Lewis Hamilton holte sich auf dem Circuit de Catalunya die Pole-Position

Formel 1 2012

— 12.05.2012

Reifenpoker im Qualifying: Hamilton auf Pole-Position

Verrückter Reifenpoker im Barcelona-Qualifying: Vettel ohne Zeit auf Platz acht, Hamilton vor Maldonado auf Pole, Button und Webber schon in Q2 out



Dass der Circuit de Catalunya reifenmordend ist, ist nicht neu, aber wie sehr die Fahrer beim Grand Prix von Spanien mit den Pirelli-Pneus haushalten müssen, setzte im heutigen Qualifying in Barcelona ganz neue Maßstäbe. "Es scheint, dass wir jetzt den Punkt erreicht haben, an denen allen die Startposition egal ist, weil sie sich nur noch auf die 66 Runden im Rennen konzentrieren", analysiert der ehemalige Formel-1-Pilot David Coulthard. Denn wer die meisten noch relativ frischen Reifensätze gespart hat, sollte sich für morgen in einer guten Ausgangsposition befinden.

Die Pole-Position, die bei weitem nicht so hart umkämpft war, wie das sonst auf dem traditionellen Prozessionskurs in Barcelona üblich ist, sicherte sich verdientermaßen Lewis Hamilton, der heute schon den ganzen Tag den besten Speed hatte. Der McLaren-Pilot war neben Nico Rosberg (7./Mercedes/+1,298) der Einzige, der im Qualifying 17 Runden absolvierte, macht sich wegen seiner Reifen aber keine Sorgen: "Wir haben sehr auf unsere Prime-Reifen geachtet, die im Rennen besser halten. Auch die Options sind in gutem Zustand", winkt er ab.

Hamilton fahrerisch stark unterwegs

Hamilton hatte schon in Q1 Bestzeit erzielt und war in Q2 Zweiter geworden. Dementsprechend ging er als Topfavorit in die Entscheidung, in der er alles richtig machte: "Es war ein fantastisches Qualifying für mich, vielleicht eines meiner besten", so der Brite. "Das Auto fühlte sich großartig an." Bis auf den Zwischenfall in der Auslaufrunde, als er plötzlich stehen blieb: "Ich weiß nicht warum", zuckt er mit der Schulter. Zuvor hatte ihm sein Renningenieur ins Cockpit gefunkt: "Wir haben ein Problem. Halte das Auto an!"

Unterm Strich hatte Hamilton mehr als eine halbe Sekunde Vorsprung auf Überraschungsmann Pastor Maldonado im Williams. Für den Venezolaner, mit 35 Millionen Euro pro Jahr der gewinnbringendste Paydriver der Formel-1-Geschichte, bedeutet dies die erste erste Startreihe seiner Karriere. Dabei wäre vielleicht sogar mehr drin gewesen, denn nach der sensationellen Bestzeit in Q2, die er in Q3 nicht mehr unterbieten konnte, wurde Maldonado von einigen sogar als Geheimfavorit gehandelt.

"Ich sitze zum ersten Mal in einer Top-3-Pressekonferenz", lächelt der 27-Jährige, der das Reifen-Betriebsfenster bei 28 Grad Celsius Luft- und 39 Grad Asphalttemperatur offenbar perfekt traf. Das ist seiner Meinung nach aber nicht die einzige Erklärung: "Wir haben am Jahresanfang hart gearbeitet, um diese Reifen zu verstehen und unser Auto um die Reifen herum zu entwickeln. Für dieses Rennen ist uns ein guter Schritt gelungen. Das Auto scheint sehr konstant zu sein, vor allem im Renntrimm. Daher freue ich mich schon auf morgen."

Reifen das alles entscheidende Thema

Dass Lokalmatador Fernando Alonso den unterlegenen Ferrari zu Platz drei prügeln konnte, beweist, wie sehr das Qualifying heute von Pirelli bestimmt wurde. Teilweise "sogar in einer Runde", klagt Rosberg, habe man mit den Reifen sorgsam haushalten müssen, denn: "Wenn man zu aggressiv fährt oder kein richtiges Setup hat, überhitzen die Reifen sofort. So kommt es zustande, dass ein Williams in Q2 sieben Zehntel schneller ist als ich, obwohl ich mit frischen Reifen eine saubere Runde erwischt hatte..."

