Fernando Alonso nutzte die Gunst der Stunde und siegte im unterlegenen Ferrari

Formel 1 2012

— 25.03.2012

Malaysia: Alonso verhindert Sensation durch Perez

Fernando "Magic" Alonso beschert Ferrari in Sepang mit einer Glanzleistung einen unerwarteten Sieg vor Perez - Vettel und Mercedes schwer geschlagen

Es gibt Geschichten, die schreibt nur die Formel 1: Fernando Alonso im krisengeschüttelten Ferrari nach zwei Rennen WM-Führender, Sergio Perez auf Sauber Beinahe-Sieger und moralischer Held des Grand Prix von Malaysia - Sepang 2012 war das aufregendste und tränenreichste Formel-1-Frühstück seit langem. Denn nicht nur beim finanziell unter Druck stehenden Sauber-Team, sondern auch bei der sportlich übelst gebeutelten Scuderia aus Maranello ließ man den Emotionen nach der heutigen Sternstunde freien Lauf.

"This one of the most beautiful, this is one of the most, most beautiful. We are so proud of you", schluchzte Renningenieur Andrea Stella nach der Zieldurchfahrt Alonso ins Cockpit. Übersetzung überflüssig. Der zweimalige Weltmeister feierte seinen siebten Sieg auf Ferrari, seinen 28. insgesamt - und überholte damit Legende Jackie Stewart in der ewigen Bestenliste der Formel 1, in der nun nur noch Michael Schumacher (91), Alain Prost (51), Ayrton Senna (41) und Nigel Mansell (31) vor ihm liegen.

Kunden-Ferrari fordert Werks-Ferrari

Doch "Magic" Alonso musste für diese Sternstunde hart kämpfen - und zwar gegen einen unerwarteten Gegner. Denn ausgerechnet das Ferrari-Kundenteam Sauber mit Perez sah schon wie der sichere Sieger aus, als der junge Mexikaner in Runde 49 (von 56) erstmals innerhalb der ominösen DRS-Sekunde war. Doch Perez warf die Nerven weg und konzentrierte sich anschließend darauf, den wichtigen zweiten Platz vor Lewis Hamilton (McLaren) ins Ziel zu bringen.

Schon vor dem Restart hatte sich Perez in Position gebracht, weil er als Erster von Intermediates auf Full-Wets wechselte. Als wegen eines Monsun-Regenschauers in Runde neun abgebrochen wurde, lag er hinter Polesetter Lewis Hamilton und Jenson Button (McLaren) auf Rang drei. Alonso war Fünfter - mit Mark Webber (Red Bull) dazwischen. Aber nach dem Boxenstopp nach der Safety-Car-Phase lag plötzlich Perez vor Alonso in Führung!

Alonso nutzte die schwierigen Bedingungen auf Intermediates, um sofort am Sauber-Piloten vorbeizugehen, und baute sich auf nasser Fahrbahn einen Vorsprung von bis zu 6,1 Sekunden aus. Doch in Runde 26 läutete Perez mit der bis dahin schnellsten Runde die Wende ein - und knabberte häppchenweise am Vorsprung des Werks-Ferrari. Als Alonso in Runde 40 an die Box kam, um auf Slicks zu wechseln, spürte er den Atem des Mexikaners schon im Genick.

Doch kein zweiter Regenschauer

Aber wegen eines angekündigten Regenschauers, der später nach Osten abdrehte und den Sepang International Circuit nie erreichte, spielte Sauber konservativ und ließ Perez noch eine Runde auf der Strecke. Als er aus der Box kam, hatte er 7,1 Sekunden Rückstand. Von hinten drohte keine Gefahr: "Ich war etwas überrascht, dass Hamilton und Co. im Trockenen nicht aufschließen konnten", sagt Teamchef Peter Sauber. "Im Gegenteil: Der Abstand wurde immer größer."

Und der Rückstand auf Alonso sukzessive kleiner, denn Sauber zockte auch beim zweiten Boxenstopp goldrichtig und gab Perez im Gegensatz zu Alonso die härteren Pirelli-Pneus (Hard statt Medium) mit. Bis zum Fahrfehler sechseinhalb Runden vor Schluss roch es sogar nach dem ersten Sauber-Triumph ohne BMW-Unterstützung. "Ohne den Fehler hatte es mit dem Sieg vermutlich geklappt", meint Sauber, denn: "Unsere Reifen waren die besseren, das ist klar."

Früher Flug: Kein Tequila bei Sauber

"Ich glaube aber, wir dürfen mit dem Podestplatz zufrieden sein", strahlt der 68-jährige Schweizer, der bei der Zieldurchfahrt den Tränen nahe war: "Es war einfach nur schön. Aber ich muss gestehen: So etwas strapaziert die Nerven." Nun darf man davon ausgehen, dass bei Sauber eine Flasche Tequila von Sponsor Jose Cuervo geköpft wird, oder? "Es bleibt wohl beim Bier", winkt Sauber ab. "Ein Teil von uns muss schon um 19:45 Uhr in den Flieger..."

