Der Start: Webber geht in Führung, hinten dreht sich Grosjean

Formel 1 2012

— 27.05.2012

Prozession in Monaco: Webber gewinnt vor Rosberg

Sechs Autos in sechs Sekunden: Nicht einmal das Wetter konnte Mark Webbers zweiten Monaco-Sieg verhindern - Michael Schumacher wieder im Pech



Die Formel-1-Saison 2012 bleibt unberechenbar: Beim Grand Prix von Monaco gab es heute den sechsten Sieger im sechsten Rennen - und die sechs bestplatzierten Fahrer kamen innerhalb von sechs Sekunden ins Ziel! Nach 78 Runden sicherte sich Mark Webber zum zweiten Mal nach 2010 den Sieg im Frstentum an der Cote d'Azur.

Als es zehn Runden vor Schluss stellenweise zu regnen begann, bahnte sich schon ein finaler Showdown in Monte Carlo an, letztendlich kam es auf den vorderen Positionen aber zu keinen Verschiebungen mehr. So gewann Red-Bull-Pilot Webber 0,6 Sekunden vor Nico Rosberg (Mercedes) und 0,9 Sekunden vor Fernando Alonso (Ferrari), der mit dem heutigen Ergebnis die alleinige WM-Fhrung bernimmt, je drei Punkte vor den beiden Red-Bull-Piloten.

Vettel: Langer erster Stint

An Spannung konnte die 260-Kilometer-Schlacht nicht ganz mit den bisherigen Saisonrennen mithalten, knapp war es aber allemal. Und beinahe wre der Reifenpoker von Vorjahressieger Sebastian Vettel (Red Bull) aufgegangen: Der Deutsche startete als einziger Top-10-Fahrer mit den hrteren Soft-Primes von Pirelli und konnte somit einen 46 Runden langen ersten Stint fahren. Zum Vergleich: Seine direkten Konkurrenten waren schon um Runde 30 reingekommen.

Vettel baute seinen Vorsprung in jener Phase auf bis zu 17,4 Sekunden aus, weil die hrteren Reifen von Webber und Co. ein paar Runden brauchten, um ihre Performance voll zu entfalten. "Mit dem Regen war es schwierig, die harten Reifen aufzuwrmen", erklrt Rosberg, und Webber schildert: "Sebs Reifen bauten nicht wirklich ab, whrend ich zu Beginn des zweiten Stints wenig Grip hatte. Seb zog vorne weg. Ich habe nur geschaut, dass er nicht die magischen 21 Sekunden holt."

Doch gegen Ende des Stints lieen auch Vettels Zeiten nach, sodass Webber vor Rosberg und Alonso in Fhrung blieb. Vettel verbesserte sich aber vom sechsten auf den vierten Platz und kam vor Lewis Hamilton (McLaren) wieder auf die Strecke. Bis dahin war "jede Runde voll am Limit", so Vettel, denn: "Die Reifen waren lter als die der anderen. Dann kam ich aus der Box. Man profitiert von den Reifen, aber am Limit war ich nicht, denn ich bin im Verkehr festgehangen."

Prozession statt berhol-Action

An der Spitze war es von da an eine Prozession. Am Ende der 69. Runde lagen zwar die fnf Fhrenden innerhalb von 2,1 Sekunden (Ferrari-Pilot Felipe Massa auf Platz sechs hatte 3,4 Sekunden Rckstand), doch keiner wagte mehr eine ernsthafte Attacke. Die meiste Spannung bezog das Rennen aus der unsicheren Wetterlage: "Es haben wohl alle auf Regen gehofft, nur ich nicht", schmunzelt Webber. "Fr den Ersten ist es immer am schwierigsten."

Tatschlich knickten die Rundenzeiten zwischendurch um mehr als fnf Sekunden ein, gegen Ende hin trocknete die Strecke aber wieder ab. Rosberg lie bis in die letzte Runde nicht locker, doch als Webber ausgangs Tunnel ein paar Wagenlngen Vorsprung hatte, war das Rennen gelaufen. "Wahrscheinlich hatten wir das schnellste Auto, im Qualifying wie im Rennen", glaubt Rosberg. "Leider ist es nicht perfekt gelaufen, aber ich freue mich auch ber Platz zwei."

So war im Nachhinein betrachtet wohl der Start die entscheidende Situation. Das war bisher eigentlich nicht Webbers Strke, aber: "Ich wusste sofort, dass es reichen wrde, um als Fhrender in die erste Kurve zu gehen", kann er im Nachhinein lcheln. Auch Rosberg muss einsehen: "Ich bin eigentlich sehr gut weggekommen, aber Mark auch. Bis zum ersten Boxenstopp war ich echt gut unterwegs, hatte auf jeden Fall das beste Auto. Aber hier kommt man einfach nicht vorbei."

Reifen wieder entscheidender Faktor

"Es ging dann nur ums Haushalten mit den Reifen. Ich bin berrascht, wie gut wir da waren", freut sich der Mercedes-Pilot. Webber setzte sich um teilweise mehr als zwei Sekunden ab, doch richtig lsen konnte er sich nie. "Auf den Supersofts konnte ich einen kleinen Vorsprung herausfahren. Danach ging es nur darum, diesen zu kontrollieren", gibt der nunmehr zweimalige Monaco-Sieger erleichtert zu Protokoll.

Eine weitere entscheidende Szene war Rosbergs Boxenstopp in Runde 27 - eigentlich htte man den Supersofts bis zu 35 Runden zugetraut -, der wegen des sogenannten "Undercuts" auch Webber und Co. dazu zwang, frher zu wechseln. Das war eigentlich nicht geplant: "Es drohte stndig Regen, also htte man lieber lnger gewartet, aber Nico kam frher rein, sodass dann alle anderen reagieren mussten", erklrt Webber.

