Von der Lachnummer zum Titelfavoriten: Ferrari kratzte 2012 rasch die Kurve

Formel 1 2012

— 09.08.2012

Wie Ferrari die Kurve kriegte

Chefdesigner Nikolas Tombazis erklärt, wie Ferrari aus einer "Gurke" ein Siegerauto machte, wer entscheidend beitrug und wieso man trotz Vorsprungs am Boden bleibt



Eine solch wundersame Genesung eines Rennstalls findet man selbst in der langen Geschichte der Formel 1 nur selten: Zu Saisonbeginn stand Ferrari noch mit dem Rücken zur Wand - zwei Sekunden fehlten auf die Spitze, die "Scuderia" schien kein Top-10-Kandidat und das Köpferollen nur mehr eine Frage der Zeit.

Bei Halbzeit der Saison führt Fernando Alonso nun mit einem Polster von 40 Punkten in der Weltmeisterschaft - ein Fenster, in dem sich ab Platz zwei immerhin vier Piloten befinden. Doch wie gelang es dem Traditionsteam aus Maranello, so rasch die Kurve zu kriegen und trotz der peinlichen Performance zum Saisonauftakt in der ersten Hälfte drei Rennen zu gewinnen?

Einer, der es wissen muss, ist Chefdesigner Nikolas Tombazis. "Ja, wir nahmen mit dem Auto einige Risiken", gibt er im Gespräch mit dem britischen Formel-1-Reporter James Allen zu. "Das Auto war bei den frühen Tests und zu Saisonbeginn nicht konkurrenzfähig, weil wir die Hausaufgaben in einigen Bereichen nicht gemacht hatten. Zudem zahlten sich ein oder zwei Risiken nicht aus."

Auspuff war größte Problemzone

Damit verweist er unter anderem auf das Auspuffsystem des F2012, eine Langzeit-Problemzone. Zunächst probierte man unterschiedliche Positionen für den aus einer rohrförmigen Karosserieöffnung austretenden Auspuff aus. Schließlich warf man das gesamte Konzept über Bord und entschied sich für eine Lösung, die durchaus Ähnlichkeiten mit dem McLaren-System hat.

"Es war offensichtlich, dass wir in diesem Bereich eine fundamentale Änderung vornehmen mussten", bestätigt Tombazis die Probleme beim Auspuff bei den ersten Rennen. "Es wäre jetzt aber falsch, zu sagen, dass das der entscheidende Grund war, warum wir nicht konkurrenzfähig waren. Wir hatten recht viele andere Dinge, die nicht funktionierten. Der Wiederherstellungsplan beinhaltete also, diese anderen Probleme zu lösen, aber auch das Auspuffproblem auszusortieren, was bei den ersten Rennen noch nicht ausreichend gelungen war."

Entscheidend war, dass sich das Ferrari-Team trotz der Krise nicht komplett entmutigen ließ. "Wir begannen offensichtlich in wirklich schlechter Form, und wir waren unter enormem Druck, etwas dagegen zu unternehmen", schildert der Grieche die kritische Lage seines Teams nach dem misslungenen Auftakt. "Es war ein ziemlicher Schock, in einigen Rennen verprügelt zu werden, aber wir dachten in Ruhe darüber nach und entschlossen uns zu einem Plan, der ein erstes großes Update in Spanien vorsah."

Schlüssel-Update in Barcelona

Trotz des überraschenden Sieges in Sepang, der aber auf die fahrerische Leistung Alonsos und auf die Wetterkapriolen zurückzuführen war, erwies sich Barcelona für Ferrari als Trendwende. Bei seinem Heimrennen konnte Alonso gegen Pastor Maldonado plötzlich um den Sieg kämpfen - und das auf einer Strecke, die für die Aerodynamik als besonders kritisch gilt.

