Marc Surer nimmt das Rennen in Hockenheim unter die Lupe

Formel 1 2012

— 22.07.2012

Surer von Alonso begeistert: "Der Kerl blieb cool"

Marc Surer analysiert den Großen Preis von Deutschland: Alonsos Triumphfahrt, Buttons Wiederauferstehung und das umstrittene Manöver von Vettel



Das Rennen in Hockenheim lieferte reichlich Diskussionsstoff, 'Sky'-Experte Marc Surer nimmt den Großen Preis von Deutschland unter die Lupe und analysiert die Vorstellung von Fernando Alonso und Michael Schumacher. Außerdem widmet er sich dem wiedererstarkten Jenson Button. Bei der Bewertung des Überholmanövers von Sebastian Vettel gegen Button in der vorletzten Runde kommt der Schweizer allerdings zu einem anderen Schluss als die Rennkommissare, die Vettel nach den Rennen bestraften.

Frage: "Marc, was macht Fernando Alonso so 'außerirdisch'? Er hat einen absoluten Lauf und ist nicht zu stoppen."
Marc Surer: "Das war souverän, was er da gezeigt hat. Er hatte solchen Druck, einmal von Vettel und dann wieder von Button und zwischendurch noch Hamilton, und der Kerl blieb cool da vorne. Wir haben aber auch im Gespräch hinter dem Podium gehört, dass die Fahrer zu ihm gesagt haben 'Mensch, du warst schwer zu überholen, du warst auch mit geschlossenem Heckflügel so schnell auf der Geraden', und er sagte: 'Ich habe immer das KERS aufgespart um euch zu kontern.'"

Frage: "Also hat er definitiv alles richtig gemacht. Wenn man sich vor Augen führt, wie die Saison angefangen hat, wie er belächelt wurde wegen dieser 'roten Gurke', ist es ja absolut unglaublich, dass er jetzt fast von Sieg zu Sieg fährt?
Surer: "Man konnte es erahnen. Wenn er mit dem schlechten Auto schon ein Rennen gewonnen und immer gepunktet hat, das wenn das Auto mal läuft, und jetzt läuft es richtig gut, dass er es dann auch umsetzt und den Vorsprung einfährt. Er macht immer das Maximale oder sogar noch ein bisschen mehr. Das muss man ganz klar sehen, wenn man sieht, wo Massa rumfährt, dann weiß man, wie gut der Ferrari wirklich ist."

Frage: "Das heißt, für Sebastian Vettel war er definitiv außer Reichweite? Der musste sich nach dem Start ganz massiv gegen Michael Schumacher wehren."
Surer: "Michael hat ein schnelles Auto auf der Geraden, das ist bekannt. Michael ist gut gestartet und hat ihm richtig eingeheizt. Aber sie haben sich nicht wehgetan, es war nichts Unfaires zwischen den beiden, sondern sie haben sich gemeinsam respektiert."

Hamilton rundet sich zurück

Frage: "In Runde 35 hat sich Vettel über Lewis Hamilton geärgert, der schon überrundet war und dann wieder an Vettel vorbeizog."
Surer: "Das war eine Szene, die es ganz, ganz selten gibt in der Formel 1, die aber vom Reglement her vollkommen korrekt ist. Ein Fahrer darf sich zurückrunden, darf aber Führenden oder in dem Fall den Zweitplatzierten dadurch nicht behindern. Ein bisschen gestört hat es schon, aber nicht wirklich entscheidend. Es hat auch ein bisschen Stimmung gebracht in dem Moment."

Frage: "Es gab noch eindeutige Handzeichen von Vettel, er wirkte nicht so begeistert über diese Aktion."
Surer: "Die Handzeichen deute ich nicht abschätzig, sondern er fragt sich: 'Hey, was macht der eigentlich hier? Der sollte gar nicht da sein!'"

Frage: "Hätte Red Bull mit einer anderen Strategie, wenn sie ihn früher zum Stopp reingeholt hätten, noch mehr herausholen können? Es gab später die Szene, als er von Button kassiert wurde, als er aus der Box kam."
Surer: "Button hat früher gestoppt und hat dadurch eine Runde früher mit den frischen Reifen fahren können. Das hat ihm einen Vorteil gebracht. Aber Buttons Stopp war ein neuer Weltrekord, 2,4 Sekunden für einen Reifenwechsel. Als er herauskam, sah man, dass genau diese zwei Zehntelsekunden den Unterschied ausgemacht haben. Danke an McLaren, die schon viele Boxenstopps verhaut haben, diesmal haben sie geholfen, einen Platz zu gewinnen."

Frage: "Sie haben ja intensives Boxenstopp-Training gemacht. Gibt es diese Probleme also nicht mehr?"
Surer: "In Valencia ging ja auch wieder einer schief. Ganz sauber sind sie nicht. Sie sind zwar jetzt die Schnellsten, aber nicht fehlerfrei. Aber dieses Mal war es wirklich ein perfekter Stopp, darauf können sie stolz sein."

Frage: "In der vorletzten Runde hat Vettel Button noch kassiert. Eine Szene, die für eine Untersuchung sorgt. Wie schätzt du es ein?"
Surer: "Ich würde sagen im Zweifelsfall für den Angeklagten. Er fährt raus, weil er glaubt, der andere wäre dicht neben ihm, das sagt er zumindest. Er war mit der Nase schon ein bisschen vorne nach der Kurve. Auch wenn er nicht rausgefahren wäre, hätte er wahrscheinlich vorne bleiben können. Aber: Man darf zwar die Auslaufzone benutzen, aber man darf keinen Vorteil haben. Hat er nun einen Vorteil gehabt oder nicht? Das müssen die Stewards entscheiden. Ich hoffe, dass sie in diesem Fall für den Angeklagten entscheiden, im Zweifelsfall sollte man anstatt eine Kollision zu riskieren auch dort herausfahren dürfen."

