Maldonado sichert sich überraschend den Sieg auf dem Circuit de Catalunya

Formel 1 2012

— 13.05.2012

Maldonado verdirbt Alonso die Formel-1-Fiesta

Acht Jahre nach Montoya beschert Pastor Maldonado Frank Williams wieder einen Sieg - Kimi Räikkönen nach furiosem Finish Dritter hinter Fernando Alonso



Manche Geschichten schreibt nur die Formel 1: Kaum jemand hätte geglaubt, dass Frank Williams noch einmal einen Grand-Prix-Sieg erleben würde, aber heute bereitete ihm Pastor Maldonado zum 70er das wahrscheinlich schönste Geburtstagsgeschenk. Denn der Williams-Pilot gewann das Rennen in Barcelona von der Pole-Position aus und holte damit erstmals seit Juan-Pablo Montoya beim Grand Prix von Brasilien 2004 wieder einen Formel-1-Siegerpokal nach Grove.

Frank Williams konnte die Trophäe für den siegreichen Konstrukteur aufgrund seiner Behinderung zwar nicht persönlich entgegennehmen und schickte an seiner Stelle Teammanager Dickie Stanford auf das Podium, aber die Erleichterung war ihm anzusehen, als Ehefrau Virginia, Tochter Claire und sein österreichischer Partner Toto Wolff unmittelbar nach der Zieldurchfahrt die ersten Gratulanten waren. Aber wer südamerikanische Emotionen erwartet hatte, wurde enttäuscht: "Sehr gute Fahrt, Pastor", war das nüchterne Lob für den Sensationssieger am Boxenfunk.

Erster Podestplatz, erster Sieg

Während der Sieger-Pressekonferenz klang das dann schon ein bisschen euphorischer: "Heute ist ein wunderschöner Tag für mich, aber auch für das ganze Team", jubelt Maldonado. "Wir haben seit vergangenem Jahr hart gearbeitet, um Rennen für Rennen immer besser zu werden, und jetzt stehen wir hier. Das Qualifying gestern war schon klasse, auch wenn wir die erste Pole lieber aus eigener Kraft geholt hätten, und heute ist uns das wieder gelungen. Mein erstes Podium und gleich der erste Sieg - ihr könnt euch vorstellen, was in mir vorgeht!"

Der Grand Prix von Spanien wurde zur erwarteten Reifenschlacht, in der die Strategie stets eine entscheidende Rolle spielte. Von Anfang an lief es auf ein Duell zwischen Maldonado und Lokalmatador Fernando Alonso (Ferrari) hinaus: Letzterer gewann genau wie im Vorjahr den Start und führte das Feld vor Maldonado, Kimi Räikkönen (Lotus) und dem exzellent gestarteten Nico Rosberg (Mercedes) in die erste Runde. Die vermeintlichen Favoriten, also Red Bull und McLaren, steckten von Beginn an im Verkehr fest.

Alonso dankt seinem Team dafür, wieder einmal die perfekten Kupplungseinstellungen gefunden zu haben: "Es war ein fantastischer Start! Bis zur ersten Kurve runter war es eng, aber dann hatte ich beim Bremsen die bessere Seite der Strecke", erinnert sich der Spanier, der unter tosendem Applaus am forsch dagegenhaltenden Maldonado vorbeiging. Der trug den Positionsverlust aber mit Fassung und warf die Nerven nicht weg: "Fernando ist besser gestartet als ich, aber ich konnte sein Tempo mitgehen."

Harte Reifen besser als die weichen

Pech hatte Sergio Perez (Sauber), dem in der ersten Kurve von Romain Grosjean (Lotus) der linke Hinterreifen aufgeschlitzt wurde. Doch nachdem alle auf Pirelli-Softs gestartet waren, nutzte der Mexikaner den Reparaturstopp in der ersten Runde, um auf die härtere Gummimischung zu wechseln - und fuhr prompt ordentliche Rundenzeiten. Die veranlassten den einmal mehr schlecht gestarteten Mark Webber (Red Bull) schon in der sechsten Runde dazu, ebenfalls von Soft auf Hard zu wechseln.

