Gigantomanie: Die Scheichs haben sich mit dem Kurs ein Denkmal gesetzt

Formel 1 2012

— 31.10.2012

Abu Dhabi: Die modernste Formel-1-Strecke der Welt

Vorschau: Weil in Abu Dhabi nicht nur Öl sprudelt, sondern auch Geld, entstand dort die vielleicht beeindruckendste Rennstrecke der Welt



Die Rennpremiere in Abu Dhabi stand im Jahr 2009 unter dem Motto "Join the Party!". Im Jahr darauf wurde das Rennen dann zur ganz großen Party von Sebastian Vettel, der in einem dramatischen Vierer-WM-Finale seinen ersten Titel holte. Während im Vorjahr auf dem Yas-Marina-Circuit bereits die Titelentscheidung gefallen war, wird es dieses Jahr wieder so richtig spannend, zumal sich Fernando Alonso für die Schmach 2010, als er den Titel durch eine falsche Boxenstrategie verlor, revanchieren will. Die Fans dürfen sich also auf ein Spektakel gefasst machen.

Im Februar 2007 wurde die Welt erstmals darauf aufmerksam gemacht, dass in Abu Dhabi, dem größten der sieben Emirate der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), etwas Großes passieren könnte. Kimi Räikkönen & Co. kamen damals in den Mittleren Osten, um den Appetit der Bevölkerung auf den Motorsport anzuheizen. Die Veranstaltung sorgte weltweit für Schlagzeilen und motivierte vor allem die zahlungskräftigen Scheichs, noch mehr Geld in ihr ohnehin schon ehrgeiziges Grand-Prix-Projekt zu investieren.

Geld spielt keine Rolle

Wirtschaftskrise hin, Eurokrise her: Geld scheint im Mittleren Osten nach wie vor keine Rolle zu spielen. Denn während der Rest der Welt in vielen Bereichen den Gürtel enger schnallen muss, kam man in Abu Dhabi auf die einmalige Idee, dass man doch eine ganze Insel entwickeln könnte. Für die Kleinigkeit von 40 Milliarden US-Dollar erhielt eine Firma namens Aldar Properties PJSC den Auftrag, auf 2.500 Hektar den spektakulärsten Freizeitpark zu errichten, den es gibt.

Als Aldar im Februar 2007 nach der Formel-1-Demonstration anrückte, war die Yas-Insel noch wüst und leer - aber selbst der liebe Gott hätte das Gelände wohl kaum imposanter bebauen können. Bis zu 45.000 Mitarbeiter schufen eine eigenständige kleine Welt mitten in Abu Dhabi - und mittendrin die modernste Formel-1-Strecke aller Zeiten. Alleine am Yas-Marina-Circuit arbeiteten bis zu 14.600 Mitarbeiter gleichzeitig.

Die involvierten Projektzahlen kann man als Normalsterblicher kaum noch realisieren: In 35 Millionen Mannstunden wurden 1,6 Millionen Kubikmeter Erdreich verschoben, 720.000 Quadratmeter Asphalt und 225.000 Kubikmeter Beton verbaut, 25 Kilometer Kabel verlegt, ein 17 Kilometer langes Drainagesystem - ganz abgesehen von 430.000 Quadratmetern Grünflächen, die gestaltet und mit 5.000 Bäumen bepflanzt werden mussten. Dazu kommen 40 Kilometer Randsteine.

Das alles geschah im Endeffekt nur, um für 24 Formel-1-Autos eine 5,554 Kilometer lange Rennstrecke zu schaffen, auf der am Wochenende zum dritten Mal gefahren wird. Diese führt gegen den Uhrzeigersinn und beinhaltet 21 Kurven sowie eine der längsten Geraden des Grand-Prix-Kalenders.

Start in der Dämmerung: Das Beste zweier Welten

Eine weitere Besonderheit ist, dass nicht wie sonst üblich um 14 Uhr Ortszeit gestartet wird, sondern um 17 Uhr. Bei einem voraussichtlichen Sonnenuntergang um 17:37 Uhr am 13. November bedeutet das, dass es in der Dämmerung losgeht und der Zieleinlauf unter Flutlicht erfolgt. Der Veranstalter will auf diese Weise "das Beste aus zwei Welten" präsentieren: einerseits Abu Dhabi bei Tageslicht, andererseits aber auch beleuchtete Highlights wie das Yas-Marina-Hotel.

Komfort ist in Abu Dhabi indes nicht auf die in der Formel 1 arbeitenden Menschen beschränkt, denn es wurden auch alle 50.000 Zuschauersitzplätze vollkommen überdacht - nicht etwa als Regenschutz, sondern vielmehr als Schattenspender. Auch das gibt es auf keiner anderen Rennstrecke. Wer bereit ist, ein paar Euro mehr auf den Tisch zu legen als anderswo, der kann sogar vom Yas-Marina-Hotel direkt über eine Brücke in den Paddockbereich gelangen.

