1973: Jackie Stewart im Tyrrell auf dem Weg zu seinem dritten WM-Titel

Formel 1 2012

— 22.01.2012

Stewart & Fittipaldi: "In den 70ern herrschte mehr Respekt"

Jackie Stewart und Emerson Fittipaldi, die Helden der 1970er-Jahre, erinnern sich an eine haarsträubende Kollision in Monaco und einen tragischen Tag in New York

Jackie Stewart und Emerson Fittipaldi holten sich zwischen 1969 und 1974 fünf von sechs möglichen WM-Titeln ab. Lediglich in der Saison 1970 gelang es in Person des unvergessenen Jochen Rindt einem anderen Piloten als "JYS" oder "Emmo", die Formel-1-Krone zu erobern.

Stewart, inzwischen 72 Jahre alt, erinnert sich noch gut an seine erste Begegnung mit dem heute 65-jährigen Fittipaldi, bei der dieser sich gleich einmal um zwei Stunden verspätete. "Nach meinem ersten WM-Titel 1969 war ich im Auftrag der Ford Motor Company das erste Mal in Brasilien", so Stewart gegenüber 'Autosport'.

"Für 20:00 Uhr war im Copacabana-Hotel in Rio de Janeiro ein Termin angesetzt, bei dem ich Emerson einen Pokal überreichen sollte. Meine Frau Helen und ich waren um 20:00 Uhr da und mussten zwei Stunden warten, bis dieser Kerl um 22:00 Uhr endlich aufkreuzte..." Fittipaldi schob die Verspätung auf den dichten Verkehr auf den Straßen Rios und merkt in der Rückblende mit einem Lachen an: "Wahrscheinlich war ich in der falschen Zeitzone unterwegs."

Auf der Rennstrecke hingegen waren sowohl Stewart als auch Fittipaldi im Kampf und Siege und Podestplätze stets auf den Punkt genau zur Stelle. Die frühen 70er waren die Ära des berühmten Cosworth-DFV-Motors, den seinerzeit nahezu alle Teams einsetzten. "Es gab damals eine große Menge wirklich talentierter Fahrer im Feld. Dank des Cosworth DFV hatte aber niemand einen Leistungsvorteil", blickt Stewart wehmütig auf die alten Tage zurück. Fittipaldi stimmt ihm zu: "Es ging damals unglaublich eng zu."

Monaco 1973: Kollision nach der Zielflagge

Ein Rennen ist den beiden Helden der 70er in besonderer Erinnerung geblieben: Der Grand Prix von Monaco 1973. "Ich bin im Verlauf meiner langen Karriere gegen viele große Champions gefahren", blickt Fittipaldi zurück. "Jackie gehörte zu denen, die sehr schwer zu schlagen waren, dich aber immer respektiert haben. Ich hatte nie ein Problem mit ihm außer in Monaco 1973."

Was war passiert? Stewart hatte sich am Steuer seines Tyrrell gegen den im Verlauf des Rennens näher und näher kommenden Lotus von Fittipaldi gerade so durchgesetzt und seinen zweiten Sieg im Fürstentum unter Dach und Fach gebracht. Als der Brasilianer ihm auf der Auslaufrunde ausgangs des Tunnels gratulieren wollte, verhakten sich die beiden Boliden miteinander und Fittipaldi fand sich plötzlich mit zwei Rädern in der Luft wieder: "Er drückte mich einfach gegen die Leitplanke, woraufhin ich mich beinahe überschlug. Er hat versucht, mich nach dem Grand Prix umzubringen."

Stewart nimmt die Schuld für den Zwischenfall auf seine Kappe: "Ich hatte keine Ahnung, dass er neben mir war. Ausgangs des Tunnels zog ich die Handschuhe aus. Mein Auto war steuerlos auf der Strecke unterwegs, als ich plötzlich diesen irren Schlag spürte. Daraufhin habe ich nur noch den Unterboden seines Autos gesehen. Niemals sonst habe ich mich nach einem gewonnenen Rennen so elend gefühlt", bekennt Stewart. Fittipaldi hat dem Schotten längst verziehen und verweist darauf, dass dies "unsere einzige Kollision in all unseren gemeinsamen Jahren" war.