In der zehnten Runde kam Spitzenreiter Alonso zum ersten Boxenstopp, um die Soft- gegen Hard-Pirellis auszutauschen. Eine Runde später wechselten auch Maldonado und Räikkönen die Reifen, wobei Williams ebenfalls harte, Lotus weiche Pneus aufziehen ließ. Von da an entglitt Räikkönen das Führungsduo: "Vielleicht haben wir beim ersten Boxenstopp die falsche Entscheidung getroffen", macht er seinem Kommandostand einen Vorwurf. Trotzdem fuhr er den dritten Platz sicher ins Ziel, 3,8 Sekunden hinter dem Sieger.

Alonso mit frischeren Reifen

Maldonado führte die Vorentscheidung beim zweiten von drei Boxenstopps herbei, als er zwei Runden vor Alonso an die Box kam und gleich im ersten Sektor mit frischen Reifen 1,3 Sekunden herausholte. Nach 32 von 64 Runden hatte der Williams-Pilot schon sieben Sekunden Vorsprung und sah erstmals wie der mögliche Sieger aus. Alonsos Chancen waren aber noch keineswegs dahin, denn die Ferrari-Box holte ihn auch zum letzten Stopp später rein, sodass er für die Schlussphase frischere Reifen drauf hatte.

In der 49. Runde saugte sich Alonso erstmals in die DRS-Sekunde, aber eine ernsthafte Attacke konnte er trotz der Anfeuerung des spanischen Publikums nicht setzen. "Am Ende war es knapp", schildert er. "Unsere Reifen waren neuer als die von Pastor. Ich habe es ein paar Mal probiert, aber aus der letzten Kurve heraus war er immer sehr schnell. Am Ende muss wohl irgendein Aerodynamik-Teil kaputt gegangen sein, denn das Auto wurde sehr langsam. Fast hätte mich sogar Kimi noch eingeholt."

Die Vorentscheidung fiel in der 58. Runde, als Maldonado problemlos an einem überrundeten Nachzügler vorbeischlüpfte, Alonso aber ein paar Zehntelsekunden einbüßte und damit wieder aus dem DRS-Abstand rausflog. Charles Pic (Marussia) hatte zuvor schon eine Durchfahrstrafe kassiert. "Das hilft mir jetzt auch nicht mehr", murrt Alonso, "aber vielleicht verstehen die Leute wenigstens, dass sie bestraft werden, wenn sie jemanden aufhalten." Allerdings kann er sich auch über Platz zwei freuen, denn: "Der Williams war schneller als wir. Sie verdienen den Sieg."

Maldonado wirft die Nerven nicht weg

Die einzige Frage während der letzten fünf Runden war, ob Maldonado die Nerven bewahren würde. Beim Saisonauftakt in Australien hatte er sich auf der Jagd nach Alonso in der letzten Runde in die Mauer verabschiedet - aber in Alonsos Heimat blieb er cool. "Die Hinterreifen bauten schon nach ein paar Runden ab, aber das Auto war konkurrenzfähig", schildert er. "Ich habe versucht, die Reifen für das Finish am Leben zu erhalten. Fernando war am Ende der Geraden sehr schnell, aber ich konnte es kontrollieren. Unser Tempo war heute sehr gut."

Da tat es auch nichts zur Sache, dass sich die Williams-Boxencrew beim letzten Stopp einen kleinen Fehler leistete, der ein bis zwei Sekunden gekostet haben dürfte. Spannend wurde es nur noch hinter dem 27-Jährigen, denn zwei Runden vor Schluss lag plötzlich Räikkönen 4,4 Sekunden hinter Alonso - und kam mit Siebenmeilenstiefeln näher. Vor der letzten Runde waren es gar nur noch 2,3, auf der Ziellinie 0,6 Sekunden. "Ich wundere mich", analysiert Experte Marc Surer, "warum sie Kimi nicht früher gesagt haben, dass er pushen soll."

