Haben gut lachen: Michael Schumacher und Teamchef Ross Brawn

Formel 1 2012

— 17.03.2012

Starker Schumacher träumt nicht vom Sieg

Warum der F-Schacht im Rennen kein Vorteil sein wird, Michael Schumacher und Nico Rosberg vom neuen Mercedes aber trotzdem begeistert sind

Mercedes scheint im dritten Jahr seit der Übernahme des Brawn-Teams endlich einen ordentlichen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Darauf deutet zumindest das heutige Qualifying-Ergebnis beim Grand Prix von Australien in Melbourne hin, denn Michael Schumacher sicherte sich den hervorragenden vierten und Nico Rosberg den siebten Startplatz.

Teamchef Ross Brawn ist darüber "glücklich", aber: "Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen." Zwar scheint Mercedes zumindest vorläufig mit Red Bull gleichgezogen zu sein, aber ausgerechnet Motorenkunde McLaren ist den Silberpfeilen immer noch einen Schritt voraus. Schumacher fehlten heute vier Zehntelsekunden auf Lewis Hamilton - und erreichte damit das beste Qualifying-Ergebnis seiner zweiten Karriere. "Er war schon beim Testen sehr stark, auch hier das ganze Wochenende", ist Brawn nicht überrascht.

Brawn-Lob für Schumacher

"Ich finde, seine Rennen waren in der zweiten Saisonhälfte des vergangenen Jahres schon recht stark. Das Qualifying hatte er nicht ganz im Griff, aber heute war er ziemlich gut. Das ist das, was wir erwarten", lobt der Teamchef. "Nico hat am Ende keine saubere Runde hinbekommen, sonst wären die beiden näher beisammen. Aber ich freue mich für Michael. Wenn er morgen so ein Rennen liefert wie am Ende des vergangenen Jahres, dann könnte es ein guter Tag werden."

Was genau er mit "guter Tag" meint, lässt Brawn offen, aber an den ersten Schumacher-Sieg seit Schanghai 2006 wagt der siebenmalige Weltmeister nicht zu denken: "Ich träume nicht davon, dieses Rennen zu gewinnen. Ja, wir sind Vierter, aber wir haben starke Gegner vor uns", zeigt sich Schumacher realistisch. Den ersten Pokal möchte er aber sehr wohl mitnehmen: "Hoffentlich ist ein Podium drin - das ist von unserem Startplatz aus nicht völlig unrealistisch. Aber von Siegen sollten wir noch nicht reden."

In Q2 hatte es sogar eine Mercedes-Doppelführung gegeben - Schumacher lag da noch 0,055 Sekunden vor Hamilton. In Q3 drehte sich das um. "Der Zeitunterschied zwischen Q2 und Q3 überrascht mich schon", sagt der 43-Jährige über McLaren. "Mit so einem Schritt hätte ich nicht gerechnet. Sonst ist das Kräfteverhältnis mehr oder weniger so, wie wir es nach den Wintertests erwartet hatten - mit Ausnahme von Red Bull. Die hätte ich vorne gesehen. "

Im Rennen hat Schumacher aber nicht nur McLaren als Gegner, sondern vor allem Romain Grosjean, der ihn kurz vor Schluss noch um 34 Tausendstelsekunden von Platz drei verdrängte. "Lotus überrascht mich nicht. Es war klar, dass die ein gutes Auto haben", erklärt der Mercedes-Pilot, der offen zugibt, dass es kein Selbstläufer ist, den jungen Franzosen zu knacken, denn: "Es war eine einigermaßen saubere Runde von mir. Sehr viel mehr war heute einfach nicht drin."

F-Schacht-Vorteil fällt im Rennen flach

Im Rennen droht auch von hinten Gefahr: Mark Webber und Sebastian Vettel sind ebenso stark einzuschätzen wie Teamkollege Rosberg. Denn das geheimnisumwitterte F-Schacht-System am F1 W03 ist bekanntlich an den verstellbaren Heckflügel (DRS) gekoppelt - und der darf im Rennen nur in den dafür vorgesehenen Zonen und wenn der Abstand zum Vordermann weniger als eine Sekunde beträgt verwendet werden. Sprich: Mercedes verliert diesen Vorteil.

"Im Rennen darf man DRS nur im Zweikampf einsetzen, also bringt es bei normaler Fahrt keinen Vorteil. Es bringt etwas, aber das Zeitfenster ist im Rennen kleiner", bestätigt Brawn. Ein weiteres Fragezeichen ist, dass die Teams bisher kaum Gelegenheit dazu hatten, Longruns zu trainieren. Rosberg nickt: "Definitiv gibt es Unsicherheiten. Ich glaube, es wird ein sehr interessantes Rennen, vielleicht sogar interessanter als sonst."

