"Kampfdackel" Timo Glock hat nicht vor, seine Karriere bald zu beenden

Formel 1 2012

— 06.08.2012

Glock: "Will noch lange Formel 1 fahren"

Timo Glock im Interview: Wie wenig er sich für Olympia interessiert, warum er seinen Wechsel zu Virgin nie bereut hat und was er nach der Fahrerkarriere machen könnte



Timo Glock wurde von seinem früheren Manager Hans-Bernd Kamps der Spitzname "Kampfdackel" verpasst. 2004 schon mit Jordan in der Königsklasse, schien seine Formel-1-Karriere beendet, als er über die ChampCar- und GP2-Serie an der Rückkehr arbeitete, aber damit 2006 zu scheitern drohte. Glock gab nicht auf, wechselte von BCN zu iSport, wurde 2007 GP2-Champion und stieg 2008 bei Toyota in die Formel 1 ein.

Dort holte er insgesamt drei Podestplätze, aber zum dritten Jahr seines Dreijahresvertrags, in dem er im Idealfall Weltmeister werden wollte, kam es nicht: Toyota zog wegen der Weltwirtschaftskrise die Reißleine und ließ den fertig entwickelten TF110 2010 in der Garage. Glock suchte sich einen neuen Arbeitgeber, stand mit Renault kurz vor dem Abschluss, Teamkollege von Robert Kubica zu werden, setzte dann aber - für viele überraschend - auf die Karte Virgin. Das Team von damals heißt inzwischen Marussia, war in der Konstrukteurs-WM noch nie besser als Letzter und zeigt auch 2012 keinerlei Anzeichen, sich in der Hackordnung der Formel 1 nach vorne zu arbeiten.

Jetzt braucht es wieder Kampfdackel-Qualitäten, um sich aus dieser misslichen Karriere-Situation zu befreien, Teamkollege Charles Pic deutlicher zu distanzieren als in den vergangenen Wochen und sich bei den Teamchefs von Sauber und Co. in Erinnerung zu rufen. Denn dass Glock das Rennfahren nicht verlernt hat, steht außer Frage, aber das muss er dem Rest der Welt ebenso lautstark beweisen wie seine Motivation, die bei fast jedem Fahrer in einer derart hoffnungslosen sportlichen Lage leiden würde...

Kein großer Fan der Olympischen Sommerspiele

Frage: "Timo, die Sommerpause fällt dieses Jahr mit den Olympischen Sommerspielen zusammen. Wirst du das nutzen, um die Spiele zu verfolgen?"
Timo Glock: "Ich bin nicht so der Riesenfan, der ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt. Ich gucke mir das ein bisschen an, habe aber nichts Spezielles vor."

Frage: "Ich weiß, dass du zum Beispiel ein paar Profi-Radfahrer kennst. Hast du Bezug zu einigen Olympioniken?"
Glock: "Ja, aber es ist nicht so, dass ich mit denen im Austausch stehe. Die müssen ihr eigenes Ding machen, deshalb bin ich bei so etwas immer relativ zurückhaltend. Aber ich schaue es mir schon an."

Frage: "Angenommen, du wärst nicht Formel-1-Fahrer, gäbe es dann eine olympische Sportart, die dir besonders liegen würde, in der du in deiner Jugend vielleicht sogar Talent hattest?"
Glock: "Tennis wäre gar nicht so schlecht gewesen. Die sind doch auch dabei, oder?"

Frage: "Ja, seit 1988 wieder."
Glock: "Da siehst du mal, wie wenig ich mich mit Olympia auskenne! Aber Tennis wäre am ehesten noch was, wo ich sage, das hätte vielleicht was werden können."

Frage: "Es gibt ein paar ganz große Olympioniken, zum Beispiel Michael Phelps oder Usain Bolt. Gibt es da jemanden, zu dem du aufschaust, den du bewunderst?"
Glock: "Nein. Ich find's schon cool, was Usain Bolt macht oder was der für Zeiten gelaufen ist in den letzten Jahren, aber ich bin auf keinen Fall der, der im Urlaub den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt und sich nur Olympia anschaut."

