Sebastian Vettel ist optmistisch, was seine Chancen im Titelkampf betrifft

Formel 1 2012

— 25.10.2012

Vettel: "Vier Siege in Folge wären etwas Besonderes"

WM-Spitzenreiter Sebastian Vettel lässt sich trotz dreier Siege in Folge nicht aus der Ruhe bringen und mahnt, dass das Team weiterhin konzentriert bleiben muss



Dank seines Sieges vor knapp zwei Wochen beim Grand Prix von Südkorea kommt Sebastian Vettel erstmals seit Ende Mai als WM-Spitzenreiter zu einem Rennen. Beim Grand Prix von Indien an diesem Wochenende will der Red-Bull-Pilot die konsequente und konzentrierte Arbeit der zurückliegenden Wochen fortsetzen.

Im Interview spricht Vettel über den jüngsten Aufwärtstrend bei Red Bull, über das Thema Teamorder, über die zu erwartende Konkurrenz und die Ziele an diesem Wochenende, über das Land Indien und über die Absage des Grand Prix vor der Skyline von New York.

Frage: "Sebastian, besteht die Gefahr, dass man sich nach drei Siegen in Folge und im Wissen, das schnellste Auto zu haben, im Titelkampf vielleicht zu sicher fühlt?"
Sebastian Vettel: "Die zurückliegenden Rennen waren für uns mit Sicherheit seht gut, aber das ist natürlich keine Garantie oder Versicherung, dass es bei den nächsten Rennen so weitergeht. Wir wissen alle, wie viele kleine Schritte es braucht und was dahintersteckt. Jetzt zu erwarten, dass es von alleine läuft, wäre ein großer Fehler. In gewisser Weise ist man immer so gut, wie das jüngste Rennen war. Das ist normal und ist auch das, was in den Köpfen der Leute rumschwebt. Wir hoffen jetzt einfach, dass wir aus den kommenden Rennen, die wir in der Hand haben, das Beste machen."

Frage: "Muss man sich als Fahrer in dieser Ausgangsposition dazu zwingen, nicht an den Titel zu denken, sondern Rennen für Rennen anzugehen?"
Vettel: "Nicht unbedingt. Die Stimmung und die Einstellung im Team sind sehr gut. Es denkt keiner zu weit voraus, sondern jeder weiß, dass wir an diesem Wochenende hier in Indien und nicht irgendwo anders fahren. Jeder weiß, dass an diesem Wochenende nichts gewonnen und nichts verloren werden kann. Es ist einfach wichtig, auf die kleinen Schritte zu achten. Wenn wir das schaffen, dann wird am Ende auch ein gutes Ergebnis rausspringen."

Leidiges Thema Teamorder

Frage: "Erhoffst du dir Unterstützung durch deinen Teamkollegen Mark Webber, wenn es soweit kommen sollte und tut es einem Rennfahrer weh, darüber nachzudenken, dass man unter Umständen Hilfe annehmen muss?"
Vettel: "Wenn es überhaupt soweit wäre, dann wäre das am Sonntag. Heute ist Donnerstag, also ist bis dahin noch ein weiter Weg. Das ist aber generell ein schwieriges Thema. Natürlich schafft man es lieber aus eigener Kraft. In gewissen Situationen gibt es vielleicht eine gewisse Logik, aber ich bin kein großer Fan davon. Man hat gesehen, wie das bei uns in der Vergangenheit gehalten wurde. Ich glaube nicht, dass sich da viel geändert hat."

Frage: "Arbeiten die beiden Red-Bull-Crews am Wochenende eher zusammen oder eher gegeneinander?"
Vettel: "Wir arbeiten immer zusammen, aber natürlich schaut man auf sich und darauf, dass man den anderen schlägt. So ist das beim ersten und auch beim letzten Rennen. Als Team arbeitet man aber natürlich zusammen. Es ist nicht so, dass erst jetzt das Buch heruntergeklappt wird, sodass man zum Nachbarn schauen kann, sondern es wird erst gar keins aufgestellt."

