John Barnard führte Anfang der 80er-Jahre das Kohlefaser-Monocoque ein

Formel 1 2012

— 01.04.2012

John Barnard: "Stufennasen sind unglaublich hässlich"

In den 70er- und 80er-Jahren baute John Barnard Weltmeister-Autos für McLaren, mit dem heutigen Design der Formel-1-Boliden kann er nicht viel anfangen

John Barnard zählt zweifellos zu den bedeutendsten Ingenieuren und Entwicklern der Motorsport-Geschichte. Eine seiner berühmtesten Entwicklungen ist ein aus Kohlefaser gefertigtes Monocoque, welches er Anfang der 80er-Jahre in Diensten von McLaren fertigen ließ. Diese Technologie revolutionierte die Motorsportszene. Die Verwendung des Verbundmaterials Kohlefaser machte die Rennboliden nicht nur schlagartig bedeutend leichter, das Material sorgte auch für eine deutliche Verbesserung der Sicherheit, da es enorm verwindungssteif ist.

Seit dieser Zeit hat sich in der Formel-1- und Motorsportszene einiges getan. In den letzten dreißig Jahren gab es zahlreiche Regeländerungen, die nicht immer allerorts positive Reaktionen zur Folge hatten. Die Aerodynamik wurde im Laufe der Jahre immer wieder beschnitten, profillose Slicks wurden durch Rillenreifen ersetzt, um die Kurvengeschwindigkeiten möglichst im Zaun zu halten, Qualifying-Formate wurden geändert oder die Sicherheitsstandards der Rennstrecken verbessert.

Das aktuellste Novum in der Formel 1 sind die so genannten Stufennasen, die im Zuge der Festlegung einer neuen Maximalhöhe der Fahrzeugfront von den Teams entwickelt wurden. Um bei seitlichen Einschlägen in andere Autos Verletzungen des Fahrers zu vermeiden, wurde vom Motorsport-Weltverband FIA die Regel eingeführt, wonach die Fahrzeugnase niedriger sein muss als bislang. Ein Großteil der Teams führte infolgedessen das Konzept der Stufennase ein: Der vordere Teil des Autos befindet sich in vorgeschriebener Höhe, der restliche Teil auf dem Wunschniveau.

Barnard kann neuem Trend nichts abgewinnen

Besagter John Barnard, der 1974 und 1984 u.a. die Weltmeister-Autos von Emmerson Fittipaldi und Niki Lauda entwickelte, kann diesem neuen Trend in der Formel 1 zumindest aus ästhetischer Sicht nicht viel abgewinnen. "Ich habe mir noch nicht alle Formel-1-Autos der neuen Generation angeschaut", so der 65-Jährige gegenüber 'MotorSport'. "Doch die, die ich gesehen habe, haben diese extrem verkrümmte Nase. Das ließe sich nur schwer mit meinem persönlichen Verständnis von Ästhetik vereinbaren. Ich könnte es nur akzeptieren, wenn mir jemand enorme Vorteile im Windkanal bescheinigen könnte. Das ist einfach unglaublich hässlich!"

John Barnard wechselte Ende der 80er Jahre von McLaren zur Konkurrenz von Ferrari und führte dort eine weitere bedeutende Revolution ein: das halbautomatische Getriebe, mit dem Nigel Mansell 1989 in Brasilien auf Anhieb gewann. Anfang der 90er wechselte Barnard zu Benetton, ehe er 1993 erneut den Posten des Entwicklungschefs bei Ferrari antrat. Da sich Barnard weigerte, im Zuge der Verlagerung der Entwicklungstätigkeit von Großbritannien ins italienische Maranello umzuziehen, wurde er 1996 kurzerhand von Jean Todt durch Ross Brawn (heute Mercedes) und Rory Byrne ersetzt. Barnard eröffnete infolgedessen ein eigenes Entwicklungszentrum und arbeitete fortan für das Arrows-Team, später außerdem noch für den Rennstall von Alain Prost.

Barnard bevorzugt Pyramiden-Hierarchie

Nach nunmehr einem Jahrzehnt außerhalb der Formel-1-Szene stellt John Barnard nicht nur ästhetisch deutliche Unterschiede fest. Auch beim Aufbau der Formel-1-Teams hat sich seiner Ansicht nach einiges getan: "Es erstaunt mich, dass die Formel-1-Teams heute für alle möglichen Dinge eigene Abteilungen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine einzige Person genug Erfahrung haben kann, um auf der Spitze dieser Pyramide sitzen zu können, ohne die Übersicht zu verlieren. Ich vermute, dass einzig verbliebene Person in der Formel 1, die dazu in der Lage ist, ist Adrian Newey. Wenn man sich hingegen die restlichen Teams anschaut, kann man nicht eine Person ausmachen, die alleinverantwortlich ist."

"Ich persönlich glaube, dass ein Formel-1-Rennstall eine Hierarchie in Form einer Pyramide braucht. Es braucht eine Person, die an der Spitze steht und für alle technischen Aspekte des Auto-Designs verantwortlich ist. Und es braucht eine Person, die in kommerzieller und emotionaler, bzw. menschlicher Sicht an der Spitze steht. Nur so funktioniert meiner Meinung nach die Formel 1, bzw. der Rennsport. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden und wenn man die richtigen Entscheidungen fällt, hat man einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz."

Ein weiterer Unterschied zu früheren Zeiten sind die enorm präzise formulierten Regularien der Formel 1. Anders als früher müssen die Teams lange Forschungen anstellen, um so genannte Schlupflöcher im Regelwerk zu finden. Das sieht auch John Barnard so: "Zu meiner Zeit waren die Vorschriften viel lockerer und man konnte verschiedene Dinge ausprobieren. Ob sie technisch in Ordnung waren, steht auf einem anderen Blatt. Wenn man heutzutage beispielsweise ein Formel-1-Auto von Grund auf neu konzipiert, dann ist es nahezu unmöglich, etwas zu konzipieren, das sich wirklich von der Konkurrenz unterscheidet. Da geht es wirklich um Details, für deren Entwicklung man eigene Abteilungen eröffnen könnte."

Da widmet sich John Barnard heutzutage lieber einem völlig anderen, überschaubarerem Terrain: Der Brite designt seit geraumer Zeit Möbel.

Fotoquelle: B3

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