Das gilt insbesondere für die Strategen auf dem Kommandostand: "Wir müssen darauf vorbereitet sein, die Strategie umzustellen, falls sich die Reifen nicht wie erwartet verhalten", denkt Brawn schon an den Grand Prix. "Die Fahrer müssen gut in die Reifen hineinhorchen und sicherstellen, dass sie sie nicht schon in den ersten Runden beschädigen. Dann werden wir im Laufe des Rennens eine Entscheidung treffen."

Melbourne hat eigene Gesetze

Euphorie will Schumacher trotz des guten Ergebnisses nicht aufkommen lassen: "Australien muss kein Indikator für den Rest der Saison sein. Die Strecke hier ist speziell", weiß er. "Wir sind glücklich über das, was wir erreicht haben, aber die Wahrheit werden wir in Zukunft sehen." Das Gefühl im F1 W03 stimmt jedenfalls: "Mir war vom ersten Tag an klar, dass mir dieses Auto besser liegt. Es fühlt sich wie ein richtiges Rennauto an, das keine Zicken macht."

"Man hat jetzt vom Eingang bis zum Ausgang der Kurve keine Balanceverschiebung zwischen Unter- und Übersteuern mehr", geht Schumacher ins Detail. "Dieses Fenster sollte so eng wie möglich sein, und mir war von den ersten Runden an klar, dass wir da einen deutlichen Schritt vorwärts gemacht haben. Das gibt ein vernünftigeres Fahrgefühl und ein Vertrauen, weil man sich auf das Auto verlassen kann."

Ein Eindruck, den Rosberg nur bestätigen kann: "Man spürt, dass dieses Auto schneller und konkurrenzfähiger ist, und man kann damit besser attackieren", freut sich der Deutsche, der trotz F-Schacht durchaus glaubt, dass sich die heutige Performance morgen reproduzieren lässt: "Im Vorjahr waren wir mit viel Benzin im Rennen oft nicht so stark wie im Qualifying. Das war eine Schwäche, aber an der haben wir gearbeitet."

Er selbst habe zum ersten Mal in seiner Karriere das Gefühl, nahe am ersten Sieg und an der absoluten Spitze dran zu sein: "Ich habe viel Hoffnung und freue mich auf die nächsten Rennen, hauptsächlich weil ich sehe, wie viel noch geht und wie wir jetzt schon dastehen. Das ist das Positive. Da kann noch einiges kommen." Mercedes-Sportchef Norbert Haug fügt an: "Wir müssen abwarten, was die ersten vier Rennen auf verschiedenen Strecken bringen. Erst dann wissen wir mehr."

Qualifying nicht optimal gemeistert

Brawn stimmt zu: "Wir müssen die ersten paar Rennen abwarten, aber wir sind einigermaßen glücklich", sagt der Teamchef. "Mit dem Qualifying sind wir nicht ganz zufrieden, denn wir haben während der roten Flagge in Q2 einen frischen Reifensatz verloren. Es lief nicht so rund wie erhofft, aber McLaren war heute sehr schnell. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in Reichweite gewesen wären. Vielleicht sind sie einfach einen Tick besser."

"Das Wichtigste ist jetzt, dass wir einen Rhythmus finden und das Auto weiter verbessern. Es läuft in Ordnung, was Kühlung und Systeme angeht, sodass wir uns jetzt darauf konzentrieren können, die Performance zu verbessern", erklärt Brawn. Haug nickt: "Wir haben den größten Schritt von allen Teams gemacht, und warum sollte damit Schluss sein? So kann es weitergehen. Wir werden sicher nicht gleich große Schritte machen wie über den Winter, aber das war erst der Anfang. Darauf kann man aufbauen."

Brawn erwartet zudem, dass das Entwicklungsrennen aufgrund der festgeschriebenen Position des Auspuffs dieses Jahr nicht ganz so steil verlaufen wird wie 2011. Man fokussiere sich stattdessen auf die Pirelli-Reifen: "Das ist ein Bereich, auf den wir uns konzentrieren werden. Aber wir bekommen laufend neue Teile. Wir wissen nicht, was in drei Monaten ist, aber in der Fabrik wird von allen hart an der Performance des Autos gearbeitet", berichtet der 57-Jährige abschließend.

Fotoquelle: xpbimages.com

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