Diesen Schluck Champagner hat sich Mark Webber gestern redlich verdient

Formel 1 2012

— 09.07.2012

Webber: Vom Auslaufmodell zum Weltmeister?

Mark Webbers zweiter Frühling: Binnen weniger Monate vom Prügelknaben zum Ferrari-Kandidaten und WM-Anwärter, der sogar Sebastian Vettel entzaubern könnte...



Nach neun von 20 Saisonrennen gibt es nur zwei Fahrer, die mehr als ein Rennen gewonnen haben, und beiden hätten es viele Beobachter am Beginn der Saison kaum zugetraut. Doch Fernando Alonso hat dem lahmenden Ferrari Beine gemacht und führt momentan die WM-Wertung an, und sein erster Verfolger ist ein Mann, den viele zu Beginn des Jahres schon als eine Art Auslaufmodell betrachtet hatten: Mark Webber.

Nachdem der Australier 2010 noch gegen Sebastian Vettel und Alonso um die WM gekämpft hatte, stand er 2011 klar im Schatten seines jungen Teamkollegen. Während dieser von Sieg zu Sieg und schließlich locker zum zweiten WM-Titel fuhr, lief Webber bis zum Saisonfinale in Sao Paulo seinem ersten Erfolg hinterher. Nach diesem schwachen Jahr gingen in der Winterpause nicht wenige Experten davon aus, dass 2012 Webbers letztes Jahr bei Red Bull sein würde.

"2011", philosophiert Teamchef Christian Horner, "war ein sehr schwieriges Jahr für Mark. Man muss ihm aber Respekt dafür zollen, wie er das weggesteckt und für sich abgehakt hat. Jetzt ist er in bestechender Form. Er ist absolut einer der Titelkandidaten. Wir dürfen uns sehr glücklich schätzen, dass unsere beiden Piloten zu den Titelanwärtern zählen. Diese Art von Kopfschmerzen habe ich gern!"

Toro-Rosso-Junioren keine Gefahr mehr

Es galt als wahrscheinlich, dass Webbers Vertrag, der Ende des Jahres ausläuft, nicht verlängert wird. Bei Toro Rosso sollten Daniel Ricciardo und Jean-Eric Vergne als potenzielle Nachfolger aufgebaut werden. Doch während die beiden Jungspunde im B-Team eine unauffällige Saison fahren, präsentiert sich Webber 2012 stärker als je zuvor. Zwar gelang Vettel in Bahrain der erste Saisonsieg für Red Bull, doch mit vier vierten Plätzen in Folge hatte Webber wertvolle Punkte gesammelt.

Der Durchbruch kam dann mit dem Sieg beim Rennen in Monaco, welches Webber zum zweiten Mal nach 2010 gewann. Gestern setzte Webber in Silverstone von Startplatz zwei aus auf die richtige Taktik, fuhr gegen Rennende auf den harten Reifen die deutlich schnelleren Zeiten als Alonso und fing den Spanier so noch ab. Durch seinen zweiten Saisonsieg festigte der Australier seinen zweiten Rang in der WM-Wertung und liegt nun 16 Punkte vor seinem Teamkollegen.

Dementsprechend hat sich auch das Auftreten des Australiers gewandelt. Wirkte er im Vorjahr oft nachdenklich und verzagt, strahlt er nun pure Zuversicht aus: "An Selbstvertrauen fehlt es mir im Augenblick sicher nicht. Es läuft gut", gibt Webber zu. Auch seinem Team, welches eigentlich eher auf Vettel fixiert ist, sind die Leistungen des Australiers nicht entgangen: "Mark hat fantastische Arbeit geleistet", lobt Designer Adrian Newey.

Lob von Stardesigner Newey

"Im Rennen hat Mark den Druck gut aufrechterhalten - und das war genau das, was er tun musste. Er musste in Reichweite sein, um profitieren zu können, falls Fernando am Ende auf den weicheren Options in Schwierigkeiten geraten würde. Genau das ist ihm gelungen", beschreibt der Kopf hinter den schnellen Red-Bull-Autos die Triumphfahrt seines Piloten dann aber doch recht nüchtern.

"Ich finde, Mark ist ein brillantes Rennen gefahren, sehr kontrolliert. Am Ende, als er die Reifen und das Tempo hatte, machte er gerade genug Druck, um überholen und problemlos ins Ziel fahren zu können", zollte auch Renningenieur Ciaron Pilbeam seinem Schützling Anerkennung. "Wir genießen dieses Ergebnis, saugen es regelrecht auf. Das ist das Wichtige", feiert Webber seinen Erfolg. "Du musst dich daran erinnern, wie hart wir für solche Resultate arbeiten."