Im Urlaub mal Beine hochlegen

Frage: "Was hast du sonst für die Sommerpause geplant?"
Glock: "Ich mache ein bisschen Urlaub, werde zwischendurch ein bisschen trainieren. Mal ein bisschen die Beine hochlegen auch - die ersten Tage im Urlaub auswärts, dann zu Hause in der Schweiz."

Frage: "Die Saison ist nicht so verlaufen, wie du dir das erhofft hattest. Ist man da ganz froh drüber, mal für ein paar Wochen abschalten zu können und von allem wegzukommen?"
Glock: "Ich hätte kein Problem damit, wenn wir weitermachen würden. Für das Team und für die Mechaniker ist es aber gut, eine Pause zu haben, denn die hatten in den letzten paar Rennen eine relativ harte Zeit."

"Hockenheim und Budapest waren ja 'back to back' und davor waren einige Mechaniker bei der Show in Moskau. Das ist natürlich immer schwierig, die sind also sicher froh drüber. Natürlich werde ich das auch nutzen, das hat aber nichts damit zu tun, dass wir keine optimale Saison hatten. Es ist nicht so, dass ich die Schnauze voll hätte und jetzt unbedingt vier Wochen Pause brauche - auf keinen Fall!"

Frage: "Was kann man denn in dieser Saison realistisch gesehen noch erwarten?"
Glock: "Nicht viel. Wir können im Moment nicht darüber nachdenken, zum Mittelfeld vorzustoßen oder ins zweite Qualifying - dafür sind wir zu weit weg. Wir müssen schauen, dass wir nächstes Jahr eine ganz andere Saisonvorbereitung haben, denn ohne Tests war es natürlich schwierig. Wir müssen schauen, dass wir ab jetzt übers Jahr hinweg bis in den Winter die Vorbereitung des neuen Autos einfach besser hinbekommen."

Frage: "Wie sieht euer Update-Plan für die letzten Rennen aus? Ist da auch ein größerer Schritt dabei?"
Glock: "Wir hatten ein großes Paket in Silverstone, aber da hatte halt jeder andere auch ein großes Paket. Wir haben da acht Zehntel bis eine Sekunde gefunden, aber grob in die Richtung hat Caterham eben auch nachgelegt - vielleicht nicht ganz so viel. Dann ist es natürlich schwierig, wenn du immer noch auf der Stelle trittst, und man sieht nicht so viel davon. Wir haben noch ein weiteres Update für Singapur, das wird aber nicht so groß sein wie Silverstone, denke ich. Wir können eben nicht so schnell nachlegen wie die Topteams. Das geht nicht."

Festhalten an kleinen Hoffnungsschimmern

Frage: "Tut es denn weh, wenn du jetzt im dritten Jahr hier sitzt und immer noch davon sprechen musst, dass euch acht Zehntelsekunden auf Caterham fehlen?"
Glock: "Nein, das tut nicht weh. Man muss die Relation sehen, wo wir beim ersten Rennen ohne Tests angefangen haben. Da hatten wir über fünf Sekunden Rückstand, aber jetzt sind wir bei drei oder dreieinhalb."

"Das zeigt schon, dass wir uns verbessert haben, aber das sieht nicht jeder, der nur auf die Positionen guckt, sondern man muss auch auf den Rückstand gucken. Der sieht schon deutlich besser aus, als es schon mal war, aber uns ist klar, dass wir uns mit den Möglichkeiten, die wir haben, im Moment schwer tun, besonders am Jahresanfang. Wenn du mit so einem Rückstand ins Jahr gehst, ist es schwierig, diesen aufzuholen, speziell als kleines Team."

