Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen setzen jeweils auf relativ viel Anpressdruck

Formel 1 2012

— 01.09.2012

McLaren verteidigt Heckflügel-Entscheidung

Twitter-Affäre bei McLaren: Lewis Hamilton ist frustriert darüber, in Spa-Francorchamps mit dem falschen Heckflügel unterwegs zu sein



Lewis Hamilton gilt im McLaren-Team eigentlich als der bessere Qualifyer, dennoch landete er heute in Spa-Francorchamps 0,612 Sekunden hinter Polesetter Jenson Button nur auf dem achten Platz. Für Hamilton war das in dieser Saison erst die zweite Niederlage im internen Stallduell, und dementsprechend groß war sein Frust. Diesem machte er unmittelbar nach dem Qualifying zum Grand Prix von Belgien via Twitter Luft.

Denn über den Kurzmitteilungsdienst drückte der Brite seinen Unmut darüber aus, dass seine ältere Spezifikation des Heckflügels offenbar weniger konkurrenzfähig war als die neue, die bei Button ans Auto geschraubt wurde. Teamintern dürfte der übereifrige Twitterer Hamilton mit seinen Nachrichten für Aufregung gesorgt haben, denn ein paar Stunden später war der Tweet plötzlich weg. "Dafür gibt es keinen besonderen Grund. Ich wollte es nur ein bisschen umformulieren", rechtfertigt er sich.

Nach außen will man die Affäre verständlicherweise klein halten: "Ich verstehe, dass Lewis frustriert darüber ist, nicht auf Pole-Position zu stehen, denn das ist immer sein Ziel", nimmt ihn Paddy Lowe, McLarens Technischer Direktor, in Schutz. Hamilton twitterte später versöhnlich: "Habe gerade meine Interviews beendet. Hoffentlich verstehen die Leute meine Position, die ich dabei erklärt habe."

Im Vormittagstraining fehlgeleitet

Anlass, im Gegensatz zu Button zurück auf den alten Heckflügel zu wechseln, war das dritte Freie Training, in dem Hamilton eine Sekunde auf die Spitze und eine halbe auf Button gefehlt hatte. "Heute Morgen hatte ich mit dem neuen Flügel Stabilitätsprobleme", erklärt er. "Zu dem Zeitpunkt waren die Abstände zu den Saubers und Red Bulls und Ferraris relativ groß, daher hatten wir in meiner Box das Gefühl, dass wir etwas ausprobieren sollten, um das zu ändern. Wir dachten, dass wir zur Flügelspezifikation des letzten Rennens zurückkehren sollten."

"Dieser Flügel hatte keine guten Punkte. Wir dachten, dass wir davon profitieren würden, mehr Anpressdruck zu fahren, aber so fühlte es sich nicht an", kritisiert der Weltmeister von 2008. Selbst in langsamen Kurven, wo mehr Anpressdruck eigentlich von Vorteil sein sollte, spürte er "nicht viel" Unterschied. "Mir wurde gesagt, dass der Unterschied zwischen den beiden Flügeln nicht so groß ist, aber das hat sich als falsch herausgestellt", deutet er an, von seinen Ingenieuren falsch informiert worden zu sein. "Es war der falsche Weg, aber wir haben die Entscheidung als Team getroffen."

Letztere Aussage kann Lowe nur unterstreichen: "Wir haben das gemeinsam diskutiert, denn das sind wichtige Entscheidungen. Wir treffen nur selten Entscheidungen, denen nicht alle zustimmen, denn wir treffen unsere Entscheidungen basierend auf rationellem Denken und rationellen Entscheidungen." Auch in der Heckflügel-Frage seien heute Morgen alle Entscheidungsträger einer Meinung gewesen, einschließlich Teamchef Martin Whitmarsh.

Der nimmt seine Ingenieure in Schutz: "Wir hatten nicht viele Daten, weil wir nicht viel trainiert hatten. Heute Morgen sahen wir mit beiden Autos nicht besonders konkurrenzfähig aus, also führten wir ein paar Änderungen durch. Man kann da ganz leicht zu schwach reagieren, aber wir haben überreagiert", sagt er. Und Lowe spricht indirekt auch Hamiltons fahrerische Leistung an, wenn er analysiert: "Der Rundenzeiten-Unterschied ist nicht alleine durch das unterschiedliche Setup zu erklären."

"Lewis war schon heute Morgen deutlich langsamer als Jenson. Also entschieden wir uns bei ihm für das High-Downforce-Setup, was hier eine völlig legitime Wahl ist und kein haarsträubender Poker", argumentiert Lowe. "Wenn man sich Räikkönen anschaut, dann war er von den Sektorenzeiten und vom Topspeed her ähnlich konfiguriert wie Lewis. Es ist also nicht so, dass Lewis der Einzige ist, der eine solche Strategie verfolgt, sondern einer seiner Hauptkonkurrenten ist genauso unterwegs."

Auch Räikkönen mit Hamilton-Setup

"Kimi und Lewis", fährt er fort, "sind in eine Richtung gegangen, Jenson ziemlich extrem in die andere - und ein paar andere Fahrer liegen in der Mitte. Wir werden sehen, wie das auf die Renndistanz gesehen ausgeht. Die Punkte werden morgen vergeben." Tatsache ist, dass Button um fünf km/h mehr Topspeed hatte als Hamilton. Doch das muss im Qualifying nicht unbedingt ein Vorteil sein: "Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass die Jungs mit mehr Abtrieb schneller sein würden als wir", gibt der Polesetter zu.

Denn ein von Haus aus steiler eingestellter Heckflügel bedeutet zwar weniger Topspeed, ermöglicht aber höhere Kurvengeschwindigkeiten. Gerade im Qualifying sollte das ein Vorteil sein, weil sich der DRS-Effekt bei einer steileren Flügeleinstellung stärker auswirkt als bei einer flacheren. Im Rennen darf DRS jedoch nur noch entlang der Kemmel-Geraden und auch da nur noch innerhalb einer Sekunde hinter einem Vordermann eingesetzt werden, was den DRS-Unterschied im Vergleich zum Qualifying, wo das System beliebig aktiviert werden darf, relativiert.

Hamilton muss nun mit der Wahl leben und im Rennen das Beste daraus machen. Das gilt auch für das McLaren-Team, das die Gelegenheit nutzen will, um möglichst viele Vergleichsdaten zwischen den beiden Heckflügel-Spezifikationen zu sammeln: "Wir werden uns die Unterschiede zwischen Lewis und Jenson genau anschauen", kündigt Lowe an. Buttons Low-Downforce-Flügel soll ja schon in einer Woche in Monza erneut zum Einsatz kommen.

Indes verneint Hamilton, dass das heutige Qualifying ein Sieg für WM-Leader Fernando Alonso sei, weil der als Fünfter vor seinen schärfsten Titelkonkurrenten steht: "So sehe ich das nicht. Morgen ist ein langes Rennen - und wir haben vor, vor ihm ins Ziel zu kommen. Fernando hat vor einer Weile vom zehnten Platz aus gewonnen. Das zeigt, dass nichts unmöglich ist. Wir müssen positiv ins Rennen gehen", versucht der McLaren-Pilot, seinen Frust zu bewältigen.

Fotoquelle: xpbimages.com

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