Formel 1 2012

— 25.11.2012

"Vettrick": Button siegt bei Vettels Sternstunde!

Drama pur beim Herzschlag-Finale 2012 in Sao Paulo: Button gewinnt, Vettel wird Weltmeister und Hülkenberg verpasst seinen möglichen Premierensieg





Viele haben im Vorfeld des heutigen WM-Showdowns in Sao Paulo einen Spaziergang von Sebastian Vettel zum dritten WM-Titel hintereinander prophezeit, doch der Weg zum "Vettrick" war ein steiniger. Der Red-Bull-Pilot beendete den Grand Prix von Brasilien auf dem sechsten Platz und wurde am Ende mit dem hauchdünnen Vorsprung von drei Punkten Weltmeister .

Vettel steigt mit diesem Triumph in eine elitäre Liga auf, denn drei Titel hintereinander haben bisher nur Juan Manuel Fangio (1954 bis 1957) und Michael Schumacher (2000 bis 2004) erreicht. Schumacher, der heute mit einem siebten Platz im Mercedes auch seine zweite Karriere beendete, hatte seinen Landsmann im Finish des Rennens bereitwillig durchgelassen und war nach der Zieldurchfahrt nach 71 Runden auch der erste Gratulant des neuen Champions.

Dabei hatte es zu Beginn des Nachmittags so gar nicht nach einem Happyend ausgesehen. Nicht nur, dass die beiden Ferraris einen sensationellen Start erwischten, wäre das Rennen für Vettel nach ein paar hundert Metern beinahe schon vorbei gewesen! Denn auf der leicht regennassen Fahrbahn riskierte der Vierte der Startaufstellung mit Medium-Reifen in der ersten Kurve nichts, büßte Positionen ein und geriet damit ins übliche Mittelfeld-Gerangel.

Spannung bis zur letzten Sekunde

Und fast so, als hätte Bernie Ecclestone am TV-Mischpult den Knopf für "mehr Spannung" gedrückt, kam es beim Anbremsen der vierten Kurve tatsächlich zum Crash: Kimi Räikkönen (Lotus) konnte neben der Strecke gerade noch ausweichen, aber Bruno Senna (Williams) rutschte innen in den angehenden Weltmeister rein. "War nicht so geschickt von Senna, aber Vettel hat definitiv früh gebremst", so das erste Urteil von Experte Marc Surer.

Die Kollision war relativ hart, Vettel wurde auch umgedreht und fiel auf den letzten Platz zurück, sein RB8 überlebte den Zwischenfall aber irgendwie. Red Bull reagierte prompt, fotografierte den Schaden beim Boxenstopp und legte Adrian Newey noch während des Rennens einen detaillierten Ausdruck vor. Der Chefdesigner schaute sich das Foto an und gab vorerst Entwarnung - auch wenn sich später noch weitere Teile lösten.

Nach zwei Runden kam Vettel als 20. über die Ziellinie, mit 12,8 Sekunden Rückstand. Ein paar Runden später war er schon wieder Sechster, nach dem Wechsel auf Intermediates, weil der Regen stärker wurde, aber wieder nur noch 17. Von da an ging es wieder im Eiltempo nach vorne, aber noch sollte er nicht durch sein: Red Bull holte ihn an siebter Stelle liegend an die Box, zog Medium-Slicks auf - und wechselte gleich darauf wieder zurück auf Intermediates.

Alonso zwischenzeitlich schon Weltmeister

Rivale Fernando Alonso (Ferrari) lag zu jenem Zeitpunkt an dritter Stelle - und war für eine Weile doch wieder "virtueller" Weltmeister. Der Regen blieb in der Schlussphase aber konstant, Vettel arbeitete sich um einige Positionen nach vorne, während an der Spitze Felipe Massa Alonso durchließ. Somit war der Ferrari-Pilot Zweiter, Vettel Sechster. Wäre Spitzenreiter Jenson Button (McLaren) ausgeschieden, wäre die Weltmeisterschaft aber noch gekippt!

Und dann crashte auch noch Paul di Resta (Force India) im langen Linksbogen bei den Boxen in die Mauer, sodass in der vorletzten Runde das Safety-Car auf die Strecke ging. Bernd Mayländer bog mit dem silbernen Mercedes zwar vor der Zieldurchfahrt wieder ab, aber weil im letzten Sektor gelbe Flaggen geschwenkt wurden, herrschte Überholverbot - und Alonso hatte keine Chance mehr, Button vielleicht doch noch anzugreifen.

"Ich bin sehr stolz auf mein Team, sehr stolz auf die diesjährige Saison", gibt sich Alonso als fairer Verlierer. "Wir haben den Titel zwar nun verpasst, aber wir haben die Meisterschaft nicht hier in Brasilien verloren, sondern in jenen Rennen, wo wir ein bisschen Pech hatten. So ist es in diesem Sport nun einmal. Wenn man mit dem Herzen dabei ist, etwas mit hundertprozentigem Einsatz macht, dann muss man stolz auf ein solches Team sein."

