Michael Schumacher musste sich nur Nico Rosberg geschlagen geben

Formel 1 2012

— 14.04.2012

Mercedes: Endlich weg vom "Highway to Hell"

Norbert Haug darf jubeln: Was die Sternstunde von Schanghai so besonders macht und warum das Rennen viel schwieriger wird als das Qualifying



Norbert Haug ist beruflich Vizepräsident von Mercedes-Benz Motorsport, aber Rock'n'Roller aus Leidenschaft. Das merkte man jahrelang nicht nur beim Karaoke-Singen in Suzuka, sondern auch, wenn er wieder mal ein Interview wegen eines wichtigen Handy-Anrufs unterbrechen musste. Den Klingelton kannte man im ganzen Paddock: "Highway to Hell" von AC/DC.

Tatsächlich könnte er das Projekt Silberpfeil-Werksteam als "Autobahn in die Hölle" empfunden haben, als in den ersten beiden Jahren kein einziger Sieg gelang - und das, obwohl die Stuttgarter Marke mit dem silbernen Stern das amtierende Weltmeister-Team von Ross Brawn übernommen hatte. Gelangen Nico Rosberg in der Saison 2010 zumindest noch drei Podestplätze, so folgte 2011 eher ein Rück- als ein Fortschritt: nur noch 165 statt 214 WM-Punkte.

Erste Pole seit Monza 1955

Aber Tage wie die heutige Sternstunde in Schanghai lassen all das vergessen, denn Rosberg und Super-Altstar Michael Schumacher werden den morgigen Grand Prix von China von der ersten Startreihe aus in Angriff nehmen. Für ein Mercedes-Werksteam (Erfolge als Motorenlieferant nicht eingerechnet) ist das die erste Pole-Position seit Juan Manuel Fangio in Monza 1955. "Da war sogar ich noch ganz jung", grinst Haug, Jahrgang 1952.

Star des Tages war Rosberg, der den Rest der Welt um eine halbe Sekunde deklassierte. Als sich Teamkollege Schumacher die Zeiten via Funk durchgeben ließ, staunte der siebenmalige Weltmeister: "Not bad." Haug empfindet das fast als Ritterschlag für Rosberg: "'Not bad' ist das höchste Lob, das es gibt", lacht er. "Das habe ich gerade von Stuttgart auch schon gekriegt, natürlich auf Schwäbisch. Da geht nix drüber, wenn man 'nicht schlecht' sagt!"

Lob bekam Haug heute genug: "Ich bin froh, dass meine SMS jetzt wieder funktionieren - ich habe bei den vergangenen Rennen schon gedacht, das Handy sei kaputt", witzelt er. "Aber jetzt kommen sie wieder, ganz viele." Mitten in der Team-Pressekonferenz klingelt dann sein Handy: nicht "Highway to Hell", auch nicht "Stairway to Heaven", was heute gut gepasst hätte - aber bei Haug muss es immer Rockmusik sein...

Anruf von Konzernchef Zetsche

"Dieter, ich meld' mich sofort", wimmelt der Mercedes-Sportchef den Anrufer ab. Am Apparat: vermutlich Konzernchef Dieter Zetsche. Der hatte zuletzt nicht oft Anlass, seinem Landsmann zu gratulieren - und wird sich morgen vermutlich auch nicht mehr über die Plätze eins und zwei freuen können: "Wir können nicht erwarten, einen Doppelsieg zu feiern", weiß Haug, "aber wir werden unser Bestes geben. Die Longruns haben gar nicht so schlecht ausgesehen."

Von Rosbergs heutiger Performance ist er immer noch beeindruckt: "Die größten Optimisten hätten nicht angenommen, dass es nach den engen Abständen in Q2 in Q3 einen Abstand von einer halben Sekunde zwischen dem Ersten und dem Zweiten gibt", schwärmt der 59-Jährige und spielt auf das frühe Aus von Titelverteidiger Sebastian Vettel an, der mit seinem Red Bull schon nach Q2 die Segel gestrichen hatte - mit gerade mal 0,331 Sekunden Rückstand!

Aber Rosberg und Schanghai, das passt einfach. Hier hat er 51,7 Prozent seiner 60 Führungsrunden in der Formel 1 absolviert, hier stand er 2010 mit Mercedes auf dem Podium, hier war er schon 2010 und 2011 je Vierter der Startaufstellung. "Ich mag diese Strecke", sagt er. "Die vergangenen beiden Jahre waren gut für mich, ich habe da jeweils geführt. Die Ergebnisse hätten besser sein können, aber ich hatte Pech. Vielleicht kann ich das morgen nachholen."

Einen Reifensatz gespart

Dabei musste er heute in Q3 nur einen einzigen Run absolvieren: "Es war eine gute Zeit und ich wusste, dass ich weit vorne sein würde. Vielleicht nicht ganz vorne, aber weit vorne. Also sparte ich mir lieber einen Reifensatz. Ein komisches Gefühl, wenn alle draußen sind und pushen, während man selbst an der Box wartet und seine Zeit eigentlich auch noch einmal verbessern möchte. Aber im Nachhinein betrachtet war es eine sehr gute Entscheidung."

