Wird der neue Pirelli-Gummi in Melbourne ebenso zerbröseln wie bei den Tests?

Formel 1 2013

— 12.03.2013

Reifenchaos: "Sieben Stopps" oder viel Lärm um nichts?

Während Gerhard Berger Pirelli wegen der chaotischen Reifen hart kritisiert, meint Pirelli-Tester Jaime Alguersuari, dass der neue Pneu deutlich besser ist als der alte



Die Reifen halten - wieder einmal - die Formel 1 in Atem. Die Spannung bei den Teams ist enorm: Werden die neuen Pirelli-Gummis nach den kühlen Wintertests zu Saisonstart plötzlich funktionieren? Welche Boliden werden mit den neuen Gummimischungen harmonieren, welche Teams werden böse Überraschungen überleben? Niemand kennt diese Antworten derzeit, denn die Bedingungen in Barcelona, als der Asphalt nie höhere Temperaturen als 20 Grad erreichte, waren alles andere als repräsentativ - für sie wurde der neue "PZero" nicht gebaut.

Durch den kalten Asphalt wurde der Reifen innen zu heiß, während die Oberfläche nicht auf Temperatur kam - "Graining" nach nur einer Runde war die Folge. McLaren-Neuling Sergio Perez - durch seinen schonenden Fahrstil ein anerkannter Reifenspezialist - beschwerte sich und rechnete für Melbourne mit "sieben Stopps".

Berger versteht Pirelli nicht

Der Verschleiß war bei den Tests dieses Jahr doppelt so hoch wie im Vorjahr. Für Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger ist dies "unverständlich", wie er gegenüber der 'APA' klarstellt. "Pirelli hatte doch letztes Jahr einen durchaus brauchbaren Reifen. Vermutlich will man die Show verbessern, indem man für mehr Boxenstopps sorgt. Aber es kann doch nicht sein, dass man im Winter Millionen in den Windkanal und den Motor investiert und dann mit einem Reifen fahren muss, der nicht funktioniert bzw. der das Bild verfälscht. Das ist eine etwas unglückliche Situation."

Dennoch äußert er seine Kritik nur unter Vorbehalt, denn man müsse noch "die ersten drei Rennen abwarten, bis man da konkret etwas sagen kann". Grundsätzlich stößt er sich aber daran, dass ein Einheitsreifen-Hersteller in der Formel 1 über Sieg und Niederlage entscheidet: "Früher hatte man unterschiedliche Reifenhersteller, das war ein echtes Spiel. Jetzt haben wir einen Einheitsreifen. Es kann nicht sein, dass der das Feld regiert."

Alles eine Frage der Zeit?

Doch genau dieser Einheitsreifen war in den vergangenen Jahren in der Formel 1 oft das Salz in der Suppe - er hat Überhol-Manöver ermöglicht und für spannende Rennverläufe gesorgt. Nun fragen sich alle: Ist Pirelli dieses Jahr über das Ziel hinausgeschossen? Der neue Pneu ist um zwei Kilogramm schwerer, hat eine breitere Auflagefläche, sollte eine bessere Performance bieten, ein breiteres Arbeitsfenster besitzen, aber schneller in die Knie gehen.

Ex-Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck wundert sich nicht, dass die Teams derzeit mit dem neuen Gummi hadern. Die Veränderungen an der Konstruktion "bedeuten einen komplett neuen Lernprozess für die Teams und für die Fahrer", meint der Bayer gegenüber 'ServusTV'. "Das ist die Krux: Wie schnell können sich die Teams einstellen?"

Durch die wenig aufschlussreichen Tests " werden die Karten in Melbourne neu gemischt", glaubt Stuck. "Die Reifen werden ja auch schneller, das heißt, die Rundenzeiten werden besser, der Verschleiß wird höher - und darauf müssen sich die Teams und Fahrer einstellen. Das ist ein vollkommen offenes Roulette - wir werden sehen, was dabei rauskommt."

Alguersuari: Panik nicht gerechtfertigt

Einer, der es wissen müsste, ist Pirelli-Testfahrer Jaime Alguersuari. Der Spanier hat im Vorjahr die neuen Mischungen und Konstruktionen mitentwickelt. Wo befindet sich also das Geheimnis der neuen Reifen? "Sie sind etwas anders als 2012", erklärt der ehemalige Toro-Rosso-Fahrer gegenüber 'ServusTV'. "Das gilt vor allem für die Zusammensetzung und für den Aufbau - das macht schon einen großen Unterschied."