Viele Dramen auf dem Weg zum "Vettrick"

Bei Red Bull brachen indes nach der Zieldurchfahrt alle Dämme: "Du bist Weltmeister, der dreifache Weltmeister! Sebastian Vettel, you are the Man! Du bist dreifacher Weltmeister", brüllte Teamchef Christian Horner mit voller Inbrunst in den Funk, wartete aber vergeblich auf eine Antwort - denn bei Vettel war gegen Rennmitte die Kommunikation ausgefallen! "Er konnte uns hören, wir ihn aber nicht", erklärt Newey.

Aber das war nur eines von vielen Dramen auf dem Weg zum "Vettrick", obwohl der 25-Jährige sichtlich bemüht war, diesen aus dem Weg zu gehen. Wie handzahm er sich von Massa überholen ließ und wie wenig er riskierte, als er direkt hinter Alonso lag, sprach Bände, und auch von Renningenieur Guillaume Rocquelin wurde er im Finish immer wieder ermahnt: "Diese Position ist gut genug. Halt das Ding einfach nur auf der Strecke!"

Das gelang, und nachdem Landsmann Schumacher gratuliert hatte, zog sich Vettel mit Freundin Hanna Sprater und Physiotherapeut Heikki Huovinen in seinen Privatraum zurück - bis Formel-1-Boss Ecclestone dort auftauchte, mehrere TV-Kameras im Schlepptau. "Im Moment ist es sehr schwer zu fassen", stammelt der alte und neue Champion gerührt. "Es ist natürlich etwas ganz Besonderes, und ich wusste bis zum Schluss nicht, ob es reicht.

Vettel nach Thriller-Rennen erleichtert

"Es war ein absolut verrücktes Rennen. Mehr Steine hätte man uns nicht in den Weg legen können", sagt er. "Wir haben einfach weiter daran geglaubt und nicht nach links oder rechts geschaut. Wir haben immer weiter attackiert und Gas gegeben, das ganze Rennen lang. Als am Ende der Regen kam, hat es uns ein wenig geholfen, weil das Auto sicher stark beschädigt war. Wir haben uns nicht einschüchtern lassen, sondern haben Gas gegeben und Spaß gehabt."

Beinahe hätte übrigens ein anderer Deutscher die Story des Rennens geschrieben, nämlich Nico Hülkenberg. Der Force-India-Pilot lag seit Alonsos Ausritt im Senna-S als erster McLaren-Verfolger an dritter Stelle und übernahm in Runde 19 sogar aus eigener Kraft die Führung, als er sich aus dem Windschatten heraus Button schnappte. Der anfangs führende Lewis Hamilton (McLaren) war zu jenem Zeitpunkt schon auf Intermediates unterwegs.

Und weil einen Reifenwechsel auch die meisten anderen Fahrer für eine gute Idee hielten, Hülkenberg und Button aber geduldig genug waren, den nachlassenden Regen abzuwarten, bauten die beiden ihre Führung auf zwischenzeitlich mehr als 45 Sekunden aus! Hülkenberg war zu jenem Zeitpunkt der schnellste Mann im Feld, dürfte sich aber grün und blau geärgert haben, als wegen Teilen auf der Strecke das Safety-Car rauskam.

Hülkenberg schnellster Mann im Rennen

Force India und McLaren reagierten schnell, holten die beiden an die Box und wechselten wieder auf Slicks, sodass sie in Führung bleiben und bis zum Ende durchfahren konnten. Nach dem Restart konnte sich Hülkenberg zunächst lösen, später kam er jedoch leicht ins Rutschen und verlor die Führung an Hamilton. Aber sein Pulver war noch immer nicht verschossen, und so kämpfte er sich noch einmal an Hamilton heran.

Dann ging jedoch bei rutschigen Verhältnissen das Überholmanöver im Senna-S schief: Hülkenberg schien schon durch zu sein, als er auf der Innenbahn das Heck verlor, dem McLaren die linke Vorderradaufhängung kaputt schlug und sich damit selbst eine Durchfahrstrafe einhandelte. Das kostete ihn den möglichen ersten Sieg. Letztendlich wurde er Fünfter, aber Sao Paulo scheint nach der Pole von 2010 eine echte Hülkenberg-Strecke zu sein.

Großer Profiteur war wieder einmal Button, der bei wechselhaften Wetterbedingungen wie so oft die richtigen Entscheidungen traf, sich clever aus allen Schwierigkeiten heraushielt und vor der abschließenden Safety-Car-Phase komfortable 20 Sekunden Vorsprung auf die beiden Ferraris hatte. Alonso wurde Zweiter, Massa Dritter - und der Lokalmatador kämpfte auf dem Podium schon wieder mit den Tränen, fast schon wie 2008.

