Jean-Eric Vergne ist einer der coolsten Zeitgenossen im Formel-1-Paddock

Formel 1 2012

— 05.09.2012

Vergne: "Das kann ich an Frankreich nicht ausstehen!"

Jean-Eric Vergne im Interview: Wieso er sich zu oft über sein Gesicht verrät, warum er sich 2013 bei Toro Rosso sieht und weshalb er mit seiner Heimat ins Gericht geht



Seine Großeltern waren einfache Bauern, doch mit Red-Bull-Turbo erfüllte der Franzose Jean-Eric Vergne 2012 den Traum seines Vaters und schaffte es in den Glamour-Zirkus Formel 1. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' nimmt sich der 22-Jährige ausführlich Zeit, um über seinen Werdegang und seine ersten Eindrücke von der Formel 1 zu sprechen. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, kritisiert sein Heimatland scharf, spricht offen über seine Schwächen und verrät, was die beste Entscheidung seines Lebens war.

"Ich bin immer ehrlich zu mir selbst und weiß, dass ich ein kleiner Fisch bin", sagt er über sein aufregendes Leben als Formel-1-Fahrer. "Jeder erkennt Michael Schumacher, aber niemand mich. Vielleicht kennen mich die Leute in Frankreich ein bisschen besser, aber im Ausland? Nein. Ich gehe nicht oft aus. Lieber arbeite ich und verbringe Zeit in der Fabrik. Mein Glamour-Faktor geht also gegen null." Und er lacht, wenn er sagt: "Mein verschwenderisches Leben wird erst später kommen..."

Frage: "Jean-Eric, du hast in deinen ersten zwölf Rennen zweimal gepunktet. Wie sieht deine bisherige Bilanz aus?"
Jean-Eric Vergne: "Auf eine gewisse Art und Weise lief es bisher recht gut, denn ich habe definitiv viel gelernt. Ich habe mich auch stark verbessert. Es ist aber auch etwas enttäuschend, denn wir sind bei der Performance des Autos nicht dort, wo wir gerne wären. Es ist manchmal frustrierend, wenn man weiß, dass das Team fantastische Arbeit geleistet hat, wenn man selbst ebenfalls gute Arbeit geleistet hat, aber die Ergebnisse einfach nicht da sind. Das ist natürlich schwierig."

Harte Arbeit, um nach vorne zu kommen

"Wir arbeiten aber sehr hart, um das zu verändern. Das Team leistet mit dem Auto, das wir zur Verfügung haben, gute Arbeit. Ich denke, dass wir sehr nahe dran sind an unserem Maximum, es gibt aber auch immer Spielraum für Verbesserungen. Zunächst schaue ich da immer auf mich selbst, denn ich kann mich selbst am meisten verbessern."

Frage: "Ist die Formel 1 in etwa so, wie du sie dir vorgestellt hattest?"
Vergne: "Einerseits ja, andererseits nein. Einerseits ist es toll, hier zu sein und das Auto zu fahren. Jedes Rennwochenende, jeder Start, jeder Boxenstopp ist großartig. Andererseits ist es etwas knifflig, wenn man eine gute Performance und gute Rennen fahren will und dann 15. oder 14. wird. Man würde sich wünschen, in die Punkte zu fahren."

Frage: "Gibt es etwas, was du an der aktuellen Formel 1 nicht magst?"
Vergne: "Nein, das gibt es nicht. Es gibt eine Sache, die ich an mir selbst verbessern sollte. Ich bin ein sehr ausdrucksstarker Typ, und man sieht es mir an, wenn ich über eine Sache nicht glücklich bin. Es fällt mir dann schwer, zu lächeln. Aber auch darin werde ich immer besser. Manchmal ist es aber immer noch sehr schwer für mich. Es ist, wie es ist, und ich kann damit umgehen - alles verbessert sich."

Frage: "Im Qualifying ist dir dein Teamkollege bisher überlegen. Liegt es daran, dass du zu aggressiv fährst?"
Vergne: "Nein, ich denke nicht, dass ich im Qualifying zu aggressiv bin. Es geht aber darum, wie man mit den Reifen umgeht, wie man sie aufwärmt, wie man pusht - beim Bremsen, bei niedriger Geschwindigkeit."

