Formel 1 2012

— 22.11.2012

Sebastian Selbstbewusst trifft Fernando Phlegmatisch

Vor dem Showdown sprechen Vettel und Alonso über Druck im Titelkampf, eine Saison voller Erfolge und Rückschläge sowie ihre Ausgangspositionen





Bevor sie am Freitag in Sao Paulo das erste Mal die Motoren sprechen lassen, haben sich Sebastian Vettel und Fernando Alonso am Donnerstag in der FIA-PK den ersten Schlagabtausch geliefert. Ein Duell, das eigentlich keines war: Ein selbstbewusster, freudestrahlend flachsender Red-Bull-Pilot präsentierte sich routiniert im Umgang mit Druck und betonte, dass der Brasilien-Grand-Prix für ihn ein Rennen wie jedes andere sei. Alonso beteuerte, in sich gekehrt und mit nachdenklicher Miene, wie stolz er auf sein Team sei und strich heraus, dass die Titelchance für Ferrari nach einem völlig verkorksten Saisonstart praktisch aus dem Nichts kommt.

Frage: "Sebastian, wir blicken einem mehr oder weniger unvorhersehbaren Wochenende entgegen: Das Wetter scheint kaum vorherzusagen, es gibt wegen der Zuverlässigkeit offene Fragen. Wie nervös bist du?"
Vettel: "Was die allgemeine Vorbereitung angeht, tun wir, was wir können. Bezüglich des Wetters: Es ist Sao Paulo. Das ist das Gleiche, wie wenn man nach Spa-Francorchamps kommt. Die Dinge ändern sich schnell und die Bedingungen sind äußert wechselhaft. Ich habe mit einige Einheimischen gesprochen."

Vettel und das Maximum an Zuversicht

"Es gab wohl einen großen Regenschauer vor zwei Tagen, mit dem niemand gerechnet hatte. Auch am Samstag und Sonntag sollen Wolken aufziehen, aber dann weiß man wieder nicht, wie viel und wann es regnet. Gestern habe ich Pirelli gefragt, ob sie alle Container mit den Regenpneus dabei haben - und das ist der Fall. Wir sollten uns also keine Gedanken machen."

Frage: "Du kannst aber auch zuversichtlich sein: Du hast einen 13-Punkte-Vorsprung und hier in der Vergangenheit genau wie Red Bull exzellente Resultate abgeliefert."
Vettel: "Ja, der Kurs schien unserem Auto in den vergangenen Jahren zu liegen. Das müssen wir bestätigen. Unsere Konzentration gilt dem Freitag, wenn das Wochenende startet und es darum geht, den Rhythmus zu finden. Wir können aber so zuversichtlich sein, wie es an dieser Stelle nur möglich ist. Natürlich wissen wir, dass noch eine Menge vor uns liegt, aber wir sind in einer großartigen Position."

Frage: "Fernando, es ist ziemlich schwierig für dich mit 13 Punkten Rückstand. Wie stehen an diesem Wochenende deine Chancen?"
Fernando Alonso: "Wir müssen versuchen, ein normales Wochenende durchzuziehen und so viele Punkte wie möglich zu holen. Natürlich wäre es gut, auf dem Podium zu stehen und mindestens 15 Zähler zu verbuchen. Wenn wir die Ziellinie überquert haben, schauen wir, wo Sebastian ist und rechnen später."

Ferrari-Bilanz insgesamt negativ

"Es genießt oberste Priorität, das Podium zu erreichen, was es uns ermöglicht, mehr als 13 Punkte einzufahren. Dann müssen wir abwarten, wie Red Bulls Resultate aussehen, weil es nicht in unseren Händen liegt. Wir haben nicht viel zu verlieren. Wir haben die Möglichkeit, etwas zu gewinnen und werden unser Bestes geben."

Frage: "Egal, was an diesem Wochenende passiert: Was muss Ferrari tun, um im kommenden Jahr in einer besseren Position zu sein?"
Alonso: "Wir arbeiten alle hart, es war eine schwierige Saison für uns. Gerade die ersten Monate liefen nicht so, wie erwartet. Als wir das Auto in Jerez zum ersten Mal auf die Strecke brachten, fehlten uns zwei Sekunden und wir haben nicht verstanden, wie der Wagen funktionierte - also haben wir eine Menge verändert. Es gab viel Arbeit im Windkanal in Maranello."