Welche Blüten das Taktieren trieb, zeigte sich am imposantesten am Beispiel des Weltmeisters: Sebastian Vettel ließ schon bei seinem ersten Q1-Run weiche Reifen aufziehen und stellte sich vor Q3 bereits eine Minute vor Beginn der Session an der Boxenausfahrt an. Der Red-Bull-Pilot drehte zwei Runden ohne Zeit, ehe er an die Box zurückkam. Später ging er zwar noch einmal raus, wieder für zwei Runden ohne Zeit, aber er brach den Run erneut ab. Das erlaubt ihm, morgen für den Start einen beliebigen Reifensatz zu montieren.

Vettel ohne Chance auf die Pole

"Hätten wir den Speed im Auto gehabt, um wirklich ganz vorne mitzufahren, dann brauchen wir nicht groß zu taktieren, denn dann ist die Taktik klar: alles rausholen, das Auto auf die Pole stellen. Das war heute nicht in Reichweite, also spielt man ein bisschen rum", erklärt Vettel, nach dem aufmunternden Sieg in Bahrain nun wieder ziemlich ernüchtert. "Mit der Tatsache, dass wir keinen neuen weichen Satz Reifen mehr hatten für das letzte Qualifying, sind hinsichtlich der Pole die Leviten gelesen."

"Dann haben wir versucht, die Autos zu schlagen, die in unserer Reichweite waren, und das waren wirklich nur noch die Mercedes. Alle anderen hatten einen neuen Satz", seufzt er. "Diesen Vorteil wettzumachen, ist sehr schwierig, vor allem wenn es so eng ist und man nicht schnell genug ist. Am Ende haben wir gedacht, dass wir Nico vielleicht noch holen können, aber es hat dann nicht ganz gereicht. Deswegen haben wir uns entschieden, die Runde abzubrechen, um für morgen freie Reifenwahl zu haben."

Neben Vettel verzichtete auch Michael Schumacher auf einen gezeiteten Q3-Versuch. "Für uns war einfach nicht mehr drin. Das muss man akzeptieren", bedauert der Mercedes-Pilot, der glaubt, dass der große DRS-Qualifying-Vorteil des Silberpfeils langsam dahinschwindet. Zumindest verlief das dritte Qualifying aber - im Rahmen seiner realistischen Erwartungen - wie geplant, denn: "Mir war wichtig, eher von Platz neun als von Platz acht zu starten. Das ist aufgegangen."

Alonso mehr als zufrieden

Auf der griffigeren ungeraden Seite der Startaufstellung steht auch Alonso, dem nur 17 Tausendstelsekunden auf Maldonado fehlten. "Wir hätten in den ersten vier Rennen nicht einmal zu träumen gewagt, in die Top 3 zu fahren", strahlt der Spanier. "Dieses Ergebnis ist also ein Schritt nach vorne. Wie groß? Keine Ahnung, denn Platz drei schmeichelt uns momentan, wenn man ehrlich ist. Die Runde war perfekt. Ich glaube, selbst wenn ich 100 Reifensätze hätte, würde mir so eine Zeit nicht mehr gelingen."

Lotus-Pilot Romain Grosjean erholte sich hervorragend von seinem Benzindruck-Problem im Vormittagstraining, trat in Q1 sogar so selbstbewusst auf, dass er sich nach der Reparatur eine Installationsrunde sparte. Am Ende belegte er mit 0,717 Sekunden Rückstand den guten vierten Platz, 63 Tausendstelsekunden vor seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen. Die beiden kamen mit 14 beziehungsweise 13 Qualifying-Runden aus und sollten damit für das Rennen gut aufgestellt sein. Schon gestern hatten sie ja ein ordentliches Longrun-Tempo angeschlagen.

