Lewis Hamilton zauberte eine beeindruckende Runde aus dem Hut

Formel 1 2012

— 17.03.2012

Melbourne: McLaren vor Grosjean und Schumacher

Bis zur letzten Sekunde geblufft: McLaren dominiert das Qualifying der Saison 2012 vor Sensationsmann Grosjean und Schumacher im starken Mercedes

"When the flag drops, the bullshit stops", lautet ein uraltes Formel-1-Sprichwort. Selten hatte diese Binsenweisheit mehr Gültigkeit als beim heutigen Qualifying zum Grand Prix von Australien in Melbourne, denn beim Saisonauftakt der Formel 1 wurde die eine oder andere Vermutung, wie das neue Kräfteverhältnis aussehen könnte, über den Haufen geworfen.

Die Nummer eins ist momentan McLaren: Das britische Erfolgsteam wurde schon im Winter von den meisten Experten als WM-Mitfavorit eingestuft, obwohl es bei den Tests keine überragenden Bestzeiten hingelegt hatte. Auch in Melbourne überließen Lewis Hamilton und Jenson Button lange Zeit der Konkurrenz das Feld, aber als es im dritten Qualifying drauf ankam, packten die beiden endlich den Hammer aus und deklassierten alle anderen.

Bis zur letzten Sekunde geblufft

"Wir haben diesen Winter sehr gut gearbeitet und das heute bewiesen. Das Rennen ist noch nicht rum, aber das ist ein tolles Ergebnis am ersten Samstag des Jahres", strahlt Button. Polesetter Hamilton kann ebenfalls wieder lachen: "Ein unglaubliches Gefühl, wieder hier zu sitzen und so gut in die Saison zu starten. Fantastisch! Ich bin unheimlich stolz auf das Team, denn sie haben hart gearbeitet und nie aufgegeben."

Hamilton hatte nach der doppelten Mercedes-Bestzeit in Q2 zunächst für einen Paukenschlag gesorgt, als er den Rest des Feldes - Button eingeschlossen - mit seiner ersten Q3-Runde um fast eine Sekunde zertrümmerte. Doch Button kam ihm im zweiten Versuch bis auf 0,152 Sekunden nahe. Als der Melbourne-Sieger von 2009 und 2010 als Zweiter über die Ziellinie war, konnte es sich Hamilton sogar erlauben, seinen finalen Run abzubrechen.

Dahinter ging es ordentlich zur Sache: Erst fiel Mercedes-Speerspitze Michael Schumacher trotz hervorragender Leistung aus der ersten Reihe raus, dann wurde er auch noch von Überraschungsmann Romain Grosjean verdrängt. Der Lotus-Pilot lag am Ende nur 0,380 Sekunden hinter Polesetter Hamilton. "Schön, wieder in der Formel 1 zu sein. Einige Leute haben an mich geglaubt - und jetzt stehe ich so weit vorne", jubelt er.

Mercedes unter Wert geschlagen

Für Mercedes wurden es letztendlich die Startpositionen vier und sieben, doch in den Silberpfeilen steckt möglicherweise sogar noch mehr Potenzial. Insbesondere Schumacher konnte sein Lächeln nach der starken Performance in Q2 nicht verbergen - und setzte diese dann in Q3 auch sauber um. Teamkollege Nico Rosberg hingegen erlaubte sich in seinem letzten Versuch einen Fahrfehler im ersten Sektor und konnte sich daher nicht mehr steigern.

Das trägt er aber mit Fassung: "Insgesamt ist es für uns als Team ein positives Ergebnis, denn wir sind viel näher an der Spitze dran. Das Auto liegt gut und man kann attackieren - manchmal ein bisschen zu viel", grinst er. 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer befürchtet allerdings, dass Mercedes "bei den Dauerläufen gegen die Topteams ein bisschen abfällt". Rosberg widerspricht: "Mit viel Sprit sah es auch ganz gut aus. Da ist einiges drin."

Auch Schumacher strahlt Zuversicht aus: "Jeder von uns hat Red Bull vorne gesehen, jetzt stehen sie hinter uns. Das ist überraschend. Wir haben ein gutes Paket - das hat sich mächtig gesteigert. Da muss man Mercedes ein Riesenlob aussprechen. Man hat sich nicht beirren lassen. Das ist das Resultat davon. Das stimmt mich positiv für den Rest der Saison. Es ist eine ganze Ecke besser. Wie gut, das wird sich am Sonntag zeigen."

Red Bull noch nicht weltmeisterlich

Erstaunlich gefasst auch der amtierende Weltmeister Sebastian Vettel, der im Albert Park 2011 noch nach Belieben dominiert hatte. Sechster Startplatz, sogar von Teamkollege Mark Webber um 17 Tausendstelsekunden geschlagen - so hatte er sich den Start der Mission Titelverteidigung nicht vorgestellt. Auf die Pole-Position fehlte unterm Strich eine Dreiviertelsekunde - und auch die Ergebnisse in Q1 (8.) und Q2 (6.) machen nicht allzu viel Mut.

