Sebastian Vettel entschied das Formel-1-Nachtrennen in Singapur für sich

Formel 1 2012

— 23.09.2012

Hamilton im Pech: Feuerwerk für Sieger Vettel!

Sebastian Vettel gewinnt das Nachtrennen in Singapur zum zweiten Mal vor Jenson Button - Lewis Hamilton und Pastor Maldonado die tragischen Helden



Solche TV-Bilder liefert die Formel 1 nur in Singapur: Ein grandioses Feuerwerk am Himmel, nachdem Sebastian Vettel als Erster über die Ziellinie gefahren ist, blinkende LED-Leuchten am batteriebetriebenen Helm des Siegers, überall Blitzlichtgewitter und atmosphärische Motive. Dann stimmungsvolle Musik während der Zeremonie auf dem Podium - eine unvergleichliche Kulisse, die der siegreiche Red-Bull-Pilot nach 2011 bereits zum zweiten Mal genießen darf.

Und zwar mit geschlossenen und feuchten Augen während der Bundeshymne - vielleicht auch wegen des verstorbenen Formel-1-Arztes Sid Watkins, für den vor dem Start eine Trauerminute abgehalten wurde und dem Vettel seinen Sieg widmete. "Du Schönheit!", plärrte Teamchef Christian Horner seinem Schützling dann über Funk in die Ohren. "Jetzt bist du zurück im Titelrennen!" Und Vettel selbst schluchzte: "Yes, wir haben es geschafft! Danke, Jungs - dieser Sieg ist für euch!"

"Es war eines der härtesten Rennen des Jahres, volle zwei Stunden lang - ein echter Killer", freut er sich über seinen erst zweiten Saisonsieg nach Bahrain im April, wieder bei einem Hitze-Grand-Prix. "Es gibt dermaßen viele Bodenwellen, die Mauern verzeihen keine Fehler. Das Rennen erscheint einem endlos. Ich bin sehr glücklich. Es hat eine Weile gedauert, bis ich endlich wieder ein Rennen gewinne, aber jetzt bin ich hier und freue mich sehr."

Pechvogel Hamilton: Getriebe k.o.

Aber genauso gut hätte heute Lewis Hamilton auf der mittleren Stufe des Treppchens stehen können: Der Polesetter drückte dem Nachtrennen - passend zum stabilen Wetter - staubtrocken seinen Stempel auf, schüttelte Vettel sofort aus dem DRS-Abstand, überstand den Wechsel von Supersoft auf Soft in der zwölften Runde unbeschadet und führte sicher stets eineinhalb bis zwei Sekunden vor seinem Verfolger. Bis in die 23. Runde.

Plötzlich wurde der McLaren langsamer, stellte Hamilton ab - und die Geräusche deuteten sofort auf einen Getriebeschaden hin. Als der nunmehrige WM-Vierte zurück an die Box kam, wirkte er aber erstaunlich gefasst - weil sich der Defekt schon angedeutet hatte? "Wir haben gestern alles versucht", lautete der erste Funkspruch von Ersatz-Renningenieur Mark Temple. Offenbar hatte man bereits im Qualifying ein technisches Problem geortet.

Aber trotzdem das Getriebe nicht gewechselt? "Sie sind ein Risiko eingegangen und haben verloren", vermutet Experte Marc Surer, denn ein Getriebewechsel hätte eine Strafe nach sich gezogen. Vettel: "Ich habe das ein paar Runden vorher schon kommen sehen, denn er verlor Öl." Und Hamilton selbst gibt zu: "Drei oder vier Runden vor dem Aus hatte ich Probleme beim Schalten. Ich meldete das via Funk. Als Antwort kam, dass es keine Schwierigkeiten gibt. Plötzlich konnte ich dann aber gar nicht mehr schalten."

Aber der Grand Prix war damit noch lange nicht beendet - ganz im Gegenteil: Es sollte das längste Rennen des Jahres werden, zwar nur über 59 statt der geplanten 61 Runden, dafür aber über die erlaubte Maximaldauer von zwei Stunden. Maßgeblich dafür verantwortlich waren zwei Safety-Car-Phasen von der 33. bis zur 39. und von der 40. bis zur 43. Runde. Vettel und Button hatten bereits in Runde 33 ihren zweiten und letzten Boxenstopp absolviert.

Am Ende alles unter Kontrolle

"Das Safety-Car", rekapituliert Vettel, "hat uns nicht unbedingt geholfen, denn der kleine Puffer nach hinten war dann weg. Der Speed war aber da. Ich konnte den Abstand gut kontrollieren und am Ende etwas mehr Vorsprung herausfahren. Ich wollte nicht, dass es sich vom Vorjahr wiederholt, wo Jenson in den letzten Runden viel Gas gegeben hat. So hatten wir das Rennen unter Kontrolle und konnten entspannt ins Ziel fahren."