Frage: "Ende Juli ist traditionell die Zeit, in der viele Vertragsoptionen auslaufen. Oftmals ist der 31. Juni Stichtag. Dein Vertrag für nächstes Jahr ist geregelt. Merkst du trotzdem, dass um die Zeit auch mal Teamchefs anrufen, um sich zu erkundigen?"
Glock: "Nein. Im Moment ist es im Fahrerlager generell sehr ruhig. Da tut sich nicht viel. Ich beschäftige mich damit nicht, denn ich weiß, wie meine Zukunft im Moment aussieht. Deswegen schaue ich da nicht drauf."

Frage: "Die Aussage ist also ganz klar: Du bleibst hier und hältst deinen Vertrag nächstes Jahr ein?"
Glock: "Ja, klar."

Frage: "Würdest du das Telefon trotzdem abnehmen, wenn ein anderer Teamchef bei dir anruft?"
Glock: "Freundlicherweise gehe ich immer an Telefone ran, wenn mich jemand anruft, egal wer es ist."

Nicht bei Lotus: Trotzdem keine Reue

Frage: "2009, bevor du bei Virgin unterschrieben hast, war Renault (heute Lotus; Anm. d. Red.) eine deiner Alternativen. Bereust du die Entscheidung heute?"
Glock: "Nein. In der Situation, in der ich damals war, würde ich es wieder gleich machen."

Frage: "Hast du dich nie gefragt, wie deine Karriere sonst verlaufen wäre?"
Glock: "Nein, nie. Wenn ich meine Entscheidungen treffe, dann weiß ich, wieso ich die getroffen habe, und dann gibt's da für mich kein Hinterherjammern oder Nachdenken, kein 'Hätte, wäre, wenn'. Nur ich kenne die Situation, wie sie damals war, und kein anderer. Deswegen habe ich mich da absolut richtig entschieden."

Frage: "Du bist knapp über 30. Wie lange siehst du dich noch als Fahrer in der Formel 1? Michael Schumacher ist 43..."
Glock: "Ja. Ich probier's so lang wie er! Schauen wir mal."

Frage: "Also absolut kein Ende in Sicht? Irgendwann Mitte 30 denken ja viele an Dinge wie Familienplanung."
Glock: "Im Moment ist es so, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, noch lange Formel 1 zu fahren. Ob die Möglichkeit in acht, neun Jahren noch da ist, weiß man nie. Aber für mich ist es im Moment ein Open End."

Frage: "Kannst du dir vorstellen, nach der Formel 1 auch anderen Motorsport zu machen, zum Beispiel das Indy 500, die 24 Stunden von Le Mans oder DTM?"
Glock: "Tourenwagen ist mit Sicherheit interessant. Le Mans ist ein Thema, das für jeden einen Reiz darstellt, es mal gemacht zu haben. Die DTM entwickelt sich im Moment mit BMW, Mercedes und Audi auch sehr gut. Man muss abwarten, wie sich das weiterentwickelt, aber es ist eine interessante und herausfordernde Serie."

Glühender Fan anderer Motorsport-Serien

Frage: "Hast du mit Nick Heidfeld mal über Le Mans gesprochen?"
Glock: "Nein. Ich habe ihn in Hockenheim leider nur ganz kurz gesehen, im Vorbeilaufen. Da hatte ich keine Chance, mit ihm zu sprechen."

Frage: "Inwieweit nimmst du dir jetzt schon die Zeit, diese Serien als Fan zu verfolgen?"
Glock: "Ich gucke mir viel an, viele DTM- und MotoGP-Rennen."

Frage: "Dann auch tatsächlich live vor dem Fernseher?"
Glock: "Ja, absolut. Wenn ich mal ein freies Wochenende habe, läuft meistens MotoGP oder auch DTM. Ich gucke mir das unheimlich gern an. Auch die Renault-World-Series oder auch Sportwagen. Alles, was am freien Wochenende irgendwo läuft, schaue ich mir an."

Frage: "Fährst du auch selbst Motorrad?"
Glock: "Nein."

