Kopf an Kopf auf die Zielgerade: Alonso und Vettel wollen den Titel 2012

Formel 1 2012

— 15.10.2012

Ready to rumble: Vettel und Alonso ziehen ins Gefecht

Die Schlacht um den Fahrertitel scheint ein Duell der Doppelweltmeister: Form und Technik sprechen für Red Bull, die eigene Kampfkraft gibt Ferrari Hoffnung



Lange erweckte die Formel-1-Saison 2012 den Eindruck, als kenne sie mehr WM-Kandidaten als Fahrer im Feld. Mit fortschreitender Zeit hat sich dieser Aspirantenkreis ausgedünnt, vier Rennen vor dem Saisonende ist es faktisch ein Duell um die Krone. In der blauen Ecke: Sebastian Vettel. In der roten Ecke: Fernando Alonso. Der Red-Bull-Pilot führt die Tabelle erstmals seit dem Rennen in Barcelona wieder mit 215 Zählern an, sein spanischer Kontrahent liegt sechs Punkte zurück. Die Formkurve spricht im Herbst für Vettel.

Mathematische Chancen besitzen auch noch Kimi Räikkönen (167), Lewis Hamilton (153), Mark Webber (152) und Jenson Button (131) - mehr allerdings auch nicht. Und so streiten sich die Gelehrten, welche Formel-1-Größe denn nun WM-Titel Nummer drei unter dem Weihnachtsbaum drapieren darf. Einigkeit gibt es nur in einem Punkt: Findet Ferrari nicht schnell Mittel, um den F2012 ein Stück nach vorne zu bringen und wieder Wirkungstreffer zu erzielen, wird Vettel nach Punkten gewinnen.

Red Bull in Topform

Das weiß auch Christian Danner und nennt es "brillant", wie Red Bull am Sonntag in Südkorea taktierte: "Wenn der Reifen nicht mehr ganz perfekt war, konnten sie sich drauf einstellen. Wenn man attackieren musste, konnte man sich drauf einstellen. Wenn man überholen oder überrunden musste, haben sie das hinbekommen", schwärmt der 'RTL'-Experte und erwähnt die Nervenstärke: "Und das immer mit Fernando, der von hinten Druck gemacht hat. Das war schon ziemlich gut."

"Ziemlich gut" scheint noch eine dezente Formulierung gemessen daran, dass seit der Sommerpause gegen Red Bull auch in Italien kein Kraut mehr gewachsen zu sein scheint. 93 WM-Punkte verbuchte Vettel seitdem, darunter drei Siege in Folge. Alonso büßte so 48 Zähler ein: Setzt sich dieser Trend fort, muss der Ringrichter wohl nicht bis Brasilien zählen, ehe der Ferrari-Star die Sterne sieht. Aber wie sagt eine alte Ringweisheit: Angeschlagene Boxer sind am gefährlichsten.

Alonso hat Kämpferqualitäten

"Alonso ist ein richtiger Beißer", unterstreicht Danner die Floskel und will nicht den Fehler machen, das Karbon des Roten zu zerteilen, ehe Vettel uneinholbar ist. Der Scuderia und Alonso unterstellt er, niemals die Flinte ins Korn zu werfen. "Nicht nur, weil er so ein guter Fahrer ist, sondern weil die gesamte Organisation bei Ferrari auf ihn eingestellt ist. Die sind ganz knallhart", so Danner weiter. Auch 'Sky'-Kollege Marc Surer begibt sich nicht auf dünnes Eis: "Ich wäre da vorsichtig."

Die Skepsis des Schweizers rührt daher, dass in Alonsos Ringecke ein Mann steht, der aktuell ein Formhoch erlebt: Felipe Massa. Ausgerechnet Massa, der in der Causa WM eine janusköpfige Rolle spielt: Einerseits wurde dem Brasilianer oft vorgehalten, nicht schnell genug zu sein, um der Konkurrenz Punkte abzunehmen. Andererseits fiel das Argument, Ferrari nehme sich nicht gegenseitig die Butter vom Brot. Surer meint mit Blick auf Yeongam: "Massa hätte so schnell fahren können wie die beiden Red Bull."

Bekommt Vettel keine Schützenhilfe?

Gleichstarke Teamkollegen sind auch bei Red Bull aktiv: Das zeigten Webbers Pole-Position und sein zweiter Platz. Im Gegensatz zu Massa hat der Australier noch eigene, wenn auch nur theoretische WM-Chancen und muss sich nicht bedingungslos in den Dienst des Kollegen stellen, wie es sein Ferrari-Pendant wohl schon am Sonntag tat: "Ich denke, es wäre falsch, eine Stallregie auszugeben, wo Mark doch noch eine rechnerische Chance hat", meint Horner, der nach eigener Aussage nur "einen fairen Umgang miteinander" erwartet.

