Franz Tost kann das Kundenauto-Verbot der FIA nicht nachvollziehen

Formel 1 2011

— 03.11.2011

Formel-1-Kommission: Fällt das Kundenauto-Verbot?

Heute entscheidet die Formel-1-Kommission über ein Kundenauto-Comeback: Warum das Verbot für Franz Tost nicht zeitgemäß ist und was gegen die Rückkehr spricht

2010 wurden die Kundenautos in der Formel 1 verboten. Sehr zum Nachteil von Toro Rosso. Die Truppe aus Faenza beauftragte davor die Red-Bull-Dachfirma Red Bull Technology, um den Boliden herstellen zu lassen. So nützte man die Synergien mit Red Bull Racing und verbesserte die Effizienz. Der Sieg von Sebastian Vettel mit einem Team, das wenige Jahre davor noch als Minardi die letzte Startreihe gebucht hatte, war die Folge.

Trotz der Reglementänderungen ist das Thema "Kundenautos" keineswegs vom Tisch. Beim heute in Genf stattfindenden Treffen der Formel-1-Kommission wird Red Bull für eine Wiedereinführung der Kundenautos plädieren. Kritiker befürchten, dass Mittelklasse-Teams, die nicht als Satelliten-Rennställe agieren, durch die Kundenauto-Lösung von vornherein chancenlos wären. Zudem würden die Autos einander noch mehr gleichen, als dies ohnehin bereits der Fall ist.

Tost wundert sich über Verbot

Doch Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost versteht nicht, warum es seinem Rennstall nicht mehr möglich ist, den Boliden von Red Bull beziehen zu können. "Der genaue Grund dieser Gesetzesänderung (2010, Anm.) ist schwer zu eruieren", sagt der Österreicher gegenüber der 'SportWoche'. "Manche meinten, wenn das mit den sogenannten Kundenteams Einzug hält, dann geht die DNA der Formel 1 verloren. Das heißt: Jedes Team muss sein eigenes Auto bauen und die entsprechende Forschungs- und Entwicklungsarbeit leisten. Ich sehe das anders."

Tost findet, dass das Kundenauto-Verbot nicht mehr zeitgemäß ist und die Formel 1 sich an den weltweiten Trend, auf Effizienz und Nachhaltigkeit zu setzen, anpassen sollte: "Heutzutage arbeiten selbst große Konzerne zusammen, in der Formel 1 scheint aber eine enge Kooperation zwischen zwei Teams nicht möglich zu sein. Es ist für mich der absolut falsche Weg. Normalerweise sollte man hergehen und sagen: Man nimmt ein Technologie-Center, von dem zwei Teams mit Zeichnungen und Teilen versorgt werden. Das spart Geld."

Toro Rosso: Millionenaufwand ohne positive Auswirkung?

Toro Rosso musste hingegen seit dem Kundenauto-Verbot viel Geld in die Hand nehmen, um in der Minardi-Fabrik ein eigenes Formel-1-Auto konstruieren zu können. Zudem nützt man den Windkanal im englischen Bicester, was das Team auch logistisch vor eine Herausforderung stellt. "Wir mussten eine neue Aerodynamik-Abteilung mit CFD und Windkanal und eine Design-Abteilung und Produktion aufbauen", bestätigt Tost. "Da waren Investitionen in Millionenhöhe nötig."

Die positiven Resultate dieses Aufwands bleiben ihm allerdings verborgen: "Geht man dann auf die Startaufstellung, fällt es schwer, die Autos zu unterscheiden, abgesehen von der Lackierung und dem Branding. Das heißt, ich gehe jetzt nicht davon aus, dass durch das genau definierte Reglement etwas weltbewegend Neues erfunden wird. Deshalb würde es Sinn machen, sich mit einem anderen Team zusammenzuspannen. Man könnte sich diese ganze Forschungs- und Entwicklungsarbeit sparen. Aus wirtschaftlicher Sicht würde die Zusammenarbeit von zwei Teams hundertprozentig Sinn machen."

Kolles: Kundenautos kein Vorteil für kleine Teams

HRT-Teamchef Colin Kolles ist anderer Meinung. Er stellte schon vor dem Treffen der Formel-1-Kommission klar, dass er jeglichen Kundenauto-Vorschlag blockieren wird. "Das ist schlecht für die Formel 1", wird er von der brasilianischen Tageszeitung 'O Estado de Sao Paulo' zitiert. "Die Formel 1 ist, was sie ist - weil es von jedem Hersteller erfordert wird, die intellektuellen Rechte am eigenen Projekt zu besitzen. Es wäre ein Fehler, das Projekt von jemand anderem zu verwenden."

Er sieht keinen Bedarf für eine Änderung: "Das aktuelle System funktioniert für kleine Teams gut. Wir treten am Markt auf und beauftragen verschiedene Firmen, um ein paar Teile herzustellen. Aus diesem Grund besitzen wir keinen Windkanal und sparen Kosten."

Brawn fürchtet um Hersteller

Mercedes-Teamchef Ross Brawn stimmt Kolles zu. Er hält die Einführung von Kundenautos für eine Gefahr für die Formel 1. "Es klingt so einfach", meint der Brite gegenüber 'Autosport'. "Man baut ein drittes Auto und verkauft es an ein anderes Team. Wenn dieses Team dann aber die Saison mit einem sehr konkurrenzfähigen Auto bestreitet und viel geringere Kosten hat als ein Hersteller, dann werden wir die Hersteller verlieren, denn es ergibt für ein Team keinen Sinn mehr, ein eigenes Auto zu bauen. Das wollen wir nicht."

Für Brawn handelt es sich um ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal von anderen Rennserien, dass es sich um eine Konstrukteurs-WM handelt: "Es ist wichtig für die Formel 1, dass Konstrukteure und unterschiedliche Hersteller teilnehmen. Das ist seit Jahren charakteristisch für die Formel 1. Ich finde, wir müssen diese Ideen untersuchen, aber was das Konzept angeht, Autos zu verkaufen, wäre ich sehr vorsichtig."

Toro Rosso bald mit Renault-Motor?

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sich die Kundenauto-Idee durchsetzt, könnten Red Bull und Toro Rosso in einem Bereich schon bald die gleichen Teile benutzen: beim Antriebsstrang. Die Teams dürfen bereits jetzt von anderen Herstellern Teile wie KERS oder das Getriebe einkaufen.

Doch Toro Rosso setzt als italienisches Team seit Jahren auf einen Ferrari-Motor, während Red Bull ein Renault-Aggregat benützt. Dadurch kommt es zur kuriosen Situation, dass zwar Lotus mit einem Red-Bull-Getriebe fährt, aber nicht das B-Team Toro Rosso. Das soll sich aber in Zukunft ändern, wie Tost verrät: "Mittelfristig ist es auch unser Ziel, den gleichen Motorenhersteller zu haben wie Red Bull."

Fotoquelle: xpb.cc

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