Frage: "Wo könnte bei den noch vier zu fahrenden Rennen ein Vorteil im Vergleich zu Ferrari liegen?"
Vettel: "Ich glaube, da gibt es viele Szenarien. Ich kann wahrscheinlich gar nicht alle im Kopf ausrechnen. Unser Fokus liegt an diesem Wochenende aber nicht Ferrari, sondern zunächst auf uns selbst. Wir versuchen wie immer das Beste herauszuholen und im Idealfall vor allen zu stehen. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann stehen wir auch vor Ferrari. Das ist ja dann nichts Schlechtes."

Nicht nur Ferrari und McLaren auf der Rechnung

Frage: "Wer ist deiner Meinung nach der größten Gegner für Red Bull - McLaren, Ferrari oder vielleicht Lotus mit dem neuen Auspuff?"
Vettel: "Grundsätzlich gibt es einige Namen auf der Liste. Ein paar wurden vielleicht sogar noch vergessen. Wie schon gesagt ist es sehr schwierig, vor einem Wochenende zu sagen, wer konkurrenzfähig sein wird und wer nicht. Es gab in diesem Jahr einfach schon zu viel Auf und Ab bei allen Teams. Morgen wissen wir vielleicht schon ein bisschen mehr. Mit der endgültigen Antwort müssen wir uns bis nach dem Qualifying gedulden. Ich gehe aber davon aus, dass Ferrari genau wie beim zurückliegenden Rennen auch hier wieder sehr stark sein wird. McLaren erreichte in Südkorea wohl nicht das verdiente Ergebnis, doch auch sie waren stark. Auf diese Teams müssen wir auf jeden Fall Acht geben. Dann gibt es Teams wie Lotus, Mercedes, Williams oder Sauber, die jederzeit für eine Überraschung sorgen können."

Frage: "Fühlst du dich in der Rolle des Verfolgers oder in der Rolle des Gejagten lieber?"
Vettel: "Im frühen Verlauf der Saison ist mir das egal. Am Schluss möchte ich natürlich derjenige sein, der vorn ist. Wenn du in der Startaufstellung stehst und die Ampeln ausgehen, spielt es keine allzu große Rolle, in welcher Position du dich in der Weltmeisterschaft befindest. Natürlich denkt man irgendwo im Hinterkopf darüber nach. Das Wichtigste in diesem Moment ist es aber, einen guten Start und dann ein sauberes Rennen hinzulegen. Wir sind zwar in einer guten Position, aber nicht in einer, wo wir uns ausruhen könnten. Deswegen denke ich über den WM-Stand nicht allzu viel nach."

Frage: "In der Saison 2010 warst du nicht gerade der Favorit und hast dennoch den Titel gewonnen. Im Jahr 2011 lief alles für dich und du fuhrst zum zweiten Titel. In diesem Jahr ist das Szenario wieder ein ganz anderes. Was sagst du dazu?"
Vettel: "Das stimmt. Es bringt aber meiner Ansicht nach nichts, über so etwas nachzudenken, da es wahrscheinlich noch drei andere Szenarien gibt, die vergessen wurden. Wir müssen einfach einen Schritt nach dem anderen machen und sehen, was am Schluss dabei herauskommt."

Frage: "Fühlst du dich mit der Erfahrung von zwei gewonnenen Weltmeisterschaften im diesjährigen Titelkampf sicherer?"
Vettel: "Ich denke schon, dass das hilft. Als ich meinen ersten Titel gewann, war das natürlich eine große Erleichterung, denn das war schon immer mein großes Ziel. Es ist nicht so, dass man einen Vorteil hätte, nur weil man das zurückliegende Rennen oder die zurückliegende Weltmeisterschaft gewonnen hat. Was mich betrifft, so habe ich mir aber selbst bewiesen, dass ich es schaffen kann. Insofern ist es schon eine Hilfe. Unabhängig davon habe ich in diesem Jahr Fehler gemacht. Das Wichtigste ist, einmal begangene Fehler nicht ein zweites Mal zu machen."