Weil Button irgendwann zurücksteckte, hatte Vettel in der Schlussphase leichtes Spiel - sein Vorsprung betrug beim Überfahren der Ziellinie 8,9 Sekunden. Richtig haarig war es allerdings beim ersten Restart, als der McLaren-Pilot dem Führenden beinahe ins Heck gerauscht wäre. "Das war fast ein Start/Stopp-Spielchen", reklamierte Button am Funk, aber Vettel winkt ab: "War keine Absicht. Es braucht nur den Bruchteil einer Sekunde - er schaut woanders hin, ich trete auf die Bremse - und schon kollidiert man."

Wie schnell es zu einem Auffahrunfall kommen kann, musste Michael Schumacher auf schmerzliche Weise erfahren: Der Mercedes-Pilot war Auslöser der zweiten Safety-Car-Phase, weil er Toro-Rosso-Junior Jean-Eric Vergne von weit hinten kommend abschoss. "Ich habe definitiv nicht zu spät gebremst", weist Schumacher jede Schuld von sich, aber Experte Surer bezweifelt das: "Alle vier Räder blockieren, die Bremse funktioniert. Für mich hat er sich verschätzt." Aber: "In der Formel 1 sieht man nicht ins Auto hinein..."

Schumacher: "Ich habe sofort kommen sehen, dass die Verzögerung bei den Vorderleuten wesentlich größer ist als bei mir. Vielleicht war nach der Safety-Car-Phase der Reifendruck zu niedrig und das Auto setzte auf, also vielleicht führte irgendetwas Ungewöhnliches dazu. Anders kann ich es mir im Moment nicht erklären. Erst einmal wollen wir herauskriegen, was dazu geführt hat. Mir tut es leid für Jean-Eric. Das ist halt leider etwas, was im Rennen mal passieren kann."

Maldonado besonnen, aber unbelohnt

Immerhin trug der siebenmalige Weltmeister, dem unter Umständen eine Strafe für die Aktion drohen könnte, indirekt zum guten fünften Platz seines Teamkollegen Nico Rosberg bei, denn der wurde vor allem durch die Safety-Car-Phasen nach vorne gespült. Auf Fernando Alonso (Ferrari) hingegen hatte all das keinen Einfluss, denn der WM-Leader hatte seinen letzten Boxenstopp schon in der 29. Runde absolviert - übrigens gleichzeitig mit Pastor Maldonado (Williams).

Letzterer muss weiter auf seine ersten WM-Punkte seit dem Sieg in Barcelona warten, obwohl er sich diese heute redlich verdient hätte. Denn der Venezolaner bewahrte am Start kühlen Kopf, als sich Vettel in der ersten Kurve neben ihn setzte und dann auch noch Button durchrutschte, und rückte an dritter Stelle liegend bis zu seinem zweiten Boxenstopp sogar wieder näher an die Führenden heran. In Runde 25 hatte er nur 4,7 Sekunden Rückstand auf Vettel.

Nach dem Wechsel auf Supersoft - sein Verfolger Alonso entschied sich für die härteren Soft-Pirellis - geriet Maldonado aber plötzlich unter Druck, und während der Safety-Car-Phase funkte ihn sein Team an: "Wir haben ein Hydraulikproblem und müssen ausscheiden." Maldonado wollte dies zuerst nicht wahrhaben und fuhr noch eine Runde weiter, steuerte dann aber doch die Box an. So rückte Alonso kampflos auf das Podium auf.

"In Monza hat Lewis gewonnen und Sebastian ist ausgefallen, hier hat Sebastian gewonnen und Lewis ist ausgeschieden", bilanziert der Spanier. "Solange sich das so fortsetzt und ich gleichzeitig immer Punkte hole, bin ich wirklich glücklich!" Kein Wunder: In der Fahrer-WM führt er nun 29 Punkte vor Vettel - Alonso wird also auch nach dem Grand Prix von Japan in zwei Wochen auf jeden Fall noch vorne liegen.

Di Resta nur knapp hinter dem Podium

In Singapur kam er 3,8 Sekunden vor Paul di Resta ins Ziel, der ein unauffälliges, aber bärenstarkes Rennen ablieferte: "Wir haben einen guten Start erwischt und am Ende übten wir Druck auf einen Ferrari aus, der um die WM kämpft. Das ist hervorragend für uns", strahlt der Force-India-Youngster. "Unsere direkten Gegner holten keine Punkte, was das Ganze umso besser macht. Wir werden diesen Abend sicher genießen!"

