Renaults Einsatzleiter Remi Taffin muss zugeben, dass man nicht am Ziel ist

Formel 1 2012

— 20.09.2012

Renault: Lichtmaschinen-Rätsel noch nicht geknackt

Warum Sebastian Vettel mit einer 2011er-Lichtmaschine Vorlieb nehmen muss, wieso Renault Red Bull freispricht und wieso das Zittern weitergeht



Der Grand Prix von Singapur wird für Sebastian Vettel zur Zitterpartie. Nach seinem bitteren Ausfall in Monza wegen eines Lichtmaschinendefekts - der zweite in den bisherigen Saisonrennen nach Valencia - ist Renault den Problemen zwar auf der Spur, hat aber wie befürchtet noch keine endgültige Lösung gefunden. Daher werden die Renault-Teams Red Bull, Lotus, Williams und Caterham das Rennen mit einer Spezifikation der Lichtmaschine aus dem Jahr 2011 bestreiten. Im Freien Training am Freitag werden die beiden Red-Bull-Boliden allerdings zu Testzwecken mit einer neuen Lichtmaschine ausgerüstet, die man nach neuesten Erkenntnissen entwickelt hat.

Nach dem Lichtmaschinendefekt von Lotus-Pilot Jerome D'Ambrosio am Samstag in Monza hatte man das Glück, dass das schadhafte Teil nicht komplett durchgeschmort war und man es in der Fabrik in Viry-Chatillon genauestens untersuchen konnte. Die gewonnenen Erkenntnisse ließ man dann in die neueste Variante einfließen - das Risiko, die neue Lichtmaschine nach dem Freitag im Auto zu lassen, dürfte Renault aber doch zu groß sein.

Neue Lichtmaschine kommt nur im Notfall zu Rennehren

"Wir haben uns dazu entschlossen, das erste und das zweite Freie Training mit der neuen Lichtmaschine zu fahren, um dann am Samstag auf die alte Lichtmaschine zurück zu wechseln", bestätigt Renaults Einsatzleiter Remi Taffin. Nur wenn es mit den 2011er-Lichtmaschinen im Training ein Problem geben sollte, könnte man sich gezwungen sehen, die Herangehensweise "zu überdenken" und das neue Teil früher als geplant einzusetzen.

"Wenn alles morgen perfekt läuft, dann können wir darüber nachdenken, die neue Lichtmaschine in Japan einzusetzen", gibt Taffin Einblicke in die Renault-Pläne. "Aber noch einmal: Wir werden diese neue Lösung nur einsetzen, wenn wir sicher sind, dass sie besser ist als die alte. Wir wollen nichts verwenden, wo wir uns unsicher sind."

Warum der Defektteufel in Monza wieder zuschlug

Dass Renault so konservativ agiert, ist kein Wunder: Nach den sechs Lichtmaschinenpannen in diesem Jahr und den folgenschweren Ausfällen von WM-Aspirant Vettel kann man sich keine Defekte mehr leisten. Bei der Vorjahresversion gab es keine Defekte, erst die 2012er-Variante machte den Teams das Leben schwer. Nach den Problemen in Valencia baute man die bewährten 2011er-Teile ein, und man hatte die Situation zunächst im Griff.

Doch warum traten dann in Monza plötzlich wieder Defekte auf? Taffin gesteht: "Der Grund ist, dass uns irgendwann die alten Teile ausgegangen sind, sie hatten schon zu viele Kilometer auf dem Tacho. Wir mussten also Neue bauen." Und die narrten Vettel in Monza. Inzwischen dürfte man die alte Spezifikation nachproduziert haben und wähnt sich daher auf der sicheren Seite.

Was Renault nun besonders zu schaffen macht, ist das Testverbot. "Wenn wir eine Testwoche hätten, dann wäre das Problem schon gelöst", ist der französische Motorenpapst sicher. So muss man sich aber mit der Qualitätskontrolle in Viry-Chatillon behelfen und die Freien Trainings für Tests opfern. "Wir wollten beim Bewertungsprozess der neuen Lichtmaschine jedes kleinste Detail aussortieren, um sicherzustellen, dass das Teil im Auto hält", verspricht Taffin.

Fehlersuche: Wieviel weiß Renault?

Doch wie sieht der Status-Quo im fieberhaften Fehlersuchprozess Renaults aus? Der Franzose erklärt, dass man sich das Innenleben von D'Ambrosios gut erhaltener, aber defekter Lichtmaschine genau angeschaut hat. "Teile davon waren verschlissen", erklärt er. "Dadurch hatten wir eine Ahnung, welches Teil zuerst versagt. Das hat uns jetzt eine neue Richtung eröffnet, die wir untersuchen müssen."