"Nachdem wir etwas mehr durchblickten, hatten wir auch mehr Tempo und waren in der Lage, die ganze Saison über mehr oder weniger konstant um Podiumsplätze zu kämpfen. Das erlaubt uns, jetzt um den WM-Titel zu fahren. Aber wir sind nicht uneingeschränkt zufrieden mit der Leistung im Saisonverlauf. Für das kommende Jahr stehen eine Menge Veränderungen an und hoffentlich erholen wir uns etwas von dem Rückstand, den wir jetzt haben. Im Winter werden wir eine Extraportion Arbeit haben."

Vom Feldende zum Spitzenteam: Vettels Königsweg

Frage: "Sebastian, neben deinen unvergleichlichen Rekorden zollen die Leute dir oft nicht den Respekt, den du vielleicht glaubst, verdient zu haben - weil du immer ein so gutes Auto hattest. Wie fühlt es sich an, wenn Menschen sagen: 'Oh, den würde ich gerne in einem anderen, in einem schlechteren Wagen sehen.'? Ist das eine Motivation?"
Vettel: "Wenn ich zurückblicke - ich weiß nicht wie weit, aber so weit ich kann - gab es nie Fahrer, die in einem schlechten Auto wirklich erfolgreich waren. Es ist natürlich, dass eines Tages ein starker Fahrer und ein starkes Team zusammenkommen und ein starkes Gespann bilden. Das ist dann schwierig zu schlagen. Es ist normal, in einem schwächeren Auto zu beginnen, in dieser Situation waren wir alle."

"Michael begann im Jordan, der nicht konkurrenzfähig war. Er setzte aber Highlights. Fernando begann im Minardi. Er setzte Highlights. Ich startete meine Karriere bei BMW, als ich Robert (Kubica, Anm. d. Red.) für ein Rennen ersetzt habe, was eine große Chance bedeutete. Anschließend saß ich im Toro Rosso, der zu diesem Zeitpunkt nicht besonders konkurrenzfähig war. Aber ich denke, ich habe einen sehr guten Job abgeliefert und sogar ein Rennen (in Monza im Regen, Anm. d. Red.) gewonnen."

"Natürlich haben es uns damals die Umstände erlaubt, die Lücke zu schließen. Aber nichtsdestotrotz hatten wir eine großartige Saison, waren mehrmals in den Punkten. Nach dem Schritt zu Red Bull war 2009 ein fantastisches Jahr für mich und für das Team. Wir waren zum ersten Mal konkurrenzfähig, kämpften um Podien, gewannen Rennen. Ich bin also einen ziemlich konventionellen Weg gegangen."

Stallregie kein Modell für Red Bull

Frage: "Hättest du gerne Felipe Massa als Teamkollegen? Du warst so entspannt wegen der Sache am vergangenen Wochenende - wärst du das auch, solltest du dich am Sonntag nicht zum Weltmeister küren?"
Vettel: "Was sie (Ferrari, Anm. d. Red.) tun, liegt nicht in unseren Händen. Ich habe nicht weiter beachtet, ob Felipe wirklich Getriebeprobleme gehabt hat oder nicht. Es ist nicht unser Job, darauf zu schauen. Nachdem ich Felipe am Sonntag in Austin gesehen habe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob er ein guter Teamkollege wäre! Nein, ich treibe Schabernack. Sie haben eine andere Herangehensweise als wir und so ist das Leben. Jeder verfährt in bestimmten Situationen unterschiedlich."

Frage: "Fernando, wenn du die WM gewinnst, bleiben den Leuten deine großartigen Fahrten im Gedächtnis. Aber denkst du, diese Erinnerungen wird durch Ferraris Handeln in Texas getrübt?"
Alonso: "Lustig. Wir haben so viele Szenen mit Beteiligung der Teams erlebt, nicht nur in diesem Jahr, sondern in der Formel 1 insgesamt. Wir müssen gar nicht so weit zurückdenken, wenn es um Rennen geht, bei denen es Zweifel gab, von wo aus Teams starteten - sogar am Samstagabend. Das hängt mit einigen Entscheidungen zusammen und einigen Grenzen, die das Regelwerk zeiht. Das haben wir bei vielen Teams gesehen."

