Die Start/Ziel-Gerade auf dem Stadtkurs in Valencia ist keine richtige Gerade

Formel 1 2012

— 21.06.2012

Renault: Valencia ist anspruchsvoll

Auf dem Stop-&-Go-Kurs in Spanien sind sensibles Ansprechverhalten und hohe Endgeschwindigkeit wichtig: Die Renault-Analyse



Beim Groen Preis von Europa im spanischen Valencia tritt die Formel 1 zum dritten Mal in Folge auf einem nicht-permanenten Rennkurs an. Doch der Valencia Street Circuit hat mit den Schaupltzen der vergangenen beiden Rennen in Monte Carlo und Montreal nur das maritime Ambiente gemein: Die Strecke fhrt durch den historischen Hafen der Mittelmeerstadt sowie entlang der Ausfahrt des Yachthafens, der fr den Americas Cup 2007 neu errichtet wurde.

Der 5,419 Kilometer lange Straenkurs sticht aus den aktuellen Grand-Prix-Strecken in fast jeder Hinsicht heraus. Er weist einen sehr ebenen Asphaltbelag auf und ermglicht schnelle Durchschnittsgeschwindigkeiten bei einem hohen Anteil an Volllast-Passagen. Dabei werden die Highspeed-Abschnitte immer wieder von Kurven unterbrochen, die relativ langsam und mit niedrigen Drehzahlen gefahren werden. Diese Charakteristik stellt sowohl die Chassis- als auch die Motoren-Ingenieure vor einige Herausforderungen.

Auch wenn mit Monte Carlo, Montreal und Valencia drei Straenkurse aufeinander folgen, knnten die drei Strecken kaum unterschiedlicher sein. Der Circuit de Monaco ist extrem eng und winklig, die Durchschnittsgeschwindigkeit ist die langsamste der Saison. Der Kurs in Kanada besteht aus einer Abfolge von Highspeed-Geraden, engen Haarnadeln und Schikanen - dort kam es vor allem auf hohe Endgeschwindigkeit an. Das Durchschnittstempo von Valencia wiederum liegt mit rund 200 km/h relativ hoch. Auerdem ist die Fahrbahn verglichen mit Monaco und Montreal sehr viel ebener und weist weniger Bodenwellen auf.

Valencia fordert sanfte Leistungsabgabe

Der schnelle Rundenschnitt geht auf die langen Geraden zurck. Gleichzeitig besitzt der Valencia Street Circuit jedoch die meisten Kurven aller aktuellen Formel 1-Strecken - 25. Davon werden zehn im ersten, zweiten oder dritten Gang mit relativ niedrigem Tempo gefahren. Die Motoren mssen also einerseits eine hohe Endgeschwindigkeit erlauben und andererseits beim Gasgeben in den Kurven sensibel ansprechen, ohne Unruhe ins Auto zu bringen.

Durch den Stop-and-go-Charakter verbrauchen die Motoren hier berdurchschnittlich viel Kraftstoff. Das bedeutet, dass die Rennwagen am Start in Valencia vollgetankt schwerer sind als auf den meisten anderen Strecken. Ungewhnlich ist auch die erste Biegung nach dem Start. Statt einer klaren Kurve - wie auf fast allen anderen Kursen - folgt nur ein leichter Rechtsknick. Deshalb beschleunigen die Fahrer bis Kurve 2 durch und erreichen die erste "echte" Kurve mit rund 300 km/h.

In der Startphase werden viele Piloten den gesamten Zusatzschub des Energierckgewinnungs-Systems KERS auf dieser Passage nutzen, um Gegner zu berholen oder Angriffe abzuwehren. Es knnte taktisch aber auch sinnvoll sein, die Extra-Power fr die nchste Gerade aufzusparen, um Fahrer anzugreifen, die ihre erlaubten 400 kJ pro Runde schon verbraucht haben. Das Abwgen dieser beiden Optionen ist fr die Startrunden sehr wichtig, da das DRS frhestens in Umlauf drei freigegeben wird.