Frage: "Button hat anschließend gefunkt: 'Er hätte mich nicht überholt, wenn er auf der Strecke geblieben wäre'. Er sieht es natürlich anders."
Surer: "Natürlich gibt es da zwei Meinungen. Das ist auch ärgerlich, wenn man in der vorletzten Runde noch einen Platz verliert. Aber dafür haben wir die Kommissare, Derek Warwick ist der sportliche Kommissar, der wird das einschätzen und die anderen werden im Regelbuch nachlesen. Sie werden es in Zeitlupe immer wieder anschauen und beraten, ob er wirklich einen Vorteil hatte oder ob er eh schon vorbei war?"

Frage: "Wenn sie gegen ihn entscheiden, was könnte eine mögliche Strafe sein?"
Surer: "Plus 25 Sekunden, als eine nachträgliche Durchfahrtstrafe, und dann fällt er richtig zurück."

Frage: "Michael Schumacher macht nach wie vor keine Aussage zu seiner Zukunft. Glaubst du, dass die Entscheidung bei ihm schon gefallen ist?"
Surer: "Ich denke, dass er schon weiß, was er will. Warum er abwartet, ist mir schleierhaft. Im Prinzip fährt er jetzt gut und hat nach zwei mageren Jahren den Anschluss gefunden. Nach zwei mageren Jahren ist er jetzt dran, also warum sollte er jetzt aufhören. Jetzt könnte er die Früchte seiner Aufbauarbeit ernten. Das Auto ist schneller geworden, er ist besser geworden, damit müsste er weiterfahren."

Frage: "Wie schätzt du sein Rennen ein? Ist mit dem Mercedes ohne Regen einfach nicht mehr möglich?"
Surer: "Es scheint so. Im Regen ist ein Michael Schumacher einfach sensationell gefahren, wenn man gesehen hat, wo Rosberg gelandet ist. Im Trockenen war er nicht so schnell. Das könnte aber auch eine Abstimmungsfrage sein. Wenn man das Auto auf Regen einstellt und etwas weicher macht, dann bauen die Reifen stärker ab, wenn man im Trockenen fährt."

Buttons Wiederauferstehung

Frage: "In Runde elf hat Button den Rekordweltmeister einfach mal so kassiert."
Surer: "Das war eine klasse Szene. Aber ich hatte das Gefühl, dass Michael wusste, dass er chancenlos sein würde gegen Button. Er wurde aber auch ein bisschen überrascht."

Frage: "McLaren ist jetzt wieder richtig da, wie ist das einzuschätzen? Sie sind ja mit einem Upgrade-Paket nach Hockenheim gekommen. Hat das den entscheidenden Schritt nach vorne gebracht?"
Surer: "Definitiv für Button. Er hatte in den vorherigen Rennen Probleme, hat die Reifen nicht auf Temperatur gebracht, hat über blockierende Vorderräder gejammert - und plötzlich geht das Auto wieder. Es sind vor allem neue Seitenteile, die sie eingebaut haben, die wohl mehr Anpressdruck erzeugen. Und das ist das Entscheidende. Wenn ein Auto besser auf den Boden gepresst wird, werden die Reifen warm, das Auto hat mehr Haftung in der kurve und alles geht plötzlich viel einfacher. Ich glaube Button hat das Rennen gegen Alonso nur verloren, weil er sich den Bremsplatten eingefahren hat. Der hat sicher vibriert, dadurch hat er ein bisschen Haftung auf dem rechten Vorderrad verloren."

Frage: "Noch ein Satz zu Lewis Hamilton, der zwischenzeitlich sogar schon das Rennen aufgeben wollte. Wo hätten wir ihn ohne den Plattfuß gesehen?"
Surer: "Er hätte da vorne auch mitgemischt. Man weiß zwar, dass Jenson Button normalerweise sorgfältiger mit den Reifen umgeht. Aber Hamilton hätte angegriffen, das wäre spannend geworden mit zwei McLaren vorne drin. Wer weiß, was dabei herausgekommen wäre. Aber das ist Mutmaßung, wenn zählt in der Formel 1 nicht."

Frage: "Wir haben Christian Horner gehört, der hofft, dass keines der anderen Teams Protest gegen die Sache mit dem Drehmoment einlegt. Glaubst du, dass die anderen Teams so fair sind?"
Surer: "Wir hatten schon einige dieser Szenen, beispielsweise musste Red Bull ja das Loch schließen. Es gibt immer wieder Grauzonen, da versucht man es, und dann wollen die Teams meistens Klarheit haben. Die wollen wissen, darf man es, oder darf man es nicht? Denn wenn man es darf, machen wir es auch. Es wird darauf hinauslaufen."

Frage: "Das klingt nach Protest?"
Surer: "Nein, bei einem Protest müssen sie Geld hinterlegen und fordern, dass es untersucht wird, so wie es anfangs des Jahres Lotus gegen Mercedes gemacht hat, gegen diesen F-Schacht am Frontflügel. Da war ein richtiger Protest im Gange. Wenn sie Klarheit wollen, dann ruft man einfach die FIA an, also Charlie Whiting. Dann ist das kein wirklicher Protest."

Fotoquelle: Sky

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