Kimi Räikkönen holte sich seinen ersten Sieg seit dem Comeback

Formel 1 2012

— 04.11.2012

Thriller in Abu Dhabi: Räikkönen ringt Alonso nieder

Kimi Räikkönen ist die "coolste Sau" in der Wüstenhitze von Abu Dhabi und gewinnt ein packendes Rennen vor den WM-Rivalen Fernando Alonso und Sebastian Vettel



Die Formel 1 drohte in den vergangenen Wochen schon fast langweilig zu werden, doch immer dann, wenn das der Fall ist, wird sie mit einem Paukenschlag aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt. So geschehen beim heutigen Dämmerungs-Grand-Prix in Abu Dhabi, bei dem in der arabischen Nacht zwar die Asphalttemperaturen nach Eindruck der Dunkelheit zurückgingen, der Puls der Beteiligten aber rasant in die Höhe schnellte. Denn die Entscheidung um den Sieg fiel erst in der allerletzten Runde.

Kimi Räikkönen setzte sich am Ende gerade mal 0,8 Sekunden vor Fernando Alonso (Ferrari) durch und bescherte der Marke Lotus damit den ersten Sieg seit Ayrton Senna in Detroit 1987. Doch wer glaubt, dass der "Iceman" zumindest bei einem solch historischen Ereignis euphorisch wird, der irrt: "Beim letzten Mal hatte ich Scheiße, weil ich nicht genug gelächelt habe. Das könnte dieses Mal wieder der Fall sein", grinst er im Gespräch mit Podiums-Interviewer David Coulthard. Aber: Aus dem WM-Rennen ist Räikkönen trotzdem endgültig raus.

Dafür kann Sebastian Vettel mit seinem dritten Platz mehr als zufrieden sein: erst der Start aus der Boxengasse, dann ein beschädigter Frontflügel nach Kollision mit Bruno Senna (Williams), später ein Boxenfunk-Wutanfall wegen Toro-Rosso-Junior Daniel Ricciardo, der während der Safety-Car-Phase vor seiner Nase bremste. Nach dem Ausweichmanöver samt Kollision mit dem DRS-Schild war der Frontflügel endgültig hinüber und der Red-Bull-Pilot musste früher als geplant an die Box kommen, fiel wieder zurück.

Tolle Aufholjagd von Vettel wird belohnt

Doch das Safety-Car half ihm bei seiner Aufholjagd, sodass er selbst nach dem zweiten notwendigen Boxenstopp nur vom zweiten auf den vierten Platz zurückfiel. Eine weitere Safety-Car-Phase, und Vettel war sogar an Räikkönen, Alonso und Jenson Button (McLaren) dran - und als er dann auch noch Button mit einem konsequenten, aber von beiden Seiten fair durchgeführten Manöver außen überholte (ausgerechnet an der Stelle, wo sein Teamkollege Mark Webber gleich zweimal kollidiert war), stand er plötzlich auf dem Podium!

"Es war ein gutes Rennen für uns, das unheimlich viel Spaß gemacht hat", strahlt Vettel. "Einmal das Feld von hinten aufzurollen, reicht normalerweise, aber wir haben es heute zweimal gemacht! die ersten Runden waren nicht ganz einfach. Ich wollte so schnell wie möglich an den Autos vor mir vorbei, um den Anschluss an die Spitze nicht zu verlieren. Dabei habe ich mir den Frontflügel beschädigt, was nicht ideal war. Während der Safety-Car-Phase, als wir schon in einer ziemlich guten Position waren, habe ich mir den Frontflügel dann komplett zerstört."

"Ich denke, wir hatten das gesamte Rennen über den Speed, und die zweite Safety-Car-Phase hat uns mit Sicherheit geholfen. Nichtsdestotrotz hat uns heute ausgezeichnet, dass wir von Anfang an daran geglaubt haben", unterstreicht der WM-Leader. "Die Strafe haben wir hingenommen und das Rennen heute bei den Hörnern gepackt und von Anfang bis Ende alles gegeben. Wir haben immer an das Podium geglaubt. Das war zu Beginn des Rennens mein Ziel, auch wenn es ziemlich weit weg war."

"Iceman" in seinem Element: "Lasst mich in Ruhe!"