Ein makelloses Rennen fuhr Alonso, der in der Anfangsphase Mhe zu haben schien, seinen Teamkollegen Felipe Massa abzuschtteln. Doch als sich Massa erkundigte, ob Alonso ein Problem habe, kam vom Kommandostand nur retour: "Er schon die Reifen. Solltest du auch!" Alonso legte nur dann an Tempo zu, wenn es strategisch wichtig war, gewann schon am Start eine Position und ging dann beim Boxenstopp an Hamilton vorbei.

Alonso, das Punkte-Eichhrnchen

"Unser Ziel war, vor Sebastian und Lewis ins Ziel zu kommen. Nchstes Mal mssen wir uns auf Mark konzentrieren, der jetzt WM-Zweiter ist. Jedes Rennen ist eine berraschung", erklrt der Spanier, der einer von nur zwei Fahrern ist, die 2012 jedes Mal gepunktet haben. "Das Rennen lief reibungslos, nur am Start hatte ich eine Berhrung mit Grosjean. Zum Glck war das Auto trotzdem okay. Hamilton haben wir mit einem perfekten Boxenstopp berholt."

Die Startkarambolage um Romain Grosjean (Lotus) war an einem sonst wenig aufregenden Nachmittag wohl die Szene des Rennens: Der Franzose drngte Michael Schumacher (Mercedes) in die Mauer, geriet dadurch selbst ins Schleudern, berhrte Vettel leicht am Hinterrad, der deswegen (wie einige andere Fahrer auch) Sainte Devote abkrzen musste - und kollidierte mit Kamui Kobayashi, der ein paar Runden spter aufgab.

"Es war eine seltsame Situation, er hat sich auf der Geraden gedreht", bedauert der Sauber-Pilot. "Ich hatte ein Problem mit der Aufhngung. Es wre sehr gefhrlich gewesen, wenn ich weitergefahren wre. Schade, so einen Rennverlauf hatte ich nicht erwartet, aber das Auto ist kaputt." Doppelt bitter, dass auch Sergio Perez keine Punkte fr Sauber holte, obwohl der Mexikaner ber weite Strecken der schnellste Fahrer im Feld war.

Perez schnellster Mann im Feld

Nach dem Wechsel von Supersoft auf Soft kam Perez immer besser in Schuss, drehte eine schnellste Runde nach der anderen, war phasenweise um drei, meistens um ein bis zwei Sekunden schneller als alle anderen. Als er sich im Finish berrunden lie, war das nicht aufgrund des Tempos: "Man kann sehen, wie schnell der Sauber ist, wenn er mit der Spitzengruppe locker mitfhrt. Er ist der schnellste Mann da vorne", so Experte Marc Surer im Sky-Kommentar.

Schlussendlich wurde es Platz elf fr Perez - in einem Rennen, in dem 15 Autos die Zielflagge sahen: Grosjean schied bereits am Start aus, Pastor Maldonado (Williams) wurde ebenfalls ein Opfer der ersten Runde und Schumacher gab wegen eines Problems mit der Benzinzufuhr auf. "Es ist nicht gelaufen, wie wir es uns vorgestellt haben", seufzt der Schnellste von gestern. "Ein Podium war realistisch, aber das wurde schon am Start zunichte gemacht."

Pech hatte Jean-Eric Vergne (Toro Rosso), der nach Schumachers Ausfall an siebter Stelle lag, beim halben Heim-Grand-Prix aber ein mgliches Punkteresultat verlor, als er von Toro Rosso ein zweites Mal zum vorgeschriebenen Reifenwechsel an die Box geholt werden musste. Das Juniorteam von Red Bull spekulierte mit starkem Regen und ging das Risiko ein, in der Schlussphase auf Intermediates zu wechseln - ein Schuss, der vllig nach hinten losging: Platz zwlf.

Rikknen ohne Chance

Hinter den Top 6, die von Hamilton und dem starken Massa abgerundet wurden, landete das Force-India-Duo Paul di Resta und Nico Hlkenberg auf den Pltzen sieben und acht. Hlkenberg wurde whrend der letzten Runden gewarnt, er solle auf seinen Benzinverbrauch achten. Kimi Rikknen (Lotus), der viel Boden verloren hat, als vor dem ersten Boxenstopp seine Reifen abbauten, und Bruno Senna (Williams) komplettierten die Punkternge.

Eine tolle Performance lieferte indes Heikki Kovalainen (Caterham) ab, der rundenlang Jenson Button (McLaren) zur Verzweiflung brachte und den Ex-Weltmeister am Tunnelausgang zu einem gewagten Manver verleitete, das nicht funktionierte. Wenig spter verlor Button dann am Schwimmbad die Geduld - und fuhr Kovalainen hinten auf. Anschlieend fuhr Kovalainen dann in Sainte Devote auch noch gegen Perez seine Ellbogen aus, ehe er ein zweites Mal an die Box kommen musste.

In der Weltmeisterschaft fhrt nun Alonso mit 76 Punkten vor Vettel und Webber (73), Hamilton (63), Rosberg (59) und Rikknen (51). Bei den Konstrukteuren hat Titelverteidiger Red Bull (146) die Nase relativ deutlich vor McLaren (108), Ferrari und Lotus (je 86). Sechs von 20 geplanten Rennen der Saison 2012 sind nun absolviert. Weiter geht's in zwei Wochen jenseits des Atlantiks mit dem Grand Prix von Kanada in Montreal.

Fotoquelle: xpbimages.com

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