Vier Siege in Folge wären etwas Besonderes

Frage: "Du hast in deiner vergleichsweise kurzen Karriere schon sehr viel erreicht, aber noch nie vier Rennen in Folge gewonnen. Hier könnte es klappen. Denkst du über so etwas nach, wenn du am Sonntag in der Startaufstellung stehst?"
Vettel: "Das wusste ich nicht, weil ich nicht zähle. Solche Dinge sind ganz sicher nicht ohne Weiteres zu erreichen. Es wäre daher schon etwas Besonderes, wenn ich es schaffen sollte. Grundsätzlich ist es nicht unser Ziel, vier Rennen in Folge zu gewinnen, sondern hier an diesem Wochenende zu gewinnen."

Frage: "Auf welchem Gebiet hat Red Bull bei den zurückliegenden Rennen die größten Fortschritte erzielt?"
Vettel: "Es sind viele kleine Bereiche. Ich glaube nicht, dass man da eine Neuentwicklung hervorheben kann. Unterm Strich kommt es immer auf das Gesamtpaket und darauf an, wie alles im Zusammenspiel funktioniert."

Frage: "Besteht in diesem fortgeschrittenen Stadium der Saison überhaupt noch die Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten?"
Vettel: "Das hängt natürlich immer davon ab, was die anderen bringen. Du kannst natürlich deinen eigenen Level mehr oder weniger halten. Wenn sich die anderen aber deutlich verbessern, sieht es schlecht aus. Das Wichtigste ist einfach, dass wir auf uns selbst schauen und versuchen, das Beste herauszuholen. Dann werden wir sehen, was passiert."

Frage: "Wie gefällt dir der Kurs hier in Noida?"
Vettel: "Nun, im ersten Sektor finden wir zunächst einmal eine sehr lange Gerade vor. Insgesamt ist der Kurs nicht zu eng und verwinkelt, sondern es gibt viele schnelle und flüssige Kurven. Zudem geht aus bergauf und bergab. Das ist vor dem Fernseher vielleicht schwer zu sehen, macht als Fahrer aber großen Spaß."

Frage: "Nicht nur die Strecke hier geht auf und ab. Auch deine Saison war ein ständiges Auf und Ab. Siehst du dich und das Team für den weiteren Saisonverlauf auf einem Hoch?"
Vettel: "Das Auf und Ab traf wohl auf jeden zu, nicht nur auf uns. Die zurückliegenden Rennen liefen für uns natürlich sehr gut. Du weißt aber nie, wie die kommenden Rennen laufen werden. Genau wie alle anderen versuchen wir natürlich, unser Auto stetig zu verbessern. Wir waren in diesem Jahr auch schon in der Position, wo wir neue Teile am Auto hatten, die nicht den gewünschten Effekt brachten. Zuletzt lief es für uns sehr gut. Es ist aber unmöglich vorherzusagen, was die anstehenden Rennen bringen werden."

Indien in gewisser Weise ein Kulturschock

Frage: "Die Formel 1 ist zum zweiten Mal in Indien zu Gast. Welche Eindrücke hast du vom Land gewonnen?"
Vettel: "Ich bin jetzt kein Reiseführer, aber es ist auf jeden Fall eine Reise wert. Für uns ist es in gewisser Weise ein Kulturschock zu sehen, unter welchen Umständen die Leute zum Teil leben. Da werden die eigenen Probleme, über die man tagtäglich spricht, sehr klein. Trotzdem ist es bewundernswert, denn die Leute sind glücklich und zufrieden. Es hängt wohl größtenteils mit den Erwartungen ans Leben zusammen. Wenn man hohe Erwartungen hat, kann man eben auch enttäuscht werden. Die Leute hier haben meiner Meinung nach nicht so hohe Erwartungen und können deshalb auch nicht so stark enttäuscht werden."

