Red Bull ist in Abu Dhabi mit einem blauen Auge davongekommen

Formel 1 2012

— 06.11.2012

Vettel in Abu Dhabi: War das schon das Meisterstück?

Sebastian Vettels verrücktes Wochenende in Abu Dhabi sorgt für Euphorie, aber auch leise Kritik - Auch Mark Webber wäre im Qualifying beinahe der Sprit ausgegangen



War der Grand Prix von Abu Dhabi schon Sebastian Vettels Meisterstück und kann er nun Titelhattrick sicherstellen? Nicht ausgeschlossen, denn mit seinem dritten Platz hielt er nach einem Wochenende voller Rückschläge den Schaden in Grenzen und liegt zwei Rennen vor Schluss zehn WM-Punkte vor seinem Titelrivalen Fernando Alonso. Die Miene des Spaniers sprach bei der Siegerehrung Bände: Vor dem Start hatte er vorgehabt, die WM angesichts Vettels schlechter Startposition zu drehen, doch der Plan misslang.

Andererseits hat das Wochenende aber auch bewiesen, wie viel beim vermeintlich unfehlbaren Red-Bull-Team schiefgehen kann und wie unberechenbar der Titelkampf noch ist. An diese Hoffnung klammert sich derzeit Alonso - der Spanier verbrachte den gestrigen Tag bis 21:15 Uhr in Maranello im Ferrari-Simulator, um die Weiterentwicklung seines im Qualifying schwächelnden Boliden voranzutreiben.

Vettels schwarzer Samstag

Angefangen hat der Hürdenlauf Vettels in Abu Dhabi am Samstagvormittag, als sein Bolide bis kurz vor Ende des dritten Freien Trainings mit Bremsproblemen an der Box stand - dabei hatte der Weltmeister am Vortag noch angekündigt, er müsse noch einiges erledigen, um auch im Qualifyingtrim schnell genug zu sein.

In Q3 zog er dann zunächst als Dritter gehen seinen Teamkollegen Mark Webber den Kürzeren, dann würde er von Renningenieur Guillaume Rocquelin aufgefordert, seinen RB8 in der Runde zurück an die Box abzustellen. Schließlich bewahrheitete sich die größte Befürchtung: Im Tank war um 350 Milliliter weniger Sprit als vom Reglement verlangt - nach stundenlangen Anhörungen vor den Rennkommissaren musste Vettel die Strafe hinnehmen und vom letzten Startplatz ins Rennen gehen.

Spritmenge auch bei Webber am Limit

Wie so ein Faux-pas im Hightech-Team der Formel 1 passieren kann? "Bei einem Formel-1-Auto ist alles am absoluten Limit - nicht nur die Spritmenge, sondern auch die Motoren, die Reifen", erklärt Vettels Teamkollege Webber gegenüber 'ServusTV'. "Da geht es überall um Millimeter und um Milliliter."

Für Red Bull kam das Problem laut Webber völlig überraschend: "Die Ingenieure hatten zuerst überhaupt keine Sorge, dass Sebastian nicht zurückkommen könnte. Auf einmal kam es dann auf, und dann hat sich Renault ganz schnell beim Team gemeldet und gemeint, dass er den Motor ausmachen sollte, denn wenn man so wenig Benzin im Tank hat, dann kann das sogar den Motor beschädigen. Das war ein kleiner Fehler, der zu einer riesigen Strafe geführt hat."

Webber gibt zu, dass er einem ähnlichen Malheur nur mit Glück entronnen ist: "Das Team, der Motorenlieferant, die Ingenieure - wir waren absolut zuversichtlich, dass wir die richtige Spritmenge im Auto hatten. Aber auch bei mir war es am Ende ziemlich eng. Meine erste Runde war aber ein bisschen langsamer als die von Sebastian, und daher habe ich da ein bisschen weniger Sprit verbraucht."

Sprit: Jeder Milliliter zählt

Dementsprechend groß war der Druck im Lager von Red Bull, als man eine Strafe befürchtete, erzählt Webber: "Am Samstagabend war das ganze Team ein bisschen angespannt, denn das hatten wir nicht so erwartet. Man hat aber nie eine Garantie, und man weiß nie, wie sich das Rennen entwickeln wird."