"Es ist etwas knifflig, weil ich aus einer Serie mit Michelin-Reifen stamme (Renault-World-Series; Anm. d. Red.), wo man hart bremsen musste, um auf neuen Reifen Zeit zu gewinnen. Es benötigte etwas Zeit, um das zu verstehen. Ich würde nicht sagen, dass ich bereits alles verstanden habe. Ich werde nicht sagen, dass ich in der restlichen Saison fantastische Qualifyings fahren werde, aber der Weg stimmt zumindest jetzt."

Demütige Beurteilung der Qualifying-Leistungen

Frage: "Kriegst du die Lage gerade in den Griff?"
Vergne: "In den Griff kriegen? Das wäre viel zu weit gegriffen."

Frage: Gibt es abgesehen vom Qualifying einen Bereich, wo Juniorteam-Chef Helmut Marko Verbesserungen fordert?"
Vergne: "Das Einzige, was er mir immer sagt, ist, dass ich schneller werden muss. Das ist alles (lacht; Anm. d. Red.)."

Frage: "Wie siehst du deine Perspektiven für die kommende Saison? Rechnest du mit einer Vertragsverlängerung?"
Vergne: "Ehrlich gesagt stelle ich mir diese Frage gar nicht. Jetzt, wo du mich fragst, muss ich sagen, dass ich mich nächstes Jahr im Auto sehe, wenn ich mich weiterhin verbessere. Wenn wir diese Saison hart arbeiten, dann werde ich ein besseres Auto haben und kann mit ihm öfter glänzen."

Frage: "Dein Teamkollege und du, ihr seid seit langem Weggefährten. Ist die entstandene Rivalität jetzt, wo keiner nächstes Jahr Mark Webber ersetzen wird, geringer geworden?"
Vergne: "Nein. Das würde ja bedeuten, dass wir nicht mehr pushen. Ich bin nicht der Meinung, dass Freundschaft unter diesen Umständen nicht möglich ist. Natürlich weiß man, dass der andere einen auf der Strecke nicht vorbeilassen wird - da gibt es keine Geschenke, und das wissen wir beide. Wir können gegeneinander fahren, und solange alles sicher ist, sehe ich kein Problem."

Frage: "Glaubst du, dass James Key (offiziell noch nicht bestätigter Nachfolger von Technikchef Giorgio Ascanelli; Anm. d. Red.) bei Toro Rosso einen Unterschied machen kann?"
Vergne: "Ich weiß nicht, worüber du sprichst (lacht; Anm. d. Red.)."

Frage: "Aber die Ära von Giorgio Ascanelli ist beendet."
Vergne: "Ich weiß nicht, worüber du sprichst."

Frage: "In welchem Bereich muss das Team den größten Fortschritt machen?"
Vergne: "Es gibt viele Bereiche. Ich bin der Meinung, dass die Ingenieure an der Strecke wirklich gute Arbeit leisten. Die Ingenieure abseits der Strecke in der Fabrik und im Windkanal leisten ebenfalls gute Arbeit, aber es ist die Frage, welche Werkzeuge ihnen zur Verfügung stehen."

Updates haben nicht immer angeschlagen

"Wir hatten einige Male in dieser Saison Updates, die nicht funktioniert haben - sie sollten aber funktionieren, denn dann läuft es besser. In Budapest mussten wir den Heckflügel ausbauen, weil er nicht funktioniert hat. Das Team arbeitet also gut, aber wir benötigen dafür eine Basis, mit der wir arbeiten können."

Frage: "Glaubst du, dass die Einrichtungen erneuert werden müssen?"
Vergne: "Vielleicht. Ich bin nicht wirklich ein Ingenieur. Ich kann nach sechs Monaten nicht so tun, als würde ich alles über die Formel 1 zu wissen."

Frage: "Du bist Franzose, lebst aber in der Nähe des Red-Bull-Hauptquartiers in Milton Keynes, obwohl dein Team in Italien stationiert ist."
Vergne: "Ja, ich lebe dort und bin auch sehr oft im Red-Bull-Simulator."

