Wenn Formel-1-Autos durch die Luft fliegen, wird es extrem gefährlich

Formel 1 2012

— 03.09.2012

Lowe: Cockpit-Schutz ist unausweichlich

Der Startunfall in Spa zeigt einmal mehr, wie gefährlich offene Formel-Cockpits sein können - Die FIA erprobt deshalb seit einem Jahr zwei Sicherheitskonzepte



Die Schrecksekunde beim gestrigen Startunfall zum Großen Preis von Belgien hat wieder einmal ein Thema in den Mittelpunkt gerückt: Den Schutz des Helmes eines Formel-1-Fahrers. Romain Grosjeans Lotus wurde im Startgetümmel nach einer Kollision mit Lewis Hamilton auf Fernando Alonsos Ferrari geschoben und verfehlte den Kopf des Spaniers nur knapp. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er tatsächlich getroffen worden wäre.

Zwar hatte auch bei diesem Zwischenfall glücklicherweise wieder Fortuna ihre Hände im Spiel, doch auf Dauer kann man wohl nicht auf Hilfe der vielbeschäftigten Göttin hoffen. Zumal es nicht das erste Mal war, dass der Umstand, dass Formel-Piloten in offenen Cockpits sitzen, heikle und dramatische Folgen hatte.

In Ungarn 2009 traf beispielsweise Felipe Massa bei voller Fahrt eine 700 Gramm schwere Feder am Helm, die zuvor an Rubens Barrichellos Brawn-Boliden abgefallen war. Der Brasilianer zog sich schwere Kopfverletzungen zu und verlor um ein Haar ein Auge.

Im Juli verunglückte zudem Marussia-Entwicklungsfahrerin Maria de Villota, die bei Testfahrten auf einem Flugfeld in Großbritannien mit der Laderampe eines nahestehenden Transporters kollidierte und von dieser am Kopf getroffen wurde. Die Spanierin verlor dadurch ihr rechtes Auge.

Den folgenschwersten Unfall hatte der Sohn des ehemaligen Formel-1- und Motorradweltmeisters John Surtees, Henry Surtees: Bei einem Formel-2-Rennen in Brands Hatch 2009 verunfallte vor ihm ein Pilot, von dessen Auto ein Rad abgerissen wurde und den heranrasenden Surtees ausgerechnet am Helm traf. Der 18-Jährige erlag wenig später seinen schweren Kopfverletzungen.

Whitmarsh: "Wir sehen Unfälle zu locker"

"Wir sehen Unfälle mittlerweile etwas zu locker", warnt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh nach dem gestrigen Rennen in Belgien. "Es gibt ständig heftige Unfälle und wir sind es einfach gewohnt, dass Fahrer unverletzt aussteigen. Doch oft entkommen sie schweren Verletzungen nur knapp. Es ist purem Glück zu verdanken, dass Fernando den heutigen Unfall unverletzt überstanden hat."

Der Motorsport-Weltverband FIA testet seit einem Jahr sowohl eine Struktur, die die Cockpits der Formel-1-Boliden durch eine Art Vorbau besser schützen soll, als auch Kuppel-Konstruktionen wie sie bei Kampfjets Verwendung finden. Eine endgültige Umsetzung des Systems ist für 2014 vorgesehen. Eine umfangreiche Erprobung des Konzepts sei laut Whitmarsh von Nöten, man müsse die Idee intensiv durchdenken.

Denn speziell was Cockpithauben angeht, hat Whitmarsh Zweifel: "Das würde die Sache nicht unbedingt sicher machen", so Whitmarsh. "Im Falle eines Feuers könnte der Fahrer zum Beispiel nicht schnell genug aus dem Cockpit kommen. Man hat schon in der Luftfahrt gesehen, dass es gar nicht so einfach ist, den Kopf eines Piloten effektiv zu schützen."

Kuppel-Konstruktion bereits auf dem Prüfstand

Die angesprochenen Schutzvarianten für den Helm der Formel-1-Fahrer, deren Entwicklungen von einem extra eingerichteten Insitut der FIA durchgeführt werden, befinden sich seit nunmehr einem Jahr auf dem Prüfstand. McLaren-Technikchef Paddy Lowe ist unter anderem in die Erprobung involviert.

"Ich glaube, als wir das Projekt vor einem Jahr starteten, war als Einführung des Schutzes 2014 vorgesehen", so Lowe gegenüber 'Autosport'. "Ich persönlich denke, dass die Umsetzung dieser Pläne höchste Priorität hat, weil das eine klare Schwachstelle bei der Sicherheit darstellt."

Zwar denke man oft nach solchen Unfällen, dass ein Fahrer enormes Glück gehabt habe, "doch irgendwann wird er auch kein Glück haben", so Lowe. Man müsse bei den Tests zwar berücksichtigen, dass es sich bei der Formel 1 nach wie vor um eine Rennserie mit offenen Cockpits handle: "Doch technisch sollte dieser Schutz möglich sein."

FIA testet zwei verschiedene Varianten

Bei den angesprochenen Tests werden einerseits mit bis zu 225 km/h Gegenstände wie Reifen auf eine Kuppelstruktur aus durchsichtigem Polykarbonat geschossen. Andererseits wird aber auch eine Art Überrollbügel erprobt, der sich vor dem Cockpit befindet.

Bei letzterem Konzept stellt sich natürlich direkt die Frage, ob die Struktur mit ihren Streben nicht die Sicht des Formel-Piloten einschränkt. Laut Lowe sei dies jedoch wie so oft Gewöhnungssache: "Ideal für die Sicht des Fahrers wäre natürlich, wenn er nichts vor sich hätte", erklärt der Brite. "Doch Straßen-PKWs oder der alte VW-Bus, der in der Mitte der Frontscheibe eine Strebe hatte, haben bereits gezeigt, dass man sich an Dinge gewöhnen kann. Wir sind der Auffassung, dass, solange die Streben nicht zu groß sind, man sich an sie gewöhnen kann."

Aktuelle Zielvorgabe sei, die Streben so schmal und gleichzeitig so stabil wie möglich zu konzipieren. Welches Konzept nun tatsächlich umgesetzt wird - Kuppel oder Überrollbügel - wird wohl nach weiteren intensiven Tests entschieden werden.

Fotoquelle: xpbimages.com

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