Titelverteidiger: Sebastian Vettel ist nicht nur bei den Fans ein gejagter Mann

Formel 1 2013

— 14.03.2013

Vettel: "Kein Desaster, wenn wir nicht konkurrenzfähig sind"

Für den amtierenden Weltmeister zählen 2013 Konstanz und die Entwicklung des Autos während der Saison - Startnummer eins ist ein Privileg, kein Vorteil



Nach drei weltmeisterlichen Jahren ruhen in Melbourne alle Augen auf Sebastian Vettel. Dabei stehen noch Fragezeichen hinter der Form des Red-Bull-Teams, dem Umgang mit den Pirelli-Reifen und Regeländerungen, die Stardesigner Adrian Newey nicht in die Karten gespielt haben. Im Interview warnt der Heppenheimer davor, dem Saisonauftakt zu viel Bedeutung beizumessen, outet sich als Kaffeeverächter sowie waschechter Hesse und lädt Fernando Alonso lieber auf eine Energybrause sein.

Frage: "Sebastian, du stehst uns erstmals Rede und Antwort. Wie fühlst du dich? Freust du dich auf den Saisonstart?"
Sebastian Vettel: "Ich habe euch schon ein bisschen vermisst, nicht alle. Es ist schön, einige bekannte Gesichter wiederzusehen. Melbourne ist ein hervorragender Ort, um in das Jahr zu starten. Ich bin glücklich, insbesondere in diesem Jahr. Wir wollen herausfinden, wo wir stehen. Momentan haben wir keine Ahnung. Ich glaube nicht, dass es viele oder überhaupt nur irgendjemanden gibt, dem es anders geht."

"Du versuchst immer das Gleiche, nämlich zum Saisonstart in Bestform zu sein. In dem Wissen darum, dass es wichtig ist, wartet trotzdem noch eine lange Saison. Man versucht, nicht alle seine Energie auf ein Rennen zu konzentrieren. Man muss clever und gewitzt sein."

Frage: "In Barcelona hatte ihr nicht die Gelegenheit, alles zu erledigen, was ihr erledigen wolltet."
Vettel: "Nicht so schlimm. Wir hatten seitdem eine Menge Zeit, natürlich nicht auf der Strecke, aber das können wir ohnehin nicht mehr ändern. Wir konzentrieren uns jetzt auf das Rennen hier und haben in der Fabrik viel gearbeitet. Wir kommen mit einem Paket an, das wir für das Beste halten. Es wird wichtig, morgen herauszufinden, ob wir in die richtige Richtung gegangen sind."

Stabile Regeln als Vorteil

Frage: "Was hat sich für dich im Vergleich zum vergangenen Jahr geändert?"
Vettel: "Nicht viel. Die Regeln haben sich nicht wirklich geändert. Wir wissen etwas besser Bescheid, wie das Auto funktionieren sollte. Vergangenes Jahr haben wir uns am Anfang etwas schwer getan, das sollte uns diese Saison helfen."

Frage: "Bei euch gab es keine größeren Veränderungen. Ein Vorteil?"
Vettel: "Ich glaube, kleine Veränderungen gab es, aber vor allem nicht nach Außen. Es wird immer ein bisschen neu getüftelt im Winter, aber letzten Endes kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Wir sind soweit zufrieden gewesen mit dem Kern der Mannschaft, deswegen gab es auch kein Grund, groß etwas zu verändern."

Frage: "Niemand weiß, wer momentan das beste Paket hat. Weißt du es?"
Vettel: "Schwierig zu sagen. Was die Ziele angeht, ist die Sache klar. Es ist klar, wo wir sein wollen. Aber das Feld ist dich beisammen und die Aufgaben schwierig. Zu diesem Zeitpunkt, wissen wir genauso wenig wo wir stehen wie wir wissen, wo die anderen stehen."