Webber mit Saisonauftakt zufrieden

Befragt nach seinen Aussichten in der WM gibt sich der Australier gelassen: "Von einer speziellen WM-Platzierung lasse ich mich jetzt nicht weiter beeindrucken. Sicher ist aber: Ich habe schon gute Punkte auf dem Konto. Ich sitze nicht bei 20 Punkten fest und muss mit einer solchen Ausbeute auskommen. Bislang läuft es wirklich gut."

Während sich Webber entspannt gibt, könnte Red Bull früher oder später in eine knifflige Lage kommen, denn momentan spricht der Trend für Webber. Er holte in den vergangenen vier Rennen 68 Punkte, Vettel nur 39. Webber droht seinem Teamkollegen den Rang abzulaufen. Die Wunschvorstellung des Teams, mit Vettel den Titel-Hattrick zu schaffen, könnte ins Wanken geraten. Vielmehr graut es manchem im Team vor einem Szenario wie 2010, als sich Vettel und Webber heftig bekämpften und Alonso in der WM fast der lachende Dritte gewesen wäre.

In der Tat erinnert vieles an das Jahr 2010. Auch damals war die Saison sehr ausglichen, und auch damals war Vettel besser in das Jahr gestartet. Doch dann schlug Webber zurück - mit Siegen in Monaco und Silverstone. Vor allem der Triumph nach der sogenannten "Flügelaffäre" in England ist vielen Formel-1-Fans noch im Gedächtnis. Webbers bittersüßer Funkspruch "Nicht schlecht für einen Nummer-zwei-Fahrer" hat seitdem seinen Platz in den Geschichtsbüchern der Formel 1.

2012 kann sich alles ganz schnell ändern...

"Das gab's ja schon mal, 2010", erinnert sich auch Experte Marc Surer. "Da war es auch Webber, der am Anfang deutlich vorne lag. Aber wir sollten Vettel nicht abschreiben", rät der ehemalige Formel-1-Pilot, "denn schon beim nächsten Rennen in Hockenheim kann das anders aussehen." Das weiß auch Webber: "Ich denke, in Hockenheim werde ich Seb durchlassen", sagt der Australier, jedoch nur im Scherz.

Teamchef Horner hat keine Angst vor einer neuerlichen Eskalation: "Sie sind seither viele Rennen gegeneinander gefahren und verbringen hunderte Stunden damit, gemeinsam in Besprechungen zu sitzen, um an der Entwicklung des Autos zu arbeiten. Sie arbeiten als Team zusammen. Und dann kommt es darauf an, was sie auf der Strecke zu Werke bringen. Sie respektieren sich", ist der Brite überzeugt.

"Sebastian hat in kurzer Zeit sehr viel erreicht", fährt er fort. "Er weiß aber, dass er in Mark einen ernstzunehmenden Gegner hat. Mark ist sich im Gegenzug bewusst, dass Sebastian in den beiden vergangenen Jahren die Messlatte war. Es ist eine gesunde Situation für das Team. Sie und das Team haben jetzt mehr Erfahrung. In einigen Rennen kamen sie sich auf der Strecke ziemlich nahe. Ich bin mir sicher: Das wird auch in Zukunft der Fall sein."

Webber anpassungsfähiger als Vettel?

Surer glaubt erkannt zu haben, was die beiden Red-Bull-Piloten unterscheidet: "Wenn das Wetter nicht ganz perfekt ist, die Bedingungen nicht ganz perfekt sind, kann Webber trotzdem das Maximum rausholen. Vettel tüftelt und versucht, sein Auto hinzukriegen. Bei solchen Bedingungen, wo man das Auto im Training nicht richtig abstimmen konnte, da war der Fahrstil von Webber einfach ein bisschen besser." Demnach sollten alle Webber-Fans auf einen verregneten Sommer hoffen...

Das Vertrauen der Fans in den 35-Jährigen scheint größer zu sein, als man vermuten würde. Auf die Frage, ob Webber die Saison 2012 vor Vettel beenden wird, antworteten 45,32 Prozent unserer Leser im Rahmen eines Online-Votings mit "Ja", 44,59 Prozent mit "Nein, aber es wird knapp" und nur 10,09 Prozent mit "Nein, es wird noch eine klare Sache für Vettel". Insgesamt wurden im Rahmen der von 'Motorsport-Total.com' durchgeführten Umfrage mehr als 1.100 Stimmen abgegeben.