Aber die "coolste Sau" des Abends war definitiv Räikkönen: "Lasst mich in Ruhe! Ich weiß schon, was ich tue", rügte er seinen Renningenieur aufgrund der ständigen Anweisungen während des Rennens, und später antwortete er auf den Hinweis während der Safety-Car-Phase, er solle seine Reifen auf Temperatur halten, mit schnippischer Stimme: "Ja, ja, ja, mach ich doch die ganze Zeit!" Erst nach der Zieldurchfahrt war der Finne besser drauf: "Gute Arbeit. Danke, Jungs."

Dabei wurde es im Finish noch einmal richtig eng: Nach dem zweiten Restart in Runde 43 baute er seinen Vorsprung zunächst auf bis zu 3,2 Sekunden aus, doch am Ende hatte Alonso den längeren Atem. Der Ferrari-Pilot schüttelte nach ein paar Runden Button aus der DRS-Sekunde ab - und half damit indirekt Vettel. Denn der fand zunächst keinen Weg am McLaren vorbei, weil der ja im Windschatten von Alonso ebenfalls DRS aktivieren durfte. Das war vorbei, als Alonso davonzog.

Aber der Spanier witterte die Chance auf den Sieg. Der schien tatsächlich schon zum Greifen nahe, als er seinen Rückstand von 2,2 auf 2,0, 1,7, 1,4 und schließlich zwei Runden vor Schluss auf 1,0 Sekunden verringern konnte. Bei der DRS-Messung am Ende des ersten Sektors fehlten Alonso 15 Tausendstelsekunden, um das Knöpfchen drücken zu dürfen - im Nachhinein vielleicht rennentscheidend. Denn hätte er sich in der vorletzten Runde ransaugen können, wäre in der letzten ein kaum abzuwehrender Angriff möglich gewesen.

Entscheidung erst in der letzten Runde

Der Topspeed des Ferrari war dafür gut genug. Endgültig in der Tasche hatte Räikkönen den Sieg aber, als Alonso im letzten Sektor der vorletzten Runde kurz ins Rutschen kam und mit 1,2 Sekunden Rückstand über die Ziellinie fuhr. Weil Räikkönen im ersten Sektor traditionell Vorteile hatte, hätte er schon einen Fehler machen müssen, um noch einmal in DRS-Gefahr zu geraten, doch der Lotus-Pilot behielt die Nerven und konnte es sich sogar leisten, in der letzten Runde noch einmal 0,4 Sekunden zu verlieren.

"Fernando hätte kein besseres Rennen fahren können", lobt Teamchef Stefano Domenicali, aber angesichts des guten Abschneidens von Vettel hielt sich Alonsos Freude auf dem Podium sichtlich in Grenzen. Trotzdem quälte er sich ein positiv klingendes Statement ab: "Ich bin sehr glücklich. Wir waren an diesem Wochenende nicht konkurrenzfähig. In den letzten Runden war Kimi etwas langsamer, aber letztlich war Platz zwei wirklich das Maximum. Es war somit wieder ein starkes Rennen."

Räikkönen hatte den Grundstein für seinen Sieg schon am Start gelegt, als er sich vom vierten auf den zweiten Platz katapultierte, hinter Polesetter Lewis Hamilton. Der McLaren-Pilot sah übrigens wie der sichere Sieger aus, hatte schon 3,6 Sekunden Vorsprung, als in Runde neun das Safety-Car erstmals auf die Strecke ging. Damit war der Vorsprung dahin, aber Hamilton zog nach dem Restart gleich wieder auf und davon - obwohl er da noch mit den weicheren Reifen unterwegs war, die dem McLaren nicht so gut liegen.

Hamilton in einer eigenen Liga

"Das war sensationell, der fuhr ja eine halbe Sekunde schneller als die Konkurrenz", staunt sogar Experte Marc Surer. "Er konnte es kontrollieren, wie er wollte, und hätte heute locker gewonnen." Doch gerade als das packende Rennen erstmals ein bisschen einzuschlafen drohte, wurde Hamilton in der 20. Runde plötzlich langsamer und scherte mit technischem Defekt auf die Wiese aus. Erster Verdacht: ein Problem mit der Benzinpumpe.

