De la Rosa feierte in Monza den 100. Start an einem Formel-1-Wochenende

Formel 1 2012

— 19.09.2012

De la Rosa warnt: "Nur Ferrari ist finanziell stabil"

Pedro de la Rosa im Interview: Warum er sich Sorgen um die Formel 1 macht, wieso ihn Wurz für verrückt hält und weshalb er sich eisern an die Königsklasse klammert



Der Spanier Pedro de la Rosa zählt zu den sympathischsten Zeitgenossen in der Formel 1. Kaum jemand verfügt über einen so langen Atem wie der Routinier, der jahrelang als McLaren-Testfahrer ein Schattendasein fristete und 2012 mit 41 Jahren sein fünftes Comeback in der Formel 1 feierte - und das beim spanischen Nationalteam HRT am Ende des Feldes. Zuletzt hatte er 2002 eine volle Rennsaison absolviert. Wie seine Familie mit seiner Grand-Prix-Sucht umgeht, wieso er Motivationsprobleme trotz Erfolglosigkeit nicht kennt und wieso er sich große Sorgen um seinen Sport macht, erklärt er im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Frage: "Pedro, wie haben deine Frau und deine Kinder reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du mit 41 Jahren ein Formel-1-Comeback feiern wirst? Waren sie verzweifelt, weil du es noch immer nicht lassen kannst und dich dieser Gefahr aussetzt, oder freuen sie sich mit dir?"
Pedro de la Rosa "Sie waren sehr glücklich. Meine Familie weiß, dass ich den Motorsport liebe. Wenn ich glücklich bin, dann sind sie auch glücklich. Sie wussten, dass ich noch einmal rennfahren wollte - lange habe ich darauf gewartet. Daher haben sie sich gefreut. Sie finden es gut, dass ich weiterfahre, und sie pushen mich. Ich lebe nicht in der typischen Familie, wo die Frau Angst hat. Das Gegenteil ist der Fall. Meine Frau spornt mich an und findet, dass ich das tun muss, was ich tun will, denn sonst bin ich nicht glücklich."

Frage: "Vielleicht wollen sie nicht, dass du zuhause sitzt und schlecht drauf bist? So bist du zwar weniger zuhause, aber die Zeitqualität ist besser."
De la Rosa: "Absolut. Vielleicht ist das der Grund. Das könnte sein."

Warum sich de la Rosa an die Formel 1 klammert

Frage: "Während sich dein langjähriger Weggefährte Alex Wurz dazu entschlossen hat, in die Langstreckenszene zu wechseln, klammerst du dich an die Formel 1, obwohl du im Gegensatz zu ihm am Ende des Feldes liegst. Warum?
De la Rosa: "Nun ja, ich führe mit Alex endlose Diskussionen über dieses Thema. Wir sind da unterschiedlicher Meinung. Meine Sicht ist, dass man nur eine limitierte Zeit in der Formel 1 zur Verfügung hat. Wenn man in meinem Alter oder in Alex' Alter einmal draußen ist, dann kommt man nicht mehr zurück. Mein Standpunkt ist, dass ich solange wie möglich in der Formel 1 bleiben möchte, denn ich werde nie zu alt für Sportwagen sein, aber durchaus für die Formel 1. Ich argumentiere bei den Diskussionen mit Alex immer, dass ich immer Sportwagen fahren kann, aber wenn ich die Formel 1 verlasse, dann werde ich nicht mehr zurückkehren. Das ist meine Sichtweise."

Frage: "Du versucht also, das Aus solange wie möglich hinauszuzögern ..."
De la Rosa: "Genau. Für Sportwagen ist man nie zu alt, für die Formel 1 aber schon. Alex denkt, dass ich spinne, aber so ist es eben. Das muss ich akzeptieren - wir sind einfach unterschiedlich."

Frage: "Weißt du schon, wie deine Zukunft aussehen wird?"
De la Rosa: "Nächstes Jahr werde ich hier bei HRT bleiben."

Frage: "Ist bereits alles unterschrieben?"
De la Rosa: "Ja. Ich habe im Vorjahr einen Zweijahresvertrag unterschrieben, denn sonst hätte es keinen Sinn gemacht. Das war eine meiner Grundbedingungen, als ich zu diesem Team wechselte. Ich wollte einen Zweijahresvertrag, denn ich sehe das langfristig. Ich bin sicher, dass wir nächstes Jahr besser sein werden - und auch im dritten Jahr. Derzeit sind es zwei Jahre, und ob ich nach zwei Jahren aufhöre, weiß ich nicht."