"Ich bin stolz auf mein Team. Es war eine strategische Entscheidung, mit beiden Autos auf der sauberen Seite zu starten, auch für den Kampf um die Konstrukteurs-WM, die zu unseren Zielen zählt - wir wollen McLaren schlagen, und das hat ja auch prima funktioniert. Deshalb waren die Leute vielleicht nicht besonders glücklich, aber ich bin stolz auf mein Team. Ganz besonders, weil wir die Wahrheit gesagt haben, als das Getriebe gewechselt wurde. Das tun nicht viele, wenn es um strategische Entscheidungen geht."

Andere Vorzeichen als in Abu Dhabi 2010

Frage: "Fernando, vor zwei Jahren in Abu Dhabi hattest du 15 Punkte Vorsprung auf Sebastian und bist in das letzte Rennen der Saison gegangen. Sebastian, du hast den Titel gewonnen. Gibt euch das den Glauben daran, was alles möglich ist? Und Sebastian, macht dir das Angst?"

Alonso: "Es sind ganz andere Umstände als in Abu Dhabi. Wir haben jetzt DRS und KERS. Es war also etwas schwieriger, zu überholen und vielleicht sind die Regeln ja gerade wegen dieses Rennens eingeführt worden. Ich denke, dass man sogar dann in der Lage ist, sich zurückzukämpfen, wenn man in der Startaufstellung ganz hinten ist. Das haben wir ja in diesem Jahr in Abu Dhabi gesehen."

"Obwohl Sebastian als Letzter startete, hat er das Podium erreicht. Das ist ein Sport, bei dem alles passieren kann, ehe die Zielflagge fällt. Wir geben unser Bestes. Sollten wir gewinnen, sind wir sehr glücklich, aber wir wissen auch, dass wir schon eine merkwürdige Konstellation brauchen. Sollten wir nicht gewinnen, gratulieren wir und versuchen es im nächsten Jahr wieder. Da gibt es keine Überraschungen."

Vettel: "Ich denke, wir sind mit der Situation, in der wir uns befinden, glücklich. Vor zwei Jahren hätten wir uns noch gewünscht, in der Fernandos zu sein. Könnte ich wählen, wäre die Sache klar. Aber wie Fernando schon sagte: Im Sport kann alles passieren, wir müssen auf uns selbst schauen. Das Wochenende startet morgen und nicht erst am Sonntag. Wir müssen Schritt für Schritt gehen, um sicherzustellen, dass wir das Maximum herausholen. In der Vergangenheit waren wir hier sehr schnell und wissen, dass vieles passieren kann. Wir müssen auf den Punkt konzentriert sein und schauen, was wir mitnehmen können."

Wer kann nur gewinnen, wer nur verlieren?

Frage: "Sebastian, gibt es zusätzlichen Druck dadurch, dass viele denken, du würdest den Titel auf jeden Fall holen?"
Vettel: "Das ist doch normal, wenn du in dieser Position bist. Ich denke, wir kämpfen das ganze Jahr über, es gibt Höhen und Tiefen.Da hat jeder das Gleiche durchgemacht. Jetzt gibt es keinen Grund, sich zu beklagen oder unglücklich zu sein. Es ist eine Sache, was die Leute erwarten, aber eine andere, was wir erwarten."

"Das ganze Jahr über haben wir versucht, alles zu geben und in diese Position zu gelangen - die, um die Weltmeisterschaft kämpfen zu können - und idealerweise im letzten Rennen bestens positioniert zu sein. Jetzt kommen wir beim Saisonfinale an, sind in einer starken Position - also denke ich, dass wir damit sehr glücklich sein können. Nichtsdestotrotz gibt es noch immer ein Rennen zu fahren und wir müssen sicherstellen, dass wir uns auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren, um die Sache unter Dach und Fach zu bringen."

Frage: "Fernando, lastet auf dir weniger Druck, weil du nichts zu verlieren hast?"
Alonso: "In der Formel 1 gibt es immer Druck, aber auf jeden Fall haben wir weniger als zu anderen Zeitpunkten und vielleicht weniger als wenn wir die Meisterschaft anführen würden. Aber du sagtest, wir hätten nichts zu verlieren? Wir kommen hier an und sind Zweiter, nachdem Red Bull zwei Qualifyings dominiert hat."

Alonso sieht sich schon als WM-Zweiter

"Nein, nicht zwei, fünf oder sechs. Wir hingegen dümpelten auf den Rängen sieben und acht herum bei den vergangenen Grands Prix. 13 Punkte Rückstand aufzuholen sieht wie ein schwieriges Unterfangen aus. Sollte alles seinen normalen Weg gehen, werden wir Zweiter. Passiert etwas, gewinnen wir vielleicht den Titel. Weil es nicht in unserer Hand liegt, ist der Druck geringer."

