Rubens Barrichello weiß nicht, ob er heute schon sein letztes Rennen fährt

Formel 1 2011

— 27.11.2011

Barrichello: Fünf Handys warten auf Anrufe

Rubens Barrichello vor dem vielleicht letzten Grand Prix seiner Karriere: Warum er nach Sponsoren sucht und wo er sich noch Chancen ausrechnen darf

Rubens Barrichello hat gestern in seiner Heimatstadt Sao Paulo das vielleicht letzte Qualifying seiner Grand-Prix-Karriere bestritten - und wie: Teamkollege Pastor Maldonado hängte der Routinier um gut eine halbe Sekunde ab, was im unterlegenen Williams den zwölften Startplatz bedeutete - vor Toro Rosso, vor Sauber, vor einem Renault.

"Die Runde war großartig", schwärmt er. "Ich bin mir sicher, dass das für die Verhältnisse unseres Autos eine Pole-Position-Runde war. Mehr wäre nicht gegangen. Der erste Sektor war zwar in der dritten Runde besser, aber da habe ich ausprobiert, ob der erste Sektor schneller geht, wenn ich mehr KERS einsetze. Ich hatte auf der schnellen Runde alles gegeben, also musste ich etwas anderes versuchen. Aber die Reifen waren da schon hinüber."

Abschiedsrennen, ohne es zu wissen?

Ungeachtet dieser Galavorstellung (übrigens mit Senna-Helmdesign und vor den Augen seiner kompletten Familie) weiß Barrichello noch immer nicht, ob er heute zum letzten Mal an einem Formel-1-Rennen teilnehmen wird oder nicht. Es wäre traurig, sollte es sein Abschied werden, ohne dass er es weiß, auch wenn ihn das angeblich "überhaupt nicht" stören würde: "Ich bin ein Mann der Öffentlichkeit und werde mich von den Menschen sowieso nie ganz verabschieden."

"Ich denke nicht so, dass ich eine Entscheidung treffen muss, nur weil die Zukunft ungewiss ist", sagt er. "Im Leben sollte man sich auf das Positive konzentrieren und dafür arbeiten. Meinem Sohn sage ich immer: 'Wenn du für die Prüfung nicht lernst, kann dir kein Gott der Welt eine Eins besorgen!' Das Gleiche gilt für unser Leben. Ich habe meine Arbeit sehr gut gemacht und heute bewiesen, dass in mir sehr viel Speed steckt, auch viel Motivation."

Sein Alter sei jedenfalls kein Handicap, findet der 39-Jährige: "Michael (42) und de la Rosa (40; Anm. d. Red.) sind viel älter als ich. Dagegen bin ich ja ein Teenager!" Andererseits ist Valtteri Bottas, der bei den Young-Driver-Tests in Abu Dhabi einen starken Eindruck hinterlassen hat, gerade mal 22 Jahre jung. Aber Alter muss nicht zwingend ein Nachteil sein, denn "Rubinho" kann seinem Arbeitgeber den Erfahrungsschatz des längstdienenden Fahrers der Formel-1-Geschichte anbieten.

Barrichello plädiert für Erfahrung

"Mit all den Änderungen für nächstes Jahr - dem neuen Motor, den neuen Ingenieuren - wäre es sehr clever vom Team, an den derzeitigen Fahrern festzuhalten", argumentiert Barrichello, stellt aber klar: "Ich erwarte keinen Gefallen. Wenn man will, dass ich bleibe, werde ich bleiben. Es ist nicht so, dass ich alles unterschreiben würde. Ich brauche ein gutes Paket, die richtige Kombination. Ich glaube, die hat Williams für nächstes Jahr. Ich kann ihnen beim Wachsen helfen."

Das Team setzt er "nicht unter Druck, sondern ich versuche ihnen zu zeigen, dass das der richtige Weg ist". Doch vorerst ist Warten angesagt, bis sich ein interessiertes Team meldet. Sorgen, dass er einen wichtigen Anruf verpassen könnte, macht sich Barrichello jedenfalls nicht, denn: "Ich habe momentan fünf Handys in meiner Tasche! Ich spiele Golf damit, gehe damit ins Fitnesscenter. Wenn mich jemand erreichen will, wird er mich erreichen."

Renault hat kein Interesse

Viele Möglichkeiten hat der elffache Grand-Prix-Sieger nicht mehr: Bei Renault-Teamchef Eric Boullier ist er abgeblitzt, Force India hat sich für Nico Hülkenberg und Paul di Resta entschieden, Toro Rosso setzt nur auf Red-Bull-Junioren. Bleiben neben Williams noch die drei neuen Teams. Lotus würde er sich vielleicht antun, HRT und Marussia eher nicht. Die beste Option für seine Zukunft wäre also nach aktuellem Stand der Dinge ein Verbleib bei Williams.

Grundsätzlich ausschließen will er Lotus, HRT oder Marussia nicht: "Ich würde mit jedem reden", gibt Barrichello zu, "aber ich brauche die Garantie, dass ich nächstes Jahr ein konkurrenzfähiges Auto bekomme. Dieses Jahr hat zwar vom Team her Spaß gemacht, aber das Fahren mit so einem Auto ist keine Freude, um ehrlich zu sein. Es ist mir schon wichtig, weiterhin Formel 1 zu fahren, aber ich will auch konkurrenzfähig sein."

Vorerst gilt es, einen möglicherweise langen und ungewissen Winter zu überstehen. Das kennt er schon von 2008/09, als er nach dem Honda-Ausstieg in der Luft hing - und wider Erwarten dank Ross Brawn ein Siegerauto hingestellt bekam. Diese Erfahrung "hilft mir jetzt, auch wenn ich nicht glaube, dass es diesmal wieder so lange dauern wird. Ich bin jetzt ruhiger." Weil er weiß, dass jede noch so hoffnungslose Situation auch eine Chance sein kann.

Massa rät zum Rücktritt

Aber Barrichellos Lage ist objektiv betrachtet aussichtsloser als vor drei Jahren, denn damals hätte er neben Brawn möglicherweise andere Alternativen gehabt. Die sind jetzt nicht mehr vorhanden, weswegen er voll auf Williams angewiesen ist. Daher hat er sich nun sogar dazu herabgelassen, Sponsoren zu suchen, was sein Landsmann Felipe Massa kritisch sieht. Barrichello: "Ich verstehe, dass Felipe mich beschützen will, aber irgendwie fühlt es sich gar nicht so schlecht an."

"Einige denken, es sei peinlich für mich, dass ich Sponsoren suchen muss. Wenn das notwendig ist, damit ich ein konkurrenzfähiges Auto bekomme, dann habe ich aber kein Problem damit", betont er. "Es läuft auch ganz gut. Ich rede mit einigen Leuten, die sehr interessiert sind, und ich hoffe, dass wir etwas zusammenstellen können. Ich weiß aber nicht, ob es davon abhängig ist. Ich habe dem Team nur gesagt, dass ich auf die Suche gehe - für den Fall, dass es so weit kommt."

Die beste Antwort wäre ohnehin ein Topergebnis beim Heimrennen, auch wenn ein Wunder passieren müsste, damit Barrichello im 19. Anlauf endlich in Interlagos gewinnt. Obwohl er ein Trockensetup gewählt hat, wünscht er sich für den Grand Prix Schlechtwetter: "Ich hoffe, dass es regnet, denn ich habe all meine Reifen verbraucht. Unser Auto ist im Regen nicht großartig, aber ich liebe Regen. Das würde mir schon helfen..."

Fotoquelle: Williams

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