Formel 1 2012

— 18.11.2012

"Cowboy" Hamilton verdirbt Vettel die WM-Party

Red Bull ist schon Weltmeister, Sebastian Vettel noch nicht: In Austin belegt der Deutsche Platz zwei hinter Lewis Hamilton und vor WM-Gegner Fernando Alonso





Bestzeit in allen drei Freien Trainings, Bestzeit in allen drei Qualifyings, Führender nach der ersten Kurve - aber Sebastian Vettel (Red Bull) hat es nicht geschafft, den ersten US-Grand-Prix seit seiner Formel-1-Premiere in Indianapolis 2007 zu gewinnen. Stattdessen triumphierte heute in Austin genau wie damals Lewis Hamilton auf McLaren.

Im 100. gemeinsamen Grand Prix standen Hamilton, Vettel und Fernando Alonso (Ferrari) zum ersten Mal gemeinsam auf dem Podium, und damit ist auch die Entscheidung in der Fahrer-WM auf den Grand Prix von Brasilien in einer Woche vertagt. Trotzdem darf sich Dietrich Mateschitz zu Hause in Fuschl zur Feier des Tages einen Schuss Wodka in sein Red Bull mischen, denn weil Ferrari wie erwartet nicht den benötigten Doppelsieg gefeiert hat, steht das österreichische Team vorzeitig als Konstrukteurs-Champion fest.

"Das ist fantastisch, es ist dem ganzen Team zu verdanken", jubelt Teamchef Christian Horner über den dritten WM-Titel en suite, der Red Bull aber schon vor dem heutigen Rennen kaum noch zu nehmen war. "Ich glaube, es gibt nur drei andere Teams überhaupt, die dreimal hintereinander die Konstrukteurswertung gewinnen konnten. Jeder im Team hat für diesen Erfolg hart gearbeitet, es ist einfach unglaublich. Das erreicht zu haben, macht mich sprachlos."

Auftakt nach Maß für Vettel

Nachdem Vettel den Start gewonnen und sich bis zur DRS-Freigabe in der dritten Runde einen Vorsprung von 1,4 Sekunden auf seinen Teamkollegen Mark Webber erarbeitet hatte, deutete angesichts seiner überlegenen Performance am Freitag viel auf einen Durchmarsch bis zur Zielflagge hin. Doch weit gefehlt: Nach Webbers Ausfall (Verdacht auf Lichtmaschinen-Defekt) folgte ihm Hamilton wie ein Schatten - und sorgte dafür, dass den mehr als 120.000 Fans auf den restlos ausverkauften Tribünen nicht langweilig wurde.

Hamilton pirschte sich schon vor dem einzigen Boxenstopp in die DRS-Sekunde heran, konnte das entscheidende Manöver aber nicht setzen und kam nach dem Wechsel von weiche auf harte Reifen 1,9 Sekunden hinter Vettel (zunächst mit Lotus-Pilot Kimi Räikkönen dazwischen) wieder auf die Strecke zurück. Als Räikkönen dann ebenfalls stoppen musste, zog Hamilton das Tempo an und kämpfte sich wieder in die DRS-Sekunde. Doch trotz des eigentlich schlechten Topspeeds von Red Bull reichte es nicht, um dann auch zu überholen.

Dafür benötigte der McLaren-Pilot in Runde 42 Schützenhilfe von Narain Karthikeyan (HRT), der Vettel beim Überrunden zwar nur die eine oder andere Zehntelsekunde kostete - aber das machte genau den Unterschied aus, ob Hamilton am Ende der Gerade vorne liegt oder nur aufschließen kann! "Ein Überrundeter hat nicht in den Spiegel geschaut", ärgert sich Horner. "Das hat Sebastian gekostet und Hamilton kam dann dank DRS leicht an ihm vorbei."