Der Teamkollege des Briten, Nico Hülkenberg, war - übrigens im Gegensatz zu den vor ihm gestarteten Silberpfeilen - mit den härteren Reifen ins Rennen gegangen. Schon nach sechs Runden musste er die Bremsbalance nach vorne drehen, um auf hohe Temperaturen hinten zu reagieren, aber nach 15 Runden lag er - noch ohne Boxenstopp - an fünfter Stelle. Eine unglücklich getimte Strategie bedeutete jedoch, dass Punkte letztendlich außer Reichweite waren. Trösten kann er sich mit der schnellsten Rennrunde.

Kimi Räikkönen und Romain Grosjean (beide Lotus) kamen nach einem teaminternen Positionswechsel in der Schlussphase auf den Positionen sechs und sieben ins Ziel, Felipe Massa (Ferrari) wurde trotz eines Reifenschadens zu Beginn Achter. Der Brasilianer setzte auf Supersofts zu einem sehenswerten Schlussspurt an - knallhart, wie er sich auf der Anderson-Bridge (!) an Bruno Senna (Williams) vorbeischob: "Ich war neben ihm und er hat mich gegen die Mauer gedrückt", kritisiert Massa.

Landsmann Senna erlebte ein turbulentes Rennen, verlor schon bei einem Gerangel am Start ein paar Splitter seines Frontflügels, wurde dann über ein Problem mit dem ersten Gang informiert (vor allem bei den Boxenstopps ein Nachteil), rollte kurz vor Schluss aus, wurde aber trotzdem als 18. gewertet. Zumindest kassierte er keine Strafe für die Aktion gegen Massa - durchaus fragwürdig, wenn man die Regelklarstellung bedenkt, auf die sich die FIA beim Fall Vettel/Alonso in Monza berufen hat.

Hülkenberg: Rotes Tuch für Sauber

Sergio Perez' (Sauber) Rennen war strategisch ähnlich ausgerichtet wie jenes von Hülkenberg, und im letzten Rennabschnitt gerieten die beiden tatsächlich aneinander. Perez überstand eine Berührung mit dem Deutschen unbeschadet und wurde Elfter, Kamui Kobayashi im zweiten Sauber hatte aber weniger Glück und musste sich an der Box eine neue Frontpartie abholen. Bei Hülkenberg reichte ein ungeplanter Reifenwechsel, aber: "Das hat Nico selbst verbockt", findet Experte Surer.

Die positive Überraschung aus deutscher Sicht war Timo Glock: Sein Marussia überstand den Härtetest bei einem Mauerkuss in der Anfangsphase, und durch diverse Zwischenfälle landete er letztendlich auf dem hervorragenden zwölften Platz - so nahe war das junge Team noch nie an den Punkterängen dran! Marussia zieht damit in der Konstrukteurs-WM wegen des besseren Einzelergebnisses erstmals an Caterham und HRT vorbei.

Bei Caterham lief das Rennen von Anfang an aus der Bahn: "Ich habe Witali getroffen", entschuldigte sich Heikki Kovalainen in der ersten Runde am Funk - und Teamkollege Witali Petrow humpelte nur noch ohne Nase um den Kurs. Als der Russe später auch noch in der Boxenausfahrt stehen blieb und von den Mechanikern zurückgeschoben werden musste, war das Rennen endgültig gelaufen. HRT verlor ein Auto (Narain Karthikeyan) im Tunnel unter der Zuschauertribüne, was zur ersten Safety-Car-Phase führte.

In der Weltmeisterschaft bleibt es weiterhin spannend: Alonso führt nach 14 von 20 Rennen mit 194 Punkten vor Vettel (165), Räikkönen (149), Hamilton (142), Webber (133) und Button (119). Bei den Konstrukteuren liegt Red Bull (298) vor McLaren (261), Ferrari (245) und Lotus (231). Weiter geht die Übersee-Tournee der Formel 1 am 7. Oktober mit dem Grand Prix von Japan in Suzuka und nur eine Woche darauf mit dem Grand Prix von Südkorea.

Fotoquelle: xpbimages.com

Weitere Formel 1 Themen

News

Rosberg-Rücktritt & Co.: Der Freitag in der Chronologie

News

Formel-1-Titel, die nicht verteidigt wurden

News

Wonneproppen bis Weltmeister: Nico Rosberg

News

Formel-1-Live-Ticker: Droht Hamilton eine Suspendierung?

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.