"Es lief eigentlich alles bestens", seufzt Hamilton, der sich nach dem Ausfall trotzdem mit Shakehands vom Kommandostand verabschiedete. "Dann gab es ein Problem mit der Benzinzufuhr - die Benzinpumpe war offenbar defekt. Als ich in eine Kurve einbog, starb der Motor einfach ab. Es ist niederschmetternd, denn wir hatten wirklich einen tollen Speed. Es war fast sicher, dass wir hier einen Sieg hätten feiern dürfen. Dennoch: Das Team hat einen guten Job gemacht - und das Rennen insgesamt war toll anzuschauen!"

Damit übernahm Räikkönen die Führung, die er bis ins Ziel nicht mehr abgab. Vettel lag zu Beginn der ersten Safety-Car-Phase schon an zwölfter Stelle, trotz des beschädigten Flügels. Doch beim Warmhalten der Reifen kam es ausgerechnet mit einem Red-Bull-Kaderkollegen zu einem Missverständnis, was den Deutschen zu einem Wutanfall am Funk veranlasste: "Was macht der Kerl? Der hält ja ständig an. Jetzt habe ich das DRS-Schild getroffen, weil ich dem Kerl ausweichen musste. Fuck!"

Surer nimmt Ricciardo aus der Schusslinie

Surer nimmt den jungen Australier aber in Schutz: "Natürlich hat Ricciardo vor ihm versucht, die Bremse warm zu machen. Beim Reifen und Bremsen anwärmen gibt man schon immer mal wieder richtig Gas und stoppt dann. Vettel wurde dabei überrascht. Wir dürfen eine Szene nicht vergessen: In Singapur wäre Button Sebastian fast hinten draufgefahren. Da hat Vettel genau das gemacht, dass er plötzlich gebremst hat. Button konnte dort nur noch mit knapper Not ausweichen. Irgendwie erinnert mich die Szene genau daran."

Die nächste kritische Situation dann in Runde 16, als Vettel im Kampf um Platz 18 Romain Grosjean (Lotus) überholte, dabei aber mit allen vier Rädern neben die weiße Streckenbegrenzung fuhr. "Wir melden es Charlie", wurde Grosjean vom Team umgehend informiert, aber Red Bull, nach dem Hockenheim-Fehler geläutert, reagierte schnell und teilte Vettel mit, Grosjean wieder durchzulassen. Schon wenig später war er zum zweiten Mal vorbei - diesmal auf legale Weise.

Zwischendurch hatte man das Gefühl, Vettel könnte versuchen, sogar ohne Boxenstopp durchzufahren - was grundsätzlich möglich gewesen wäre, wie Pirelli-Sportchef Paul Hembery signalisierte. Aber in Runde 37 hatte das Rätselraten ein Ende und der zweimalige Abu-Dhabi-Sieger zog noch einmal frische Option-Reifen auf. Dass unmittelbar danach wieder das Safety-Car auf die Strecke kam und ihn in Buttons Windschatten brachte, war vielleicht ausgleichende Gerechtigkeit für all das Pech davor.

Webber außer Rand und Band

Hinter den beiden Zweikämpfen an der Spitze fuhr der von Platz drei gestartete Williams-Pilot Pastor Maldonado als Fünfter ein solides Ergebnis nach Hause. Maldonado lag nach Hamiltons Ausfall sogar an zweiter Stelle, wurde dann aber von Alonso überholt. Webber war bei seinem Manöver gegen den Venezolaner optimistisch und drehte sich nach einer leichten Berührung - genau wie ein paar Runden später beim gleichen Manöver an gleicher Stelle gegen Felipe Massa (Ferrari). Die Rennleitung griff jedoch nicht mit einer Strafe ein.

Maldonado musste in weiterer Folge auch noch Button und Sergio Perez (Sauber) durchlassen, konnte aber Kamui Kobayashi (6./Sauber), Massa, Teamkollege Senna, Paul di Resta (Force India) und Ricciardo hinter sich lassen. Michael Schumacher (Mercedes) landete 0,6 Sekunden hinter den Punkterängen auf dem undankbaren elften Platz. Wegen eines Reifenschadens rechts hinten musste er kurz vor Schluss an die Box kommen. Zumindest glückte diesmal bei Nacht das Manöver gegen Jean-Eric Vergne (Toro Rosso) - ganz im Gegensatz zu Singapur.

