Methode. Doch der Overall muss nicht nur extremer Hitze gewachsen sein, sondern gleichzeitig gewährleisten, dass Rennfahrer bei Hitzerennen nicht dehydrieren - er muss also atmungsaktiv sein. Es ist keine einfache Aufgabe, diese zwei Gegensätze zu verbinden, denn in Malaysia kann es schon vorkommen, dass die Temperaturen im Cockpit die 60 Grad erreichen.

Jedes Gramm zählt

Bei enormer Hitze, wenn der Fahrer an seine körperlichen Grenzen gebracht wird, spielt zudem jedes Gramm eine Rolle. "In den vergangenen sechs, sieben Jahren sind die Anzüge um fast 500 Gramm leichter geworden", erzählt Appeton stolz. "Das klingt nicht nach sehr viel, aber das Gesamtgewicht der Formel-1-Rennanzüge beträgt ungefähr 750 bis 800 Gramm. Wir haben das Gewicht also um fast ein Drittel reduziert - in nicht allzu langer Zeit."

Damit sich der Fahrer im Auto wohlfühlt, ist der Anzug "vorgeformt, damit die Form passt, wenn der Fahrer im Auto festgezurrt ist - der Anzug muss dehnbar sein." Und auch die Ästhetik spielt inzwischen eine Rolle. "Die Anzüge sind schicker", meint Appleton. "Die Fahrer sehen heute eleganter aus als in der Vergangenheit. Das ist ein Prozess von ständiger Weiterentwicklung."

Was kostet ein Formel-1-Rennanzug?

Bleibt die Frage, ob Otto Normalverbraucher auch die Möglichkeit hat, einen nach Formel-1-Kriterien hergestellten Rennfahrer-Anzug zu kaufen? "Diese Anzüge unterscheiden sich in Sachen Technologie sehr stark von den Anzügen, die man am Markt erhält", erteilt der Brite diesem Wunsch eine Absage. "Auch wenn die Technologie natürlich von den Formel-1-Rennanzügen abgeleitet wird und in die Anzüge, die man kaufen kann, einfließt: Wir sind einen Schritt voraus."

Dementsprechend schwierig ist es auch, den Wert von Adrian Sutils Rennanzug zu beziffern. "Bei dieser Technologie handelt es sich um einen Prototypen, daher ist es schwierig, einen definitiven Preis festzulegen", bestätigt Appleton - und überlegt: "Es wird sich so ungefähr im Bereich von 1.500 Pfund (umgerechnet 1.725 Euro) abspielen - wenn wir auch die Entwicklungskosten mit einbeziehen."

Fotoquelle: xpb.cc

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