Surer nimmt Karthikeyan in Schutz

Vettel regte sich am Boxenfunk lautstark über den Inder auf - im Eifer des Gefechts verständlich, aber wohl nicht gerechtfertigt: "Es war kein offensichtliches Problem", relativiert Experte Marc Surer. "Wenn du überrunden musst, verlierst du halt ein bisschen Schwung. Es gehört zum Rennen, dass da auch andere mitfahren." Bis zur Zieldurchfahrt nach 56 Runden ließ Vettel nicht locker, in der letzten Runde wurde er sogar noch in 1:39.347 Minuten gestoppt - so schnell war sonst keiner. Trotzdem fehlten unterm Strich 0,6 Sekunden.

"Lewis hatte genau eine Chance, genau die hat er genutzt", gratuliert Vettel. "Mit dem Überrundeten waren wir in einer etwas blöden Position, haben deswegen im ersten Sektor viel verloren. Dann hatte Lewis die Möglichkeit, seinen Heckflügel zu öffnen. Da konnten wir nicht viel machen. Die Führung war futsch." Aber viel entscheidender waren die 38,5 Sekunden Vorsprung, die er nach hinten auf Alonso hatte: "Wichtig war für uns heute, vor Fernando ins Ziel zu kommen", stellt Teamchef Horner zufrieden fest. "Es sind jetzt 13 Punkte und es ist noch nichts entschieden."

Vettel zuversichtlich für das WM-Finale

"Nächste Woche geht es direkt weiter. Ich freue mich und bin zuversichtlich für das Rennen in Brasilien, denn unser Auto fühlt sich gut an", lächelt Vettel selbstbewusst. "Schade, dass es heute nicht ganz für den Sieg gereicht hat, aber trotzdem fantastisch für unser Team. Mit meinem zweiten Platz haben wir nun ausreichend Punkte, um die Konstrukteurs-WM erfolgreich abzuschließen. Darüber bin ich sehr glücklich. Die Jungs dürfen sich natürlich heute Abend ein Bierchen aufmachen - und ich bin dabei!"

Ferrari muss sich nach Alonsos neuntem Platz im Qualifying zumindest nicht vorwerfen lassen, nicht alles unternommen zu haben. Der Spanier machte das Beste aus seinem siebten Startplatz, für den Ferrari freiwillig eine Getriebestrafe gegen Felipe Massa in Kauf genommen hatte, kam gut von der Linie weg und entschied sich in der bergauf führenden ersten Kurve für die sichere Außenbahn. Hinter Vettel, Webber und Hamilton war er an vierter Stelle, aus der nach Webbers Ausfall noch vor dem ersten Boxenstopp Platz drei wurde.

Herzklopfen in Runde 19, als Alonso kurz neben der Strecke war, und noch einmal beim Reifenwechsel, als die Ferrari-Crew rechts hinten ein paar Sekunden länger als geplant brauchte. Zur Halbzeit hatte er schon eine halbe Minute Rückstand auf Spitzenreiter Vettel, aber Ferrari lief zumindest nie ernsthaft in Gefahr, die Fahrer-WM heute zu verlieren. In der Schlussphase hatte der letzte verbliebene Titelrivale von Vettel dann auch noch seinen Teamkollegen Massa als Puffer für alle Eventualitäten hinter sich.

Ferrari steht offen zum taktischen Trick

Den Grid-Trick mit Massa "haben wir uns am Abend einfallen lassen", gibt Teamchef Stefano Domenicali zu. "Ich habe entschieden, dass wir ganz offen damit umgehen. Es wäre nicht richtig gewesen, nicht die Wahrheit zu sagen und ein Problem zu konstruieren. Es gab einen großen Unterschied zwischen der linken und der rechten Seite in der Startaufstellung. Uns war klar, dass es in Sachen WM sehr schwierig werden würde, wenn wir am Start ein paar Positionen verlieren. Deswegen haben wir uns das überlegt und mit den Fahrern besprochen."

Jenson Button (McLaren) wurde nach einem langen ersten Stint Fünfter, gefolgt von den beiden Lotus-Piloten Räikkönen und Romain Grosjean. Letzterer zeigte in der Anfangsphase endlich wieder mal sein Talent, vor allem als er in einem Atemzug an Michael Schumacher (Mercedes) und Räikkönen vorbeiging, stand aber wenig später auch schon wieder neben der Strecke und machte sich die harte Arbeit selbst zunichte. Nach 56 Runden fehlten trotzdem nur 5,8 Sekunden auf den "Iceman".