Frage: "Denkst du, es gibt für dich noch eine weitere Chance, wenn es dieses Jahr nicht klappt?"
Alonso: "Ich hoffe es. Ich bin 31 Jahre alt und ich fühle, dass ich noch immer ein paar Möglichkeiten habe. Ich bleibe noch mindestens vier oder fünf Jahre bei Ferrari. Das sollte immer die Chance eröffnen, um den WM-Titel zu fahren. In den drei Jahren beim Team habe ich zwei Mal bis zum letzten Rennen um die Meisterschaft gekämpft: 2010 in Abu Dhabi und jetzt in Brasilien, sogar nach so vielen Schwierigkeiten und einem chaotischen Jahr."

"Wir waren weder in Sachen Leistung noch in Sachen Problemfreiheit zu irgendeinem Zeitpunkt dieser Jahre dominant. Sogar mit diesen Hürden haben wir bei Ferrari weitergekämpft. Da kann es für mich keine Zweifel geben, dass in den nächsten vier oder fünf Jahren noch weitere Titelkämpfe kommen. Aber jetzt müssen wir uns auf diesen konzentrieren."

Rote Wunder wird es nicht geben

Frage: "Denkst du, dass die Abstände im Qualifying die gleichen sind wie in Austin?"
Alonso: "Ja, das denke ich. Es gibt kein magisches Teil, dass man binnen fünf Tagen in das Auto einbauen kann. Wir waren Siebter in Abu Dhabi und Neunter in Austin. Normal wäre es, wenn wir uns wieder um den Dreh platzieren würden. Aber hoffentlich gelingt uns ein besserer Job."

Frage: "Sebastian, 2010 musstest du attackieren, um den Titel zu gewinnen und im vergangenen Jahr war es so einfach. In diesem Jahr gilt es, einen Vorsprung zu verteidigen. Beeinflusst das deine mentale Herangehensweise?"
Vettel: "Das Geheimnis ist, es so anzugehen wie sonst auch. Beim Blick auf den Kalender fällt auf, dass Brasilien ein Rennen ist wie jedes andere. Es gibt die gleiche Anzahl an Punkten und ich denke, wir sind hier, um zu attackieren. Natürlich wissen wir um unsere gute Position, trotzdem müssen wir auf Draht sein und bereit, zu attackieren."

Frage: "Fernando und Sebastian, wenn ihr den Titel gewinnt, war es dann der einfachste für euch?"

Alonso: "Nicht wirklich. Die Meisterschaft zu gewinnen bedeutet immer, die Meisterschaft zu gewinnen. Es fühlt sich jedes Mal anders an. Alle sind besonders, aber es gibt keine, die irgendwie wichtiger wäre oder spezieller. Es wäre schön, aber nicht großartiger als die anderen zwei."

Vettel: "Ich denke derjenige, den man fragen muss, ist Michael (Schumacher, Anm. d. Red.). Er hat mehr als zwei Mal gewonnen. Für uns, für Fernando und mich, ist es mit zwei Titeln das Gleiche. Vielleicht ein dritter, aber das sehen wir nach dem Wochenende und zuvor macht es überhaupt keinen Sinn, darüber zu sprechen. Deshalb müssen wir Michael fragen. Er kann da aus den Vollen schöpfen."

Glück und Pech gleichen sich aus

Frage: "Sebastian, Fernando, habt ihr angesichts des Unterschiedes von 13 Punkten das Gefühl, Glück oder Pech gehabt zu haben?"

Vettel: "Wir haben in diesem Jahr so viele Rennen, 20 Grands Prix. Bei einigen mag es Glück gewesen sein, bei anderen Pech. Aber das ist für uns alle das Gleiche, wenn man die 20 Rennen betrachtet. Manchmal fühlt es sich so an und manchmal so, aber am Ende gleicht sich das aus."

Alonso: "Es gab für jeden Höhen und Tiefen. Wir haben jeder grob geschätzt zwei oder drei Ausfälle zu verzeichnen gehabt, kämpfen bis zum Ende um die Meisterschaft. Bei den Ausfällen handelte es sich teilweise um technische Probleme, teilweise um Unfälle, manchmal war es Pech. Aber am Ende des Tages ist es nur normal, was wir hier erleben."

Fotoquelle: xpbimages.com



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