Dass genau diese Komponente der Lichtmaschine der Auslöser aller Probleme war, ist derzeit aber noch ungewiss: "Die Oberflächentemperatur-Spanne einer Lichtmaschine geht von 50 bis 150 Grad Celsius. Es ist derzeit für uns sehr schwer zu sagen, warum dieses Teil kaputt gegangen ist. Ein Teil könnte noch schwächer, aber immer noch innerhalb der Toleranz sein. Zuerst ist das eine Teil am Limit, dann das nächste und dann das nächste. Wenn alles am Limit ist und das Innenleben versagt, dann könnte dieses Problem auftreten. Dann wird der Rotor schwach. Dann muss die Lichtmaschine viel mehr Energie produzieren, wodurch die Temperatur nach oben geht."

Renault spricht Red Bull frei

Bei Red Bull spielt man derzeit den Ernst der Lage und die Anspannung vor dem Rennen in Singapur herunter. Vettel behauptet, dass man in den vergangenen Tagen "kaum" über Lichtmaschinen gesprochen hat. "Es ist ja nichts, das mich direkt betrifft. Man hält sich aber natürlich auf dem Laufenden, was das Problem war, warum wir in Monza letzten Endes stehengeblieben sind und ob es Lösungen gibt für die nächsten Rennen."

Mark Webber lobt währenddessen die "ehrliche" Kommunikation von Seiten Renaults: "Sie wollen genau wie wir dahinter kommen, was die jüngsten Zuverlässigkeitsprobleme ausgelöst hat." Der "Aussie" merkt an, dass Zuverlässigkeitsprobleme bei Red Bull nichts Unbekanntes sind: "Wir hatten in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit dem DRS. Auch beim Getriebe lief nicht immer alles rund, was uns schon ein paar Startplätze gekostet hat."

Vor zwei Jahren machten Kühlungsprobleme mit dem Energierückgewinnungs-System KERS Red Bull das Leben schwer. Handelt es sich hier also vielleicht nur um ein Renault-, sondern auch um ein Red-Bull-Problem? Taffin winkt ab und spricht die Truppe um Stardesigner und Grenzgänger Adrian Newey frei: "Nach Valencia haben wir die Lage genau untersucht, um herauszufinden, ob die Situation bei allen Autos gleich ist. Wir haben die Temperatur der Lichtmaschinen genau überwacht, also wissen wir, dass der Luftstrom zur Lichtmaschine effizient genug ist." Zudem gäbe es Richtlinien von Seiten Renault, die für alle Teams gelten: "Natürlich handelt es sich um unterschiedliche Designs, aber sie basieren auf unseren Vorgaben."

Renault: Vettel kann nichts dafür

Auch der immer wieder kursierende Vorwurf, dass der Fahrstil Vettels in Zusammenhang mit den Problemen stehe, schließlich trat bei Webber noch kein Defekt auf, ist für Taffin aus der Luft gegriffen. "In Valencia gingen zwei Lichtmaschinen kaputt - eine bei Vettel und eine bei Grosjean. In Monza gingen drei kaputt - zwei bei Sebastian und eine bei D'Ambrosio", zählt er auf.

"Das sind drei unterschiedliche Fahrer, zwei unterschiedliche Autos. Es stimmt, dass es meistens Sebastian passiert, aber in Monza war er der Einzige, wo eine Lichtmaschine im Training kaputt ging, und daher mussten wir eine neue einbauen. Er fuhr also noch einmal mit einem Teil, das kaputtgehen konnte. Je mehr dieser Teile du verwendest, desto größer ist statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass etwas kaputt geht."

Renault hält an Magneti Marelli fest

Der Renault-Betriebschef will auch nichts davon wissen, dass Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz verlangt hat, dass Renault den Lichtmaschinenzulieferer wechselt, schließlich handelt es sich dabei um das italienische Unternehmen Magneti Marelli, das auch Ferrari beliefert. "Dietrich Mateschitz hat von mir nie gefordert, zu wechseln", sagt Taffin. "Wenn er das sagen würde, dann müssten wir darüber nachdenken, aber bis jetzt zogen wir nicht in Betracht, unseren Zulieferer fallenzulassen. Derzeit ist das also keine Option."

Zudem sei dies auch nicht sehr zielführend, meint er: "Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir arbeiten mit Magneti Marelli zusammen, und sie arbeiten seit Jahren sehr gut. Seit Montreal arbeiten sie mit uns in Viry-Chatillon, sie sind derzeit in Viry-Chatillon und bauen Lichtmaschinen. Die einzige Möglichkeit, eine kurzfristige Lösung zu finden, ist mit deinem Zulieferer weiterzuarbeiten, denn man kennt einander und weiß, wie man am besten arbeitet. Darauf müssen wir setzen, und das ist unsere erste Option."

Vettel gibt währenddessen zu, mit Red-Bull-Boss Mateschitz tatsächlich über ein Ende der Zusammenarbeit mit Magneti Marelli gesprochen zu haben: "Natürlich redet man darüber. Man zieht alles in Erwägung, aber natürlich schaut man erstmal, dass man das Problem in den Griff bekommt. Den Zulieferer von heute auf morgen wechseln, das geht nicht so einfach. Doch wenn alle Stricke reißen, muss man eben auch daran denken."

Fotoquelle: xpbimages.com

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