Obwohl im bewusst ist, dass die Teams nun nicht mehr so leichtes Spiel haben wie im Bridgestone-Zeitalter, rechnet er in Melbourne nicht mit einem Reifenchaos wie bei den Tests. "Die Karten werden neue gemischt, die Temperaturen werden anders sein. Und wenn es 20 Grad mehr hat, dann verhält sich der Reifen völlig anders. Daher kann es zu Überraschungen kommen."

Zwei oder sieben Stopps?

Er ist entgegen der Erkenntnisse bei den Testfahrten der Meinung, dass der neue Pirelli-Reifen konkurrenzfähiger ist als der alte: "Ich glaube, 2013 sind die Reifen effizienter, sie halten länger, auch wenn es nicht so aussieht. Und die Performance wird besser sein. Ich denke, wir werden einen viel stabileren Reifen sehen als im Vorjahr. Das heißt nicht, dass die Rennen mit einem Boxenstopp entschieden werden, denn wir haben gesehen, dass die Mischungen eine Stufe weicher sind. Es wird etliche Überraschungen geben, und es kann alles Mögliche passieren."

Auch Pirellis Motorsport-Chef Paul Hembery schlägt in die gleiche Kerbe. Er rechnet damit, dass man erst in Australien einen wahren Eindruck von den Reifen erhalten wird: "Wir erwarten, dass es im Albert Park anders läuft. Während des Rennens rechnen wir mit zwei bis drei Boxenstopps. Die Fahrer werden feststellen, dass die Pneus in einem größeren Temperaturfenster optimal arbeiten und auch länger Höchstleistung liefern. Außerdem ist der Zeitunterschied zwischen den einzelnen Mischungen größer." Das soll den Teams mehr Möglichkeiten bei der Rennstrategie bieten.

Ex-Formel-1-Pilot Karl Wendlinger ist davon überzeugt, dass es sich hierbei nicht um Schönfärberei von Seiten des Reifenherstellers handelt. "Pirelli weiß sicher, welches Material man nach Melbourne schicken muss, um einen relativ normalen Rennverlauf garantieren zu können", argumentiert der Österreicher gegenüber 'ServusTV'. "Deswegen wird es vielleicht Rennen geben, wo es drei Boxenstopps gibt, wie wir es im Vorjahr auch schon gesehen haben. Ich glaube aber nicht, dass wir viele Rennen sehen werden, wo sich der Reifen auflösen wird." Er glaubt sogar, dass die Teams dieses Jahr weniger über die Pneus klagen werden: "Sie werden das dieses Jahr besser im Griff haben."

Temperatursturz in Melbourne erwartet - Pirelli in Not?

Trotzdem steht gerade hinter dem Saisonauftakt in Melbourne ein Fragezeichen, ob die Prognosen von Pirelli aufgehen. Denn während die australische Metropole derzeit noch unter der enormen Hitze ächzt, droht am Formel-1-Wochenende ein Temperatursturz. Dann soll es statt 35 Grad Lufttemperatur nur noch rund 20 Grad haben - statt Sonnenschein, der den Asphalt aufheizen würde, sollen Wolken und Regenschauer das Wetterbild bestimmen.

Das von Piloten und Teams so gehasste "Graining" könnte also doch ein Comeback geben. Doch welche Möglichkeiten hat der Pilot, dagegen anzukämpfen? Pirelli-Tester Alguersuari gibt Abhilfe: "Man kann viel tun. Das Graining an der Vorderachse ist schwer zu managen, weil man Grip verliert und weniger Kraft auf die Straße bringt. Hinten ist es etwas einfacher, das zu beherrschen - man kann es aufhalten."

"Graining entsteht, wenn man dem Reifen zu viel abverlangt - bei der Betriebstemperatur, die er gerade hat" erklärt der Spanier. "Die Auflagefläche hat eine Temperatur, und der Aufbau des Reifens hat eine andere Temperatur. Wenn also zwischen dem Äußeren und dem Inneren des Reifens ein gewisser Unterschied besteht und man dem Reifen zu viel abverlangt, dann geht die Oberfläche kaputt." Demnach würden also die Piloten im Vorteil sein, die besonders sorgsam mit dem Reifen umgehen - oder einen sehr sauberen Fahrstil haben. Vor allem die McLaren-Piloten Jenson Button und Sergio Perez haben in der Formel 1 diesen Ruf.

Fotoquelle: xpbimages.com

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