Mit der Kritik von Helmut Marko kann Sebastian Vettel gut umgehen

Formel 1 2012

— 30.08.2012

Vettel: "Geduld ist nicht meine Stärke"

Erst lag er auf der faulen Haut, jetzt brennt er auf seine Lieblingskurven Eau Rouge und Pouhon: Der Heppenheimer will sich in den verbleibenden Rennen steigern



Will Sebastian Vettel in der Saison 2012 noch den Titelhattrick einfahren, wird er seine Bilanz mit einem Saisonerfolg ausbauen müssen - und das zügig, möglichst schon am Wochenende in Spa-Francorchamps. Im Interview spricht der Red-Bull-Pilot darüber, wieso dennoch Geduld gefragt ist, warum er starke Leistungen seines Teamkollegen Mark Webber zu würdigen weiß und wie er auf die sanfte Kritik von Motorsportberater Helmut Marko reagiert hat. Einer Musikerkarriere erteilt Vettel eine Absage.

Frage: "Sebastian, gibt es Gründe zu glauben, dass sich das Kräfteverhältnis in der Sommerpause geändert hat?"
Sebastian Vettel: "Im Moment noch nicht, vielleicht morgen. Natürlich steht nicht alles still. In den zwei Wochen, in denen die Fabrik geschlossen ist, darf man nichts machen. Und da wird auch nichts gemacht. Aber den Kopf schaltet man natürlich nicht ganz ab. Man versucht weiter, sich zu verbessern und neue Lösungen zu finden. Vielleicht hat der eine oder andere etwas gefunden. Ich hoffe, dass wir einen Schritt nach vorne gemacht haben."

Vettel will "nichts Blödes probieren"

Frage: "Wo siehst du euch im Moment in der Hackordnung?"
Vettel: "Wenn ich auf die Tabelle schaue, bin ich im Moment auf Platz drei (in der Fahrer-WM, Anm. d. Red.). Am Ende des Jahres hoffentlich zwei Plätze weiter vorne."

Frage: "Der jüngste Sieg ist schon eine Weile her. Wie ungeduldig bist du?"
Vettel: "Ich würde mich schon freuen, so ist es nicht. Deshalb will ich hier angreifen und das Beste herausholen. Generell ist es in diesem Jahr schwierig, vorherzusagen, was passieren wird, zum Beispiel mit dem Wetter hier: In diesem Moment scheint die Sonne, dann ist sie wieder weg, morgen soll es regnen, am Wochenende sieht es besser aus. Wie immer weiß man nicht, was kommt."

"Deshalb schauen wir auf uns, der Rest wird sich zeigen. Wenn die Chance da ist, zu gewinnen, wollen wir diese Chance ergreifen. Wenn es aber unrealistisch ist, bringt es nichts, etwas Blödes zu probieren. Es ist ja nicht so, dass es noch ein Rennen gäbe und wir 24 Punkte zurückliegen würden."

Erfolgshunger als Antrieb von Innen

"Ich hätte gerne mehr als ein Rennen gewonnen und wir hatten auch hier und da die Chance dazu. Bahrain war ein exzellenter Grand Prix und wir haben gesiegt, anschließend gab es vielleicht Chancen, die haben wir aber nicht genutzt haben. Es ist noch eine lange Saison mit vielen Rennen und ich bin zuversichtlich, das wir eines gewinnen."

Frage: "Wie sehr musst du an dir arbeiten, um die Geduld nicht zu verlieren?"
Vettel: "Geduld ist nicht gerade meine Stärke, was manchmal ganz gut ist und manchmal nicht so gut. Ich weiß, dass ich am Anfang der Saison nicht das Optimum herausgeholt habe. Aber das ist schwierig einzuordnen. Bei einem Rennen wie in Valencia, wo es ein Problem technischer Natur gibt, fällt es leichter, zu sagen, wie viel das gekostet hat. Ich weiß, dass ich mich noch steigern muss und mich noch steigern kann. Das ist ein Antrieb von Innen heraus und das möchte ich allen voran mir selbst beweisen."

Frage: "Helmut Marko hat deine Leistung im Qualifying infrage gestellt. Wie ist die Stimmungslage?"
Vettel: "Ganz normal. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn jemand sagt, was er denkt. Dafür ist Helmut bekannt. Wir haben auch darüber gesprochen. Es kommt immer darauf an, wie man es dann abdruckt, aber generell bin ich seiner Meinung und habe auch gesagt, dass ich mich noch steigern kann - das habe ich auch vor."

Kein Wüstenklima in den Ardennen

Frage: "Ist Spa eine Strecke, die dich fasziniert?"
Vettel: "Wenn man auch nur um die Strecke läuft, kann man den Unterschied spüren. Das ist nicht Abu Dhabi. Nichts gegen Abu Dhabi, aber wenn man die Höhenunterschiede und die Umgebung sieht - alles, was um die Piste herum ist, war als Erstes da, dann kam die Strecke. Das ist das Besondere. Es ist wirklich ein toller Kurs mit schnellen, fließenden Kurven. Kurven wie Eau Rouge."

