Formel 1 2012

— 18.12.2012

Surer über Schumacher: "Michael hält sein Wort"

Marc Surer hält Michael Schumachers Comeback immer noch für einen Fehler, erinnert sich aber an eine sympathische Begegnung auf der Kartbahn im Jahr 1996





Marc Surer genießt unter den deutschen TV-Experten einen besonders guten Ruf, gilt als fachlich kompetent und seriös und dreht sich nicht wie ein Fähnchen im Wind. Genau deshalb ist er bestens positioniert, um zum Ende der aktiven Formel-1-Karriere von Michael Schumacher noch einmal auf dessen Comeback und Persönlichkeit einzugehen.

Der Schweizer in Diensten unserer TV-Kollegen von Sky weiß auch, wovon er spricht, hat in seiner aktiven Formel-1-Karriere 82 Grands Prix bestritten und war unter anderem Teamkollege von Nelson Piquet beim damaligen Topteam Brabham. Schumachers Rückkehr in die Formel 1 hielt er aus sportlicher Sicht von Anfang an für einen Fehler - und zu dieser Meinung steht er auch am Ende der drei Jahre: "So hat der unschlagbare Michael Schumacher gezeigt, dass er doch schlagbar ist", lautet sein Fazit.

Aber Surer beschreibt in seinen Erinnerungen auch einen anderen Michael Schumacher: den, der bei einem Kartrennen zwar ehrgeizig fightet, aber insgeheim an die Fans denkt und dann auch zu getroffenen Absprachen steht. Passiert 1996 bei einem Aufeinandertreffen in Stuttgart, das unser Experte heute noch als sein "schönstes Schumi-Erlebnis" bezeichnet...

Das Denkmal hat Risse abbekommen

Frage: "Marc, was bleibt stehen nach drei Jahren Michael Schumacher 2.0, als sportliche Bilanz?"
Marc Surer: "Für mich war das Comeback ein Fehler, das habe ich von Anfang an gesagt. Inzwischen habe ich ja auch Unterstützung von Bernie Ecclestone bekommen (lacht; Anm. d. Red.)! Ob es für ihn persönlich eine andere Bedeutung hatte, weiß ich nicht, aber rein sportlich gesehen war es auf jeden Fall ein Fehler, zurückzukommen. Denn so hat der unschlagbare Michael Schumacher gezeigt, dass er doch schlagbar ist."

Frage: "Glaubst du, dass sich die Motorsport-Geschichte in ein paar Jahren in erster Linie an das gescheiterte Comeback erinnern wird oder an die goldenen Ferrari-Jahre, die ja doch überwiegen?"
Surer: "Ich glaube schon, dass vom Comeback etwas hängen bleibt. Die junge Generation, die Schumacher als Kind bewundert hat und jetzt gegen ihn gefahren ist, hat gemerkt: Das ist auch kein Übermensch. Von dem her wird der Schaden sicherlich bleiben, aber es stimmt schon: Seine Erfolge werden auf jeden Fall stehen bleiben - und er ist der erfolgreichste Fahrer aller Zeiten. Den Status wird er nicht so schnell verlieren."

Frage: "Stallorder und eine klare Nummer 1 im Team hat es auch vor Schumacher gegeben, man denke nur an Senna/Berger bei McLaren, als Beispiel. Aber niemand hat diese interne Hackordnung so ins Extrem getrieben wie er, oder?"
Surer: "Du sagst es richtig: Das haben andere vor ihm schon gemacht, da gab's nie eine Diskussion."

Nummer-1-Fahrer im Interesse des Teams

"Die einzige Diskussion, die damals aufkam, war zwischen Senna und Prost, oder noch früher zwischen Reutemann und Jones. Williams hat auf die Stallorder verzichtet, weil es ihnen vor allem um die Konstrukteursmeisterschaft ging - und dann gab's einen lachenden Dritten, nämlich Nelson Piquet. Es gibt also im Gegenteil Negativbeispiele, wo es ein Team falsch gemacht hat. Ich finde es nicht verkehrt, wenn man auf den besseren Fahrer setzt. Der Erfolg hat das ja immer bestätigt, dass das richtig war."

Frage: "Es gab in seiner Karriere viele kontroverse Zwischenfälle: Adelaide 1994, Jerez 1997, Rascasse 2006, um nur einige zu nennen. Zwar hat er in Interviews oft angedeutet, Fehler gemacht zu haben, aber komplett aufrichtig entschuldigt hat er sich nie. Ist das ein Makel, der an Michael Schumacher haften bleibt?"
Surer: "Man muss das Gesamte sehen, und da gab es viele grenzwertige Situationen. Man hat gesehen: Michael wollte unter allen Umständen gewinnen. Das prägt seine Karriere."