Das Sauber-Team konnte im Qualifying an die starken Trainingsleistungen anknüpfen: Sergio Perez (+0,826) sicherte sich den hervorragenden sechsten Platz, Kamui Kobayashi wird morgen als Zehnter ins Rennen gehen. Letzterer rollte nach der neuntbesten Zeit in Q2 mit einem Hydraulikproblem aus - was aber kein allzu großer Nachteil sein muss, weil er so freie Reifenwahl für das Rennen hat und in den letzten zehn Minuten auch keinen weiteren Reifensatz verschwendete. Allerdings hat er starke Gegner direkt hinter sich.

Button hadert mit Untersteuern

Denn mit Jenson Button (11./McLaren) und Mark Webber (12./Red Bull) erwischte es zwei "Big Names" schon in Q2. "Ich hatte den ganzen Tag Probleme mit der Balance", seufzt Button. "Gestern waren wir auf den weichen Reifen die Schnellsten. Ich habe am Auto nicht viel verändert, aber die Balance machte Probleme. Ich weiß nicht, warum das so war. Beim letzten Versuch hatte ich viel Untersteuern. Jetzt bin ich in Q2 ausgeschieden. Das ist nicht gerade hilfreich, zumal ich keinen einzigen frischen Satz weicher Reifen mehr übrig habe."

Auch Webber stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben: "Ich bin doch sehr überrascht", so der Polesetter der vergangenen beiden Jahre. Sein Renningenieur hatte ihm nach dem Versuch im Funk suggeriert, dass die Runde für den Schlussabschnitt reiche. "Wir hatten zu diesem Zeitpunkt den zweiten Platz inne und dachten, wir bräuchten nicht mehr rauszufahren", meint Webber. Nicht bedacht hatten er und seine Crew aber, dass die Strecke immer schneller wurde. "Am Schluss war ich dann einfach draußen, obwohl die Runde ganz gut war", meint er.

Q2: Abstände so eng wie noch nie

Zur Ehrenrettung der beiden gescheiterten Mitfavoriten sei jedoch erwähnt, dass in Q2 nur rund eine Zehntelsekunde (!) zwischen dem fünften und zwölften Platz lag! Button zog gegen Schumacher um vier Hundertstelsekunden den Kürzeren, Webber war noch einmal um drei Hundertstelsekunden langsamer. Aber für das Rennen sollte man Button und Webber noch nicht abschreiben: "Erinnert euch an Bahrain, da ist Räikkönen vom elften auf den zweiten Platz gefahren. Das kann morgen auch passieren", prophezeit Pirelli-Testfahrer Jaime Alguersuari.

Ebenfalls in Q2 erwischte es Force India und Toro Rosso sowie Felipe Massa, dem Ferrari-Teamkollege Alonso wieder eine Packung von sechs Zehntelsekunden aufs Auge drückte. Auch in Q1 gab es keine Überraschungen - obwohl vor Beginn des Qualifyings plötzlich starker Wind einsetzte. Die Fahrer stellten sich darauf jedoch gut ein - mit der Ausnahme von Bruno Senna (Williams), der zu viel wollte, in Kurve elf innen auf den Randstein kam und damit als 18. ausschied. Allerdings hatte er auch bei der zweiten Zwischenzeit schon 0,083 Sekunden Rückstand auf den Top-17-Cut.

Eine Prognose für den morgigen Grand Prix von Spanien wagt nach dem kuriosen Reifenpoker im Qualifying wohl kaum jemand. Polesetter Hamilton hatte bisher an diesem Wochenende zweifellos den besten Speed, aber im Rennen wird wohl derjenige gewinnen, der bei guter Pace am besten mit seinen Reifen umgeht. Und mit Leuten wie Maldonado, Lokalmatador Alonso und "Reifenflüsterer" Perez in den ersten drei Reihen sowie Button/Webber in Reihe sechs scheint ein unterhaltsamer Nachmittag fast vorprogrammiert...

Fotoquelle: xpbimages.com

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