Frage: "Du bist wegen des Carlin-Teams nach Großbritannien gezogen."
Vergne: "Ja, ich habe die Britische Formel-3-Meisterschaft bestritten. Weil ich so viele Tage in Großbritannien verbracht habe - wegen der vielen Rennen und der Arbeit im Simulator in Milton Keynes -, hatte ich keine andere Wahl, als nach Großbritannien zu gehen. Ich bin der Meinung, dass das die beste Entscheidung meines Lebens war. Ich habe auch für mein persönliches Leben eine neue Mentalität, eine neue Arbeitsweise und neue Leute kennengelernt. Das hat mich weitergebracht."

Frage: "Was ist für dich das Besondere an der britischen Mentalität?"
Vergne: "Wenn man etwas will, dann versucht man, es zu bekommen - man jammert nicht."

Frage: "Ist das in Frankreich anders?"
Vergne: "Ja, ganz anders. Die Leute wollen mehr Geld, aber weniger arbeiten. Das ist die französische Mentalität. Natürlich gibt es auch viele positive Aspekte der französischen Mentalität, aber diesen Aspekt kann ich nicht ausstehen. Ich verstehe das nicht. Daher würde ich nie in Frankreich ein Unternehmen gründen. In einer französischen Firma ist es immer das Gleiche: Die Leute helfen einander, damit sie weniger arbeiten müssen. Wenn sie damit nicht durchkommen, dann wird gestreikt."

Von der Familie komplett abgenabelt

Frage: "Helmut Marko hat vor Jahren gesagt, dass es wichtig für dich wäre, dich von deiner Familie abzunabeln, Frankreich zu verlassen und dein eigenes Leben zu beginnen."
Vergne: "Das war gut. Ich sehe meine Familie heute nicht mehr sehr oft, denn sie kümmern sich in Frankreich um die Kartstrecke, was ein großes Business ist. Meine Eltern arbeiten sieben Tage die Woche und haben überhaupt keine Zeit. Sie sind bis jetzt noch zu keinem meiner Formel-1-Rennen gekommen. Sie waren auch im Vorjahr nur einmal dabei - als ich in Barcelona in der Renault-World-Series um den Titel gekämpft habe. Ich sehe sie also nicht sehr oft und habe mit meinem früheren Leben abgeschlossen."

Frage: "Spürst du Druck, wenn deine Eltern da sind?"
Vergne: "Nicht wirklich. Früher war das vielleicht so. Heute setzt es mich nicht mehr unter Druck, wenn sie da sind. Ich sehe mich selbst als professionellen Rennfahrer. Es ist natürlich meine Leidenschaft, aber auch ein Fulltime-Job. Davon lebe ich. Daher spielt Druck durch meine Eltern keine Rolle."

Frage: "Hast du das Gefühl, dass es für deinen Vater hart ist, so selten dabei zu sein, schließlich wollte er selbst Rennfahrer werden? War es seine Entscheidung oder deine?"
Vergne: "Ich denke, dass es seine Entscheidung war. Weißt du, die Eltern von Rennfahrern verhalten sich meist etwas seltsam, wenn ihre Söhne Rennen fahren. Das ist mir selbst aufgefallen."

"Als ich Kart fuhr, betreute ich einige kleine Kinder als Mechaniker. Die Eltern waren oft dabei, und sie haben mich wahnsinnig gemacht. Ich dachte mir: 'Oh mein Gott, wenn ich einmal einen Sohn habe, der Rennen fährt, dann will ich nicht so enden!' Ich denke, dass das auch mein Vater weiß, denn er hat viele junge Kartfahrer betreut, und er weiß, wie sich Rennfahrer-Eltern teilweise verhalten. Damit will auch er nichts zu tun haben. Er sieht sich das lieber aus der Distanz an und ist damit glücklich, glaube ich."

Frage: "Und das passt für ihn?"
Vergne: "Ja, das passt. Spa war das erste Rennen, wo er dabei war. Es ist das nächstgelegene Rennen aus Frankreich."

Gute Freundschaft mit Jean Alesi

Frage: "Gibt es eine Erinnerung aus deiner Kindheit, die dich besonders geprägt hat?"
Vergne: "Nein, nicht wirklich. Ich kann mich nicht an den Moment erinnern, als ich entschieden habe, dass ich Rennfahrer werden will. Ich wurde im wahrsten Sinne des Wortes auf der Rennstrecke geboren."