"Dass es nicht immer schön zuging, okay, aber vielleicht war es auch sein Erfolgsrezept, mit allen Mitteln zu kämpfen, und der Erfolg hat ihm ja recht gegeben - abgesehen von 1997 mit Villeneuve, da wurden ihm ja alle Punkte aberkannt."

Frage: "War er zu dieser Kompromisslosigkeit gezwungen? Die Generation Stewart hat ein neues Level eingeführt, dann kam Lauda, dann Senna, der jeden Tag zehn Kilometer am Strand gelaufen ist. Hat Michael Schumacher quasi nur noch diese Kompromisslosigkeit als letztes noch unerschlossenes gehabt, um sich von den anderen abheben zu können?"
Surer: "Das war ein Teil von ihm, das war seine Art. Das muss man so stehen lassen."

Am besten, als das Auto am schlechtesten war

Frage: "2012 war das letzte und wahrscheinlich auch das beste seiner drei Comeback-Jahre. Stimmst du dieser Aussage zu?"
Surer: "Ja. In diesem Jahr lag ihm das Auto wohl besser, das hat man deutlich gesehen. Seine Leistungen waren einfach deutlich besser als in der Vergangenheit - man muss ihn ja immer an Nico Rosberg messen. Seine Pole-Runde in Monaco war sicher der Höhepunkt. Dummerweise legte dann sein Auto leider eher den Rückwärtsgang ein."

Frage: "Schätzt du ihn in der Form, in der er zum Schluss war, noch so gut ein, dass du ihn zu den fünf, sechs besten Fahrern im Feld zählen würdest?"
Surer: "Ich glaube nicht. Die Formel 1 gehört den Jungen. Er ist gute Rennen gefahren, hat uns immer wieder Freude gemacht, auch mit seinem Kampfgeist. Aber ich glaube einfach, die Formel 1 gehört den Jungen. Sein Comeback war deshalb für die Formel 1 gut: Es hat uns auch gezeigt, wie gut die heutigen Fahrer sind."

Frage: "Ist ein Teil davon auch, dass die Sebastian Vettels heute genau das machen, was Michael Schumacher früher gemacht hat, aber eben um einige Jahre jünger sind?"
Surer: "Jein - sie machen es auf eine andere Art. Die Formel 1 ist sehr kompliziert geworden, mit diesen Reifen, mit allen kleinen Details, die man genau richtig machen muss."

Die Generation der Computer-Kids

"Ich denke einfach, die neue Generation geht anders mit dieser Situation um. Man kann sie auch die Computer-Generation nennen, die auch sehr teamunterstützt fährt. Das ist ja Wahnsinn, wenn man hört, wie viele Anweisungen der Fahrer immer bekommt! Früher hat der Fahrer entschieden, heute entscheidet die Box, wie er zu fahren hat. Das ist eine neue Generation, das muss man so akzeptieren."

Frage: "Letzte Frage: Was war dein persönlich schönstes Schumi-Erlebnis?"
Surer: "Ich bin mit ihm 1996 ein Kartrennen gefahren, in in der Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart. Das war auf einer Radrennbahn, ziemlich schnelle Piste mit einem Rennkart. Ich hatte Pole-Position, er war Zweiter. Dann kam er zu mir und sagte: 'Du, Marc, fahr nicht davon, wir sollten ein bisschen Show machen für die Leute.'"

"Da war ich im Zweifel. Er sagte: 'Der, der vorne ist, geht immer ein bisschen vom Gas, damit ihn der andere aus dem Windschatten überholen kann.' Es war eine Steilwandkurve, wo man mit ziemlich viel Speed Windschatten fahren konnte. Tatsächlich ging ich in Führung, aber nach zwei Runden habe ich ihn vorbeigelassen. Die nächste Runde geht er tatsächlich vom Gas und lässt die Tür offen, damit ich überholen kann!"

Respekt bei Kartrennen 1996 gewachsen

"Erst hatte ich das Gefühl, er sagt das ja nur, weil er gewinnen will, aber schlussendlich hat er Wort gehalten und war absolut fair. Seither habe ich großen Respekt vor ihm - und ich glaube, auch er vor mir -, dass man zusammen so etwas machen kann. Das ist schon lange her, aber es war doch für mich das Schlüsselerlebnis: zu wissen, Michael hält sein Wort."

Frage: "Das heißt, du hast das Rennen dann gewonnen?"
Surer: "Nein. Gewonnen hat ein junger Formel-3-Fahrer namens Wolf Henzler, der uns beide geschlagen hat. Er hat uns beide geschnappt, weil er sich natürlich nicht an diese Absprache halten musste..."

Fotoquelle: Sky

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