Frage: "Darfst du nicht oder willst du nicht?"
Glock: "Ich will nicht. Mir ist es auf der Straße zu gefährlich. Ich würde es auf der Rennstrecke mal probieren, aber der Reiz ist nicht so groß, dass ich das machen müsste. Aber ich schaue es mir sehr gern an."

Was kommt nach der Rennfahrer-Karriere?

Frage: "Dürftest du denn vom Vertrag her, wenn du wolltest?"
Glock: "Ich kann dir vertraglich keine Auskunft geben."

Frage: "Nicht einmal darüber?"
Glock: "Nein."

Frage: "Wir haben besprochen, was du dir nach der Formel 1 als Rennfahrer vorstellen könntest, aber selbst bei einem Rinaldo Capello geht die Karriere irgendwann zu Ende. Das ist weit in die Zukunft gefragt, aber machst du dir Gedanken darüber, was dich interessieren könnte? Wirst du wieder Gerüstbauer?"
Glock: "Ich glaube, dafür wäre ich dann auch zu alt, denn irgendwann tun dir die Knochen weh!"

"So genau habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht, aber da werden sich mit Sicherheit irgendwelche Möglichkeiten ergeben. Ich habe das eine oder andere Mal bei RTL und Sky kommentiert, als ich Testfahrer war, und das hat auch viel Spaß gemacht. So etwas könnte ich mir gut vorstellen, aber das lasse ich mir im Moment noch alles offen."

Frage: "Kannst du dir vorstellen, irgendwann zurück nach Deutschland zu gehen?"
Glock: "Ja, kann ich mir durchaus vorstellen. Ich will in erster Linie da sein, wo ich mich wohlfühle, und momentan fühle ich mich in der Schweiz sehr, sehr wohl. Ich war einer der Wenigen, die es lange versucht haben in Deutschland, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich da nicht mehr so erholen und mich nicht so frei bewegen kann, wie ich das will. Das wurde Toyota-Zeiten immer schwieriger."

Dankbar für die zurückhaltenden Schweizer

Frage: "Weil du auf der Straße angesprochen wirst?"
Glock: "Ja. Du kommst am Sonntag heim und gehst am Montagmorgen zum Bäcker einkaufen oder das Auto tanken. Da wirst du pausenlos nur auf das Thema Formel 1 angesprochen. Irgendwann kannst du davon nicht mehr abschalten, aber das wollte ich, denn du musst irgendwann auch den Kopf für etwas anderes frei haben. Das hat in Deutschland nicht mehr funktioniert. Also habe ich mich dafür entschieden, in die Schweiz zu gehen. Ich habe mir viele Sachen angeschaut und mir hat es dort gut gefallen, also hat es mich dort hingezogen."

Frage: "Obwohl die Mentalität der Schweizer und der Deutschen recht ähnlich ist, scheinen die Schweizer Prominente mehr in Ruhe zu lassen. Hast du dafür eine Erklärung?"
Glock: "Die sind einfach sehr, sehr zurückhaltend und akzeptieren das. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich in der Schweiz auf irgendein Rennen angesprochen wurde. Die sind sehr zurückhaltend und das genieße ich sehr. Das tut gut."

Frage: "Möchtest du irgendwann Kinder haben?"
Glock: "Ja, klar."

Frage: "Würdest du die lieber in Deutschland aufwachsen sehen?"
Glock: "Das ist etwas, was ich entscheiden werde, und es muss keiner wissen, wie ich das plane."

Frage: "Angenommen, deine Karriere würde ohne WM-Titel oder Grand-Prix-Sieg zu Ende gehen, würdest du dann mit 60 weniger entspannt im Schaukelstuhl vor dem Kaminfeuer sitzen?"
Glock: "Nein. Da wäre ich genauso entspannt, wie ich es jetzt bin. Das sind Dinge, die liegen nicht nur an mir, sondern da sind eben auch äußere Einflüsse, die passen müssen, um Weltmeister zu werden oder einen Sieg einzufahren. Ich hätte damit kein Problem und wäre genauso entspannt."

Fotoquelle: Marussia

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