Massa kämpft wieder mit den Tränen

"Es ist unglaublich emotional, hier zu fahren", schluchzt Massa. "Es war ein wundervolles Rennen. Es hätte noch ein besseres Ergebnis am Ende dabei herauskommen können. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich weiß auch nicht genau, was ich eigentlich fühle. Es war einfach umwerfend." Umwerfend auch, dass er Ferrari mit einem starken Rennen zum zweiten Platz in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft verhalf.

Massa war heute der beste Teamkollege, den man sich nur vorstellen kann: Am Start mischte er die McLarens auf, später hielt er Mark Webber (Red Bull) in Schach und machte gleichzeitig Platz für Alonso, der dankend an beiden vorbeiziehen konnte. In den letzten Runden gab er dann auch noch seinen zweiten Platz für den Teamkollegen auf und schirmte ihn nach hinten ab - aber es nützte alles nichts mehr.

Webber, zwischendurch schon an aussichtsloser Position liegend und seinem eigenen Teamkollegen gegenüber beim Überholen ebenfalls stets kooperativ, wurde vor Hülkenberg Vierter; Schumacher landete auf dem siebten Platz. "Natürlich wäre ich gerne weiter vorne gelandet und hätte gerne nochmal einen Podiumsplatz eingefahren, aber angesichts der Umstände können wir mit dem siebten Platz heute denke ich zufrieden sein", sagt der 43-Jährige.

Mercedes behält WM-Platz fünf

"Ich hatte relativ früh im Rennen einen Plattfuß", berichtet er. "Ich weiß nicht genau warum, ob mir wieder jemand ins Auto gefahren ist oder ich ein herumliegendes Teil erwischt habe. Keine Ahnung. Da dachte ich schon, dass es heute eher wieder nichts werden würde mit einem interessanten Rennen. Dann lief jedoch alles anders. Immerhin konnten wir auch die Position in der Konstrukteurswertung behalten. Darüber freuen wir uns."

Jean-Eric Vergne (Toro Rosso), Kamui Kobayashi (Sauber) und Kimi Räikkönen (Lotus) sicherten sich die Plätze acht bis zehn - und der "Iceman" sorgte wie so oft für die kurioseste Szene des Tages: Nach einem Ausritt in der letzten Kurve fuhr er über die Wiese geradeaus auf die alte Interlagos-Strecke weiter, die weiter oben zurück auf die neue Strecke führt. Dort war aber das Tor zu, sodass Räikkönen einfach umkehrte und doch den normalen Weg zurück nehmen musste!

Ein kleines WM-Drama spielte sich indes um Timo Glock (Marussia) ab: Der Deutsche lag im Regen zu Beginn sensationell an siebter Stelle, konnte diese Position aber natürlich nicht verteidigen. Trotzdem sah es so aus, als würde Marussia den zehnten WM-Platz sicher halten können, spätestens nach einem Dreher von Witali Petrow (Caterham), der zu diesem Zeitpunkt an 13. Stelle lag. Aber damit war das Kapitel noch nicht geschlossen.

Caterham sichert sich wichtige Millionen

Denn während Glock von Vergne getroffen wurde und einen zusätzlichen Boxenstopp einlegen musste, fiel sein Teamkollege Charles Pic noch einmal hinter Petrow zurück. Der Russe erzielte als Elfter das beste Ergebnis in der Teamgeschichte von Caterham und sicherte seinem Rennstall damit wichtige Millionen. Wäre Marussia WM-Zehnter geworden, hätte Caterham den Anspruch auf diese Ecclestone-Gelder verloren.

Nico Rosberg (Mercedes) belegte heute den 15. Platz, di Resta wurde hinter den beiden HRTs trotz des Unfalls noch als 19. gewertet. Sergio Perez (Sauber) und Senna wurden Opfer des Crashs in der ersten Runde, Pastor Maldonado (Williams) und Romain Grosjean (Lotus) schieden ebenfalls aus. Und Hamilton war der moralische Sieger des Rennens, wurde vom McLaren-Team zum Abschied mit emotionalem Beifall bedacht.

Weltmeister 2012 ist damit Vettel (281 Punkte) vor Alonso (278) und Räikkönen (207). Schumacher beendet die letzte Saison seiner aktiven Karriere als 13. unter 25 Piloten. Bei den Konstrukteuren stand Red Bull (460) schon vor Sao Paulo als Champion fest. Auf den Plätzen landeten Ferrari (400), McLaren (378), Lotus (303) und Mercedes (142). Weiter geht's am 15. März 2013 mit dem ersten Freien Training zum Grand Prix von Australien.

Fotoquelle: xpbimages.com

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