"Ich denke schon, dass ich gewinnen hätte können", ärgert sich Perez. "Dummerweise kam Fernando eine Runde früher an die Box. Dadurch habe ich viel Boden verloren, aber die Pace war wunderbar. Ich habe immer mehr aufgeholt und wusste, dass ich schneller bin. Aber meine Vorderreifen haben abgebaut. Ich berührte einen Randstein, rutschte ein bisschen ins Nasse und kam von der Strecke ab. Vielleicht hat auch der Wind eine Rolle gespielt."

Alonso ließ sich die Butter in der Schlussphase nicht mehr vom Brot nehmen, obwohl Perez den Rückstand noch einmal von 5,3 auf 2,2 Sekunden verkürzen konnte. Und alle sind sich einig: Es war ein Sieg des Fahrers, nicht des Autos. "Unglaublich, was Ferrari da gezeigt hat, und großes Kompliment an Fernando", gratuliert Zwangs-TV-Zuschauer Adrian Sutil. "Er hat heute gezeigt, dass er der beste Formel-1-Fahrer ist. Was er aus seinem Auto rausholt, ist magisch."

Alonso vom Sieg völlig überrascht

Sogar Alonso selbst gibt zu, dass er mit dem Sieg im zweiten Saisonrennen und der WM-Führung "nicht gerechnet" hätte: "Wir waren in Australien und hier nicht konkurrenzfähig, aber das Ziel war, so viele Punkte wie möglich zu holen. Es sind 25 geworden - ein unglaubliches Ergebnis! Wir sind ruhig geblieben, haben im perfekten Moment auf Trockenreifen gewechselt. Glückwunsch ans Team, denn sie haben großartige Arbeit geleistet."

Tragische Figur des heutigen Rennens war Narain Karthikeyan: Der Inder, beim Regenabbruch in der neunten Runde sensationell Zehnter, weil HRT beide Fahrer goldrichtig auf Full-Wets in den Grand Prix geschickt hatte, bugsierte erst Jenson Button (McLaren) aus der Entscheidung und schlitzte in der Schlussphase auch noch Sebastian Vettel (Red Bull) den linken Hinterreifen auf. Ob er seinen 21. Platz behalten darf oder bestraft wird, stand daher bei der Zieldurchfahrt noch nicht fest.

"Wie im echten Leben auch gibt es ein paar Gurken, die rumfahren", schimpft Vettel. "Der vierte Platz wäre ganz in Ordnung gewesen. Dass man am Ende den Reifen aufgeschlitzt bekommt von einem Überrundeten, muss man nicht verstehen." Für ihn ist die Situation sonnenklar: "Ich war vorbei. Manche sind halt überfordert mit der Situation." Sutil nickt aus der Ferne: "Bei Karthikeyan halte ich ehrlich gesagt immer extra ein bisschen mehr Abstand..."

Vettel hört nicht auf seine Box

Am Ende gab es noch einmal Verwirrung um den Weltmeister, als er an die Box beordert wurde, um das Rennen aufzugeben. Wenige Sekunden später revidierte sich der Kommandostand, ehe noch einmal der Befehl kam: "Komm rein, Notfall!" Doch Vettel ignorierte den Befehl und fuhr mit 1:15.5 Minuten Rückstand als Elfter über die Ziellinie. "Man hat eingesehen, dass man keine Punkte mehr holen kann, aber ich finde, das gehört sich so, dass man ein Rennen zu Ende fährt", knurrt er.

Teamkollege Webber fuhr den vierten Platz nach Hause, drei Sekunden hinter Hamilton, der von der Pole-Position aus wieder nicht gewonnen hat - auch wegen zweier verpatzter Boxenstopps. Aber: "Wir können definitiv zufrieden sein", wirkt er diesmal wesentlich glücklicher als noch vor einer Woche. "Natürlich hätte ich gerne gewonnen, aber ich stehe im zweiten Rennen zum zweiten Mal auf dem Podium. Nach so einem Tag kann man auch ganz leicht mit leeren Händen dastehen."

Wie zum Beispiel Auftaktsieger Button, der sich während der 51-minütigen Unterbrechung, nach der hinter dem Safety-Car neu gestartet wurde, möglicherweise an seinen Abbruchtriumph von 2009 erinnert fühlte. Und viel deutete darauf hin, dass er wieder gewinnen würde, denn nach dem Restart kam er in Runde 13 als Erster an die Box, um auf Intermediates zu wechseln. Bei Button-Wetter roch es nach dem zweiten Button-Sieg hintereinander.

Und immer wieder Karthikeyan...

