Michael Schumachers zweiter Rücktritt war wohl nicht ganz freiwillig

Formel 1 2012

— 09.10.2012

Lauda: Schumacher hat mit Sauber und Ferrari gesprochen

Niki Lauda verrät weitere Hintergründe zum Rücktritt von Michael Schumacher - Managerin Sabine Kehm: "Michael wollte es sich noch nicht eingestehen"



Als "unter der Gürtellinie" bezeichnet Jochen Mass die Art und Weise, wie Mercedes die Trennung von Michael Schumacher vollzogen hat, doch in Stuttgart lässt man solche Vorwürfe nicht gerne auf sich sitzen: "Er ist nicht gezwungen worden, das möchte ich noch einmal ganz klar betonen", so Niki Lauda, neuer Aufsichtsrats-Vorsitzender des Silberpfeil-Teams, gegenüber 'RTL'.

"Michael hat auch gesagt, dass er bis Oktober Bedenkzeit will: Will ich noch fahren oder will ich nicht mehr fahren? Und er hat auch bei seiner Pressekonferenz klar gesagt, dass er schon drei Monate vor und zurück überlegt hat", erklärt Lauda. Man habe daher gar keine andere Wahl gehabt als sich nach Alternativen umzusehen: "Dass Mercedes reagieren muss, um die Zukunft abzusichern, war klar. Deswegen wurde mit Hamilton gesprochen, deswegen wurde Hamilton verpflichtet."

"Michael war klar, dass wir als Team weiterdenken müssen und uns eine Gelegenheit, die sich uns nicht jedes Jahr bietet, sicherlich ergreifen müssen, wenn er noch denkt und es sich überlegen muss", ergänzt Mercedes-Sportchef Norbert Haug, der Lewis Hamilton schon seit vielen Jahren als McLaren-Mercedes-Junior kennt. Und: Dass man nicht nur das eigene Team verstärkt, sondern auch noch McLaren schwächt, machte den Transfer doppelt interessant.

Entscheidung am Dienstag vor Suzuka

Als Schumacher klar wurde, dass das Kapitel Rennfahrer bei Mercedes Ende 2012 definitiv enden würde, lotete der siebenmalige Weltmeister offenbar zunächst seine Optionen aus: "Michael hat eine Woche später noch - zumindest wurde mir das so gesagt - mit Sauber geredet und mit Ferrari telefoniert", verrät Lauda. Doch am Dienstag vor Suzuka fiel die Entscheidung für den Rücktritt. Das wusste zwei Tage lang nur seine Managerin Sabine Kehm.

"Im Endeffekt war es so, dass ihm eine Entscheidung abgenommen wurde, die er in sich wahrscheinlich schon gespürt hat, sich aber selbst vielleicht nicht eingestehen wollte", sagt Kehm gegenüber 'RTL'. Hätte sich Schumacher schon im Juli entschieden, hätte er wohl bleiben können, aber: "Er konnte sich nie so weit festlegen, dass er zu 100 Prozent sicher sagen konnte: Ja, ich will. Deswegen hat er es nicht gemacht."

Dass Mercedes Schumacher dann zumindest von der Außendarstellung her etwas unglücklich abserviert hat, findet der ehemalige Formel-1-Pilot Adrian Sutil "hart", aber Experte Marc Surer relativiert: "Man verpflichtet ja einen Fahrer nicht nur aus Freundlichkeit, sondern es ist ein knallhartes Business. Wenn jemand fürs Fahren 20 Millionen kassiert, muss er auch damit rechnen, dass man sagt: 'Du bist es uns nicht mehr wert.'"

Formel 1: Viel Geld, wenig Gefühl

"Ja, es ist ein hartes Business, aber man wird ja auch reich in diesem Business", betont der Schweizer und spricht damit Alexander Wurz aus der Seele. Der Williams-Fahrermentor sagt im 'ORF': "Man hat gesehen, dass die Formel 1 ein sehr schnelllebiges, ein unbarmherziges Business ist. Mercedes hat extrem schnell reagiert, als Hamilton frei wurde. Sie mussten ihn engagieren, ohne vorher mit Schumacher klare Fronten zu beziehen, und so ist er ein bisschen ins Hintertreffen geraten."

"Typisch Formel 1", so Sutil im 'Sky'-Studio. "Nach so langen Jahren einer Partnerschaft mit einem tollen Rennfahrer hätte man sich das anders vorgestellt, aber es scheint so, dass die Entscheidung hinter seinem Rücken gefällt wurde und er dann über die Presse mitbekommen hat, dass es vorbei ist. Das ist natürlich nicht schön, aber immer wieder zu sehen in der Formel 1. Es ist ein hartes Geschäft."