Frage: "Es gibt dieses Foto, wo man sieht, wie du als kleines Kind im Kart schläfst..."
Vergne: "Ja, da war ich nicht einmal zehn Jahre alt! Als ich meine ersten Runden im Kart drehte, da war Jean Alesi dabei. Seitdem sind wir in Kontakt."

Frage: "Wie ist es damals dazu gekommen?"
Vergne: "Ich glaube, dass es sich um eine Veranstaltung handelte - er war damals Ferrari-Fahrer, und auch das Fernsehen war da. Das war in Paris eine große Sache. Da habe ich ihn getroffen, und ich fuhr gleichzeitig meine ersten Runden. Ich war glaube ich vier oder fünf Jahre alt, es muss also 1994 oder 1995 gewesen sein."

Frage: "Gerhard Berger, der bis vor einigen Jahren Besitzer deines Teams war, war damals sein Teamkollege. Bist du auch mit ihm in Kontakt?"
Vergne: "Nein, ich kenne ihn nicht sehr gut. Ich habe ihn ein paar Mal bei den Rennen getroffen. Aber mit Jean spreche ich fast nach jedem Rennen. Wir unterhalten uns wie zwei Kumpels - ich würde ihn definitiv als Freund bezeichnen. Ich habe ihn in der Sommerpause angerufen, damit ich weiß, wo er sich aufhält und was er macht. Ich weiß auch, was seine Kinder machen."

Frage: "Du hast ihn aber in seiner aktiven Zeit nie bei den Rennen besucht, denn du hast dein erstes Formel-1-Rennen vor Ort erst vor zwei Jahren erlebt. Warum nicht?"
Vergne: "Weil es dazu nie die Gelegenheit gab. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum. Es ist einfach nie passiert."

Großvater war ein einfacher Bauer

Frage: "Du stammst aus einer sehr einfachen Familie und nicht aus reichen Verhältnissen, was für Formel-1-Piloten eher untypisch ist."
Vergne: "Meine Großeltern waren Bauern. Mein Vater begann bei null, hatte kein Geld, aber er war in der Schule sehr fleißig und machte einen Abschluss als Ingenieur. Er arbeitete im medizinischen Bereich und erfand eine Maschine, die die Anzahl der Blutkörperchen in deinem Körper ermittelt. Er hat diese Maschine dann überall in den USA verkauft und widmete sich seiner Leidenschaft."

"Er war aber schon zu alt, um Rennfahrer zu werden. Zunächst baute er aus dem Nichts eine kleine Strecke, bei der es nicht einmal eine Boxenanlage gab. Sein Plan war es, einen Fahrer in die Formel 1 zu bringen. Er hatte viele Fahrer, und er hätte nie gedacht, dass der Fahrer, der es in die Formel 1 schaffen wird, sein Sohn ist."

Frage: "Er begann mit dem Projekt vor deiner Geburt?"
Vergne: "Ja, lange vorher - vor 25 Jahren. Als ich ihm sagte, dass ich auch an den Wettbewerben teilnehmen will, da sagte er, dass er das nicht will. Er versuchte alles, um es mir auszureden, aber ich war wirklich hartnäckig und wollte das unbedingt. Später habe ich viel von ihm gelernt. Ich hatte Talent und daher wollte er mich fördern, um etwas Gutes zu erreichen. Wir hatten aber nie Geld, daher war es in all den Jahren sehr schwierig. Wir wussten nie, wie es weitergeht. Natürlich war er manchmal wirklich hart zu mir, aber aus gutem Grund."

Frage: "Hast du gegen ihn rebelliert?"
Vergne: "Ja, natürlich."

Frage: "Was war das Ergebnis?"
Vergne: "Ich habe immer verloren (lacht; Anm. d. Red.)."

Frage: "Gibt es abschließend noch etwas, das du den Lesern mitteilen willst?"
Vergne: "Ja, und zwar, dass ich mein wahres Potenzial noch nicht gezeigt habe. Ich will nicht sagen, dass ich gut oder fantastisch bin. Ich will einfach mein Ding machen und es den Leuten so zeigen."

Fotoquelle: Toro Rosso

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