Dem "Iceman" stand die Enttäuschung über das Ergebnis dann auch ins Gesicht geschrieben: "Ich bin enttäuscht, denn ich hatte erwartet, schneller zu sein, vor allem zu Beginn des Rennens. Darum konnten wir nicht um den Sieg kämpfen", trauert er der falschen Reifenwahl beim ersten Boxenstopp nach. So richtig dämmerte ihm das aber erst viel später: "Am Anfang, als ich nicht mitkam, war die Enttäuschung gar nicht so groß, aber als ich binnen weniger Runden 20 Sekunden aufholen konnte, wurde mir erst klar, was heute drin gewesen wäre."

Perez diesmal im Reifenpech

Räikkönens Teamkollege Grosjean, der im ersten Renndrittel im Zweikampf mit Bruno Senna (Williams) etwas zu ungestüm war, in der Situation aber Glück hatte, fuhr nach seinem Überholmanöver gegen Rosberg einem sicheren vierten Platz entgegen. Erst 50 Sekunden hinter dem Franzosen kam Kamui Kobayashi (Sauber) als Fünfter ins Ziel. Das vermeintlich heißere Sauber-Eisen Perez hatte nach dem Reifenschaden am Start gleich noch einmal Pech, als sich ein Mechaniker beim Boxenstopp verletzte und er wenig später ausrollte.

Den Aufreger des Tages lieferten aber Senna und Michael Schumacher (Mercedes), als sie in der 13. Runde vor der ersten Kurve kollidierten. Schumacher, nach dem Boxenstopp bereits mit frischen Reifen unterwegs, setzte zum Überholen an, bremste aber später als Senna mit abgefahrenen Pneus - und krachte dem Williams direkt ins Heck! "Für mich eindeutig Michaels Schuld. Senna muss früher bremsen, weil er abgefahrene Reifen hat", analysiert Experte Surer. Und auch Senna ärgert sich: "Ich musste eher bremsen als er."

Doch Schumacher sieht den Unfall anders: "Ich versuche, ihn aus dem Windschatten heraus zu attackieren. Er macht mir deutlich, dass er die Innenbahn zumachen wird, zieht nach rechts. Ich sage: 'Okay, ziehst du halt nach links rüber.' Kurz nach dem Bremspunkt zieht er mir aber nach links vor das Auto. Da ich nicht weiß, wie weit er nach links rüberzieht, versuche ich halt auszuweichen. Da knalle ich ihm ins Heck rein. Es ist eine relativ unvernünftige Sache, in der Bremsphase plötzlich noch einmal eine Bewegung in eine Richtung zu machen, in die er nicht mehr hindarf."

"Idiot": Schumacher beschimpft Senna

Unmittelbar nach dem Crash hatte Schumacher sein Lenkrad weggeworfen und Senna am Boxenfunk als "Idioten" beschimpft. "Es ist schon die zweite Aktion, die ich mit diesem Kollegen hatte", regt sich der siebenfache Weltmeister auf. "In Brasilien ist er mir ins Auto gefahren. Hier fährt er mir vor das Auto - auf eine Art und Weise, die für mich einfach nicht akzeptabel ist." Senna nimmt diese Vorwürfe jedoch nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis: "Ich glaube nicht, dass Michael jemals sagen wird: 'Es war mein Fehler, tut mir leid.'"

Bester Deutscher wurde heute Sebastian Vettel (Red Bull), der ein chaotisches Rennen erlebte: am Start einen Platz gegen Schumacher verloren, dann Durchfahrstrafe wegen zu hoher Geschwindigkeit während der Senna/Schumacher-Gelbphase, am Ende noch ein Wechsel der Frontpartie. "Ich war mir gar nicht sicher, ob sie kaputt ist, und konnte mir nicht erklären, warum der Flügel kaputt sein soll", wundert sich Vettel, stimmt dem Team aber im Nachhinein zu: "Vorne links war wohl irgendein Flap kaputt."

Zuvor hatte Red Bull schon bei Webber die Nase getauscht, weil diese plötzlich nicht mehr vollen Anpressdruck lieferte. Webber schrammte am Ende um 0,2 Sekunden hinter Nico Hülkenberg (Force India) an einem WM-Punkt vorbei, während Vettel in den letzten Runden ein wahres Überhol-Feuerwerk zündete, der Reihe nach Jenson Button, Lewis Hamilton (beide McLaren) und Rosberg überholte und so immerhin noch Sechster wurde. Damit konnte er die WM-Führung behaupten, ex aequo mit Alonso.