Sutil kennt Gnadenlosigkeit der Formel 1

"Egal wie groß man ist als Fahrer: Wenn es mal so weit ist, dass man gehen muss, ist es selten, eine Entscheidung von einem Team zu hören, dass man sagt, okay, das ist ehrlich. Ehrlichkeit ist nicht so häufig zu sehen", spricht der ehemalige Force-India-Pilot aus eigener Erfahrung. "Das habe ich auch schon miterlebt, dass hinter dem Rücken eine Entscheidung getroffen wird und man steht plötzlich da und fragt sich: 'Was ist denn jetzt passiert?' Schade, aber so ist der Sport."

"Ich verstehe die Entscheidung von Mercedes, Lewis Hamilton zu verpflichten", meint Experte Surer bei 'Sky'. "Er ist einer der drei besten Piloten in der Formel 1 und sicherlich der richtige Mann für die Zukunft von Mercedes. Dass sich Michael Schumacher so viel Zeit gelassen hat mit seiner Entscheidung, hat dazu beigetragen. Ich kann mich erinnern: Ross Brawn wollte bis August Bescheid haben, Michael Schumacher wollte sich bis Oktober Zeit lassen."

"Aber die Verhandlungen liefen und die Zeit hat gedrängt", fährt der ehemalige Formel-1-Pilot fort. "Dass Michael so lange nachgedacht hat, verstehe ich auch, denn nach einem Hoch von Mercedes mit dem Sieg von Nico Rosberg in China und der guten Performance in Monaco sind sie langsam wieder dahin zurückgefallen, wie sie vorher waren, nämlich ins Mittelfeld. Und dass es für so einen erfolgsverwöhnten Fahrer schwierig ist, da die Motivation zu finden, verstehe ich."

Surer zweifelt, ob Comeback richtig war

"Deswegen verstehe ich jetzt auch seinen Rücktritt", sagt Surer, hinterfragt aber erneut, ob es nicht besser gewesen wäre, schon Ende 2006 für immer aufzuhören: "Ob sein Comeback gut war für ihn, möchte ich bezweifeln. Sein Mythos hat sicherlich darunter gelitten. Aber er war gut für die Formel 1. Er hat ihr einen neuen Boom beschert. Und die zwei WM-Titel von Sebastian Vettel sind viel mehr wert, weil Michael Schumacher mitfuhr."

Hunderttausenden Fans in Deutschland und auf der ganzen Welt wird Schumacher auf jeden Fall fehlen. 62,06 Prozent der 'Motorsport-Total.com'-Leser bedauern, dass der 43-Jährige seine Fahrerkarriere nicht mehr fortsetzt, weil sie ihn für "eine lebende Legende" halten. 7,47 Prozent ist der Rücktritt egal, finden ihn aber "schade für den Sport", während immerhin 30,47 Prozent denken, dass es "höchste Zeit" war. Schumacher hat eben schon immer polarisiert.

Lauda hat Schumacher nicht gefeuert

Die Version, dass es Laudas erste Amtshandlung war, den Deutschen zu entfernen und Hamilton zu Mercedes zu holen, lässt der aber nicht auf sich sitzen. Er habe "gar nichts", damit zu tun, unterstreicht der Österreicher: "Ich bin ja erst seit dieser Woche dabei. Zweitens hat Ross Brawn wie immer in der Vergangenheit die volle Verantwortung für das Team, sprich für die Fahrer, für Michael und all diese Dinge. Die werden nur dort entschieden."

Teamchef Brawn beschreibt das Verhältnis zu Schumacher ungeachtet der Trennung weiterhin als "sehr gut". Man müsse auch gut miteinander auskommen, denn: "Wir haben noch eine ganze Reihe zu diskutieren über die Zukunft", so der Brite gegenüber 'RTL'. "Aber Michael hat gesagt, er braucht jetzt erst einmal ein bisschen Abstand, um nachzudenken, was die nächsten Stationen in seinem Leben sein werden."

Mit der Hamilton-Bekanntgabe noch zu warten, damit Schumacher sein Gesicht wahren kann, war aber keine Option: "Nachdem wir wussten, dass Lewis zum Team kommt, mussten wir relativ schnell reagieren, denn Lewis wollte McLaren über die neue Situation informieren", erklärt Brawn. "Er war lange Zeit beim Team und wollte fair mit ihnen umgehen. Nachdem es dann klar war, haben wir es auch publik gemacht. Das ging relativ schnell."

Fotoquelle: Daimler

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