Formel 1 2012

— 10.11.2012

Austin: Der "American Dream" wurde fast zum Alptraum

Die Formel 1 steht unmittelbar vor ihrer Rückkehr in die USA - in Austin wurde eine neue Rennstrecke aus dem Boden gestampft, die jedoch viel Ärger mit sich brachte





In gut einer Woche gibt die Formel 1 ihr Comeback in den Vereinigten Staaten von Amerika. Es wird der erste Grand Prix im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" seit dem Jahre 2007 sein, als die Königsklasse zuletzt in Indianapolis Station machte. Die Spannung unter den Piloten und dem gesamten Personal ist bereits spürbar.

Vor allem die Streckenführung des "Circuit of the Americas" vor den Toren der texanischen Metropole Austin wurde bereits im Vorfeld schon mit Lob überschüttet - sie setzt sich aus vielen Passagen zusammen, die jenen von berühmten Kursen wie Silverstone, Hockenheim oder Interlagos ähneln.

Mit dem Bau wurde des 5,5 Kilometer langen Kurses im Jahre 2010 begonnen, federführend war der bekannte Streckenarchitekt Hermann Tilke, der den Streckenverlauf unter anderem in Absprache mit Ex-Formel-1-Pilot Alexander Wurz entwarf und optimierte. Derzeit schieben die Bauarbeiter vor Ort noch Sonderschichten, um die letzten Arbeiten am Kurs im Süden der USA abzuschließen.

Hellmund brachte den Grand Prix auf den Weg

Die treibende Kraft hinter dem Vorhaben, die Formel 1 nach fünf Jahren wieder in die Staaten zurückzuholen, war Tavo Hellmund. Der Sohn eines früheren Rennveranstalters, der wiederum ein guter Freund von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone war, wollte die Formel 1 in seine Heimatstadt Austin bringen und weihte im Jahr 2007 Ecclestone in sein Vorhaben ein.

Ecclestone stimmte nach etlichen Telefonaten zu und bot Hellmund einen Vertrag für zehn Jahre an, um ab 2012 einen Grand Prix in Austin abzuhalten. Die Konditionen hatten es jedoch in sich: Er musste sich um die Finanzierung für den Bau der Strecke kümmern und jährlich 23 Millionen US-Dollar Gebühren an Ecclestone zahlen.

Eine Lösung für die anfallenden Gebühren für die Vertragslaufzeit von zehn Jahren fand sich schnell: Hellmund überzeugte den Staat von Texas von seinem Vorhaben und erhielt die Zusage für die 230 Millionen US-Dollar, die durch einen Treuhandfonds des Staates für Großveranstaltungen finanziert wurden.

Investoren fanden sich schnell

Nun musste sich Hellmund "nur" noch um den Bau der Formel-1-Rennstrecke kümmern. Der 46-Jährige fand schnell Bobby Epstein als Investor. Der Texaner ist ein langjähriger Experte im Bereich des Handels mit Anleihen und gründete im Jahre 1995 sein eigenes Unternehmen namens "Prophet Capital Management". Seine Hedgefonds sollen zwei Milliarden US-Dollar wert sein.

Epsteins Erfahrungen auf dem Gebiet des Motorsports waren allerdings - milde ausgedrückt - überschaubar: Er hatte bisher lediglich einen Grand Prix besucht und gilt generell als jemand, der das Rampenlicht scheut.

Deshalb holte der hagere Mann aus Dallas auch eine weitere, weitaus charismatischere Person ins Boot: Billy Joe "Red" McCombs, einen 84-jährigen Milliardären, der in der Vergangenheit bereits die namhaften Sportmannschaften Minnesota Vikings (Football), San Antonio Spurs und Denver Nuggets (Basketball) besaß. Zuvor hatte er bereits eine eigene Autohaus-Kette aufgebaut.

McCombs und Epstein treiben Geld nicht pünktlich auf

Damit schien dem US Grand Prix im Jahre 2012 eigentlich nichts mehr im Weg zu stehen. Hellmund, Epstein und McCombs einigten sich auf ihre Anteile: Hellmund bekam 20 Prozent, die restlichen 80 Prozent der Anteile am Projekt teilten sich McCombs und Epstein. Die wiederum versprachen bis zum Stichtag, dem 31. März 2011, das nötige Geld zum Bau der Strecke - laut Hellmunds Berechnungen zwischen 200 und 250 Millionen US-Dollar - aufzutreiben.

Dies misslang jedoch: Am 31. März 2011 waren die knapp 200 Millionen US-Dollar nicht da. Statt einen Profit zu machen, hatten McCombs und Epstein ihre Gewinne reinvestiert und waren nun nicht in der Lage, das nötige Geld in das in ihren Augen riskante Vorhaben zu pumpen.

Gleichzeitig tickte die Uhr: Ecclestone hatte bereits den 17. Juni 2012 als Datum für die Austragung des Grand Prix angesetzt, die Bauarbeiten hatten auf Hellmunds Anweisungen bereits begonnen. Anschließend eskalierte die Situation: Hellmund trat von seinem Posten als Entscheidungsträger zurück und rechtfertigte die Entscheidung unter anderem damit, dass versprochenes Gehalt in Höhe von 500.000 US-Dollar sowie der Posten als Vorsitzender des US Grand Prix ihm vorenthalten worden seien.

