Fernandes ärgert, dass die Schere zwischen Großen und Kleinen größer wird

Formel 1 2011

— 17.12.2011

Fernandes kritisiert: Kleine haben keine Chance

Caterham-Teamchef Tony Fernandes kritisiert, dass die Formel 1 zu teuer ist und Geld und Technik daher Fahrern und Rennställen die Show stehlen

1.919 Punkte wurden in den 19 Rennen der Formel-1-Saison 2011 vergeben, doch 1.760 davon gingen an die fünf besten Teams (Red Bull, McLaren, Ferrari, Mercedes und Renault). Das bedeutet, dass für die sieben kleinen Rennställe zusammengerechnet lediglich 8,3 Prozent aller WM-Zähler übrig blieben.

Eine eklatante Zweiklassengesellschaft also, die nach Meinung von Tony Fernandes vor allem einen Grund hat: "Es wird zu viel Geld ausgegeben - und noch dazu wird zu viel Geld in den falschen Bereichen ausgegeben, wenn du mich fragst", erklärt der Teamchef von Lotus (künftig Caterham). Besonders stört ihn, dass jene Innovationen, von denen der Fan auf der Tribüne nichts merkt, in der Formel 1 oftmals am teuersten sind.

Hohe Kosten für wenig Unterhaltung

"Ist KERS den 100.000 Fans auf der Tribüne wirklich wichtig? KERS kostet nicht eine Million, sondern drei, fünf, sieben Millionen", argumentiert Fernandes, der offen zugibt, dass er nicht einmal selbst mit der Hightech der Formel 1 vertraut ist. Und er wirft einen anderen Aspekt zum Beispiel KERS in die Diskussion ein: "Selbst für die Umwelt kann es nicht gesund sein, wenn wir diese Batterien entsorgen müssen."

Besonders die kleinen Teams in der Formel 1 haben jedes Jahr wieder Mühe, ihre Budgets aufzustellen. Daher fordert Fernandes gerade in der jetzigen Phase einen Denkprozess: "Ich meine, wenn das neue Concorde verhandelt wird, sollten wir uns über die Kosten wirklich Gedanken machen. Ich halte es für sehr wichtig, Standorte auszubauen, in Amerika Fuß zu fassen. Das wird nicht einfach, denn das kostet viel Geld."

"Der Sport soll Spaß machen", betont er - und meint, dass weniger Geld zu einem ausgeglicheneren Kräfteverhältnis führen könnte. Denn die eingangs dargestellte Zweiklassengesellschaft existiert in kaum einer anderen Sportart in so eklatanter Form wie in der Formel 1. Das kann Fernandes gut beurteilen, schließlich ist er seit einiger Zeit Haupteigentümer des Londoner Fußballklubs Queens Park Rangers (QPR).

"Es gibt eine Analogie zwischen dem Fußball in der Formel 1", schildert der malaysische Geschäftsmann. "QPR hat jede Woche die Chance, das Spiel zu gewinnen - sei es gegen Manchester City, wo wir beinahe Unentschieden gespielt hätten, oder gegen United. Aber Team Lotus (künftig Caterham; Anm. d. Red.) ist weit davon entfernt, ein Rennen zu gewinnen."

Mehr starke Teams würden Formel 1 beleben

"Jedes Mal, wenn wir einen Grand Prix starten, gibt es höchstens drei oder vier Teams, die eine Chance auf den Sieg haben", bedauert er. "Ich glaube, dass der Sport viel mehr Spaß machen würde, wenn jedes Mal 15 oder 20 Autos die Chance hätten, den Grand Prix zu gewinnen. Die Abstände sind einfach zu groß."

Dabei klaffen auch im Fußball Millionen zwischen Topklubs wie etwa Manchester City oder dem FC Chelsea und "kleineren" Premier-League-Teilnehmern wie eben QPR. Fernandes: "Ich habe kürzlich zu Mancini (Trainer von Manchester City; Anm. d. Red.) gesagt, dass sein linkes Bein mehr wert ist als meine gesamte Mannschaft, aber dennoch können wir sie herausfordern. In der Formel 1 haben wir gegen Red Bull keine Chance."

"Ich habe mir den Senna-Film angeschaut und das hat mich daran erinnert, dass früher auch mehr Teams gewinnen konnten. Das halte ich für ein Problem dieses Sports", sagt Fernandes. "Ich finde nicht, dass die Formel 1 durch die hunderten Millionen Euro, die wir reingesteckt haben, attraktiver geworden ist - vielleicht ein bisschen, mit DRS und so weiter, aber es ist noch ein langer Weg."

Auch einer Idee von Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo, die angeblich den kleinen Teams helfen soll, kann er nichts abgewinnen: "Es wird viel darüber geredet, dass man bald einen Kunden-Ferrari kaufen kann. Das halte ich nicht für den richtigen Weg." Aber: "Brauchen wir wirklich bei jedem Rennen ein Update? Es gibt viele Dinge, die für das Publikum keinen großen Unterschied machen, aber immense Kosten verursachen."

Technik soll nicht der Star sein

Denkbar wäre für ihn zum Beispiel, den Teams nur zu bestimmten Zeitpunkten der Saison zu erlauben, neue Teile ans Auto zu schrauben. Ob das der Weisheit letzter Schluss wäre, sei freilich dahingestellt, denn hinter den Kulissen würden Ferrari und Co. wahrscheinlich genauso intensiv weiterentwickeln wie bisher, damit die Updates dann zum Zeitpunkt X möglichst nutzbringend und umfangreich sind.

Generell ist Fernandes der Ansicht, dass die Fahrer und Teams die Stars der Formel 1 sein sollten und nicht die Technik. Das wurde ihm während der FIA-Pressekonferenz diesen Sommer in Silverstone bewusst, als sich Martin Whitmarsh (McLaren) und Christian Horner (Red Bull) einen verbalen Schlagabtausch über den angeströmten Diffusor lieferten - und der Lotus-Teamchef ratlos dazwischen saß, weil er den beiden nicht folgen konnte.

"Martin und Christian haben sich bei einer Pressekonferenz gestritten und ich saß dabei. Ich habe kein Wort verstanden! Da habe ich mich gefragt: Glaubt ihr ernsthaft, dass sich da draußen jemand dafür interessiert? Da könnte man das Geld klüger ausgeben", untermauert der 47-Jährige und ergänzt: "Ein angeströmter Diffusor macht für meine Caterham-Sportwagen null Unterschied."

Das Energierückgewinnungs-System KERS lehnt er hingegen nicht grundsätzlich ab: "KERS macht Sinn, aber nur wenn die Kosten stimmen. Ich kann kein Fünf-Millionen-KERS in einen Caterham-Sportwagen einbauen", argumentiert Fernandes mit der Serienproduktion im Hinterkopf. "Technologie muss leistbar sein. Je näher wir an der Automobilindustrie sind, desto besser."

Fotoquelle: Team Lotus

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