Frage: "Könntest du es dir vorstellen, dem Team auch nach deiner Formel-1-Karriere als Berater zur Verfügung zu stehen, oder wirst du auch dann nicht vom Rennfahren loskommen?"
De la Rosa: "Das kann ich derzeit nicht beantworten, tut mir leid. Ich weiß es wirklich nicht - das ist die ehrliche Antwort. Vielleicht will ich weiterfahren, vielleicht will ich aber auch den Helm an den Nagel hängen und HRT helfen. Eines ist für mich klar: Bis zum Ende meiner Karriere möchte ich mit HRT in Verbindung bleiben, wenn sie weiterhin versuchen, ein spanisches Formel-1-Team zu sein."

Frage: "Hilft dir deine Erfahrung als Formel-1-Tester auch beim Umgang damit, am Ende des Feldes motiviert zu bleiben? Auch als Testfahrer hast du ja schließlich Motivation finden müssen, obwohl du abseits des Scheinwerferlichts gegen die Uhr gefahren bist."
De la Rosa: "Ja, das hilft mir. Wenn man die Motivation findet, um Testfahrer zu sein - und das acht Jahre lang und trotz massiven Testbeschränkungen -, dann ist es einfach, sich als Rennfahrer zu motivieren, auch wenn man am Ende des Feldes fährt."

"Motivation ist für mich nie ein Problem - die finde ich immer. Wenn ich das Visier schließe, dann pumpt das Adrenalin immer hundertprozentig. Da spielt es keine Rolle, ob ich um die Pole-Position kämpfe oder Letzter bin. Man hat ohnehin immer seine eigenen Ziele. Das ist das Wichtigste. Ich weiß, was mit meinem Auto eine gute Zeit ist - und dann ist man schneller oder langsamer. Das sind meine Ziele. Davon leitet sich ab, ob ich glücklich bin. Das hängt nicht davon ab, ob ich die Pole-Position einfahre, denn das wäre ja ein dummer Traum."

Frage: "Und das weiß auch jeder ..."
De la Rosa: "Genau. Als Testfahrer hat man auch immer seine eigenen Ziele. Man misst sich an den Teamkollegen oder an den Einsatzfahrern. Sie hatten vielleicht früher schon Grands Prix gewonnen, und dann testen sie gemeinsam mit dir - so konnte ich mich messen. Das war auch eine sehr gute Motivation."

HRT fürchtet 2014

Frage: "Apropos Ziele: Angenommen deine HRT-Zeit wäre vorbei - welches Ergebnis müsste am Ende dieses Weges stehen, damit du zufrieden auf das Projekt zurückblicken könntest?
De la Rosa: "An dem Tag, wo das Team in den Top 10 liegt, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. Es ist mein Ziel, dieses Team in die Top 10 zu führen - bei den Teams, nicht bei den Fahrern. Wenn es diesem Team gelingt, bei den Teams in den Top 10 zu liegen, dann würde das bedeuten, dass es sich aus dem Nichts massiv entwickelt hat. Das würde mich sehr glücklich machen, denn es würde bedeuten, dass wir das erste, sehr wichtige Ziel erreicht haben."

Frage: "Wann wäre das realistisch, und was muss passieren, damit das möglich ist?"
De la Rosa: "Wir müssen definitiv wachsen, denn wir sind ein sehr kleines Team. Wir haben nur 75 Mitarbeiter, und wir benötigen zumindest die doppelte Anzahl, damit wir über solche Möglichkeiten nachdenken dürfen. Wir müssen also größer werden und benötigen zumindest ein oder zwei weitere Jahre. Zwei Jahre sind realistischer, aber wir versuchen, den Prozess zu beschleunigen. Ohne Wachstum wird das aber nicht möglich sein, denn wir erreichen mit unseren Kapazitäten bereits jetzt das Maximum."

Frage: "Glaubst du, dass der Reglementwechsel 2014 dieses Ziel in Gefahr bringen wird, oder stellt er eine Chance dar?
De la Rosa: "2013 ist gut, denn da gibt es keine großen Änderungen. 2014 ist aber schlecht für die kleinen Teams, denn wir müssen das Auto komplett ändern - und auch den Motor. Das wird für uns sehr teuer. Es ist nicht gut, aber so steht es im Reglement, und wir müssen uns anpassen. Natürlich wird es teuer, und alles, was teuer ist, ist schlecht für kleine Teams wie uns."

De la Rosa warnt vor Formel-1-Kollaps

Frage: "Auch deine Heimat Spanien kämpft mit wirtschaftlichen Problemen. Wie schwierig ist es für dein Team, das seine spanische Identität gestärkt hat, unter diesen Umständen spanische Investoren und Sponsoren zu finden?"
De la Rosa: "Das Timing ist schlecht. Natürlich ist das für niemanden gut, schon gar nicht für uns als spanisches Team. Ein Großteil der spanischen Unterstützung wird nicht kommen, weil es sinnlos wäre. Es ist aber auch für alle anderen Teams schwierig. Ich glaube, dass wir nicht von einer spanischen, sondern von einer europäischen Krise sprechen müssen. Die Formel 1 ist sehr europäisch, und viele Unternehmen, die an der Formel 1 teilnehmen, sind europäisch. Ich mache mir Sorgen um den Sport, denn wir befinden uns in einer sehr schwierigen Wirtschaftslage, die alle betrifft - nicht nur uns."