Fischen im Trüben

Frage: "Wer wird dieses Jahr Weltmeister? Diese Frage muss man hier doch stellen."
Vettel: "Sie steht wahrscheinlich auf deinem Zettel drauf. Ich kann es nicht beantworten. Nach den Tests, die wir hatten, wissen wir so wenig. Wir wussten noch nie weniger als dieses Jahr, was das Kräfteverhältnis betrifft. Wir freuen uns auf das Wochenende. Die ersten paar Rennen werden entscheidend sein, um die richtige Richtung einzuschlagen, dann werden wir mehr werden."

Frage: "Ist alles Fischen im Trüben oder kann man sagen, dass bestimmte Teams infrage kommen?"
Vettel: "Man kann schon von den fünf größeren Teams ausgehen. Wer genau zum Schluss die Nase vorne hat, lässt sich im Moment nicht sagen. Morgen wissen wir vielleicht ein bisschen mehr, aber selbst dann ist die Frage, wie viele Runden die Reifen drauf hatten und wie viel Benzin im Tank war. Am Samstag wissen wir endgültig Bescheid. Zumindest darüber, wer hier und unter diesen Bedingungen die Nase vorne hat."

Frage: "Könnte es wieder eine Saison wie 2011 werden?"
Vettel: "Es gibt immer eine Chance. Natürlich waren wir in der Vergangenheit sehr schnell, aber das garantiert kein Jahr wie dieses. Es wird eine lange und harte Saison mit vielen Rennen. Jetzt freue ich mich darauf, herauszufinden, wo wir stehen. Nach den Tests ist es etwas schleierhaft, wo wir stehen werden."

Ein Red Bull für Fernando

Frage: "Wie eng ist das Feld beisammen?"
Vettel: "Es müssten schon Genies am Werke sein, um das zu wissen. Es wäre eine Überraschung, wenn die üblichen Verdächtigen nicht vorne wären. Diese fünf oder zehn Fahrer - wie sich einordnen ist unmöglich vorherzusagen. Wir müssen abwarten, wer das beste Paket hat und ihm Paroli bieten."

Frage: "Was denkst du von Fernando Alonso als Mensch und als Fahrer?"
Vettel: "Ich denke, als Fahrer muss ich Fernando niemandem vorstellen. Er ist einer der am meisten respektierten und am meisten akzeptierten Fahrer der Welt. Unter allen Umständen hat er die Fähigkeit, ans Limit zu gehen. Er ist ein sehr intelligenter Pilot und das ist der Grund, warum er immer bis zum Schluss um die Meisterschaft mitkämpft, vielen Jahren seiner Karriere."

"Glücklicherweise hatten wir in der Vergangenheit die Oberhand, aber sicher versucht er alles, um uns das Leben auch in diesem Jahr wieder so schwer wie möglich zu machen. Als Mensch, wie er schon gesagt hat, verbringen wir nicht so viel Zeit gemeinsam, das aber mit kaum einem Fahrer. Es ist das, was Außenstehende erwarten, aber natürlich gibt es nicht viel Freizeit an einem Grand-Prix-Wochenende. Ich trinke keinen Kaffee, ich lade niemanden zum Kaffee ein, aber ich kann gerne ein Red Bull spendieren, wenn es Gesprächsbedarf gibt."

Anfängliche Formschwäche wäre "kein Desaster"

Frage: "Es gibt so viele Unwegbarkeiten. Was fürchtest du am meisten?"
Vettel: "Die Befürchtung ist, nicht konkurrenzfähig zu sein. Aber selbst wenn das der Fall ist, ist es kein Desaster. Es ist eine lange Saison mit vielen Rennen im Kalender. Wir müssen sicherstellen, dass wir das Maximum aus dem Paket herausholen. Ist es gut genug, um an der Spitze zu fahren und zu gewinnen, wäre das super. Es gibt hier außergewöhnliche Siegertrophäen. Eine davon steht bei mir in der Vitrine, aber es wäre schön, eine zweite hinzuzufügen. Wenn es nicht der Fall ist, müssen wir das Beste daraus machen. Es ist das erste, nicht das letzte Rennen der Saison. Es liegt noch eine Menge vor uns."