Hellmund wird ausgeschlossen

Den Posten des Präsidenten des US Grand Prix bekleidete fortan Steve Sexton, der über keinerlei Erfahrungen im Motorsport verfügte. Er hatte ohnehin offenbar größeres Interesse daran, die Anlage des "Circuit of the Americas" im großen Stil zu vermarkten: Ihm schwebte unter anderem die Idee vor, den Bereich um die Haupttribüne in ein Fußballstadion oder eine Tennisarena umfunktionieren zu können.

"Hellmund war lediglich an der Austragung des Rennens interessiert, wir wollten hingegen ein multidimensionales Unternehmen aufbauen", schildert Epstein später gegenüber "Forbes". Infolge dieser Entscheidungen zog sich Hellmund immer weiter aus dem Projekt zurück: Obwohl die Bauarbeiten weiter fortschritten, vermied es der US-Amerikaner, sich in seinem Büro an der Strecke zu zeigen. Er warf seinen Projektkollegen unter anderem vor, seinen E-Mail-Account gehackt zu haben und all seine geschäftlichen Aktivitäten zu überwachen. Beweisen konnte das jedoch nicht.

Derweil stiegen die Kosten für das Projekt weiter an. Grund dafür war die Tatsache, dass mehr Erde bewegt werden musste als geplant. Zudem musste eine Gas-Pipeline aufwändig umgeleitet werden. Die Gesamtkosten beliefen sich nun auf 450 Millionen US-Dollar - fast doppelt so viel wie Hellmund prognostiziert hatte.

Parteien wollen sich gegenseitig herauskaufen

Infolge des Disputs mit McCombs und Epstein trieb Hellmund eine Gruppe neuer Investoren auf, die die beiden vorherigen ersetzen sollten. "Ich schlug ihnen vor, sie aus dem Projekt herauszukaufen", erinnert sich Hellmund. "Das lehnten sie jedoch ab." Epstein behauptete im Gegenzug, niemals ein derartiges Angebot von Hellmund erhalten zu haben. Zusammen mit McCombs schlug er hingegen vor, Hellmund für 18 Millionen US-Dollar aus dem Projekt herauszukaufen. Doch dahingehend kam es zu keiner Einigung.

"Wir waren bereit, eine große Summe für die gültigen Verträge zu zahlen", behauptet Epstein, der wenig später nach London reiste um die Angelegenheit mit Ecclestone zu lösen. Der 81-Jährige verweigerte es jedoch, sich weiter einzumischen und forderte Epstein auf, sich mit Hellmund zu einigen.

Dazu kam es jedoch nicht. Schlimmer: Susan Combs, Rechnungsprüferin des Staates Texas, erklärte, dass es vor der Austragung des Rennens keine staatliche Unterstützung für den Grand Prix gäbe. Somit konnte auch die Hoffnung begraben werden, im Notfall staatliche Hilfe in Anspruch nehmen zu können.

Ecclestone erhöht die Gebühren

Im November 2011 stoppten McCombs und Epstein dann die Bauarbeiten. Epstein nahm erneut Kontakt zu Ecclestone auf und bat ihn, Hellmund aus dem Vertrag herauszukaufen. Dieser reagierte jedoch erbost, vermutete er doch, dass die beiden Parteien dem Sohn seines Freundes das Rennen "stehlen" wollten.

Bevor das Rennen vollkommen ins Wasser fiel, entschloss sich Ecclestone anstelle des Staates Texas als Geldgeber für den Grand Prix zu fungieren, erhöhte quasi als Strafe für McCombs' und Epsteins Verhalten die jährlichen Gebühren von 23 auf 25 Millionen US-Dollar.

"Ich habe mich sehr bemüht, die Austragung dieses Rennens zu garantieren", so Ecclestone später. "Ich hatte nie irgendwelche Probleme oder Zweifel. Die Zweifel bestanden nur auf ihrer Seite." Epstein hatte nun einen neuen Deal mit Ecclestone erreicht, Hellmund besaß aber weiterhin seine Anteile am Projekt.

Parteien einigen sich außergerichtlich

Alles schien auf eine Auseinandersetzung vor Gericht hinauszulaufen. Es kam jedoch anders: Statt eines langwierigen Prozesses einigten sich Hellmund, McCombs und Epstein außergerichtlich. Mitte Juni diesen Jahres wurde bekannt, dass Hellmund für 18 Millionen US-Dollar aus dem Projekt herausgekauft wurde, was jedoch ganz und gar nicht dem Wert seines Anteils entsprach.

Doch nicht nur Hellmund zog sich aus dem Projekt zurück: Auch McCombs verzichtete auf eine weitere aktive Beteiligung, auch wenn er nach wie vor seine Anteile am Projekt hält. Epstein holte im Vorfeld des Debütrennens in einer Woche zahlreiche neue Investoren an Bord, als Aushängeschild des Grand Prix agiert mittlerweile der ehemalige Formel-1-Weltmeister Mario Andretti.

Die Gebührenerhöhung durch Ecclestone will nun übrigens der Staat Texas tragen: Im Rahmen des Grand Prix in Monza traf sich Epstein dafür mit Gouverneur Rick Perry, der ihm entsprechende Hilfen zusagte. Der Ausrichtung des Grand Prix scheint damit nichts mehr im Wege zu stehen. Langfristig könnte man jedoch bei der Ausrichtung des Rennens Konkurrenz bekommen: Denn nur wenige Kilometer weiter südlich, in Mexiko, plant Hellmund derzeit schon den Bau einer neuen Rennstrecke...

Fotoquelle: CoTA

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