Trotzdem befürchtet der 24-Jährige nicht, dass Stardesigner Adrian Newey mit dem RB8 einen Flop produziert hat: "Das Qualifying heute war in gewisser Weise sehr speziell, die Strecke hat sich stark verändert", glaubt er, dass Melbourne nicht unbedingt repräsentativ für den Rest der Saison sein muss. Und: "Ich bin nicht zufrieden mit meiner eigenen Leistung. Ich glaube, ich hätte am Ende noch ein bisschen zulegen müssen", ergänzt Vettel selbstkritisch.

Ferrari noch schlechter als befürchtet

Ebenfalls in die Top 10 geschafft haben es Pastor Maldonado (Williams), Nico Hülkenberg (Force India) und Daniel Ricciardo (Toro Rosso), womit diese drei Fahrer die starken Testergebnisse ihrer Teams bestätigen konnten. Bestätigt haben sich auch die winterlichen Ergebnisse von Ferrari: Der F2012 scheint eine völlige Fehlkonstruktion zu sein - weder Fernando Alonso (12.) noch Felipe Massa (16.) schafften es in die Top 10!

Während sich Massa trotz weicher nur mit Müh und Not durch das erste Qualifying-Segment zitterte, vergab Alonso den möglichen Finaleinzug im Kiesbett der ersten Kurve. "Unsere Pace ist nicht gut, aber man muss es positiv sehen: Wenigstens habe ich Reifen gespart - das kann sogar ein Vorteil sein. Sonst hätte ich Neunter oder Zehnter werden können", sagt der Spanier. Sein Team hatte schon vor dem Qualifying angekündigt: "Kein Grund, die Wahrheit zu leugnen: Es wird hart."

Eine Ohrfeige kassierte auch Superstar Kimi Räikkönen, der schon das ganze Wochenende keine Chance gegen Grosjean hatte und heute bereits nach 20 Minuten die Segel streichen musste. Grund dafür war einerseits ein Fahrfehler im entscheidenden Moment, andererseits aber auch, dass ihm Lotus für den Q3-Run keine weichen Reifen gab. Aber: "Ich kam in der Runde, auf die es ankam, ein bisschen von der Strecke ab, sonst wären wir locker weitergekommen", ist er überzeugt.

Räikkönen: Leise Kritik am Team

Das Team nimmt er aus einem ganz anderen Grund in die Pflicht: "Ich habe langsamer gemacht, weil wir dachten, wir hätten noch Zeit für eine Runde, aber das war nicht der Fall. Niemand hat mir gesagt, dass ich mich beeilen muss, als ich langsamer gemacht habe", ärgert sich der Weltmeister der Saison 2007. "Es hat aber keinen Sinn, jemandem die Schuld zu geben, denn alle sind genauso enttäuscht wie ich. Das ist kein guter Start."

Sein Lotus-Team könnte übrigens auch am Grünen Tisch noch für Schlagzeilen sorgen, denn Eric Boullier hat bereits vor dem Qualifying angekündigt, wegen des F-Schacht-Systems gegen Mercedes Protest einzulegen. Damit gilt das Ergebnis vorerst nur unter Vorbehalt. Wie auch immer diese Angelegenheit ausgehen mag, werden morgen wohl nur 22 Autos am Start sein - das HRT-Duo scheiterte klar am 107-Prozent-Cut, wie nicht anders zu erwarten war.

Pech hatte Toro-Rosso-Junior Jean-Eric Vergne, der in Q2 lediglich 0,110 Sekunden hinter seinem Teamkollegen blieb, damit aber den Einzug in die Top 10 knapp verpasste. Kamui Kobayashi (Sauber) wurde mit nur einem Q2-Run 13., sein Stallgefährte Sergio Perez (17.) fuhr im zweiten Abschnitt gar keine Zeit. Bruno Senna (Williams) landete auf Rang 14, Paul di Resta (Force India) auf 15 - beide somit klare Verlierer in ihren internen Teamduellen.

Glock schöpft neuen Mut

Zufrieden ist Timo Glock (21./Marussia), obwohl 4,7 Sekunden auf die Spitze fehlten. Aber: Teamkollege Charles Pic klar geschlagen und eine bessere Ausgangsposition als 2011. "Wir haben eine gute Basis, ich fühle mich superwohl im Auto. So macht das Fahren endlich wieder Spaß", strahlt der Deutsche und blickt schon nach vorne: "Das macht Hoffnung für die Zukunft, denn unser Windkanal-Programm fängt gerade erst an."

Favorit auf den Sieg im Rennen ist nun eindeutig das McLaren-Team, aber wer die Formel 1 schon länger verfolgt, der weiß, dass Melbourne eigene Gesetze haben kann. Hamilton stellt sich jedenfalls nicht auf einen Durchmarsch ein: "Es wird ein sehr hartes und intensives Rennen", vermutet er und weiß: "Der Schlüssel wird sein, die Reifen richtig zu handhaben." Experte Surer freut die McLaren-Pole noch aus einem ganz anderen Grund: "Das schönste Auto steht vorne..."

Fotoquelle: xpbimages.com

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