"Ich habe das Gefühl, dass die größte Verbesserung in Barcelona stattgefunden hat", bestätigt der Spanier. "Es war großteils ein Aerodynamik-Update. Wir wussten, dass das Auto bei den ersten drei oder vier Rennen - als wir in China und Bahrain waren - nicht das machen würde, was wir von ihm erwarteten. Als wir dann nach Barcelona kamen, normalisierte sich für uns alles ein bisschen. An anderen Tagen ging es bei den Updates um die Feinabstimmung, aber in Barcelona war es unser Ziel, alles wieder ins Lot zu rücken."

Tombazis bestätigt Alonsos Wahrnehmung: "Das war das erste Rennen, wo wir halbwegs ordentlich aussahen. Von dort an ging es weiter." Alonso gewann auch in Valencia und in Hockenheim - in Silverstone fehlte nicht viel zum Sieg. Der zweifache Weltmeister beziffert die Fortschritte beim Auto seit dem Saisonbeginn mit "zwei bis drei Sekunden" - ein enormer Wert.

Tombazis: Alonso hat großen Anteil an Aufschwung

Der Chefdesigner sieht seinen Starpiloten als entscheidenden Faktor auf dem Weg zurück an die Spitze: "Er ist ein ganz besonderer Fahrer. Es gelang ihm offensichtlich, das Maximum aus der Performance des Autos herauszuholen, selbst als das Auto nicht seinen Anforderungen entsprach. Er ist zudem ein sehr guter Teamplayer, und in der schwierigen Phase zu Saisonbeginn stand er zu uns und ermutigte alle, in die richtige Richtung zu pushen. Sein Einfluss war diesbezüglich sehr groß, und er fährt fantastisch."

Inzwischen hat man in Maranello längst den Titel ins Visier genommen. "Ich hoffe, dass wir Fernando ein Auto geben können, mit dem er wirklich in der Position ist, die Weltmeisterschaft zu gewinnen", definiert Tombazis die Ziele für die zweite Saisonhälfte.

Er verspricht aber, dass sich Ferrari auf dem Polster in der Fahrer-WM nicht ausruhen wird: "Man wird bei Ferrari niemanden finden, der glaubt, dass es von nun an ein Durchmarsch wird. Die Leute sind jetzt heiterer als zu Saisonbeginn, denn es ist schwierig, heiter zu sein, wenn man sich nicht für Q3 qualifiziert. Den Leuten ist aber durchaus bewusst, dass sich die WM wahrscheinlich im letzten Rennen entscheiden wird."

Tombazis rechnet mit drei bis vier Titelkandidaten

Zuletzt geriet die Ferrari-Entwicklungsmaschine etwas ins Stocken, und Alonso beschwerte sich, dass seit einigen Rennen keine neuen Teile mehr in Qualifying und Rennen eingesetzt wurden. Das Ergebnis sah man in Ungarn, als der Spanier Mühe hatte, das Tempo der Spitze mitzugehen, und über Platz fünf nicht hinauskam.

Ab Spa-Francorchamps soll es aber wieder Fortschritte geben, heißt es aus Maranello. Doch Tombazis unterschätzt die Konkurrenz nicht: "Ich glaube daran, dass da noch viel Performance kommt, aber ich bin sicher, dass das auch für unsere Konkurrenten gilt. Ich möchte daher nicht sagen, dass von jetzt an alles glatt gehen wird."

Dennoch rechnet er damit, dass sich die Anzahl der WM-Kandidaten - derzeit sind es mit Alonso, Mark Webber, Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen immer noch fünf - weiter verringern wird. "Zu Saisonbeginn hätte ich nicht geglaubt, dass wir nach sieben Rennen sieben unterschiedliche Sieger sehen würden", erklärt Tombazis. "Ich glaube aber, dass wir in der zweiten Saisonhälfte weniger Sieger sehen werden. Ich hoffe, dass wir darunter sind. Die Positionen werden klarer bezogen sein, und ich denke, dass sich die WM zwischen drei oder vier und nicht acht Leuten entscheidet."

Fotoquelle: xpbimages.com

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