Guter Achter wurde Nico Hülkenberg (Force India), der zu Rennbeginn sogar an fünfter Stelle lag, dann aber nach und nach zurückfiel und in der Schlussphase gerade noch die beiden Williams hinter sich halten konnte. Apropos Williams: Bruno Senna wirkte über weite Strecken stärker als Pastor Maldonado, doch als es der Venezolaner kurz vor Schluss in der ersten Kurve sogar auf eine leichte Berührung ankommen ließ, dachte er sich wohl nur: "Der Klügere gibt nach." Ein Punkt war ihm ohnehin sicher.

Mercedes fährt weiterhin rückwärts

Der "halbe Lokalmatador" Sergio Perez (Sauber) schrammte um 9,2 Sekunden am zehnten Platz vorbei; Daniel Ricciardo (Toro Rosso), dank eines langen Stints in der Anfangsphase Sechster, wurde Zwölfter vor Nico Rosberg (Mercedes) und Kamui Kobayashi (Sauber). Mercedes ist derzeit nicht konkurrenzfähig, ganz egal ob ohne (Rosberg) oder mit Coanda-Auspuff (Michael Schumacher/16.): Rosberg entging der Überrundung nur knapp, Schumacher konnte sich dagegen nicht mehr wehren.

Insgesamt sahen heute 22 Autos die Zielflagge - neben Webber schied auch Jean-Eric Vergne (Toro Rosso) aus. Der Franzose blieb nach einem Dreikampf im Mercedes-Sandwich genau an der gleichen Stelle stehen wie schon im Training, möglicherweise wieder mit dem gleichen Problem: Radaufhängungsbruch. "Wenn sich das bestätigt, ist es besorgniserregend", mahnt Experte Surer. Zumindest war in den TV-Replays keine Berührung mit einem anderen Fahrzeug zu sehen, durch die der Schaden entstehen hätte können.

Hamilton fühlt sich wohl in den USA

Hamilton fuhr ungeachtet dessen seinem zweiten Sieg in den USA entgegen - der Brite ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten somit weiter ungeschlagen und erfüllte sich heute seinen großen Wunsch, vor dem Wechsel zu Mercedes noch einmal für McLaren zu gewinnen: "Ich bin der erste Sieger hier, ich bin sehr glücklich", jubelt er. "Das war einer der besten Grands Prix des Jahres, wenn nicht sogar der beste! Ich freue mich auch für das Team. Der Sieg war wirklich ganz besonders. Ich habe lange auf einen Erfolg warten müssen."

"Sebastian und Red Bull zu schlagen, ist eine harte Nuss, aber wir haben es geschafft", fährt er fort. "Im ersten Stint waren wir nicht so schlecht, aber es war sehr schwierig, ihm unmittelbar zu folgen und zu überholen. Meine Reifen bauten ab und ich musste früher als er an die Box kommen, wodurch der Abstand wieder größer wurde. Normalerweise habe ich mit dem Überrundungsverkehr immer Pech, daher bin ich froh, dass es heute mal anders war. Was für ein tolles Gefühl, den ersten Grand Prix zurück in den Vereinigten Staaten zu gewinnen! Ich bin sehr stolz."

In der Fahrer-WM liegt Hamilton nun an vierter Stelle, 16 Punkte hinter Räikkönen, dem Rang drei in der Gesamtwertung kaum noch zu nehmen ist. Den Titel machen Vettel und Alonso untereinander aus - bei einem Stand von 273:260 braucht Vettel in einer Woche selbst bei einem Alonso-Sieg nur einen vierten Platz, um zum dritten Mal Champion zu werden. In der Konstrukteurswertung kämpfen indes Ferrari und McLaren noch um Position zwei (und die damit verbundenen Preisgeld-Millionen). Das Saisonfinale findet am 25. November in Brasilien statt.

Fotoquelle: xpbimages.com



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