Frage: "Die neue Überprüfung des Frontflügels und das Verbot, auf vielen Teilen der Strecke DRS zu nutzen: Wie beeinflussen diese Änderungen ganz speziell euer Team?"
Vettel: "Ich denke, die meisten Änderungen am Frontflügel sind erfolgt, um uns aufzuhalten. Etwas, das wir vielleicht besser gemacht haben oder die anderen nicht machen konnten, und dann ist da nur noch eine Sache. Das ist keine neue Situation."

Frage: "Christian Horner hat gesagt, dass er hofft, dass es für Red Bull in der Reifenfrage reicht. Was wird in diesem Rennen entscheidend sein?"
Vettel: "Das werden wir sehen. Die große Frage ist: Machen die Temperaturen hier den Unterschied oder nicht? Pirelli hat uns das versprochen, weil wir es beim Testen nicht geschafft haben, mit dem Reifen über viele Runden zu haushalten."

Lackieren leicht gemacht

Frage: "Während der Testfahrten sind die Reifentemperaturen nicht über 60 Grad Celsius geklettert, hier sollen die von Pirelli avisierten Werte erreicht werden. Hast du die Befürchtung, dass das Handling ein ganz anderes sein kann als bei den Tests?"
Vettel: "Bei den Testfahrten im Winter haben wir alle das gleiche Problem gehabt: Die Reifen haben nicht durchgehalten. Es war extrem schwierig für uns, viele Runden auf den gleichen Pneus abzuspulen und bestimmte Dinge zu erkunden. Hoffentlich wird es besser. Sonst könnte es lustig werden."

Frage: "Die superweichen Reifen: Hast du Gefallen an der Herausforderung gefunden, einen Reifen zu verwenden, der hier nie zuvor verwendet wurde?"
Vettel: "Wir haben ihn nicht mal bei den Wintertests verwendet. Wir haben diesen Reifen gar nicht benutzt. Im Allgemeinen, wie Kimi schon gesagt hat, wird es interessant zu sehen, ob die Pneus überhaupt einen Unterschied machen oder gar nicht. Wir brennen darauf, es herauszufinden und dann wissen wir etwas mehr."

Frage: "Es war zu hören, dass der Druck auf euch in diesem Jahr geringer sei. Liegt das daran, dass du der Champion bist?"
Vettel: "Das würde ich nicht sagen. Der Druck ist immer da, alles beginnt bei Null. Es gibt keinen Vorteil, weil die Nummer eins auf meinem Auto klebt. Das macht vielleicht die Lackierarbeiten in der Fabrik ein bisschen einfacher, viel mehr steckt da nicht dahinter. Das war im vergangenen Jahr und es ist ein Privileg, aber kein Vorteil. Wir müssen unseren Job so gut wie möglich erledigen, um sicherzustellen, dass wir auf der Höhe sind. Wir müssen immer wieder schauen, ob es etwas Neues gibt."

Heidi wartet in der Box

Frage: "Du bist jetzt ein dreimaliger Champion. Wie unterschiedlich fühlt sich das an?"
Vettel: "Wir haben eine Menge dazugelernt in den vergangenen und ich hoffe, dass uns das stärker gemacht hat. Aber es ist doch gar nicht so viel anders. Wir denken nicht pausenlos darüber nach, was wir erreicht haben. Natürlich macht es uns stolz und es ist schön, zurückzublicken. Aber wir sind da, um in die Zukunft zu schauen. Am Wochenende wollen wir wieder Rennen fahren. Der Winter ist vorbei und es ist gut, zurück zu sein."

Frage: "Hast du deinem Auto schon einen Namen gegeben?"
Vettel: "Ja. Es heißt 'Hungry Heidi'. 'Horny' konnten wir nicht sagen, deswegen 'Hungry'."

Frage: "Wer ist Heidi?"
Vettel: "Das ist das Auto in der Box."

Frage: "Welche Eigenschaften sollte das Auto mitbringen?"
Vettel: "Dass es schnell ist, wie jedes Jahr."