Psychologisch wichtig auch: Nach zwei teaminternen Qualifying-Niederlagen hat der 26-Jährige seinen um 17 Jahre älteren Teamkollegen wieder in die Schranken gewiesen und im Stallduell auf 1:2 verkürzt. Rosberg benötigte 111 Anläufe für seine erste Pole-Position in der Formel 1 - aber jetzt will er es machen wie sein einstiges Vorbild Mika Häkkinen, das auch jahrelang im Mittelfeld herumdümpelte, ehe bei ihm mit dem Sieg in Jerez 1997 der Knoten platzte.

Rosberg: Endlich so gut wie 2011

Noch nie hat ein Formel-1-Weltmeister so lange für seine erste Pole-Position gebraucht, aber das lag nicht an Rosberg selbst: "Das war wieder eine Runde, wie wir sie aus dem Vorjahr von ihm kennen. Dieses Jahr haben wir die vermisst", sagt Brawn. "Im Vorjahr konnte er im Qualifying immer noch etwas rausholen, aber dieses Jahr haben wir ihm noch nicht das Auto dafür gegeben. Jetzt hat er das erste Mal so ein Auto, und schon zeigt er wieder, wozu er in der Lage ist."

Rosberg glaubt, dass Mercedes morgen wegen des hohen Reifenverschleißes von niedrigen Temperaturen profitieren würde. Auf jeden Fall werden die Pirellis entscheiden, glaubt Brawn: "Diese Reifen haben ein extrem schmales Temperaturfenster, in dem sie optimal funktionieren. Wenn wir dieses Fenster treffen, dann sollten wir ein gutes Rennen haben, aber wie man heute an Sebastian gesehen hat, wird es schwierig, wenn man es nicht ganz hinbekommt."

Wie das geht? "Schwierig", antwortet der Brite. "Man muss versuchen, das Fenster zu verfolgen, es genau aufzuzeichnen. Man kann vor dem Rennen oder während des Rennens nicht viel ändern: Reifendruck, Frontflügel-Einstellung, aber sonst nichts. Mit diesen kleinen Möglichkeiten muss man versuchen, die Reifen richtig zum Arbeiten zu bekommen. Du hast auch nichts, was dir sagt, ob du genau im richtigen Fenster bist oder nicht."

Betriebsfenster für das Rennen noch zu klein

Der Mercedes F1 W03 ist vom Potenzial her ein sehr schnelles Auto, wegen des F-Schacht-Vorteils besonders im Qualifying. Aber das Fenster, in dem er optimal funktioniert, ist schmäler als etwa beim McLaren - ein Punkt, der in den nächsten Wochen dringend verbessert werden soll: "Wenn wir mit diesem Auto in Zukunft vorankommen wollen, brauchen wir ein größeres Betriebsfenster für die Reifen", gibt Brawn zu Protokoll.

"Heute ist uns das mit diesen Reifen und wenig Benzin gelungen, aber ob es uns gelingen wird, das morgen ins Rennen zu übertragen, weiß ich nicht", zeigt er sich skeptisch. "Ich glaube aber, dass wir eine Chance haben, weil die Bedingungen morgen konstanter sein sollten als in den vergangenen Rennen. In Melbourne war der Renntag viel heißer und in Malaysia viel kälter als im Qualifying. Das warf eine Herausforderung auf."

Rosberg: Keine Angst vor Schumachers Starts

Doch bei aller Euphorie um Rosberg sollte man Schumacher nicht außer Acht lassen. Der Routinier hat die Erfahrung von 91 Grand-Prix-Siegen und im Rennen oftmals einen besseren Speed als im Qualifying. Dafür steht er auf der vermeintlich schlechteren Seite des Grids. Aber: "Auf manchen Strecken sind beide Linien ziemlich gleich, auf manchen gibt es große Unterschiede", winkt er ab. "Manchmal ist sogar der zweite Platz besser als der erste."

"Das werden wir morgen herausfinden", meint Schumacher cool - wohlwissend, dass er in der vergangenen Saison einer der besten Starter im Feld war. Aber Rosberg lässt sich davon nicht einschüchtern und versteht die Frage, ob er Angst vor den Starts seines Teamkollegen habe, zunächst gar nicht. Erst als sie ihm noch einmal gestellt wird, entgegnet er mit einem verständnislosen Achselzucken: "Nein, habe ich nicht."

Schumacher feierte seinen bisher letzten Sieg 2006 in... Schanghai. "Das Qualifying war eine Katastrophe, die Balance nirgendwo. Im Rennen hat uns das Wetter geholfen", erinnert er sich. "Aber die Ferrari-Jahre hier waren von der Balance her auch nicht besser als die ersten zwei Mercedes-Jahre. Wenn du kein gut ausbalanciertes Auto hast, ist diese Strecke ein Albtraum, aber das ist der erste Silberpfeil mit einer guten Balance. Daher fange ich an, die Strecke zu mögen..."

Fotoquelle: Daimler

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