Frage: "Im Grunde kämpfen alle Teams außer die Top 4 mit finanziellen Schwierigkeiten ..."
De la Rosa: "Genau - und sogar die Topteams. Lassen wir Ferrari mal außen vor, aber der Rest."

Frage: "Dein Ex-Team McLaren soll ja mit der Seriensparte große Verluste machen."
De la Rosa: "McLaren ist zumindest wirtschaftlich sehr breit aufgestellt. Es handelt sich um eine große Unternehmensgruppe, und sie haben unterschiedliche Einnahmequellen. Bei Teams wie Mercedes oder sogar Lotus sieht es anders aus. Oder Red Bull. Es muss nur ein Geldgeber den Stecker ziehen, und diese Teams wären in großen Schwierigkeiten. Es ist also nicht nur ein Team, es handelt sich um Mercedes, Red Bull oder Genii Capital."

Loblied auf Alonso

Frage: "Du hast 2007 bei McLaren mit deinem Landsmann Fernando Alonso zusammengearbeitet. Was zeichnet ihn deiner Meinung nach aus, wie hast du ihn wahrgenommen?"
De la Rosa: "Ich habe noch keinen Fahrer gesehen, der sich so gut wie Alonso anpassen kann. Er ist mit jedem Auto und mit jedem Reifen schnell. Er holt immer das Maximum heraus. Er ist sehr gut darin, seinen Fahrstil auf jedes erdenkliche Auto anzupassen. Das ist einzigartig, denn in der Formel 1 sind alle nur durch wenige Zehntel getrennt, das Feld ist sehr ausgeglichen."

"Fernando kann sich aber immer und sehr schnell anpassen - er war auf Michelin-Reifen Weltmeister, hat mit Bridgestone Rennen gewonnen und auch mit den Pirellis. Er ist wie ein Tennisspieler - ob auf Sand, auf Gras oder auf Hartplatz. Auf Hartplatz ist Roger Federer der Beste, auf Sand Rafael Nadal. Das Gute bei Alonso ist, dass er auf jedem Boden der Beste wäre."

Frage: "2007 hatte er bei McLaren keine einfache Zeit."
De la Rosa: "Er wäre trotzdem beinahe Weltmeister geworden, obwohl es für ihn durch die ständigen Kämpfe ein schlechtes Jahr war. Ihm fehlten am Ende zwei oder drei Punkte auf den Titel. Für ihn war es ein schwieriges Jahr. Ich war damals McLaren-Testfahrer, und er hatte eine sehr schwierige Beziehung zu Ron Dennis, es war keine glückliche Zeit für ihn. Für keinen von uns."

De la Rosa fordert Reform der Nachwuchsserien

Frage: "Junge spanische Nachwuchspiloten haben es derzeit wegen der Wirtschaftskrise besonders schwer, Sponsoren zu finden. Wie wird sich die Wirtschaftskrise langfristig auf den spanischen Motorsportnachwuchs auswirken?"
De la Rosa: "Da mache ich mir große Sorgen. Am Ende trifft die Krise immer die kleinen Randsportarten oder die Nachwuchsklassen härter. Vom Kartsport bis zur GP2 ist es für die Fahrer viel schwieriger, Investoren zu finden. Die großen Veranstaltungen wie die Formel 1, die Olympischen Spiele oder die Fußball-WM werden überleben. Ich mache mir aber Sorgen um die Nachwuchsformeln und den Mangel an Möglichkeiten für junge Fahrer."

Frage: "Im Vergleich zum Fußball sind auch die Strukturen anders: Es gibt weniger Menschen, die es schaffen, es ist teurer und während man im Fußball in der Jugendauswahl eines Klubs spielt, muss man im Motorsport meist selbst für alles aufkommen."
De la Rosa: "Ja, der Motorsport ist sehr teuer, und es gibt viele Serien. Ein Problem, das wir haben, ist, dass es GP3, GP2, Renault-World-Series, Formel 2, die europäische Formel 3 und die nationalen Formel-3-Serien gibt. Den perfekten Weg, um in die Formel 1 zu kommen, gibt es nicht. Aber eines ist klar: Es gibt zu viele Serien, und sie sind zu teuer. Jetzt - in Zeiten der Krise - sollten wir das vereinfachen. Weniger Serien, die gleiche Anzahl an Sponsoren."

Frage: "Weil die Sponsoren so zu viel Geld bezahlen und nicht im Rampenlicht stehen?"
De la Rosa: "Ja. Es gibt nur die Formel 1 - alles andere existiert nicht."

Fotoquelle: HRT

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