Nur 17 von 24 gestarteten Autos sahen beim drittletzten Grand Prix des Jahres die Zielflagge. Nico Hülkenberg (Force India) erwischte es gleich am Start im Zuge einer Viererkollision, bei der er "zwischen Paul und einem Sauber (Perez; Anm. d. Red.)" eingeklemmt wurde. Hülkenberg war nur noch Passagier und krachte in den Williams von Senna, schied sofort aus. "Nico wurde eingeklemmt. Dafür kann er nichts", findet Experte Surer. Die Rennleitung sah das genauso.

Hülkenberg fühlt sich nicht schuldig

Hülkenberg selbst sowieso: "Paul innen, ein Sauber außen", schildert er die Situation in der Bremszone vor der ersten Kurve. "Ich wurde mehr oder weniger zerquetscht, und dann war ein Kontakt nicht mehr zu verhindern. Ich muss mir noch die Videos anschauen, aber ich war definitiv auf halber Höhe von beiden anderen Autos. Die haben beide in mich reingelenkt und ich konnte nirgendwo mehr hin. Beide haben nicht viel Platz gelassen. Vielleicht einfach ein Rennunfall."

Für Nico Rosberg (Mercedes) begann der Arbeitstag mit einer Berührung mit Grosjean, die ihm den Frontflügel und den Franzosen einen Reifenschaden kostete. Doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Der Deutsche lief in Runde acht auf Narain Karthikeyan auf, dessen HRT in einer Dreifach-Rechtskurve Hydrauliköl zu verlieren schien und plötzlich langsamer wurde. Rosberg konnte nicht mehr reagieren, krachte ins Heck des Inders, stieg in die Luft auf und segelte mit hoher Geschwindigkeit in die Reifenstapel. Zum Glück blieben beide unverletzt.

"Es fühlte sich im Auto nicht so heftig an, wie es von außen vielleicht ausgesehen hat", relativiert der Mercedes-Pilot. "Bei Karthikeyan ist die Lenkung gebrochen und er ist dann voll in die Eisen gestiegen. Dort ist es fast noch die Gerade, man fährt dort locker noch Vollgas. Das konnte ich natürlich nicht ahnen. Ich bin ihm voll hinten draufgefahren. Es war ein Schreckmoment. Ich sah blauen Himmel und hoffte, dass ich nicht irgendwo kopfüber lande. Es ist aber recht gut gegangen."

Perez löst Massenkarambolage aus

Auslöser für die zweite Safety-Car-Phase in Runde 38 war dann Perez, der dafür mit einer Zehn-Sekunden-Strafe belegt wurde. Der Sauber-Pilot attackierte di Resta, drängte den Force India erst links von der Strecke, musste dann selbst rechts runter - bis ihnen der Platz ausging und die von hinten kommenden Grosjean und Webber nicht mehr ausweichen konnten. Der siebte und letzte Ausfall des heutigen Tages war dann Timo Glocks Marussia-Teamkollege Charles Pic, der mit Motorschaden in die Garage geschoben wurde.

In der Weltmeisterschaft fiel heute eine wichtige Entscheidung: Obwohl Räikkönen mit seinem ersten Sieg seit Spa-Francorchamps 2009 (auf Ferrari) erstmals in dieser Saison 25 Punkte einfuhr, reduziert sich der Titelkampf nun auch rechnerisch auf Vettel (255 Punkte) und Alonso (245). Sollte Vettel in zwei Wochen bei der US-Premiere in Austin Dritter werden und Alonso leer ausgehen, würde sich der Titelverteidiger im 100. Grand Prix seiner Karriere vorzeitig zum dreimaligen Weltmeister krönen.

Aber Vettel warnt davor, nach dem heutigen Ergebnis in Euphorie zu verfallen: "Es sind noch zwei Rennen, und wir haben gesehen, wie schnell sich das Blatt wenden kann." Schon wahrscheinlicher hingegen, dass Red Bull (422) in Austin den zweiten "Matchball" in der Konstrukteurs-WM verwerten kann, denn dort beträgt der Vorsprung auf Ferrari (340) schon 82 Punkte. Dritter ist McLaren (318), Vierter Lotus (288). Mercedes hat im Kampf um Platz fünf nur noch zwölf Zähler Vorsprung auf Sauber.

Fotoquelle: xpbimages.com

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