Aber schon in Runde 15 war ein Teil seines Frontflügels weg, nachdem er beim (regulären) Überholen von Karthikeyan in einer Linkskurve in den HRT hineingerutscht war. "Da hat Button gedacht, Karthikeyan hätte ihn gesehen und würde ihn vorbeilassen. Aber dem war nicht so", analysiert Hobby-Experte Sutil. "Das war ein Überrundeter. Der muss da einfach zur Seite gehen. Die Überrundeten müssen einfach mehr aufpassen. Es sind immer die gleichen Fahrer."

Michael Schumacher wurde indes ein Opfer von Romain Grosjean (Lotus). Zwischen den beiden krachte es schon vor der Unterbrechung in der ersten Runde, sodass sie auf die Plätze 16 beziehungsweise 20 zurückfielen. Grosjean schied wenig später ganz aus. Schuldfrage? "Das war eine Berührung, aber keiner kann etwas dafür", findet 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer. "So etwas passiert einfach im Zweikampf - bei solchen Bedingungen sowieso."

Schumacher sieht das naturgemäß anders: "Es war unnötig, würde ich sagen. Ich habe es auch nur aus dem Augenwinkel heraus mitbekommen. Ich hatte ihn überholt und war eigentlich schon durch. Beim Herausbeschleunigen fuhr er mir ans Hinterrad. Er drehte mich herum. Warum und weshalb das so kommen musste, weiß ich nicht. Bei solchen Bedingungen reicht aber schon eine kleine Berührung und schon geht es dahin."

Mercedes Neunter in der Konstrukteurs-WM

Durch den Vettel-Reifenschaden erbte Schumacher immerhin noch den ersten Mercedes-Punkt der Saison, aber der Rennspeed des F1 W03 war bei abtrocknenden Verhältnissen wieder eine herbe Enttäuschung. "Im zweiten Teil des Rennens konnten wir nicht so viel Eindruck auf die Jungs vor uns machen", gesteht der 43-Jährige. Übrigens auch Nico Rosberg nicht: Beim Deutschen bauten die Reifen wieder extrem ab - Platz 13.

Kimi Räikkönen (Lotus) lieferte eine unauffällige, aber starke Performance ab und wurde Fünfter - vielleicht auch, weil er es sich diesmal während der Unterbrechung verkneifen konnte, ein Eis zu lutschen. Der (nicht ganz ernst gemeinte) Preis für den coolsten Hund des Paddocks geht heute definitiv an Button: Während der Unterbrechung hatte der an zweiter Stelle liegende McLaren-Pilot die Muße, im Fahrerlager genüsslich eine Tasse Tee zu schlürfen...

Bärenstark indes die Performance von Williams: Im Regen nirgendwo, im Trockenen aber auf dem Vormarsch, holte Bruno Senna nach um 6,7 Sekunden gewonnenem Fight gegen Paul di Resta (Force India) die ersten Senna-Punkte für den britischen Rennstall - 18 Jahre nach dem tragischen Tod seines Onkels Ayrton in Imola. Auch Teamkollege Pastor Maldonado lag auf Punktekurs, bis er zwei Runden vor Schluss mit Motorschaden aufgeben musste.

Hülkenberg als Neunter bester Deutscher

Jean-Eric Vergne (Toro Rosso) belegte Platz acht und holte damit seine ersten WM-Punkte. Der Franzose hatte ein bisschen Rennglück, weil er als einziger Fahrer die Unterbrechung zum Wechsel von Full-Wets auf Intermediates nutzen konnte, lieferte dann aber eine astreine Leistung ab. Nico Hülkenberg (Force India) kam 0,9 Sekunden hinter dem Red-Bull-Junior ins Ziel und war damit (2,1 Sekunden vor Schumacher) bester Deutscher.

Wieder einmal nicht mit Ruhm bekleckern konnte sich Felipe Massa, der völlig im Schatten seines Ferrari-Teamkollegen Alonso stand, vom Spanier beinahe überrundet wurde und letztendlich als 15. ankam. Hinter ihm sicherten sich Witali Petrow (Caterham) und Timo Glock (Marussia) die Positionen 16 und 17. Glock schlug damit Kovalainen um 3,9 Sekunden und belegte im "kleinen Grand Prix" der (nicht mehr ganz so) neuen Teams Platz zwei.

In der Weltmeisterschaft führt nach zwei von 20 Rennen völlig überraschend Alonso mit 35 Punkten vor Hamilton (30), Button (25), Webber (24) und Perez (22). Titelverteidiger Vettel hat erst 18 Zähler auf seinem Konto. Bei den Konstrukteuren liegt momentan McLaren (55) vor Red Bull (42) und Ferrari (35) an der Spitze. Weiter geht es nach einer dreiwöchigen Pause am 15. April mit dem Grand Prix von China in Schanghai.

Fotoquelle: xpbimages.com

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