Stallorder: Erinnerungen an 2010

Für das Team ist die Situation, gleich zwei heiße Eisen im Kampf um die Weltmeisterschaft zu haben, nur auf den ersten Blick von Vorteil, denn so nehmen sich beide im Zweifelsfall gegenseitig Punkte weg. Zu dem Horrorszenario für alle Vettel-Fans, dass der Deutsche seinem Teamkollegen am Saisonende per Teamorder Punkte oder gar einen Sieg überlassen muss, wird es hingegen nicht kommen. Red Bull hat in der Vergangenheit mehrfach betont, dass beide Fahrer frei fahren können.

2010 hatte Konzernchef Dietrich Mateschitz persönlich interveniert und eine Teamorder beim vorletzten Saisonrennen in Brasilien untersagt. Auch damals lag Alonso in der WM-Wertung vor Webber und Vettel, im Rennen führte der Heppenheimer vor dem Australier und durfte den Sieg nach Hause fahren. Im Nachhinein erwies sich das Eingreifen des Red-Bull-Bosses als goldrichtig, denn hätte Vettel den Sieg an Webber abgetreten, wäre keiner von beiden Weltmeister geworden - sondern Alonso.

Auch wenn die Entscheidung um die Weltmeisterschaft noch weit entfernt ist, hat der wiedererstarkte Webber erkannt, dass er bei der Vergabe des Titels ein gewaltiges Wörtchen mitreden kann: "Es interessiert mich nicht, wer Dritter, Vierter oder Fünfter ist. Ich schaue auf den kleinen Kerl neben mir (Alonso; Anm. d. Red.), der ebenfalls sehr gut unterwegs ist. Wir müssen einfach weiterhin Druck machen."

Webber plant noch mindestens ein Jahr

Durch den zweiten Frühling angespornt, hat Webber, der am Ende der Saison 36 Jahre alt sein wird, alle Gedanken an ein mögliches Karriereende verworfen: "Es hilft mir sicherlich dabei, in der Formel 1 zu bleiben", sagt er über die aktuellen Erfolge. "Zu Jahresbeginn hatte ich noch keinen Vertrag. Ich mache viel Druck, um einen Vertrag für 2013 zu kriegen. Es läuft aber ganz ordentlich. Ich arbeite sehr hart daran, auch im kommenden Jahr in der Formel 1 zu fahren."

Vielleicht sogar bei Ferrari? Als Horner gestern nach Rennende in Silverstone mit den Journalisten Webbers Sieg analysierte, klingelte sein Handy: "Oh, wartet mal eine Sekunde, da ruft Herr Domenicali an." Ein Journalist fragt: "Wegen Mark?" Und Horner lacht ins Telefon: "You don't want him!" Großes Gelächter, aber Domenicali sind die Qualitäten des Australiers nicht entgangen: "Mark ist ein guter Fahrer. Er ist heute ein großartiges Rennen gefahren."

Glaubt man der Gerüchteküche, dann ist Ferrari für das Übergangsjahr 2013 auf der Suche nach einem Teamkollegen für Alonso, denn für 2014 soll Vettel schon eine Option unterschrieben haben - auch wenn alle Seiten dementieren. Webber wäre der ideale Kandidat. "Es ist unumgänglich, dass es da zu Spekulationen kommt", weiß Horner. "Wir konzentrieren uns aber nur auf uns selbst. Was andere Leute sagen oder tun, das können wir nicht kontrollieren."

Horner macht Webber den Hof

"Mark fühlt sich wohl in unserem Team. Er macht zumindest allen Anschein, dass dem so ist", findet er. "Meiner Meinung nach sieht man das auch an seinem Auftreten auf der Strecke. Er fährt in diesem Jahr sehr gut. Er ist sehr konstant und hat nun bereits zwei große Rennen gewonnen, Monaco und Silverstone. Auch sein Manöver gegen Fernando war absolut perfekt. In Silverstone war Mark aber schon in jeder Kategorie sehr gut unterwegs. Da ist es natürlich schön, dass sich das so fortsetzt."

"Wir haben eine gute Beziehung zu Mark. Ich denke, er wäre auch 2013 gern bei uns. Deshalb wird es so laufen, wie wir es schon immer gesagt haben: Im Sommer setzen wir uns zusammen und sprechen über die Zukunft. Diese Phase rückt nun immer näher", kündigt Horner an. "In den kommenden Wochen werden wir uns über die neue Saison unterhalten. Er fährt nun schon in seinem siebten Jahr für das Team. Sämtliche seiner Erfolge hat er mit Red Bull eingefahren. Wir würden gern sehen, dass sich das so fortsetzt."

Fotoquelle: Red Bull

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