Vettel verwundert über Durchfahrstrafe

So ganz kann der WM-Leader den heutigen Grand Prix aber auch nicht lesen: "Es gibt auch für uns noch jede Menge zu verstehen. Es war ein Drunter und Drüber", kommentiert er das ungewöhnliche Ergebnis. "Wir kamen gut ins Rennen rein in den letzten zwei, drei Stints, aber die Durchfahrstrafe hat uns natürlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich kann's nicht verstehen, denn ich habe die gelben Flaggen gesehen und beachtet. Aber das aus dem Cockpit zu beurteilen, ist schwierig. Sehr viel mehr wäre sowieso nicht drin gewesen."

Rosberg büßte in den letzten Runden noch mehr als zehn Sekunden auf seinen Landsmann ein, gehörte zu jenen, die ihre Reifen nur noch irgendwie über die Distanz retteten. Dass er sich auf den letzten Metern wenigstens noch gegen den von hinten drückenden Hamilton behaupten konnte, "war das kleinste Erfolgserlebnis dieses Tages, aber wenn man bedenkt, dass er als Letzter losgefahren ist, ist das auch nichts Besonderes. Unser Auto hat zu viel Reifen gefressen. Da liegt immer noch Arbeit vor uns", seufzt Rosberg.

Hamilton (schlechter erster Boxenstopp) war übrigens der Einzige, der eine Zweistoppstrategie riskierte, und fuhr mit dieser vom 24. auf den achten Platz, 7,1 Sekunden vor Button. Das McLaren-Duo war aber weniger auffällig unterwegs als etwa Heikki Kovalainen, der durch einen späten ersten Boxenstopp und dank guter Pace teilweise an fünfter Stelle geführt wurde - so weit vorne lag ein Auto eines der drei neuen Teams noch nie. Schlussendlich wurde er freilich trotzdem nur 16., 24 Sekunden hinter dem erneut farblosen (und mit Durchfahrstrafe belegten) Felipe Massa (Ferrari).

Und wieder gewinnt der Polesetter...

Auch wenn in Barcelona im zwölften Rennen seit 2001 zum elften Mal der Polesetter gewonnen hat, war der heutige Grand Prix alles andere als eine Prozession. Dank DRS gab es bei Start und Ziel dutzende "programmgemäße" Überholmanöver, aber die schönsten Attacken zelebrierte wieder einmal "Kamuikaze" Kobayashi: Wie er erst Button und dann Rosberg ohne DRS im Infield überrumpelte, war Weltklasse - ähnlich wie Vettels Manöver gegen den heute im Zweikampf recht zahm wirkenden Button.

Fünf verschiedene Sieger in fünf unterschiedlichen Autos: Die Formel 1 ist zum Auftakt der Saison 2012 so abwechslungsreich wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. Zuletzt hatte es eine solche Konstellation 1983 gegeben. Damals hatten der spätere Weltmeister Nelson Piquet (Brasilien) im Brabham, John Watson (Großbritannien) im McLaren, Alain Prost (Frankreich) im Renault, Patrick Tambay (Frankreich) im Ferrari und Keke Rosberg (Finnland) im Williams die ersten fünf Rennen gewonnen.

Dementsprechend spannend geht es derzeit auch in der Weltmeisterschaft zu. Vettel und Alonso halten nach fünf von 20 Rennen bei je 61 von 125 möglichen Punkten, Vettel liegt jedoch dank der besseren Einzelergebnisse in Führung. Bis zum heutigen Sieger Maldonado (29 Punkte) auf Rang neun liegt alles recht eng beisammen. Schumacher ist mit zwei Punkten WM-18. In der Konstrukteurswertung führt Red Bull (109) vor McLaren (98) und Lotus (84). Weiter geht's am 27. Mai mit dem klassischen Grand Prix von Monaco.

Fotoquelle: xpbimages.com

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