Auf der Yas-Insel gibt es noch sechs weitere Hotels, eine Dragsterstrecke, eine Fahrschule und einen Jachthafen. Doch solche Attraktionen hat heute jede neue Grand-Prix-Piste zu bieten. Daher ging Entwickler Aldar auch hier einen Schritt weiter - und errichtete quasi als "Rahmenprogramm" mal eben einen Ferrari- und Warner-Bros.-Themenpark, einen Wasserpark, ein Einkaufszentrum, Golfplätze und zahlreiche andere Freizeitangebote. Der 60 Meter hohe Sonnenturm wird mit Solarenergie gespeist und ist als Aufenthaltsort für Ehrengäste geplant. Geld spielt keine Rolle.

Wikipedia: Abu Dhabis Geschichte

Abu Dhabi ist die Hauptstadt und mit 1,6 Millionen Einwohnern auf 67.340 Quadratkilometern das größte der sieben VAE. Das Emirat wurde 1791 als Siedlung nahe einer Süßwasserquelle vom Beduinenstamm der Bani Yas unter Schachbut bin Dhiyab gegründet, nachdem sie von seinem Vater Dhiyab bin Isa entdeckt worden war. Sie verlegten ihren Hauptsitz nach Abu Dhabi. Grund war die zunehmende Expansion der Wahhabiten aus dem Nadschd, die sich auch gegen die Beduinen an der Golfküste richtete. 1833 löste sich Dubai unter dem Clan der Al Maktum vom Emirat Abu Dhabi.

Unter Scheich Zayed bin Khalifa (1855 bis 1908) begann der Aufstieg des Emirats. Ihm gelang die Wahrung der Souveränität gegenüber dem britischen Machtanspruch. Abu Dhabi entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum des Perlenhandels. Die nach seinem Tod ausbrechenden Machtkämpfe wurden erst unter Scheich Schachbut (1928 bis 1966) beendet. Allerdings brach 1930 mit der Einführung der japanischen Zuchtperlen die Perlenfischerei als wichtiges wirtschaftliches Standbein für das Land zusammen.

Erst mit Beginn der Erdölförderung und der Ablösung Schachbuts durch seinen Bruder Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan (1966 bis 2004) konnte sich die Wirtschaft des Emirates wieder entwickeln. Am 2. Dezember 1971 entließ Großbritannien die Staaten der sogenannten "Waffenstillstandsküste", zu denen auch Abu Dhabi gehört, in die Unabhängigkeit. Unter Führung des Emirats Abu Dhabi wurden die VAE aus Abu Dhabi, Dubai, Schardscha, Adschman, Umm al-Qaiwain und Fudschaira gegründet. Am 10. Februar 1972 trat Ra's al-Chaima als siebentes und letztes Mitglied der Föderation bei.

Wikipedia: Abu Dhabis Wirtschaft

Abu Dhabi ist das wohlhabendste Emirat der VAE, sowohl gemessen am Bruttonationaleinkommen als auch am Pro-Kopf-Einkommen. Das Emirat verfügt über zehn Prozent der weltweiten Erdölreserven. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 63.000 US-Dollar und ist damit das dritthöchste der Welt nach Luxemburg und Norwegen. Abu Dhabi plant 29 Prozent aller künftigen Projekte der Region des Golfkooperationsrates und spielt in der Weltwirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle. Am 1. Januar 1974 führte Abu Dhabi eine Teilverstaatlichung der Ölwirtschaft durch. Der Staat Abu Dhabi beließ den produzierenden Gesellschaften 40 Prozent. Dies gilt als Grundlage des Reichtums.

Der staatliche Investmentfonds des Emirats, die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), ist mit einem Gesamtwert von 875 Milliarden US-Dollar der weltgrößte eigenständige Fonds gemessen am Gesamtinvestitionsvolumen. Hier werden fast alle Einnahmen aus den staatlichen Erdölvorkommen in einer Art Mega-Investmentfonds gesammelt und im In- und Ausland investiert. Die inzwischen aufgelaufenen Werte sind so groß, dass sich das Emirat Abu Dhabi mühelos in die internationalen Finanzströme einklinken kann.

Geleitet wird der einflussreiche ADIA-Rat von Scheich Khalifa bin Zayid Al Nahyan, dem Herrscher des Emirats Abu Dhabi und gleichzeitig Staatsoberhaupt der Vereinigten Arabischen Emirate. Darüber hinaus gibt es noch die eher themenorientierten Staatsfonds Mubadala Development Company (MDC) und International Petroleum Investment Company (IPIC) sowie Aabar Investments PJSC, dem größten Teilhaber des Daimler-Konzerns.

Nachhaltigkeit und Benimmregeln

In den vergangenen Jahren konzentriert sich das Emirat auf ein wirtschaftliches Diversifizierungsprogramm, um die Abhängigkeit von Öl und Erdgas zu reduzieren. Dieses konzentriert sich auf Industrie, Immobilien und Einzelhandel, vor allem aber auf den Tourismus. Ab 2008 wird westlich des internationalen Flughafens die Ökostadt Masdar gebaut. Die international geplante - möglichst autarke - Planstadt für 50.000 Bewohner wird vollständig auf erneuerbare Energien setzen und als Kern eine Universität beherbergen, die sich als erste Hochschule der Welt völlig dem Thema Nachhaltigkeit widmen soll.