Frage: "Michael Schumacher ist zurückgetreten und Mark Webber ist nun der Alterspräsident im Feld. Wie gestaltet sich deine Beziehung zu ihm?"
Vettel: "Alter ist nur eine Zahl. Auch ich werde älter und kann daran nichts ändern. Mark ist noch fit und schnell genug, um sich jeder Herausforderung zu stellen, die einem Fahrer begegnen kann. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Ich fahre schon viele Jahre mit ihm im Team und wir haben ein sehr ähnliches Verständnis des Autos, arbeiten in die gleiche Richtung. Das hat in den vergangenen Jahren gut geklappt."

Nach dem ersten Titel ist alles Bonus

Frage: "Bist du froh, in Melbourne zu sein?"
Vettel: "Ja. Es ist der perfekte Ort, um die Saison zu beginnen. Die Leute sind begeistert vom Motorsport und die ganze Stadt begrüßt die Formel 1. Die ganze Stadt lebt die Atmosphäre und das macht es auch für uns zu etwas Besonderem. Es ist ein schwieriger Kurs mit vielen Unebenheiten, sehr technisch und anspruchsvoll, was den Fahrer angeht. Es wird mit Sicherheit ein anspruchsvolles Wochenende."

Frage: "Macht es für dich einen Unterschied, den ersten, zweiten, dritten oder jetzt den vierten Titel zu gewinnen?"
Vettel: "Ich denke da nicht viel drüber nach. Der erste Titel ist immer etwas ganz Besonderes. Vor allem, sich selbst zu beweisen, dass man das schaffen kann. Danach hat man nicht mehr diesen Druck. Du hast dich mehr bewiesen, als es je möglich wäre. Alles, was danach kommt ist in gewisser Weise ein Bonus und macht extrem viel Spaß, aber es ist natürlich klar, dass man sich Ziele setzt, wenn das Jahr beginnt. Das in diesem Jahr heißt, wieder die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Viel mehr sollte man darüber nicht nachdenken."

"Ich denke nicht, dass es irgendeinen Unterschied macht. Jedes Jahr fängt bei Null an und jeder hat die gleichen Chancen. Wir wir schon gesagt haben: Testen war in diesem Jahr nicht so aufschlussreich wie in den vergangenen Jahren. Wir kommen hier also an und wissen nicht, was passiert. Aber es ist schon aufregend."

Frage: "Hat sich an deiner Motivation etwas geändert? Wenn nicht, wie baust du dich auf, hältst dich bei Laune und bewahrst die Konzentration?"
Vettel: "Gäbe es da ein Geheimnis, dann wohl das, nicht darüber nachzudenken, was sich in den vergangenen drei Jahren zugetragen hat. Nach dem ersten Titel hatten wir zwei fantastische Jahre, die sehr unterschiedlich waren."

Alles beginnt, nichts entscheidet sich in Melbourne

"Wir sind hier, haben null Punkte auf dem Konto - das ist für jeden das Gleiche. Alle haben die gleiche Chance. Die Autos haben sich nicht wirklich verändert. Im vergangenen Jahr ging es sehr eng zu und ich erwarte nicht, dass sich daran etwas geändert hat. Wenn, dann ist es noch enger. Es wird entscheidend sein, aus jedem einzelnen Rennen das Maximum herauszuholen. Was die Motivation angeht? Es war ein verdammt langer Flug, aber ich bin froh, hier zu sein."

Frage: "Heißt das, dass die Herausforderung größer ist?"
Vettel: "Es wird ein langes Jahr. Natürlich freuen wir uns auf das Wochenende, aber es ist das erste von vielen. Wir haben aber in den vergangenen Jahren gesehen, ganz speziell 2012, das es eine lange Saison ist und jedes Rennen wichtig. Das ist der Ort, an dem wir beginnen, aber wir reisen eben noch an viele andere."

Frage: "Was hat dir an deinem Winterurlaub am besten gefallen?"
Vettel: "Ich habe viele Nächte in meinem eigenen Bett verbracht, das habe ich am meisten genossen."

Frage: "Es gab zuletzt Schlagzeilen, dass noch mehr Österreicher, noch mehr ein Steirer in dir steckt."
Vettel: "Geschrieben wird viel, aber ich bin froh, hier zu sein und im Auto zu sitzen. Ich bin kein Steirer, ich bin Hesse."

Fotoquelle: xpbimages.com

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