"Meine Lieblingskurve? Da liefern sich Eau Rouge und Pouhon, die Doppellinks im Mittelsektor, ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Da fühlt man, was mit diesen Autos möglich ist. Eau Rouge geht heutzutage voll, trotzdem ist es noch immer eine faszinierende Kurve."

Frage: "Michael Schumacher sagte, Fernando Alonso hätte im WM-Kampf den Vorteil, dass er keinen Teamkollegen hat, der ihm die Punkte wegnimmt. Siehst du das genauso?"
Vettel: "Das kommt immer auf das Rennen an. Wenn man es schafft, vor dem Teamkollegen zu sein, dann kann der einem auch keine Punkte wegnehmen. Wenn man das nicht schafft, kann das am Ende unter Umständen schmerzhaft sein."

"Wir müssen angreifen"

"Ich glaube aber, dass es einen Grund dafür gibt, wenn das so ist. Sprich, dass man nicht das Beste herausgeholt hat, dass man an diesem Tag nicht so gut war wie der andere. Ich glaube, das gehört im Sport dazu. Wenn man seine Leistung nicht zu 100 Prozent bringt und dann gibt es jemanden, der ein bisschen besser ist, dann hat der es an diesem Tag verdient, vorne zu stehen."

Frage: "In der Konstrukteurswertung liegt ihr in Führung, in der Fahrerwertung nicht."
Vettel: "Wir haben eben darüber gesprochen, dass die anderen praktisch nur mit einem Auto fahren und wir mit zwei - zumindest das so im Raum. Da muss es leichter sein, mehr Punkte mitzunehmen."

Frage: "Was möchtest du in der zweiten Saisonhälfte besser machen als in der ersten?"
Vettel: "Ich denke, es gibt da eine ganze Menge für uns. Auf der anderen Seite glaube ich, dass wir uns in der ersten Hälfte ins Zeug gelegt haben und den Umständen entsprechend das meiste mitgenommen haben. Mit Sicherheit gibt es ein oder zwei Stationen, die nicht ganz optimal waren, aber wir schauen weiter auf uns und wollen verhindern, dass das ein weiteres Mal passiert. In der zweiten Saisonhälfte sind wir noch ein Stück hinten dran und müssen angreifen."

Fitness zahlt sich am Saisonende aus

Frage: "Jetzt stehen neun Rennen in 13 Wochen an. Wie schwierig ist das physisch und psychisch?"
Vettel: "Ein wichtiger Punkt wird die Fitness sein - bei uns Fahrern im Auto aber auch im ganzen Team. Da zahlt sich die Arbeit hinter den Kulissen aus. Die Jungs sind auf der Höhe, aber es ist eine neue Situation für uns. Wir reisen in der Welt herum, von einer Seite zur anderen. Das wird hart und es wird wichtig sein, die Konzentration aufrechtzuerhalten."

Frage: "Um ein echter Sieger zu sein, muss man auch durch tiefe Täler gehen - das hat Michael Schumacher gesagt."
Vettel: "Absolut. Bei jedem, der in der Formel 1 fährt, gibt es einen Grund, warum er diesen Platz hat. Jeder, dem das gelungen ist, hat in seinem Leben schon tiefe Täler durchschritten. Die gibt es nicht nur in der Formel 1, sondern auch zuvor. Wenn man die Sache sportartenübergreifend betrachtet, ob Fußball oder Leichtathletik. Solche Dinge gibt es, da muss jeder durch. Sehr prägend, und es hilft einem die Zeit zu schätzen, in der es läuft wie am Schnürchen."

Vettel glaubt an Schumachers Willen

Frage: "Michael fährt seinen 300. Grand Prix. Was sagst du ihm?"
Vettel: "Gratulation, natürlich. Er ist schon ein ganz spezieller Typ und ich habe zu ihm aufgesehen, als ich ein kleiner Junge war. Das tue ich noch immer, aber heute ist das natürlich etwas anderes. Ich habe ihn kennengelernt, wir kommen gut miteinander aus."

"Er ist für viele von uns noch immer eine Inspiration. Es wird viel über sein Alter und die Zahl seiner Grand-Prix-Teilnahmen gesprochen, aber in ihm brennt noch das Feuer. Er wird immer noch wütend, wenn er einen Kampf auf der Strecke verliert."

Frage: "Was hast du im Urlaub gemacht?"
Vettel: "Was die Leute so im Urlaub machen: sich auf die faule Haut legen und ein bisschen die Sonne genießen, versuchen, abzuspannen, mit den Gedanken woanders zu sein - um dann wieder frisch weitermachen zu können."

Frage: "Wie hat dir der Videodreh mit Melanie Fiona gefallen?"
Vettel: "Es war ganz interessant, aber mit Sicherheit nichts, was ich mir für den Rest meines Lebens vorstellen könnte. Es war ganz lustig, in eine andere Welt einzutauchen, aber ich bin lieber hier. Hinter der Kamera ist es doch relativ viel Aufwand für ein paar Sekündchen, die dabei herausspringen."

Fotoquelle: xpbimages.com

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