Zu den lokalen Benimmregeln gehört in Abu Dhabi das Verbot des Austauschs von Zärtlichkeiten zwischen Erwachsenen in der Öffentlichkeit - Händchenhalten ist auch für Eheleute strafbar und kann sogar mit Inhaftierung enden. Die Lizenz zum Alkoholausschank ist Hotelrestaurants vorbehalten, Trunkenheit wird geahndet. Am Freitag, dem heiligen Tag, haben die Geschäfte eingeschränkte Öffnungszeiten. In Sachen Trinkgeld erwarten Taxifahrer, dass aufgerundet wird, Kellner rechnen mit zehn Prozent.

Das sagt Kimi Räikkönen über die Strecke:

"Ich habe dort mein letztes mit Ferrari und mein letztes vor dem Wechsel in den Rallyesport bestritten. Das war ein langweiliges Rennen, das muss ich wirklich sagen! Ich beendete es als Zwölfter und konnte während des Rennens nichts dagegen tun."

"Die Einrichtungen sind einzigartig, aber das Layout macht es wirklich herausfordernd, zu überholen, denn es gibt nicht viele Möglichkeiten dafür. Man muss wirklich ein gutes Qualifying hinkriegen, um vorne zu sein und ein gutes Ergebnis zu erreichen. Es gibt viele Kurven, und man benötigt einen guten allgemeinen Abtrieb und Grip. Auch über die Randsteine muss das Auto gut funktionieren."

"Die Mischung aus Tag und Nacht sorgt für eine Herausforderung, die wir auf keiner anderen Strecke haben. Wir starten bei Sonnenschein und wir kommen bei Flutlicht ins Ziel. Das ist anders, interessant und auch spektakulär."

Zeitraffer:

2011:
Im Qualifying setzt sich Sebastian Vettel noch gegen das McLaren-Duo Lewis Hamilton und Jenson Button durch, doch im Rennen währt die Führung des Red-Bull-Piloten nicht lange. Bereits in der ersten Kurve erleidet Vettel rechts hinten einen mysteriösen Reifenschaden, der nie wirklich aufgeklärt wurde, was Spekulationen über einen grenzwertigen Reifendruck oder zu heiße Auspuffgase laut werden lässt. Hamilton nützt diese Chance und revanchiert sich für seine bitteren Ausfall bei der Abu-Dhabi-Premiere, als er in Führung liegend mit Bremsproblemen ausschied, und gewinnt das Rennen. Zweiter wird Fernando Alonso. Jenson Button, der in der ersten Runde vom Ferrari-Piloten überholt wird und sich erfolgreich gegen den viertplatzierten Red-Bull-Piloten Mark Webber wehrt, komplettiert das Siegertrio.

2010:
Im dramatischen WM-Finale können noch vier Fahrer Champion werden, aber am Ende heißt der Triumphator Sebastian Vettel: Der Red-Bull-Pilot gewinnt den an und für sich wenig aufregenden Grand Prix souverän und krönt sich damit zum Weltmeister, weil seine Gegner patzen. Favorit Fernando Alonso (Ferrari) zieht seinen Boxenstopp vor, um auf seinen vermeintlichen Hauptkonkurrenten Mark Webber (Red Bull) zu reagieren - eine folgenschwere Fehlentscheidung (die Chefstratege Chris Dyer den Job kostet), denn Alonso bleibt hinter Witali Petrow (Renault) stecken und verliert somit alle Chancen. Platz sieben ist für ihn ebenso zu wenig wie Platz acht für Webber. Auf dem Podium landen die beiden McLaren-Piloten Lewis Hamilton, dessen Titelchancen nur noch rechnerischer Natur waren, und Jenson Button.

2009:
Lewis Hamilton (McLaren) hat das erste Wochenende von Abu Dhabi zunächst sicher im Griff: In der Qualifikation sichert sich der Weltmeister von 2008 die Pole-Position und münzt diese Ausgangslage auch in die Rennführung um. Sebastian Vettel (Red Bull) hängt dem Spitzenreiter allerdings sofort im Heck und weicht nicht aus dem Windschatten Hamiltons - bis zu dessen Boxenstopp in Runde 17. Vettel biegt zwei Runden später ab zum Service und geht an Hamilton vorbei, der zu diesem Zeitpunkt schon Bremsprobleme hat und kurz darauf ausscheidet. Damit ist der Weg endgültig frei für den Deutschen, der die Saison 2009 mit einem Sieg und WM-Platz zwei beendet. Mark Webber (Red Bull) ringt den neuen Titelträger Jenson Button (Brawn) in einem spektakulären Duell nieder und komplettiert den Red-Bull-Doppelsieg. Nick Heidfeld holt im letzten Rennen für BMW den fünften Platz hinter Rubens Barrichello (Brawn). Senkrechtstarter Kamui Kobayashi (Toyota) fährt als Ersatzmann für Timo Glock auf den starken sechsten Platz.

Fotoquelle: ADMM

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