Andere Art von Respekt

Überhaupt herrschte in den 1970er-Jahren ein größerer Respekt im Formel-1-Feld wie beide betonen. "Die Zwischenfälle, wie sie heutzutage passieren, gab es damals mit Jim Clark, Jochen Rindt, Francois Cevert oder Emerson einfach nicht", gibt Stewart zu bedenken. Diesen Umstand führt der seit eh und je aktiv um mehr Sicherheit im Motorsport bemühte Schotte darauf zurück, dass damals ein anderer Umgang mit der Gefahr an den Tag gelegt wurde.

"Es gab keine Auslaufzonen, weshalb die Unfälle in der Regel schwerwiegende Folgen hatten. Die Lebenserwartung für einen Rennfahrer war nicht sehr hoch, also hattest du zwangsläufig Respekt. Es gab auch nicht dieses Hin und Her auf der Piste - die häufigen Wechsel der Rennlinie im Zweikampf wie man sie heute sieht. In dieser Hinsicht war alles sauber", so Stewart, der seinen Helm zum Ende der Saison 1973 an den Nagel hängte.

Fittipaldi hingegen war noch bis einschließlich der Saison 1980 in der Königsklasse aktiv. "Auch zu dieser Zeit gab es noch diesen Respekt unter den Fahrern" erinnert sich der Brasilianer und fügt hinzu: "Wir hatten damals nicht nur auf der Strecke, sondern auch abseits jede Menge Respekt voreinander."

"Heutzutage glühen die Fahrer einfach durch die asphaltierten Auslaufzonen, wenn sie versuchen, jemanden zu überholen", kritisiert Stewart und hält fest: "Die Fahrer haben heute Freiheiten, die es damals nicht gab. Es herrschte einfach ein anderer Respekt unter den Piloten."

Stewarts Karriereende unter tragischen Umständen

Den Zeitpunkt für seinen Rücktritt vom aktiven Rennsport hatte Stewart bereits einige Monate vor dem Saisonfinale 1973 in Watkins Glen mit Bedacht gewählt: "Nachdem ich zuvor bereits zweimal fast zurückgetreten war, befand ich mich beim dritten Mal in der richtigen Gemütsverfassung. Ich hatte bereits im April entschieden, dass nach der Saison Schluss sein würde, ganz gleich ob ich die Weltmeisterschaft gewinne oder nicht."

Die Umstände an Stewarts letztem Rennwochenende waren allerdings von großer Tragik geprägt. Teamkollege und Freund Francois Cevert fand im Qualifying nach einem fürchterlichen Unfall in den ultraschnellen "Esses" von Watkins Glen den Tod. Sichtlich schockiert und aus Respekt vor dem verlorenen Freund verzichtete der frischgebackene dreifache Weltmeister tags darauf auf einen Start zum Rennen. Es wäre Stewarts 100. Grand Prix gewesen.

Fittipaldi trug sich angesichts des Cevert-Unfalls ebenfalls mit Rücktrittsgedanken wie er offenbart. "Der Unfall war einfach schrecklich. Ich glaubte zunächst, es sei Jackie und dachte, das hat er nach dieser grandiosen Karriere in seinem letzten Rennen nicht verdient. Aber es war Francois."

Als die traurige Nachricht Gewissheit wurde, ging der Lotus-Pilot zurück in seine Box. "Ich sagte zu Colin (Teamchef Chapman; Anm. d. Red.), dass ich gleich wieder zurück sein würde und zog mich in den Transporter zurück. In diesem Moment dachte ich erstmals ernsthaft darüber nach, den Rennsport aufzugeben", gesteht Fittipaldi.

Während Stewart seine Karriere an jenem verhängnisvollen Wochenende im US-Bundesstaat New York ein für alle Mal beendete, startete Fittipaldi nach dreijähriger Unterbrechung eine zweite überaus erfolgreiche Karriere in den USA: In der IndyCar-Serie kürte sich der Brasilianer 1989 zum Champion und gewann zudem zweimal (1989 und 1993) das prestigeträchtige Indy 500, bevor ein schwerer Unfall im Oval von Michigan im Juli 1996 seiner aktiven Laufbahn ein Ende setzte.

Fotoquelle: Ford

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