Frage: "Würdest du einem Nicht-Inder raten, hier auf der Straße Auto zu fahren?"
Vettel: "Vielleicht keinem Fahranfänger, der noch ein bisschen nervös ist und den Verkehr bei uns gewohnt ist. Ich glaube, der größte Unterschied liegt einfach darin, dass es zwar Regeln gibt, aber dass sich fast keiner daran hält. Trotzdem funktioniert es. Das setzt aber voraus, dass sich auch wirklich keiner an die Regeln hält, denn sonst kracht es wahrscheinlich."

Frage: "Machen einem die jüngsten Unfallverursacher in der Formel 1 Sorge und wie kann man sich dagegen wehren?"
Vettel: "Dass es gerade am Start mal eng wird, gab es schon immer. Dann geht es eben hier und da mal nicht so aus, wie man sich das untereinander wünscht. Ich glaube aber nicht, dass man da jetzt Einen oder ein paar Leute direkt herausgreifen kann oder dass es automatisch kracht, wenn man beim nächsten Rennen in die Nähe kommt. Meistens gibt es einen Grund dafür, dass es kracht. Da gehören meistens Zwei dazu."

New-Jersey-Absage eine Enttäuschung

Frage: "Ist es für dich eine Enttäuschung, dass das Rennen in New Jersey aus dem Kalender für 2013 genommen wurde? Du warst ja als einziger Fahrer schon auf der geplanten Strecke unterwegs."
Vettel: "Ich bin einen Teil der Strecke abgefahren, mehr nicht. Damals gab es noch viel zu tun, aber das Gelände sah vielversprechend aus. Ich kenne die genauen Hintergründe für die Absage für das nächste Jahr nicht, vermutlich dreht es sich ums Geld. Grundsätzlich ist es aber ein fantastischer Ort, um Rennen zu fahren. Die Atmosphäre wäre dort mit Sicherheit etwas ganz Besonderes."

Frage: "Was glaubst du, inwiefern Niki Lauda bei Mercedes als Aufsichtsrats-Vorsitzender des Teams helfen kann?"
Vettel: "Niki war lange genug dabei und hat sehr viel Verständnis. Ich glaube, genau in der Rolle fungiert er auch bei Mercedes. Ich hoffe natürlich, dass er da helfen kann. Wir kommen gut miteinander aus und als indirekter Fahrerkollege habe ich natürlich extremen Respekt vor ihm. Alles andere kann ich so nicht beurteilen. Da müsste man eher Mercedes-Benz fragen, denn sie haben ihn ja letzten Endes eingestellt."

Frage: "In welcher Form hast du den Start deines Vaters Norbert beim Volkswagen Scirocco-R-Cup auf dem Hockenheimring verfolgt und wie hat er sich dort geschlagen?"
Vettel: "Ich denke, er hatte seinen Spaß. Das war ihm am wichtigsten. Ich glaube, aufs Ergebnis darf man da nicht schauen, weil alle anderen fahren mit dem Auto das ganze Jahr. Deswegen kann man das nicht wirklich vergleichen. Das Wichtigste ist, dass ihm nichts passiert ist und dass er seinen Spaß hatte."

Frage: "Eine etwas fachfremde Frage: Was kannst du über die ADAC Stiftung Sport sagen?"
Vettel: "Es war für alle, die das Privileg haben darüber zu reden, ein wichtiger Schritt. In jungen Jahren gibt es noch nicht so viele Leute, die an einen glauben. Daher ist es wichtig, die Förderung zu genießen, wenn man sie braucht. Bei mir war die Stiftung Sport natürlich ein wichtiger Schritt. In der Formel BMW wurde damals ein Großteil des Budgets dazugegeben und damit überhaupt erst ermöglicht, den nächsten Schritt zu tun."

Fotoquelle: xpbimages.com

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