Formel 1 2012

— 17.11.2012

"Gänsehaut pur": Tilke mit Premiere zufrieden

Streckenarchitekt Hermann Tilke erklärt, warum Austin eigentlich andersrum geplant gewesen wäre und was Alexander Wurz mit der neuralgischen Kurve 19 zu tun hat





Formel-1-Architekt Hermann Tilke wurde in den vergangenen Jahren nicht nur mit Lob für seine Strecken überschüttet, etwa in Istanbul, sondern musste auch viel Kritik einstecken, etwa für Abu Dhabi. Mit dem Circuit of The Americas in Austin scheint ihm aber wieder eine tolle Rennstrecke gelungen zu sein - besonders wichtig für die Chancen des Grand Prix der USA, sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu profilieren.

Er habe "Gänsehaut pur" empfunden, als Abu-Dhabi-Sieger Kimi Räikkönen am Freitagmorgen um punkt 9:00 Uhr der erste Fahrer war, der auf die 5,513 Kilometer lange Strecke ging. "Wenn das erste Formel-1-Auto auf die Strecke geht, ist es immer etwas ganz Besonderes", so Tilke im 'ORF'. "Die Stimmung ist sehr positiv - sowohl unter den Fahrern als auch unter den Zuschauern, unter allen, die hier sind. Ich persönlich sage, man muss abwarten, bis der Sonntag vorbei ist. Wenn dann alles gut geklappt hat, dann bin ich auch zufrieden."

Abgesehen von der erwarteten Rutschpartie zu Beginn des ersten Freien Trainings war der erste Tag ein voller Erfolg - und selbst die vielen Fahrfehler waren provoziert: "Durch die vielen Kuppen, die es auf der Strecke gibt, wird das Heck des Autos manchmal sehr leicht. Dann geht der mechanische Grip verloren, weil das Auto ein bisschen abhebt - nicht wirklich vom Boden, aber es wird zumindest leichter. Und in dem Moment geht's halt quer", beschreibt Tilke sein Konzept, um die Fahrer in Fehler zu hetzen und so für Abwechslung zu sorgen.

Andere Strecken als Vorlage genommen

Dass sich sein Team die Inspiration für einige Passagen bei anderen Strecken geholt hat, streitet der Deutsche gar nicht erst ab: "Ja und nein. Wir haben versucht, den Charakter von einigen Passagen auf einigen Strecken nachzubilden, aber man kann es nicht zu 100 Prozent genauso bauen. Die Topografie ist anders, die Landschaft ist anders. Es ist schon anders, aber wir haben versucht, den Charakter nachzubauen", gibt er zu. Ein Beispiel dafür seien die schnellen S-Kurven: "Das ist eine sehr schnelle, flüssige Kurvenpassage, die den Charakter von Silverstone haben sollte."

Eine andere Stelle erinnert ein bisschen ans Motodrom in Hockenheim: "Das ist für die Zuschauer gebaut. Mehr als 80.000 Zuschauer sitzen gegenüber und sehen das ein. Es ist eine tolle Atmosphäre und sie sehen viel von der Strecke", ist Tilke stolz. Neuralgisch auch die Rechtskurve mit dem vierfachen Scheitelpunkt, die frappant an Istanbuls berühmt-berüchtigte Kurve acht erinnert, oder die Kurven eins und 19, die sich in den ersten eineinhalb Stunden als die fahrerisch vielleicht schwierigsten Herausforderungen darstellten.

"Das war ein Hügel, der vorhanden war", beschreibt Tilke die Entstehung der steilen Anfahrt zur ersten Kurve. "Wir haben das ganze Fahrerlager und die ganze Boxengasse nach diesem Hügel ausgerichtet und haben dann sogar die Fahrtrichtung gedreht, damit sie da hochfahren. Dieser Hügel ist der Grund, warum wir hier gegen den Uhrzeigersinn fahren. Die ersten Ideen, die wir entwickelt haben, waren mit dem Uhrzeigersinn, aber dann haben wir gesagt, wir fahren lieber gegen den Uhrzeigersinn, denn das mit dem Hügel passt so gut."

Ungewöhnlich: Die Kurve ist am Eingang relativ breit, ermöglicht also theoretisch mehrere Fahrlinien. Das ist kein Zufall, sondern durchdacht: "Sie fächert sich deshalb auf, um Überholen leichter zu machen. Die Kurve fährt sehr steil den Berg hoch, guckt in den Himmel. Dann flacht sich das ab, es wird weniger steil. Dadurch, dass es danach wieder runterfällt, sieht man den Scheitelpunkt nicht, man lenkt blind ein. Man muss sich eine Stelle zum Bremsen merken, und das provoziert natürlich auch Fehler", erklärt der Architekt aus Aachen.

Viele Fahrfehler in Kurve 19

Doch die meisten Fahrfehler passierten dem Formel-1-Feld am Freitag in Kurve 19, dem Linksknick nach der "Istanbul-Kurve". "Das liegt daran, dass sie aus dieser Vierfach-Kurve sehr schnell herauskommen", vermutet Tilke. "Sie haben kaum noch Zeit umzulenken, und im ersten Freien Training gab es da viele Ausrutscher. Jetzt haben sie es besser gelernt, und es wird natürlich im Laufe der Zeit immer besser." Ganz überraschend kam die Häufung an Ausrutschern in Kurve 19 für die Streckendesigner übrigens nicht.

"Wir haben vorher schon gewusst, dass die sehr schwierig zu fahren, sehr schwierig einzulenken ist", verrät Tilke und erklärt auch, warum er das bereits ahnte: "Wir waren mit dieser Strecke schon vor einem guten Jahr bei McLaren im Simulator. Alex Wurz ist gefahren. Dann haben wir noch kleine Veränderungen an der Strecke vorgenommen, weil wir rausgefunden haben, was denn im Detail hier und dort noch besser sein könnte. Da haben wir auch schon gewusst, dass diese Kurve 19 sehr knifflig sein wird."

Eine weitere Besonderheit ist die Boxengasse: "Weil es hier andere Serien gibt, die eine breite Boxengasse erfordern, ist sie hier breiter als woanders", erklärt der Deutsche und rechtfertigt auch die erneut sehr weitläufigen Auslaufzonen, die von einigen Fans kritisiert werden: "Die Auslaufzonen müssen an einigen Stellen für die Motorräder größer sein und an einigen Stellen überhaupt erst wegen der Motorräder da sein, denn man kann nicht zulassen, dass sich jemand gleich verletzt, wenn er sich einmal vertut."

Übrigens: Eine Rennstrecke in den USA zu bauen sei nicht zwingend besser oder schlechter als in Südkorea oder Indien, aber "anders". Tilke vergleicht seine Erfahrungen mit Großprojekten in unterschiedlichen Regionen der Erde so: "In Asien hatten sie teilweise 20.000 Bauarbeiter auf der Baustelle. Hier waren es 1.000, aber dafür mit riesengroßen Maschinen. Was hier geleistet wurde von den amerikanischen Baufirmen, ist schon gigantisch. In der kurzen Zeit die Strecke aus dem Boden zu stampfen, war eine gute Leistung."

Fotoquelle: xpbimages.com



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