Der zweite Sektor ist auf der Stoppuhr der lngste, besteht jedoch hauptschlich aus der langen Verbindungsgeraden zwischen den Kurven zehn und zwlf. Sektor drei enthlt mit den Kurven 17 und 25 zwei der langsamsten Kurven der Strecke, ist aber trotzdem sehr flssig zu fahren. Ab Kurve 17 nehmen die Piloten kontinuierlich Tempo auf und durchfahren die folgenden schnellen Ecken mit rund 280 km/h. Erst vor der letzten Kurve, der Haarnadel, bremsen sie von etwa 295 km/h auf 65 km/h herunter. Die Bremszonen der langsamsten Kurven sind ideal geeignet, die KERS-Batterien wieder aufzuladen, um fr die folgende Startgerade wieder den kompletten Extra-Schub nutzen zu knnen.

Der Valencia Street Circuit aus der Sicht des Fahrers

"Der Stadtkurs von Valencia hat zwei Gesichter: die langen Geraden und die meist langsamen Kurven dazwischen", erklrt Caterham-Pilot Heikki Kovalainen. "Du brauchst ein gesundes Gleichgewicht zwischen hohem Topspeed und stabilem Bremsverhalten - und bei so vielen Kurven und Bremszonen muss diese Balance wirklich perfekt stimmen. Eine der Strken unseres Renault-Motors ist die gute Fahrbarkeit bei niedrigen Drehzahlen. Das ist hier extrem wichtig, gerade auch wegen des geringen Grips auf diesem Straenkurs."

Der Valencia Street Circuit aus der Sicht des Motoren-Ingenieurs

"Das optimale Motoren-Mapping fr diesen Kurs zu entwickeln, ist eine ziemlich knifflige Aufgabe", schildert Remi Taffin, Leiter des Renault Sport F1 Einsatzteams. "Die ersten zehn Kurven werden alle im ersten, zweiten oder dritten Gang - also bei niedrigem Tempo - gefahren. Viele dieser langsamen Kurven - genauer gesagt die Kurven zwei, vier, fnf, acht ,zehn, zwlf, 17 und 25 sind sich sehr hnlich. Wenn du fr eine davon das falsche Setup hast, wirst du auch auf dem Rest der Runde Probleme bekommen."

"Der Stop-and-go-Charakter von Valencia wirkt sich natrlich auch auf den Kraftstoffverbrauch aus. Der ist hier sehr hoch, fast auf dem Niveau von Melbourne. Da es in Spanien im Sommer aber wrmer ist als im Herbst in Australien, verbrauchen wir etwas weniger Sprit als dort", berichtet Taffin. "Trotz der wahrscheinlich hohen Lufttemperaturen stellt die Motorkhlung in Valencia keine besonderen Ansprche. Auf den langen Geraden kommt gengend Frischluft in die Seitenksten und den Luftkreislauf, damit das Khlsystem durchatmen kann."

"Wir sind fr Valencia recht zuversichtlich, weil die gute Fahrbarkeit bei geringem Gaspedaleinsatz und mittleren Drehzahlen zu den Strken unseres RS27-V8 gehrt. Unsere Ingenieure haben in dieser Saison schon oft bewiesen, dass sie die Motorsteuerung exakt so einstellen knnen, dass die Kraft sanft einsetzt", lobt er. "Auf diese Weise drehen die Rder beim Beschleunigen nicht zu stark durch und der Reifenverschlei hlt sich in den vorgesehenen Grenzen. Wir mchten unbedingt unsere starke Performance der vergangenen Jahre fortsetzen: Seit 68 Rennen haben wir immer mindestens ein Auto mit Renault Motor in die Punkternge gebracht", erklrt Taffin stolz.

Fotoquelle: xpb.cc

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