Ex-Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck wundert sich gegenüber 'ServusTV' wie viele über den Zwischenfall bei Red Bull, zeigt aber gleichzeitig Verständnis: "Ich habe mir am Anfang gedacht, dass das gar nicht sein kann. Aber es wird in der Formel 1 immer am Limit gearbeitet. Das war schon zu meiner Zeit so." Er gibt ein Beispiel aus seiner Ära: "Da gab es Motoren, die hatten keine Starterbatterie. Wenn man sich also gedreht und den Motor abgewürgt hat, dann konnte man nicht weiterfahren. Da fragt man sich: 'Warum bauen die keine ordentliche Batterie ein?' Die wiegt aber fünf Kilogramm. Und fünf Kilogramm wirken sich auf eine Renndistanz aus. Und daher wird wirklich alles auf das Minimum reduziert."

Surer von Vettels Nervenkostüm begeistert

Auch das Rennen am Sonntag lief für Vettel durchwachsen: Nach einer guten Startphase beschädigte er sich zunächst den Frontflügel bei einer Kollision mit Bruno Senna, während der Safety-Car-Phase wäre er dann beinahe mit Red-Bull-Junior Daniel Ricciardo im Toro Rosso zusammengestoßen, fuhr bei seinem Ausweichmanöver neben die Strecke und in ein DRS-Styroporschild. Dabei ging der Frontflügel endgültig zu Bruch, wodurch er einen Boxenstopp einlegen musste und wieder ans Ende des Feldes zurückfiel.

"Unglaublich, dass er nicht irgendwie nervös wurde, sondern immer wieder konzentriert angegriffen hat", zeigt sich 'Sky'-Experte Marc Surer begeistert, dass sich Vettel durch diesen Rückschlag nicht entmutigen ließ. Zumal es ein Balanceakt ist, sich von ganz hinten in einem Rennen nach vorne zu arbeiten - vor allem, wenn der WM-Titel davon abhängt.

"Du musst wissen, dass das Rennen lang ist und dass du gegen Autos fährt, mit denen du sonst nichts zu tun hat. Aber du musst auch wissen, dass du nicht zu viel Zeit verlieren darfst, wenn du da die Hinterbänkler überholst", schildert Webber, der sich selbst mehrmals zu Aufholjagden gezwungen sah, die Fahrerperspektive. Er erinnert sich: "Du bist zuerst Siebter, dann Sechster - du kommst immer weiter nach vorne. Und auf einmal bist du dann Dritter. Und da siehst du dann auch die Führenden. Da merkst du dann, dass alles möglich ist."

Lauda zieht nur "halbe Kappe"

Genau in dieser Situation befand sich Vettel kurz vor Schluss, als er Button mit einem tollen Überholmanöver auf Platz vier verdrängte und schließlich Jagd auf Alonso machte. Doch die absolute Krönung, den Titelrivalen zu überholen, gelang dem Red-Bull-Piloten nicht mehr. Legende Niki Lauda übt trotz des starken Rennens leise Kritik an Vettel: "Er ist sensationell gefahren und wäre fast von ganz hinten nach ganz vorne gekommen, wenn er nicht die zwei Fehler gemacht hätte, wegen denen er die Nase wechseln musste. Das war ein Zeitverlust. Darum ziehe ich vor ihm heute nur meine halbe Kappe."

Stuck reagiert konträr: "Die Leistung, die Sebastian und das Team gebracht haben, war wirklich genial - hätte ich eine Kappe auf, dann hätte ich sie bis zum Boden gezogen, und zwar drei Mal. Er hat bei diesem Rennen alles bekommen - heiß und kalt. Er hat selbst Fehler gemacht, hat Glück gehabt. Aber vor allem nach diesem Problem, dass er von ganz hinten starten musste, war das eine Superleistung."

Titel bereits in Griffweite?

Ex-Formel-1-Pilot Alex Wurz stimmt seinem Vorredner zu: "Eine Meisterleistung. Nach so einem schlechten und unglücklichen Wochenende hat er einen Kickstart zurück zur Topform gemacht." Bleibt die Frage, ob der Grand Prix von Abu Dhabi die Vettel-Fans nun in Hinblick auf die WM beruhigt stimmen sollen oder das Gegenteil.

Surer sieht es ebenfalls ambivalent: "Das war schon weltmeisterlich, wie Sebastian gefahren ist. Aber es ist noch nicht vorbei." Nur Lauda beruhigt die Fans: "Ich mache mir eigentlich weniger Sorgen, denn was hier alles schief gelaufen ist bei Red Bull und bei Sebastian, das hat sich jetzt für den Rest der Saison alles erledigt."

Fotoquelle: Red Bull

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