Massa wäre ein Hoffnungsschimmer, sollte Alonso in Südkorea lediglich ein Abstimmungsproblem gehabt haben. "Da fehlt nicht viel", ergänzt Surer. Dennoch scheint die technische Formkurve für Vettel und seine Farben zu sprechen. Und das kommt nicht von ungefähr. "Ich weiß: Ich könnte nicht eine Nacht mit zu wenig Schlaf auskommen, doch die Jungs machen das nun schon drei Wochen in Folge", lobt der Heppenheimer die Truppe aus Milton Keynes. "Die Motivation ist weiter vorhanden."

Ferraris Updates lassen auf sich warten

Die neue Überlegenheit des RB8 scheint erdrückend, schließlich brannte Webber am Sonntag trotz eklatanter Reifenprobleme eine überlegene schnellste Runde in den Asphalt von Yeongam. "Ich denke, wir werden uns ein paar Drinks genehmigen, ehe wir zurückreisen", setzt ein entspannter Vettel nach der Ringglocke einen weiteren Treffer an das Kinn der italienischen Seele, um dann zu sagen: "Ob wir einen mentalen oder psychologischen Vorteil haben, ist mir eigentlich egal."

Einen Trumpf haben die Österreicher noch in der Hinterhand und der betrifft ein mögliches Doppel-DRS. "Ich habe es in diesem Rennen gar nicht benutzt", erklärt Vettel. Was kann Ferrari noch mit in die Ringschlacht der kommenden Wochen bringen? "Dahinter steht denke ich ein großes Fragezeichen. Wir führten bei den letzten sechs oder sieben Rennen keine Neuerungen ein, also tun wir im Moment was wir können, um Punkte einzufahren", gibt sich Alonso kleinlaut.

Hat Red Bull den Reifenkrieg gewonnen?

Nur das Auf und Ab der Achterbahnsaison macht dem 31-Jährigen Mut: "McLaren schien vor ein paar Rennen noch unschlagbar zu sein. Sie waren der Favorit für die restlichen Saisonrennen. Jetzt haben sie kaum gepunktet und wir belegen Rang zwei in der Gesamtwertung", gibt Alonso mit Verweis auf die Konstrukteurs-WM zu bedenken. "Die Dinge können sich also rasch verändern. Deshalb müssen wir zuversichtlich sein. Ich denke nicht, dass Red Bull ab sofort alle Rennen gewinnt. Es geht hoch und runter." Wirklich?

Seit der Sommerpause scheinen die etablierten Teams wieder die Szenerie zu bestimmen und aufmüpfige Außenseiter weitgehend gebändigt zu haben, wenn es um Grand-Prix-Siege geht. Folge: Große Punkteabstände sind schwieriger aufzuholen. Der Faktor Pirelli scheint nicht mehr die Tragkraft für Veränderungen im Kräfteverhältnis zu haben, die ihm noch vor einigen Monaten unterstellt wurde. Dass es dabei bleibt, legt Paul Hembery nahe: "Wir haben die Reifen für den Rest der Saison bereits produziert."

Der Sportchef der Italiener macht klar, dass die Pneus alleine nicht mehr für Umstürze sorgen und glaubt, dass Red Bull den Pirelli-Knoten am besten entwirrt hat: "In den jüngsten beiden Rennen sah das ziemlich komfortabel aus. Doch jetzt haben alle noch einmal zwei Wochen lang Zeit, um ihrerseits Fortschritte zu machen. McLaren und Ferrari sind in Schlagdistanz", blickt Hembery voraus. Worte, die Alonso liebend gerne aufgreift: "Am Sonntag waren wir wieder etwas näher an der Spitze dran."

Nerven und Renninstinkte: Fahrer sind gefragt

Klar ist aber auch, seitdem die WM-Führung zurück in Heppenheim ist: Nahe dran reicht nicht, Alonso muss vorbei an den Red Bull. Trotzdem wiegt Vettel sich nicht in Sicherheit: "Es ist der erste Doppelsieg in diesem Jahr. Das zeigt, wie schwierig die Saison für alle ist", betont er, nennt Ferrari trotz der klaren Überlegenheit seines Teams "extrem konkurrenzfähig" und legt nach: "Vielleicht waren sie sogar besser, als alle das erwartet hatten. Garantien gibt es eben keine."

Und so bleibt die WM-Entscheidung 2012 eine zwischen zwei Schwergewichten, bei der jeder Schlag der entscheidende sein kann. Aus Vettels Sicht auch eine, die hinter dem Lenkrad und nicht im Windkanal entschieden wird: "Du musst klug vorgehen, dich auf dein Bauchgefühl verlassen", beschwört der Deutsche seine Renninstinkte: "Du musst auf das hören, was dir die Daten sagen und entsprechend reagieren." Eine Disziplin, in der auch Alonso den Ring in der Vergangenheit schon als Sieger verlassen hat.

Fotoquelle: xpbimages.com

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